Symptome und zugrunde liegende Erkrankungen

Akute Niereninsuffizenz: Was tun im Notfall?

Die Funktion des Filter- und Ausscheidungsorgans kann sich innerhalb weniger Stunden rapide verschlechtern oder komplett versagen - Diagnose: akute Niereninsuffizienz. Wie kommt es dazu und was ist zu tun? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

nierenversagen
Vorsicht: Manche Medikamente belasten die Nieren sehr stark.
© iStock.com/marvinh

Das akute Nierenversagen ist eine innerhalb von Stunden bis Tagen eintretende, prinzipiell umkehrbare Verschlechterung der Nierenfunktion, die mit einem erhöhten Sterblichkeitsrisiko einhergeht. Eine umgehende Behandlung ist unerlässlich.

Der Begriff akutes Nierenversagen (akute Niereninsuffizienz) bezeichnet eine vorübergehende, plötzlich auftretende unzureichende oder völlig ausgefallene Nierenfunktion. Infolgedessen sammeln sich nicht mehr ausgeschiedene Giftstoffe im Körper an. Die Harnproduktion kann normal oder .

Bei fehlender Ausscheidung kann es zu erheblichen Wassereinlagerungen im Körper kommen. Ein akutes Nierenversagen kann in ein chronisches Nierenversagen übergehen. Etwa 18 bis 30 von 100.000 Einwohnern erleiden ein akutes Nierenversagen.

Freunde und Feinde der kranken Niere

Symptome: Anzeichen für ein akutes Nierenversagen

Ein sehr frühes Symptom beim akuten Nierenversagen ist, dass sich die Harnausscheidung verringert. Medizinisch heißt dies Oligurie. Die ausgeschiedene Urinmenge beträgt dann weniger als einen halben Liter pro Tag. Die Urinproduktion kann sogar noch weiter sinken oder ganz versiegen (Anurie). Folgende Symptome kommen bei einer akuten Nierenschwäche hinzu: 

  • Starke Müdigkeit, Schwäche, Abgeschlagenheit

  • Sinkende Leistungsfähigkeit

  • Verminderte Konzentrationsfähigkeit, Schwindel, Sehstörungen, Bewusstseinseintrübungen bis hin zu Bewusstlosigkeit, Übelkeit und Erbrechen, Durchfall

  • Schmerzen, etwa wenn sich Nierensteine gebildet haben; die Schmerzen sind in der Nierengegend spürbar und bei einer Nierenkolik oft unerträglich. Aufgrund ihrer Lage in der Nähe der Wirbelsäule nehmen viele die Nierenschmerzen auch als Rückenschmerzen wahr.

  • Trockene Schleimhäute, Juckreiz

  • Herzrhythmusstörungen, Herzstolpern

  • Wassereinlagerungen im Gewebe (Ödeme), meist in den Beinen

  • Atemnot aufgrund von Wasseransammlungen in der Lunge (Lungenödem

Zehn Warnsignale im Urin

Ursachen: Warum kommt es zum akuten Nierenversagen?

Die Gründe für die akute Niereninsuffizienz sind meist, dass die Nieren schlechter durchblutet oder direkt geschädigt werden. Seltener ist ein gestörter Harnabfluss der Grund für das akute Nierenversagen. Je nach Ort der Entstehung unterscheiden Mediziner verschiedene Ursachen: 

  1. Prärenales Nierenversagen (die Ursache liegt vor der Niere): Sie ist die häufigste Form und betrifft meist ältere Menschen. Die Niere wird schlechter durchblutet, bildet keinen Harn mehr und „trocknet“ aus. Gründe dafür sind oft Entzündungen, Verbrennungen, Herzkrankheiten (Herzschwäche), Blutvergiftung (Sepsis) oder Unfälle und Operationen, die mit erheblichem Flüssigkeits- und Blutverlust einhergehen. Auch manche Medikamente drosseln die Durchblutung in der Niere, etwa Antibiotika oder Röntgenkontrastmittel. 

  2. Renales Nierenversagen (Ursache liegt in der Niere selbst): Bei dieser Form leidet das Nierengewebe direkt. Das akute Nierenversagen kann die Folge einer Nierenentzündung (Nephritis) oder Entzündung der Nierenkörperchen (Glomeruli ) sein. Diese Erkrankung heißt auch Glomerulonephritis. Daneben können Medikamente die Niere in Mitleidenschaft ziehen und zum akuten Nierenversagen führen. Solche nierenschädigenden Arzneien sind zum Beispiel einige Antibiotika, Schmerzmittel oder Zytostatika (Zellgifte, die Ärzte bei Krebs im Rahmen einer Chemotherapie einsetzen). Auch Schwermetalle, Alkohol oder Röntgenkontrastmittel haben möglicherweise eine nierenschädigende Wirkung. Zudem können Infektionen mit Viren oder Bakterien die Nieren schädigen. 

  3. Postrenales Nierenversagen (Ursache liegt in den ableitenden Harnwegen): Sind die ableitenden Harnwege verengt oder blockiert, staut sich der Urin und fließt schließlich in die Niere zurück. Dann nehmen die Nieren Schaden und können versagen. Als Ursachen für Verengungen kommen Nierensteine, Blasensteine, Harnsteine, Tumoren, eine gutartige Prostatavergrößerung oder eine verengte Harnröhre infrage. 

