Nicht nur fünftes Rad am Wagen

Väter im Kreißsaal

Stand es noch vor wenigen Jahrzehnten kaum zur Debatte, dass ein Mann seine Frau in den Kreißsaal begleitete, so gilt heute das genaue Gegenteil: Werdenden Vätern schlägt eher Unverständnis entgegen, wenn sie bei der Geburt nicht dabei sein möchten.

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Das Miterleben der Geburt des gemeinsamen Kindes stärkt auch die emotionale Bindung zur Partnerin.
Getty Images/BananaStock RF

Danach, wie die Männer das intensive Geburtserlebnis verkraften, wird allerdings nur selten gefragt. Eine an der Berliner Charité angesiedelte Studie trägt nun dazu bei, diese Lücke zu schließen. Im Rahmen der Studie befragten der Gynäkologe Dr. med. Kai J. Bühling und seine Kollegen insgesamt 86 Partner von Wöchnerinnen, die in der Frauenklinik der Charité entbunden hatten. „Insgesamt überwiegen bei den meisten Vätern die positiven Erlebnisse“, fasst Bühling zusammen, der mittlerweile am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg tätig ist. Zwar waren 80 Prozent der Männer in der Lage, einen „schlimmsten Moment“ im Geburtsverlauf anzugeben – etwa als ihre Frau zu schreien oder zu weinen begann, oder als Komplikationen auftraten – , für die übrigen 20 Prozent hatte es jedoch offenbar gar keinen schlimmen Moment gegeben. Als schönsten Moment empfanden die Väter dagegen meist den Augenblick, in dem ihr Kind geboren wurde beziehungsweise als es zu schreien begann.

Fast alle Väter hatten ein positives Gefühl

Ob schlimm oder schön – das gemeinsame Erleben dieser intensiven Momente könne durchaus die Partnerschaft der Eltern stärken, so Kai Bühling. Wie die Befragungsstudie ergab, hatten einige der werdenden Väter im Vorfeld der Geburt gewisse Versagensängste. So befürchteten 29 Prozent der Befragten, sich während der Geburt hilflos zu fühlen, 10 Prozent hatten Angst davor, in Ohnmacht zu fallen und 15 Prozent befürchteten sogar zu stören. Tatsächlich bestätigten sich jedoch nur die wenigsten Befürchtungen: Nach der Geburt hatten fast alle (94 Prozent) der Väter das Gefühl, bei der Geburt hilfreich gewesen zu sein. Vor allem aber: Keiner der frisch gebackenen Väter bereute im Nachhinein, die Geburt des eigenen Nachwuchses miterlebt zu haben, und alle bis auf einen Vater wären auch gerne bei der Geburt ihrer weiteren Kinder dabei.

Miterleben der Geburt beeinträchtigt nicht das Sexualleben

Ein besonderes Augenmerk richteten Bühling und seine Kollegen auch auf die Erwartungen der Väter hinsichtlich ihres Sexuallebens. Bereits kurz nachdem es üblich geworden war, dass der werdende Vater seine Partnerin in den Kreißsaal begleitete, hatten manche Forscher Befürchtungen geäußert, das Miterleben der Geburt könne das Sexualleben des Paares beeinträchtigen. Dieses Gerücht hält sich bis heute hartnäckig, auch wenn es sich in nachfolgenden Studien kaum bestätigte. Die Ergebnisse der Berliner Studie decken sich mit den bisherigen, überwiegend ermutigenden Untersuchungen. „Die meisten Väter berichten über positive Erlebnisse während der Geburt und erwarten keine negativen Auswirkungen auf ihre Sexualität“, sagt Kai Bühling. Allerdings seien in der vorliegenden Studie nur die Erwartungen der Väter kurz nach der Geburt abgefragt worden.

Ob der werdende Vater die Geburt seines Kindes in positiver Erinnerung behält oder sich eher wie das fünfte Rad am Wagen fühlt, hängt nach Ansicht der Studienautoren ganz entscheidend vom Verhalten der Ärzte und Hebammen ab. „Verunsicherungen des Vaters werden meist vom Personal hervorgerufen, das es versäumt, den Partner der Frau mit in das Geburtsgeschehen einzubeziehen“, mahnt Bühling. Väter, die sich gut betreut und einbezogen fühlten, berichteten dagegen häufiger über positive Geburtserlebnisse und eine engere emotionale Bindung zu ihrer Partnerin, so der Hamburger Gynäkologe. Dieser Umstand werde in der täglichen Routine leider nicht immer ausreichend berücksichtigt.

Autor: FZMedNews / Thieme Verlag
Letzte Aktualisierung: 24. Oktober 2011
Durch: Jutta Keller, Lifeline Redaktion
Quellen: O. Awad, K. J. Bühling: Väter im Kreißsaal – Ergebnisse einer Umfrage. Hrsg. Georg Thieme Verlag: Geburtshilfe und Frauenheilkunde 2011; 71 (6): S. 511-517

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