Symptome und zugrunde liegende Erkrankungen

Akutes Nierenversagen: Was tun im Notfall?

Die Funktion des Filter- und Ausscheidungsorgans kann sich innerhalb weniger Stunden rapide verschlechtern oder komplett versagen. Wie kommt es dazu und was ist zu tun? Antworten auf die wichtigsten Fragen erhalten Sie in diesem Artikel!

nierenversagen
Vorsicht: Manche Medikamente belasten die Nieren sehr stark.
(c) Stockbyte

Das akute Nierenversagen ist eine innerhalb von Stunden bis Tagen eintretende, prinzipiell umkehrbare Verschlechterung der Nierenfunktion, die mit einem erhöhten Sterblichkeitsrisiko einhergeht. Eine umgehende Behandlung ist unerlässlich.

Der Begriff akutes Nierenversagen (akute Niereninsuffizienz) bezeichnet eine vorübergehende, plötzlich auftretende unzureichende oder völlig ausgefallene Nierenfunktion. Infolgedessen sammeln sich nicht mehr ausgeschiedene Giftstoffe im Körper an. Die Harnproduktion kann normal oder vermindert sein oder sogar komplett ausfallen.

Bei fehlender Ausscheidung kann es zu erheblichen Wassereinlagerungen im Körper kommen. Ein akutes Nierenversagen kann in ein chronisches Nierenversagen übergehen. Etwa 18 bis 30 von 100.000 Einwohnern erleiden ein akutes Nierenversagen.

Freunde und Feinde der kranken Niere

Symptome: Anzeichen für die verschiedenen Stadien des akuten Nierenversagens

Bei einem akuten Nierenversagen gibt die Menge des ausgeschiedenen Urins wichtigen Aufschluss über den Fortschritt der Krankheit. Bei der häufigsten Verlaufsform des akuten Nierenversagens kann die Harnmenge je nach Stadium deutlich von der normalen Menge von einem bis 1,5 Liter(n) pro Tag abweichen.

Die verschiedenen Stadien der Niereninsuffizienz

  • Stadium I: Eine Grunderkrankung schädigt die Nieren. Die Urinmenge beträgt etwa 500 Milliliter pro Tag.
  • Stadium II: Nach neun bis elf Tagen liegt die Urinmenge deutlich unter 500 Milliliter pro Tag. Urinuntersuchungen ergeben Eiweiß und Blut im Urin. Es können Herzrhythmusstörungen, eine akute Übersäuerung und Muskelschwächen auftreten.
  • Stadium III: Innerhalb von zwei bis drei Wochen steigert sich die Harnausscheidung auf über zwei Liter täglich.
  • Stadium IV: Die Nierenfunktion normalisiert sich weitestgehend wieder. Sie kann aber eingeschränkt bleiben. Die Harnmenge beträgt wieder einen bis 1,5 Liter(n) täglich.

Verlaufsformen der akuten Niereninsuffizenz, die nicht mit dem Symptom einer verminderten Harnmenge einhergehen, treten seltener auf und haben oft eine günstigere Prognose, führen also seltener zum Nierenversagen.

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Anzeichen des akuten Nierenversagens

Seit 2004 gibt es eine vereinheitlichende Einteilung für die Stadien des akuten Nierenversagens (akute Niereninsuffizienz), die sogenannte RIFLE-Klassifikation. RIFLE ist ein Akronym und steht für Risk-Injury-Failure-Loss-ESRD (End Stage Renal Disease). Übersetzt steht dies für die folgende Stadieneinteilung: Risiko – Schädigung – Versagen der Nieren – Verlust der Nierenfunktion – terminales Nierenversagen.

