Wachstumshormone außer Kontrolle

Akromegalie: Tumor verursacht seltenen Riesenwuchs

Akromegalie ist eine sehr seltene Erkrankung und bewirkt bei Erwachsenen ein übermäßiges Wachstum der Hände, Füße, Nase, Geschlechtsteile und des Kinns. Bei Kindern und Jugendlichen führt sie zu einem generellen Riesenwuchs. Schuld ist eine Geschwulst im Hirn, durch die zu viele Wachstumshormone gebildet werden. Unbehandelt kann Akromegalie zu schweren Komplikationen führen, nicht zuletzt zieht sie nämlich Organe in Mitleidenschaft.

Arzt betrachtet MRT oder CT des Kopfes
Mit einem MRT kann entdeckt werden, ob ein Hypophysentumor vorliegt, der für die Symptome der Akromegalie verantwortlich ist.
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Offenbar litt schon Pharao Echnathon im alten Ägypten unter Akromegalie. In seinen Gesichtszügen erkennen Experten Symptome der Erkrankung: ein hervorstehendes Kinn, die vergrößerte Nase, wulstige Lippen. Einbekannter Vertreter der Krankheit war auch André René Roussimoff alias André the Giant: Der Wrestler aus Frankreich war 213 Zentimeter groß. Leider führte die Akromegalie bei André the Giant zu einem frühen Tod: Er wurde nur 47 Jahre alt.

Wird die Krankheit nämlich nicht oder erst spät behandelt, kann es zu schweren Komplikationen kommen. Die Symptome entwickeln sich langsam und oft unauffällig, was die Diagnose erschwert. Am häufigsten tritt Akromegalie zwischen dem 30. und 60. Lebensjahr auf. Doch sie kann auch Kinder und Jugendliche treffen, die dann abnorm in die Höhe schießen.

Artikelinhalte im Überblick:

Ursache der Akromegalie ist ein Tumor in der Hirnanhangdrüse 

Dem Pariser Nervenarzt Pierre Marie fiel Ende des 19. Jahrhunderts als Erstem auf, dass bei Patienten mit den typischen Krankheitsmerkmalen, wie vergrößerten Händen und Füßen oder vergröberten Gesichtszügen, der vordere Teil der Hirnanhangdrüse (auch als Hypophyse bezeichnet) unnatürlich vergrößert war. Er nannte dieses Krankheitsbild Akromegalie nach den griechischen Worten akron (für hervorspringende Körperenden) und mega (für groß).

Blutbild: Wichtige Werte und was sie bedeuten

Ein gutartiger Tumor in der Hypophyse sorgt dafür, dass zu viele Wachstumshormone (deutsch: Somatotropin – STH – oder englisch: human growth hormone – HGH oder GH) gebildet werden. GH regelt nicht nur das kindliche Wachstum, sondern hat auch beim gesunden Erwachsenen eine wichtige Funktion im Fett-, Blutzucker- und Eiweiß-Stoffwechsel. Seine Ausschüttung aus der Hirnanhangdrüse unterliegt normalerweise einem Regelkreis, der sicherstellt, dass weder zu viel noch zu wenig Hormon in das Blut gelangt. Dabei regulieren zwei übergeordnete Hormone aus dem basalen Hypothalamus – dem Gehirnteil, der unmittelbar über der Hirnanhangdrüse liegt – die Ausschüttung des Wachstumshormons:  

  • Somatoliberin (englisch: growth hormone-releasing hormone oder GHRH), das aktivierend auf die Produktion des Wachstumshormons wirkt
  • Somatostatin (englisch: growth hormone-inhibiting hormone oder GHIH), das hemmend auf die Produktion des Wachstumshormons wirkt

Hypophyse, Hirnanhangdrüse
Die Hypophyse, auch Hirnanhangdrüse genannt, ist bei Akromegalie durch einen gutartigen Tumor unnatürlich vergrößert.
© 7activestudio/Fotolia

Doch bei Akromegalie bildet das gutartige Hypophysenadenom (als Adenom bezeichnet man Tumore, die aus Drüsengewebe bestehen) autonom überschüssiges Wachstumshormon. Entwickelt sich ein solcher gutartiger Hypophysentumor beim Kind oder bei Heranwachsenden vor dem Abschluss des Knochenwachstums, entsteht das Bild des Gigantismus (Riesenwuchs). 