Diagnosestellung: Daran erkennt der Arzt, dass die Nieren versagen

Es gibt verschiedene Parameter, die zur Diagnose eines akuten Nierenversagens herangezogen werden. Es erfolgt eine Stufendiagnostik:

Anamnese: Es wird geklärt, inwieweit chronische Vorerkrankungen, wie Diabetes mellitus oder früher dokumentierte Nierenfunktionseinschränkungen, vorliegen. Wurden nierentoxische Medikamente eingenommen?

Körperliche Untersuchung: Abgeklärt werden der Blutdruck, die Blasenfüllung, der Nierenklopfschmerz. Liegen Lungenstauung oder eine Flüssigkeitsansammlung im Bereich des Herzbeutels (Perikarderguss) vor? Ist der Betroffene bei vollem Bewusstsein? Wie ist die Hautpigmentierung, hat der Betroffene Ödeme, oder leidet er an Austrocknung?

Blutuntersuchungen: Es werden zum Beispiel die Werte für Harnsäure, Elektrolyte (wie Natrium, Kalium, Phosphat und Kalzium), Säure-Basen-Status, Glukose und Albumin untersucht. Weiterführende Untersuchungen sind möglich.

Urinuntersuchungen, etwa auf Proteinurie (erhöhter Eiweißverlust über den Urin), Kreatinin, Harnstoff, Harnsäure, pH-Wert, Leukozyturie, Hämoglobin und Myoglobin. Erhöhte Kreatinin- und Harnstoffwerte sind mögliche Zeichen einer Nierenschädigung.

Urinvolumen sowie das Urinsediment: Die ausgeschiedene Urinmenge lässt Aussagen zu Schweregrad und Verlauf des akuten Nierenversagens zu.

EKG: Es wird zum Beispiel abgeklärt, ob Herzrhythmusstörungen als Zeichen einer Hyperkaliämie (erhöhte Kaliumwerte im Serum) vorliegen, da eine verminderte Kaliumausscheidung über die Nieren charakteristisch für eine Niereninsuffizienz ist. Mögliche weitere Anzeichen für eine Hyperkaliämie sind Lähmungserscheinungen, metallischer Mundgeschmack und Verwirrtheit.

Bildgebende Untersuchungen: Es erfolgt eine Ultraschalluntersuchung der Nieren. Besonders wird auf Nierengröße, Lage, Kontur, Beschaffenheit, Nierendurchblutung, Harnsteine und eventuell vorliegende Zeichen eines Harnstaus geachtet. Weiterhin wird eine Röntgenaufnahme des Brustraums angefertigt. Außer einer Nierenleeraufnahme können eine Computertomographie (CT) des Unterbauchraums oder eine Magnetresonanztomographie (MRT) des Unterbauchraums, gegebenenfalls mit MRT-Angiographie der Nieren erfolgen. Besteht Verdacht auf einen Nierenarterienverschluss, kann zudem eine Szintigrafie, ein nuklearmedizinisches bildgebendes Verfahren, das mit kurzlebigen radioaktiven Stoffen arbeitet, verwendet werden. Eine mit Ultraschall arbeitende Methode der Herzdiagnostik, die Echokardiographie, ist einsetzbar, wenn Herzprobleme vermutet werden.

Nierenbiopsie: Die Gewebsentnahme kann Aufschluss über verändertes Nierengewebe geben.

Behandlung: So wird Nierenversagen therapiert

Die Behandlung des akuten Nierenversagens richtet sich nach dem Auslöser. Es gilt, möglichst die Ursache zu beseitigen und so auch die Nierenschwäche zu verbessern.

  • Eine Harnabflussstörung, etwa durch Nierensteine, beheben Ärzte, in dem sie die Steine entfernen. Auch andere Hindernisse, die für einen Rückstau des Urins in die Niere sorgen, lassen sich beseitigen.

  • Bakterielle Infektionen lassen sich mit Antibiotika behandeln.

  • Sind nierenschädigende Arzneien der Grund für die Niereninsuffizienz, verringern Ärzte die Dosis des Medikaments, setzen es ab oder steigen auf ein anderes Präparat um.

  • Große Blut- und Flüssigkeitsverluste nach Unfällen oder Operationen lassen sich mithilfe von Infusionen wieder ausgleichen.

  • Bei verminderter Urinausscheidung helfen harntreibende Medikamente (Diuretika), welche die Harnproduktion ankurbeln.

  • Blutwäsche (Dialyse) reinigt und entgiftet das Blut außerhalb des Körpers. Sie ist solange nötig, bis sich die Nierenfunktion wieder verbessert hat.

Eine spezifische medikamentöse Therapie gegen Nierenversagen gibt es zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht. Die Therapie besteht vielmehr darin, die auslösenden Ursachen zu beseitigen und gleichzeitig die Symptome oder Komplikationen der Nierenfunktionsstörung zu lindern: Die Grunderkrankung wird behandelt oder die zugrunde liegende krankheitserregende Ursache ausgeschaltet, und die Nierendurchblutung wird normalisiert.

