Wenn es kribbelt und juckt

Chronischer Juckreiz kann zur Verzweiflung treiben

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Frustrated man
Getty Images/Brand X

Juckreiz und Dauerjucken plagen, rauben den Schlaf und quälen manchmal schlimmer als Schmerzen. Juckreiz ist zum "aus der Haut fahren". Die trockene Heizungsluft im Winter verschärft oft noch die Symptome.

Ein Mückenstich, der unangenehm juckt, mag lästig sein, doch das ist nach wenigen Stunden vorüber. Chronischer – also mindestens sechs Wochen anhaltender – Juckreiz dagegen ist keine Bagatelle: Pruritus, so die fachsprachliche Bezeichnung, kann die Betroffenen stark belasten und schlimmer quälen als Schmerzen. Hartnäckiger Juckreiz über Monate oder gar Jahre raubt den Schlaf, schränkt Konzentration und Leistungsfähigkeit ein. Die Lebensqualität ist dann erheblich beeinträchtigt. Zudem stößt, wer sich ständig kratzen muss, oft auf Ablehnung oder gar Ekel, gilt als "unsauber" und fühlt sich nicht selten stigmatisiert. "Chronischer Juckreiz sollte unbedingt ernst genommen und die Ursache abgeklärt werden", betont Prof. Sonja Ständer, Hautärztin und Leiterin des Kompetenzzentrums Pruritus (Juckreiz) am Universitätsklinikum Münster.

So entsteht Juckreiz

Juckreiz ist eine eigenständige Sinnesempfindung der Haut und entsteht unabhängig von der Schmerzempfindung. Bestimmte Nervenendigungen in der oberen Hautschicht reagieren auf viele verschiedene sogenannte pruritogene, das heißt Juckreiz auslösende, Botenstoffe, die von Entzündungszellen der Haut produziert werden oder auch aus dem Blut stammen können. Die Forschung konnte bereits zahlreiche Botenstoffe identifizieren, die unterschiedliche Juckempfindungen wie reines Jucken, stechendes oder brennendes Jucken oder schmerzendes Kribbeln auslösen. Der Juckreiz wird über die Nerven des Rückenmarks zum Gehirn weitergeleitet, wo unmittelbar der Reflex "Kratzen" ausgelöst wird. Bei bestimmten Erkrankungen des Nervensystems kann die Juckempfindung auch direkt im Rückenmark ausgelöst werden und wird dann vom Gehirn als Wahrnehmung an der Haut fehlgedeutet.

Pruritus – mehr als nur ein Symptom

Viele Hauterkrankungen wie Neurodermitis gehen mit schier unerträglichem Pruritus einher. Wesentlich für das Krankheitsgeschehen bei der Neurodermitis ist eine Barrierestörung der Haut, die besonders trocken ist und zu Pruritus Juckreizneigt. Die Haut reagiert sehr empfindlich auf die unterschiedlichsten Irritationen wie häufiges Waschen, kratzige Kleidung bis hin zu Blütenpollen oder unverträglichen Nahrungsmitteln. Auch Infektionen, Hormonschwankungen oder Stress können einen akuten Krankheitsschub auslösen. Es kommt zu entzündlichen Reaktionen an der Haut, die stark jucken können.

Chronischer Juckreiz ist aber auch ein Warnsignal, das auf verschiedene innere Erkrankungen hinweisen kann, insbesondere auf Leber- oder Nierenleiden. Diabetes, Schilddrüsenfunktionsstörungen oder Eisenmangel können weitere Ursachen sein, ebenso Erkrankungen des Nervensystems. Auch im Rahmen von Depressionen kann Pruritus ein Symptom sein. Alleinige psychische Ursachen des Juckreizes seien dagegen selten, berichtet Sonja Ständer. Wird die Grunderkrankung behandelt, lässt meist auch der quälende Juckreiz nach. Hat sich jedoch bereits ein "Juckreizgedächtnis" ausgebildet, juckt es weiter, obwohl die Ursache behoben wurde. Eine solche "Chronifizierung" des Juckreizes ist schwierig in den Griff zu bekommen, insbesondere wenn verschiedene Faktoren wie trockene, empfindliche Haut, Stoffwechselstörungen und anhaltende Stressbelastung zusammenwirken. Das Kompetenzzentrum Pruritus in Münster setzt daher auf eine interdisziplinäre Betreuung der Juckreiz-Patienten, bei der Hautärzte, Internisten, Neurologen und auch Psychotherapeuten eng zusammenarbeiten.

Den Juckreiz-Kratz-Zirkel durchbrechen

Ein effizientes Management des chronischen Juckreizes umfasst mehrere Bausteine, die individuell auf den Patienten abgestimmt werden. Neben der Therapie der Grunderkrankung, die sehr langwierig sein kann, ist in der Regel eine Behandlung der Hautsymptome erforderlich. Die oft trockene, empfindliche Haut muss richtig gepflegt, die meist massiv aufgekratzte, entzündete und chronisch geschädigte Haut muss behandelt und akute Juckreizattacken sollten rasch unterdrückt werden. Wichtiges Ziel der dermatologischen Therapie ist es, einen Ausweg aus dem Juckreiz-Kratz-Zirkel zu finden, erklärt Sonja Ständer: Chronischer Juckreiz führt zu ständigem Kratzen. Aufgekratzte, entzündete Haut juckt jedoch umso stärker – ein Teufelskreis kann entstehen. Zudem kann das ständige Jucken und Kratzen zu Spannungen im familiären und beruflichen Umfeld führen, die den Pruritus weiter verschlimmern.

Der Betroffene selbst kann dazu beitragen, den Juckreiz-Kratz-Teufelskreis frühzeitig zu durchbrechen. Auslöser und den Juckreiz verstärkende Faktoren sollten soweit möglich gemieden werden. Im Rahmen einer psychosomatischen Beratung oder verhaltenstherapeutischen Schulung können Patienten lernen, was ihnen und ihrer Haut gut tut.

Besonders wichtig ist eine konsequente rückfettende, feuchtigkeitsspendende Basispflege. Gerade im Herbst und Winter ist die Haut oft besonders trocken und neigt vermehrt zu Juckreiz. Die verwendeten Pflegeprodukte sollten an den Hautzustand angepasst sein, empfiehlt Professor Ständer: Für sehr trockene Haut sind fettreichere Salbengrundlagen geeignet. Bei weniger trockener Haut sind feuchtigkeitsspendende, sogenannte hydratisierende Öl-in-Wasser-Emulsionen zu bevorzugen. Darin enthaltener Harnstoff beispielsweise verbessert die Bindung von Wasser in der Haut.

Akute Kratzspuren mit antientzündlichen Präparaten behandeln

Um akuten Juckreiz zu bekämpfen, steht eine ganze Reihe von Cremes und Lotionen zur Verfügung, die kurzfristig Juckreiz stillende Wirkstoffe wie Polidocanol, Lidocain, Menthol, Kampfer oder Gerbstoffe enthalten - welches Produkt individuell am besten geeignet ist, sollte jeder selbst ausprobieren. Zudem wird oft eine langfristige medikamentöse Unterdrückung des Juckreizes nötig. Mit diesen Behandlungskonzepten lasse sich der Pruritus bei rund 70 Prozent der Patienten in den Griff bekommen, berichtet Prof. Ständer. Derzeit werde intensiv an weiteren Therapiemöglichkeiten gegen Juckreiz geforscht.

Autor: Angelika Bauer-Delto
Letzte Aktualisierung: 04. Februar 2010
Quellen: Heilberufe - 1 / 2010: 60 - 63

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