Eine weitere Rolle für Akromegalie spielt der Insulin-ähnliche Wachstumsfaktor IGF-1 (Insulin-like-Growth-Factor-1). IGF-1 wird unter dem Einfluss des Wachstumshormons GH in der Leber gebildet und gelangt von dort ins Blut. IGF-1 vermittelt einen großen Teil der Wirkungen von GH, zum Beispiel im Knochengewebe und am Muskel. Die meisten Symptome der Akromegalie werden durch eine erhöhte Konzentration an IGF-1 hervorgerufen.

Ist Akromegalie vererbbar?

Eine familiäre Akromegalie in mehreren Generationen ist extrem selten, häufiger ist die familiäre Multiple Endokrine Neoplasie (MEN) Typ 1, eine Erkrankung, bei der neben Hirnanhangdrüsen-Geschwulsten auch Geschwulste der Nebenschilddrüse und der Bauchspeicheldrüse gehäuft vorkommen.

Bei so gut wie allen geschwulstartigen Veränderungen der Hirnanhangdrüse handelt es sich um gutartige Tumore. Das bedeutet, dass der Tumor keine Tochtergeschwülste an anderen Stellen des Körpers aussetzt, also lokal begrenzt ist und meist auch langsam wächst. Diese Tatsache ändert jedoch nichts daran, dass eine Behandlung unerlässlich ist, da ansonsten mit einer starken Beeinträchtigung der Lebensqualität und einer Verringerung der Lebenserwartung gerechnet werden muss. 

Wenn Hände, Füße und Geschlechtsteile immer größer werden: Symptome der Akromegalie

Die Veränderung des äußeren Erscheinungsbildes – etwa das Wachstum der Hände und Füße wie auch der Geschlechtsteile, die Vergröberung der Gesichtszüge, sehr ausgeprägte Jochbögen und Zahnfehlstellungen – ist sicherlich das auffälligste Anzeichen der Akromegalie. Anfangs unbemerkt bleibt oft, dass der Überschuss an Wachstumshormonen sich auf den gesamten Organismus auswirkt, was mit der Zeit zu ernsten Beschwerden führen kann. 

Die häufigsten Symptome im Überblick:

  • Vergrößerung der Hände; meist bemerkbar, wenn Fingerringe zu eng werden
  • Auch die Füße werden immer größer, was Betroffene oft dadurch entdecken, dass Schuhe nicht mehr passen.
  • Vergrößerung der Geschlechtsteile
  • vergröberte Gesichtszüge 
  • Zahnfehlstellungen 
  • Sprechstörungen durch Vergrößerung der Zunge 
  • Gelenkbeschwerden und eingeschränkte Beweglichkeit 
  • Taubheitsgefühl und Kribbeln in den Händen 
  • unregelmäßige Regelblutungen 
  • Kopfschmerzen 
  • Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) 
  • Herzerkrankungen 
  • Sehstörungen, Einschränkungen des Gesichtsfeldes 
  • Schnarchen; Atemstörungen während des Schlafens (Schlafapnoe
  • Nachlassen des sexuellen Verlangens und Impotenz 
  • erhöhter Blutdruck 
  • übermäßiges Schwitzen 

Diese Beschwerden treten nur selten alle gleichzeitig auf. Viele darunter beeinträchtigen die Gesundheit und Lebensqualität jedoch erheblich und verkürzen im schlimmsten Fall die Lebenserwartung.  