Etwaigen Komplikationen des Nierenversagens sollte möglichst vorgebeugt werden. Solange eine Insuffizienz vorliegt, ist es deshalb notwendig, den Flüssigkeits- und Elektrolyt-Haushalt (vor allem Natrium und Kalium) auszugleichen sowie Komplikationen wie eine Anreicherung von harnpflichtigen Substanzen (urämische Intoxikation) zu verhindern. Ziel aller Maßnahmen ist es, die natürliche Filterfunktion der Niere wieder herzustellen.

Sollte das akute Nierenversagen postrenale Ursachen haben, also durch einen behinderten Harnabfluss bedingt sein, dann ist es notwendig, die ableitenden Harnwege rasch zu entlasten. Ist ein Nierenversagen bereits eingetreten, dann ist eine Dialyse notwendig, um das Blut zu entgiften. Liegt eine bakterielle Infektion vor, müssen geeignete Antibiotika eingesetzt werden. Trotz rascher Behandlung ist das akute Nierenversagen eine schwerwiegende Erkrankung. Tritt es zum Beispiel im Rahmen eines Multiorganversagens auf, ist es auch heute noch mit einer hohen Sterblichkeitsrate verbunden.

Verlauf und Prognose des Nierenversagens

Bei einem akuten Nierenversagen gibt die Menge des ausgeschiedenen Urins wichtigen Aufschluss über den Fortschritt der Krankheit. Bei der häufigsten Verlaufsform des akuten Nierenversagens kann die Harnmenge je nach Stadium deutlich von der normalen Menge von einem bis 1,5 Liter(n) pro Tag abweichen.

Stadien bei chronischer Niereninsuffizienz

  • Stadium I: Eine Grunderkrankung schädigt die Nieren. Die Urinmenge beträgt etwa 500 Milliliter pro Tag.
  • Stadium II: Nach neun bis elf Tagen liegt die Urinmenge deutlich unter 500 Milliliter pro Tag. Urinuntersuchungen ergeben Eiweiß und Blut im Urin. Es können Herzrhythmusstörungen, eine akute Übersäuerung und Muskelschwächen auftreten.
  • Stadium III: Innerhalb von zwei bis drei Wochen steigert sich die Harnausscheidung auf über zwei Liter täglich.
  • Stadium IV: Die Nierenfunktion normalisiert sich weitestgehend wieder. Sie kann aber eingeschränkt bleiben. Die Harnmenge beträgt wieder einen bis 1,5 Liter(n) täglich.

Verlaufsformen der akuten Niereninsuffizenz, die nicht mit dem Symptom einer verminderten Harnmenge einhergehen, treten seltener auf und haben oft eine günstigere Prognose, führen also seltener zum Nierenversagen.

Bei prä- und postrenaler akuter Niereninsuffizienz ist, wenn die Ursachen für die Beschwerden rechtzeitig beseitigt werden, die Nierenfunktion meist vollständig wiederherstellbar. Bei intrarenalem akutem Nierenversagen ist die Prognose vor allem dann schlechter, wenn vor Behandlungsbeginn das Nierengewebe bereits deutlich geschädigt wurde. Ist dies der Fall, droht ein Übergang der akuten Symptomatik in ein chronisches Nierenversagen.

Verlauf der Niereninsuffizienz

Die akute Niereninsuffizienz kann das Leben bedrohen. Betroffen sind oft Patienten auf einer Intensivstation, die unter schweren Krankheiten leiden, Operationen hinter sich haben oder schwere Unfälle erlitten haben. Bei diesen ist die Prognose weniger günstig. Erkennen Ärzte die Niereninsuffizienz jedoch rechtzeitig und sind Betroffene nicht durch schwere Krankheiten geschwächt, lässt sie sich gut behandeln. Ein akutes Nierenversagen kann sogar wieder ohne Folgen ausheilen, wenn sich die Nieren erholt haben. In diesem Fall ist die Prognose beim akuten Nierenversagen vergleichsweise günstig.

Kann man akutem Nierenversagen vorbeugen?

Einem akuten Nierenversagen lässt sich vorbeugen, wenn Ärzte eine bestehende Grunderkrankung ausreichend behandeln. Bei Operationen, die das Risiko für eine akute Niereninsuffizienz erhöhen, beugen Ärzte vor, indem Sie den Blutdruck, das Blutvolumen und den Flüssigkeitshaushalt intensiv überwachen. 

Manche Medikamente besitzen nierenschädigende Wirkungen, zum Beispiel Schmerzmittel mit den Wirkstoffen Ibuprofen, Diclofenac oder Paracetamol. Sie sind meist ohne Rezept in Apotheken erhältlich. Nehmen Sie solche Medikamente immer so ein, wie es in der Packungsbeilage steht. Am besten besprechen Sie die Einnahme der Medikamente immer mit Ihrem Arzt. Das gilt besonders, wenn Sie schon eine Nierenerkrankung haben. Denn das Risiko für ein akutes Nierenversagen ist erhöht.

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