Zappelphilipp-Syndrom oder Hyperaktivitätsstörung

ADHS – was ist das und wie behandelt man?

Konzentrationsprobleme, ein unbändiger Bewegungsdrang und impulsives Verhalten gelten als Hauptsymptome von ADHS. In Deutschland sind rund fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen von einem Aufmerksamkeitsdefizit und/oder einer Hyperaktivitätsstörung betroffen. Manchmal begleitet ADHS Betroffene sogar bis ins Erwachsenenalter.

ADHS Mädchen
Auch für Eltern, Großeltern und Geschwister kann die Diagnose ADHS schnell zur Zerreißprobe werden.
© iStock.com/KatarzynaBialasiewicz

Nicht still sitzen können (Hyperaktivität), unfähig sein, sich in der Schule zu konzentrieren (Aufmerksamkeitsstörung) oder scheinbar ohne Anlass "hochgehen wie eine Rakete" (Impulsivität): ADHS hat viele Gesichter.

Artikelinhalte im Überblick:

Die Aufmerksamkeitsdefizithyperaktivitätsstörung ist eine psychische Störung, die bereits im 19. Jahrhundert Erwähnung fand: Ein Nervenarzt aus Frankfurt schildert die typischen Symptome anhand der Figur des "Zappelphilipps" in seinem bekannten Kinderbuch "Der Struwwelpeter". Mittlerweile gilt ADHS als häufigste psychische Störung bei Kindern und Jugendlichen, die sich auf alle Lebensbereiche auswirkt. Bei 4,4 Prozent der drei bis 17-jährigen in Deutschland lebenden Kinder und Jugendlichen wurde bereits einmal ADHS diagnostiziert. Das ergab eine Elternumfrage zwischen 2014 und 2017. Die Diagnose wird bei Jungen viermal häufiger gestellt als bei Mädchen. Warum Jungen öfter betroffen sind, ist noch unbekannt.

ADS und ADHS: Unterschied und Definition

Eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung kann auch ohne nach außen erkennbare Hyperaktivität auftreten. Dann spricht man von ADS. Kinder mit ADS wirken meist ruhig und stören kaum im Unterricht, sind aber trotzdem nicht bei der Sache. Sie scheinen in ihren Träumen und Gedanken versunken zu sein. Auch sie haben Probleme, sich zu konzentrieren. Daher sollte eine ADS auch ohne Hyperaktivität behandelt werden.

ADHS-Kinder leiden neben einer gestörten Aufmerksamkeit außerdem unter Unruhe und Hyperaktivität, weshalb sie in ihrem Verhalten meist auffälliger sind als ADS-Betroffene. Nicht selten werden sie als sehr anstrengend und manchmal sogar als aggressiv empfunden.

ADHS bei Erwachsenen und Kindern: 19 wichtige Symptome

Bei Erwachsenen bleibt ADHS oft unerkannt

Die Aufmerksamkeitsdefizithyperaktivitätsstörung betrifft vor allem Kinder und Jugendliche. In den meisten Fällen zeigen sich die Symptome mit dem Eintritt in den Kindergarten oder die Grundschule.

Die Annahme, dass ADHS nur Kinder betrifft und spätestens mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter verschwindet, ist falsch, denn auch Erwachsene können unter ADHS leiden. Die Störung bleibt bei circa der Hälfte der betroffenen Kinder später bestehen und ist mittlerweile auch für das Erwachsenenalter von psychiatrischen Fachgesellschaften anerkannt. Da sich die Störung bei Erwachsenen in veränderten Symptomen zeigt und Betroffene gelernt haben, mit diesen zu leben, bleibt eine entsprechende Diagnose oft aus.

Ursachen: ADHS entsteht nicht durch Erziehungsfehler

Eine Hyperaktivitätsstörung ist nicht die Folge eines "Erziehungsfehlers" – vielmehr scheint eine Störung im Gehirnstoffwechsel eine zentrale, ursächliche Rolle zu spielen. Es wird angenommen, dass durch mangelhaft durchblutete Gehirnareale wichtige Botenstoffe wie Dopamin und Serotonin nicht in ausreichender Menge ausgeschüttet werden können. Als Auslöser für ADHS führen Experten insbesondere genetische Faktoren an. Aber auch psychosoziale Faktoren haben einen Einfluss: Die Schnelllebigkeit unserer Zeit, Reizüberflutung durch TV, Internet oder PC-Spiele sowie familiäre Probleme können zum Auftreten und zu einer Verstärkung der Symptomatik beitragen.

ADHS Symptome und Test

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    Wie Eltern erkennen, ob Hyperaktivität oder Unkonzentriertheit ihres Kindes noch ganz normal oder schon Anzeichen von ADHS sind.

Ein Kind ist zappelig, kann Hausaufgaben nicht ausstehen und will am liebsten immer auf Achse sein? Das bedeutet noch lange nicht, dass es an AD(H)S leidet. Schließlich sind einige Kinder aktiver und "hibbeliger" als andere. Die Schlussfolgerung "mein Kind hat ADHS" wird häufig voreilig gezogen.

Umso wichtiger ist es, die typischen ADHS-Symptome zu kennen und richtig zu reagieren. Zu den wichtigsten Anzeichen, die unterschiedlich stark ausgeprägt sein können, zählen:

  • Aufmerksamkeits- und Konzentrationsschwäche: Defizite bei der Konzentration beziehungsweise gehäufte Unaufmerksamkeit
  • Unruhe: das Bedürfnis, ständig in Bewegung zu sein
  • Impulsivität: stürmisches, teils aggressives Verhalten

Klassische Symptome wie aggressives Verhalten, das Aufmerksamkeitsdefizit und die Hyperaktivität führen nicht selten dazu, dass ein betroffenes Kind zunehmend in die Rolle des Außenseiters gerät. Auch die Eltern von ADHS-Kindern stehen unter dem ständigen Druck, alles richtig zu machen und geraten dabei häufig an die Grenzen ihrer Belastbarkeit.