Die Symptome der Akromegalie bleiben zunächst unauffällig. Da die Krankheit nur langsam voranschreitet und zudem auch sehr selten ist, vergehen vom Auftreten der ersten Symptome bis zur Diagnose durchschnittlich neun Jahre. In dieser Zeit kämpfen die Betroffenen mit diffusen und für sie unerklärlichen Symptomen, die den Alltag deutlich einschränken und sogar bis zur Berufsunfähigkeit führen können. 

Probleme mit dem Gebiss und unangenehmer Körpergeruch 

So klagen viele über rasche Ermüdbarkeit, verringerte körperliche Belastbarkeit, Konzentrationsschwäche und allgemeines Unwohlsein. Im Gesicht zeigen sich typischerweise ein auffallend hervorstehendes Kinn, eine sich vergrößernde Nase sowie ausgeprägte Lippen und Jochbögen. Diese Veränderungen vollziehen sich jedoch meist unmerklich und fallen Menschen mit Akromegalie selbst oft nur dadurch auf, dass die Schuhe zu klein werden, Fingerringe und Hüte nicht mehr passen. 

Da auch der Kiefer weiterwächst, macht sich eine zunehmende Fehlstellung des Gebisses mit entsprechenden kieferorthopädischen Problemen bemerkbar. Betroffene können Schwierigkeiten mit der Nahrungsaufnahme bekommen, da das Abbeißen durch die verschobenen Zahnreihen erschwert wird. Auch eine Zahnprothese, die nicht mehr richtig passt, ist mitunter ein Hinweis auf Akromegalie. Das erklärt, warum der Zahnarzt oft als erstes aufgesucht wird, um entsprechende Auffälligkeiten abzuklären. Sehr unangenehm sind für viele auch die Veränderungen der äußeren Körperhülle: So wird die Haut dicker und dunkler, die Körperbehaarung dichter. Die Schweiß- und Talgdrüsen der Haut nehmen an Größe zu und produzieren mehr Schweiß. Daher kommt es häufig zu störendem Körpergeruch. 

Atmung, Herz und Kreislauf werden in Mitleidenschaft gezogen 

Da neben Lippen und Kiefer auch Zunge, Kehlkopf und Teile der Nase wachsen, wird mit der Zeit die Atmung erschwert. Sehr häufig tritt das Schlafapnoe-Syndrom auf, bei dem die Betroffenen – fast immer Schnarcher – unter nächtlichen Atemstillständen leiden, die länger als zehn Sekunden andauern. Diese Atemaussetzer können bis zu 300 Mal in einer Nacht auftreten und somit die nächtliche Erholung empfindlich stören. Vermehrte Tagesmüdigkeit und auch Bluthochdruck sind häufig die Folge. Das Herz-Kreislauf-System wird zusätzlich durch ein vergrößertes Herz belastet, das man bei fast drei Vierteln aller Patienten feststellen kann. Herzrhythmusstörungen und Herzschwäche als Folge sind eine ernsthafte Bedrohung für die Betroffenen. Je frühzeitiger eine Akromegalie behandelt wird, umso eher lassen sich auch die Veränderungen am Herzen stoppen.

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Lifeline/Wochit

Auch das Skelettsystem leidet 

Die Betroffenen plagen darüber hinaus eine Reihe schmerzhafter Erscheinungen. Denn die Akromegalie hinterlässt ihre Spuren auch an den Gelenken, die durch einen Verlust der Knorpelsubstanz anschwellen und steif werden. Für viele ist dies sogar das erste Zeichen der Erkrankung, da die schmerzenden Gelenke die Lebensqualität der Patienten häufig noch mehr einschränken als die anderen Veränderungen. Mit den Gelenkbeschwerden ist das sogenannte Karpaltunnelsyndrom eng verknüpft. Hierbei schwillt der Medianus-Nerv an, der durch den Karpaltunnel vom Arm bis zur Hand zieht. Die Folge können brennende Schmerzen, Gefühlsstörungen und sogar ein Muskelschwund an der Hand sein, wenn keine Behandlung erfolgt. Etwa die Hälfte der Betroffenen leidet außerdem unter Rückenschmerzen. 

Hormonhaushalt gerät aus der Balance 

Nicht zuletzt leiden Menschen mit Akromegalie unter einem veränderten Stoffwechsel und einer gestörten Hormonregulation. Es können ein erhöhter Blutzuckerspiegel bis hin zur Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) auftreten, da das Wachstumshormon ein Gegenspieler des blutzuckersenkenden Insulins ist und somit den Blutzuckerspiegel ansteigen lässt. Der Druck des Tumors auf die gesunden Anteile der Hirnanhangsdrüse stört außerdem die hormonellen Regelkreise und kann zu Libidoverlust, Menstruationsstörungen und einer Unterfunktion von Nebennieren oder Schilddrüse führen. Die lokale Druckwirkung des Tumors äußert sich durch Kopfschmerzen oder – wenn er bereits besonders groß ist – eine Beeinträchtigung der Sehnerven mit Tunnelsehen, eventuell droht sogar der Verlust des Sehvermögens. Nach erfolgreicher Behandlung der Akromegalie lassen meist auch viele der Folgeerscheinungen bald wieder nach, falls diese noch nicht zu weit fortgeschritten sind.

Sehstörungen und was sie bedeuten

Diagnose: Akromegalie wird oft spät erkannt 

Je früher die Behandlung einsetzt und je kleiner die Geschwulst ist, desto höher ist die Chance auf Heilung der Akromegalie. In den meisten Fällen wird die erste Verdachtsdiagnose von einem Hausarzt gestellt, wenn Patienten mit einem der für Akromegalie typischen Beschwerden zu ihm kommen und keine andere Ursache zu finden ist. Zahnarzt, Kieferorthopäde oder -chirurg stehen ebenfalls an vorderster Stelle in der Diagnostik dieser seltenen Krankheit.

Um zu klären, ob eine Störung der Hypophysenfunktion für die Symptome verantwortlich ist und eine Akromegalie vorliegt, wird sodann ein Spezialist für Hormonerkrankungen, ein Endokrinologe, herangezogen. Dieser wird zunächst die Krankenvorgeschichte (Anamnese) prüfen und nach dem ersten Auftreten und der Entwicklung der Beschwerden fragen. Anschließend wird er eine generelle körperliche Untersuchung und verschiedene allgemeine Laborbestimmungen von Blut und Urin veranlassen. 

Blutwerte als Beweis für Akromegalie 

Spezielle Laboruntersuchungen bringen endgültige Sicherheit über eine mögliche Akromegalie-Erkrankung. So lässt der Endokrinologe unter anderem die Konzentration des Wachstumshormons GH im Blut bestimmen. Da sich das Wachstumshormon im Körper jedoch nicht gleichmäßig verteilt, sondern stoßartig ausgeschüttet wird, haben Einzelmessungen wenig Aussagekraft. Bei Verdacht auf Akromegalie wird daher der sogenannte Glukosebelastungstest (auch OGTT: oraler Glukosetoleranztest) durchgeführt, der eine zuverlässige Aussage über die GH-Spiegel erlaubt.

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    Was wird beim Bluttest untersucht und was bedeuten die Abkürzungen und die Werte genau? Das Lifeline-Lexikon über Labor- und Blutwerte gibt Auskunft über die wichtigsten Parameter

Beim Glukosebelastungstest trinkt der Patient eine bestimmte Menge Traubenzucker-Lösung. Anschließend wird die Konzentration von GH und Glukose im Blut in bestimmten Abständen gemessen. Nur bei Gesunden führt die Glukose zu einer Absenkung der Wachstumshormonspiegel. Bei bestehender Akromegalie fehlt diese Absenkung. Dies beweist die autonome Wachstumshormonausschüttung und damit die Akromegalie. 