Positive Seiten von ADHS

Die Diagnose ADHS stellt Betroffene und Angehörige vor große Herausforderungen, die Aufmerksamkeitsdefizitstörung kann aber auch positive Seiten haben. Menschen mit ADHS sind oft sehr begeisterungsfähig, haben eine blühende Phantasie und eine ausgesprochen kreative Ader. Zudem verfügen ADHS-Betroffene häufig über einen stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Sie sind oft besonders offen und empathisch und werden von ihren Mitmenschen für ihre Hilfsbereitschaft geschätzt. Einige Menschen mit ADHS sind auch überaus sensibel und können Stimmungen anderer Personen oft schneller und besser erkennen als andere.

ADHS: Diagnose beim Facharzt

Bei der Diagnose AD(H)S handelt es sich immer um eine Ausschlussdiagnose. Das bedeutet, dass andere Ursachen  ausgeschlossen werden müssen. Besteht der Verdacht, dass ein Kind AD(H)S hat, gilt es, einen Experten – meist den behandelnden Kinderarzt oder auch einen Kinder- und Jugendpsychologen – aufzusuchen. Nur dieser kann anhand einer umfassenden Untersuchung sowie eines festgelegten Fragenkatalogs eine Diagnose stellen und gegebenenfalls eine individuell angemessene Therapie einleiten.

Warum die Diagnose von ADHS so wichtig ist

Damit betroffene Kinder und Erwachsene sowie deren Angehörigen ein nahezu normales Leben führen können, ist eine frühzeitige Diagnose wichtig. Nur so können geeignete Therapiemaßnahmen schnell eingeleitet werden. Wird eine Hyperaktivitätsstörung nicht behandelt, droht den Betroffenen mitunter ein Abgleiten in die soziale Ausgrenzung. Zusätzliche gesundheitliche Einschränkungen, etwa durch Depressionen oder Angststörungen, sind keine Seltenheit. Sie treten vor allem bei Erwachsenen mit ADHS auf. Auch der verstärkte Hang zum Drogenkonsum kann laut Wissenschaftlern die Folge einer unzureichend behandelten ADHS-Störung sein.

Therapie: ADHS nicht nur mit Medikamenten behandeln

In der Regel basiert die Therapie einer ADHS auf einem multimodalen Behandlungskonzept. Dazu gehören unter anderem:

  • psychotherapeutische Maßnahmen,
  • professionelles Verhaltenstraining der Eltern beziehungsweise erwachsenen Betroffenen,
  • Lerntherapie und
  • die Gabe geeigneter Medikamente, insbesondere der Wirkstoff Methylphenidat (zum Beispiel in Medikinet oder Ritalin)

Diese Medikamente fördern die Hirndurchblutung, weshalb sich Betroffene in der Regel besser konzentrieren können und ruhiger werden. Doch der Einsatz dieser Wirkstoffe wird seit Jahren kontrovers diskutiert, da unerwünschte Nebenwirkungen wie Schlaflosigkeit oder Desinteresse zusätzliche Belastungen bedeuten. Zudem gibt es bisher noch keine Langzeitstudien zur Wirkung und möglichen Folgeschäden.

Betroffene müssen mit dem behandelnden Arzt klären, wie eine individuell angemessene Therapie aussehen kann. Eltern sollten auch mit dem Kind selbst über die einzelnen Bausteine seiner ADHS-Therapie sprechen. Die Behandlung der Störung bedeutet immer, die Vor- und Nachteile der verschiedenen Möglichkeiten gegeneinander abzuwägen und eine gemeinsame Entscheidung zu treffen.

Fehldiagnose ADHS? Was es noch sein könnte

ADHS ist keine Störung, die man medizinisch eindeutig diagnostizieren oder ausschließen kann. Weil die Symptome in schwach ausgeprägter Form auch bei gesunden Kindern im Rahmen eines normalen Entwicklungsverlaufs auftreten können, wird AD(H)S von einigen Ärzten oft nicht erkannt. Auf der anderen Seite wird ADHS oft auch fälschlicherweise diagnostiziert. Denn es gibt viele andere mögliche Ursachen für die Symptome. Darunter zum Beispiel:

  • schulische Unter- oder Überforderung
  • Schlafmangel, Bewegungsmangel, Mangelernährung und/oder Vernachlässigung
  • Autismus
  • geistige Behinderungen
  • Wahrnehmungsstörungen
  • Hirnschäden
  • Epilepsie
  • verschiedene psychische Störungen oder Erkrankungen, etwa Schizophrenie oder Borderline-Persönlichkeitsstörung

Verlauf und Prognose bei ADHS

Bei etwa der Hälfte der von ADHS betroffenen Kinder verschwinden die Symptome nicht mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter. Insgesamt sind etwa 80 Prozent auch als Erwachsene – wenn auch teilweise in sehr abgeschwächter Form – noch durch die Störung eingeschränkt. Der Langzeitverlauf ist individuell sehr unterschiedlich. Je stärker die Symptome aber in der Kindheit ausgeprägt sind, umso größer ist in der Regel auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich diese auch noch im späteren Leben zeigen. Fehlender sozialer Halt ist ebenfalls ein Faktor, der die Prognose negativ beeinflussen kann.

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