Da das Wachstumshormon die Bildung des Wachstumsfaktors IGF-1 in der Leber anregt, wird zur Sicherung der Diagnose auch die Konzentration von IGF-1 im Blut bestimmt. Die Messung des IGF-1-Spiegels ist nicht nur zur Diagnostik, sondern auch zur Verlaufskontrolle der Akromegalie wichtig. 

MRT macht den Tumor sichtbar 

Sollte sich durch die Laboruntersuchungen der Verdacht auf eine Akromegalie bestätigen, werden bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomografie (MRT) eingesetzt, um die Diagnose weiter abzusichern. Dabei werden die Hypophyse und umliegendes Gewebe schichtweise dargestellt und aufgezeichnet, sodass selbst minimale Abweichungen sichtbar werden. Im Gegensatz zur Computertomografie (CT) ist die MRT genauer. Für den Patienten entsteht bei der MRT keine Strahlenbelastung. Die Untersuchung ist schmerzfrei, einige Patienten empfinden allerdings die lange Liegezeit von etwa einer Stunde als unangenehm.  

Behandlung der Akromegalie: OP, Medikamente oder Bestrahlung? 

Obwohl der Akromegalie ein gutartiger Tumor zugrunde liegt, der keine Tochtergeschwülste aussetzt und demnach nur lokal begrenzt wächst, ist eine Therapie aufgrund der möglichen Folgeerkrankungen unerlässlich. Die überwiegende Mehrheit der an Akromegalie erkrankten Patienten kann heute mit gutem Erfolg behandelt werden. Ziel der Maßnahmen ist es, die übermäßige Ausschüttung des Wachstumshormons GH beziehungsweise auch des Wachstumsfaktors IGF-1 zu normalisieren. Hierfür gibt es drei Möglichkeiten:

  • Operation,
  • Medikamente oder
  • Bestrahlung.

Operation bietet gute Heilungschancen 

Die Operation ist heute nach wie vor die wichtigste Behandlungsmethode bei Akromegalie. Mehr als drei Viertel aller Patienten mit einer Geschwulst, die im Durchmesser kleiner als einen Zentimeter ist (Mikroadenom), sind nach der Operation vollständig von ihrer Akromegalie geheilt, sofern der Eingriff von einem erfahrenen Chirurg durchgeführt wird.  

Aufgrund der Lage der Hypophyse hinter der Nasenwurzel wurde bereits vor fast 90 Jahren eine Operationstechnik auf dem Weg durch die Nase entwickelt (transsphenoidale Operation). Seit etwa 1974 führte die Weiterentwicklung des Operationsmikroskops und eines speziellen Instrumentariums dazu, dass sich diese Methode durchsetzen konnte. Sie erfolgt unter Vollnarkose und ist schmerzfrei.

Mit der transsphenoidalen Operation gelingt es heute, Hypophysentumore sehr schonend zu entfernen und das gesunde Gewebe der Hypophyse weitestgehend zu erhalten. Nur in wenigen Fällen treten nach der Entfernung des Hypophysentumors Komplikationen auf. Möglich sind nach der OP leichte Kopfschmerzen und eine geschwollene Nasenschleimhaut. Von Flugreisen ist einen Monat nach dem Eingriff abzuraten. 

Größere Tumore, sogenannte Makroadenome, deren Durchmesser mehr als einen Zentimeter betragen, können allerdings nur selten vollständig entfernt werden. Die Wachstumshormonwerte normalisieren sich bei einer unvollständigen Entfernung nicht. In diesem Fall von Akromegalie ist zusätzlich eine medikamentöse Therapie, unter Umständen auch eine Strahlentherapie, notwendig. 

Medikamente blockieren Wachstumshormone 

Bei Akromegalie kommt eine medikamentöse Therapie entweder schon vor der Operation zum Einsatz, um die Produktion der Wachstumshormone zu drosseln, oder wenn ein größerer Tumor nicht vollständig entfernt werden konnte und weiterhin "aktiv" ist. Außerdem bieten sich Medikamente als Alternative an, wenn eine Operation aus verschiedenen Gründen nicht möglich oder wenig Erfolg versprechend ist.

Zur medikamentösen Therapie der Akromegalie stehen drei Substanzklassen zur Verfügung. Die Behandlung kann entweder mit Somatostatin-Analoga oder Dopamin-Agonisten sowie bei Versagen der Vorgenannten mit GH-Rezeptor-Antagonisten durchgeführt werden. Insgesamt erwiesen sich Somatostatin-Analoga im Vergleich zu Dopamin-Agonisten bei Akromegalie als wesentlich wirksamer. Allen Therapien ist gemein, dass die Behandlung meist dauerhaft erfolgen muss. Zu einem Absetzen der Medikamente kommt es erst bei Unverträglichkeitsreaktionen beziehungsweise wenn die gewünschte Wirkung und Krankheitskontrolle nicht oder nicht mehr erreicht wird. 

Somatostatin-Analoga 

Somatostatin-Analoga gelten heute in der Behandlung der Akromegalie als die medikamentöse Therapie der ersten Wahl. In Deutschland sind zwei verschiedene Somatostatin-Analoga verfügbar: Octreotid und Lanreotid. 

Die medikamentöse Therapie mit einem Somatostatin-Analogon führt zu einer effektiven Symptombehandlung von Akromegalie. Kopfschmerzen verbessern sich innerhalb weniger Stunden und Abschwellungen des Gewebes werden nach zwei bis vier Tagen sichtbar. Eine Reduktion der Wachstumshormonspiegel wird bei 80 bis 95 Prozent der Akromegalie-Patienten erreicht, eine Senkung unter den wichtigen Schwellenwert von 2,5 µg/l wird bei etwa zwei Dritteln der Patienten mit Octreotid erreicht. Des Weiteren kann die Therapie mit Somatostatin-Analoga zu einer Verkleinerung des Hypophysentumors führen. 

Die vorwiegenden Nebenwirkungen von Somatostatin-Analoga bei der Behandlung von Akromegalie-Patienten sind vorübergehende Magen-Darm-Beschwerden. In einigen Fällen wurde während einer Langzeitbehandlung über die Bildung von Gallensteinen berichtet. Daher sollten regelmäßig alle drei bis sechs Monate Ultraschalluntersuchungen der Gallenblase durchgeführt werden. Beim Auftreten von Grieß in der Gallenblase ist die medikamentöse Auflösung mit Gallensäuren meist erfolgreich. 

Dopamin-Agonisten 

Eine Senkung der Wachstumshormon-Sekretion durch einen Dopamin-Agonisten, der in Form einer Tablette eingenommen werden kann, wird bei rund 30 bis 50 Prozent der Patienten erreicht – eine vollständige Krankheitskontrolle kann allerdings nur bei zehn bis 20 Prozent der Akromegalie-Patienten erzielt werden. Daher werden Dopamin-Agonisten heute nicht mehr so häufig bei Akromegalie eingesetzt. Zur Regulierung der überschüssigen GH-Produktion sind meist hohe Dosen erforderlich, sodass verschiedene, die Lebensqualität beeinträchtigenden Nebenwirkungen wie Übelkeit, Absinken des Blutdrucks, Müdigkeit und Konzentrationsschwäche häufig vorkommen. 

GH-Rezeptor-Antagonisten

Ein Wachstumshormon-Rezeptor-Antagonist (auch GH-Rezeptor-Antagonist) wie der Wirkstoff Pegvisomant hat eine hohe Bindungsaffinität zum Wachstumshormon-Rezeptor. Der GH-Rezeptor-Antagonist blockiert die Bindungsstelle und steht somit in Konkurrenz zum physiologischen Wachstumshormon. Normalerweise löst die Bindung des Hormons an den Rezeptor Signale aus, die ins Zellinnere weitergeleitet werden und dort unter anderem zur Bildung von IGF-1, der für die Symptomatik der Akromegalie mitverantwortlich ist, führen. Besetzt ein Antagonist die Bindungsstelle am GH-Rezeptor, findet keine Signalübertragung statt und IGF-1 wird nicht gebildet. Somit können GH-Rezeptor-Antagonisten die Krankheitszeichen der Akromegalie mildern. Der GH-Rezeptor-Antagonist ist in Deutschland für die Behandlung der Akromegalie bei Patienten zugelassen, bei denen eine Operation und/oder eine Strahlentherapie nicht den gewünschten Behandlungserfolg erzielten und bei denen eine adäquate medikamentöse Behandlung mit Somatostatin-Analoga die IGF-1-Konzentration nicht normalisierte beziehungsweise vom Patienten nicht vertragen wurde.

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Strahlentherapie 

Sie wird auch Radiotherapie genannt und kommt bei Akromegalie erst zum Einsatz, wenn ein Patient wegen anderer Erkrankungen nicht operiert werden darf oder wenn die Geschwulst zu groß ist und nicht mehr vollständig entfernt werden konnte. Die Röntgenstrahlen werden in so hoher Dosis auf das erkrankte Gewebe gelenkt, dass sich die Zellen nicht mehr teilen und vermehren können. Allmählich sterben sie alle ab. Entsprechend langsam schrumpft der Tumor. Die Wirkung tritt erst im Verlauf von Jahren auf. Eine vollständige Heilung von Akromegalie wird meist nicht erreicht, deshalb müssen Patienten ergänzend Medikamente einnehmen. 

Infolge einer Strahlentherapie können eine Schwächung der normalen Hirnanhangdrüsenfunktion und selten eine Sehnervschädigung auftreten, langfristig besteht ein erhöhtes Risiko für Schlaganfälle. In der Regel ist die Strahlentherapie Mittel der dritten Wahl, wenn operativ und medikamentös keine Beschwerdefreiheit eintritt. Jedoch stellt sie in vielen Fällen eine sinnvolle Alternative dar, beispielsweise wenn nicht operiert werden kann, der Tumor durch eine OP nicht vollständig entfernt werden konnte oder der Patient nicht auf Medikamente anspricht.

Verlauf: Wie wirkt sich Akromegalie auf die Lebenserwartung aus? 

Die Lebenserwartung bei Akromegalie ist im statistischen Mittel zwar kürzer als beim Stoffwechselgesunden, der Unterschied ist allerdings insgesamt nicht sehr groß. Entscheidend ist, ob das Wachstumshormon und IGF-1 durch Operation oder medikamentöse Therapie normalisiert werden. Wenn dies gelingt, ist die Lebenserwartung normal. Bleiben Wachstumshormon und IGF-1 aber erhöht und treten zusätzlich Bluthochdruck, Diabetes oder Herzschwäche auf, kann sich die Lebenserwartung verkürzen, in Einzelfällen auch erheblich. 

Bei vielen Akromegaliepatienten wird im Verlauf der Erkrankung das Herz-Kreislaufsystem in Mitleidenschaft gezogen. Durch eine rechtzeitige Therapie lässt sich dieser Prozess vor allem bei jüngeren Patienten wieder rückgängig machen. Durch den Überschuss an Wachstums- und anderen Hormonen gerät auch der Stoffwechsel von Akromegaliepatienten aus dem Gleichgewicht. Betroffene neigen zur Zuckerkrankheit, erhöhten Blutfettwerten und Bluthochdruck – allesamt Risikofaktoren für eine Arterienverkalkung, die im schlimmsten Fall zu einem Herzinfarkt oder Schlaganfall führen kann.

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