  • Risk (Risiko): Urin-Ausscheidung unter 0,5 Milliliter (ml) pro Kilogramm (kg) pro Stunde (h) für sechs Stunden; 1,5- bis zweifacher Anstieg des Kreatinin-Wertes

  • Injury (Schädigung): Urin-Auscheidung unter 0,5 ml/kg/h für zwölf Stunden; zwei- bis dreifacher Anstieg des Kreatinin-Wertes

  • Failure (zunehmende Einschränkung der Nierenfunktion): Urin-Ausscheidung unter 0,3 ml/kg/h für einen Tag oder komplett fehlende Urinausscheidung (Anurie) für zwölf Stunden; mehr als dreifacher Kreatininanstieg oder Serum-Kreatinin größer als 4 mg/dl mit einem akuten Anstieg um mindestens 0,5 mg/dl

  • Loss (Verlust der Nierenfunktion): Nierenversagen für mehr als vier Wochen

  • ESRD (terminales Nierenversagen): Dauerhaftes Nierenversagen für mehr als drei Monate

Infolge der Nierenfunktionsstörung, die zum Beispiel durch ein Abflusshindernis zustande kommt, besteht das Risiko einer Harnvergiftung (Urämie). Harnpflichtige Substanzen reichern sich im Organismus an und können nicht mehr ausgeschieden werden. Der Blutdruck steigt an, Kopfschmerzen, Sehstörungen, Müdigkeit, Fieber, Schmerzen und Juckreiz in der Nierengegend können auftreten und sich Wassereinlagerungen an Augen und Beinen bilden. Mit diesen Symptomen der akuten Niereninsuffizienz sollten Sie umgehend zum Arzt gehen.

Ursachen: Warum kommt es zum akuten Nierenversagen?

Es gibt vielerlei Gründe für die rasche Verschlechterung der Nierenfunktion. Sie reichen von Harnabflussstörungen, schweren Infektionskrankheiten, postoperativen Komplikationen bis hin zu Verbrennungen. Bei etwa der Hälfte der Patienten ist eine Blutvergiftung (Sepsis) die Ursache für das akute Nierenversagen (akute Niereninsuffizienz), und bei etwa 30 Prozent der Patienten war die Nierenfunktion bereits vor dem akuten Nierenversagen eingeschränkt. Die Ursachen können nach ihrer Lage – prärenal, intrarenal oder postrenal – eingeteilt werden.

  1. Prärenale Ursachen (der Grund liegt vor der Niere): Vor der Niere liegende Ursachen führen zu einer verminderten Nierendurchblutung und Sauerstoffversorgung der Niere. Die verminderte Nierendurchblutung kann die Folge von Blut- und Flüssigkeitsverlusten bedingt durch größere Operationen (postoperatives Nierenversagen) oder Unfälle sein. Auch Verbrennungen, schwere Entzündungen mit Kreislaufversagen, Lungenembolien, Herzerkrankungen sowie bestimmte Medikamente wie NSAR (nichtsteroidale Antirheumatika) und ACE-Hemmer können die Nierendurchblutung stark beeinträchtigen.

  2. Intrarenale Ursachen (der Grund für das Nierenversagen in der Niere): Entzündungen der Gefäße wie eine Vaskulitis oder Entzündungen des Nierengewebes wie eine Glomerulonephritis sowie bakterielle Infektionen (Pyelonephritis) und virale Infektionen (interstitielle Nephritis) schädigen die Niere. Auch Nieren-schädigende Medikamente (etwa Antibiotika, Zytostatika, Kontrastmittel, Lösungsmittel, Ethylenglykol und Anästhetika) und allgemeine Störungen des Immunsystems können Ursache eines akuten Nierenversagens (akute Niereninsuffizienz) sein. Zudem kann die Ablagerung körpereigener Stoffe wie Myoglobin und Hämoglobin in den Nierenkanälchen diese schädigen und zu einem Nierenversagen führen.

  3. Postrenale Ursachen (der Grund für das Nierenversagen liegt im ableitenden Harnleitersystem): Es besteht eine angeborene oder erworbene Abflussbehinderung entlang der ableitenden Harnwege zu denen Nierenbecken, Harnleiter, Blase und Harnröhre zählen. Der behinderte Harnabfluss kann verursacht sein durch Nieren-, Harn- oder Blasensteine, Tumore (Prostata-, Blasen-, Gebärmutterhals-Tumor), eine vergrößerte Prostata oder verengte Harnröhre. Auch ein Ödem der Harnröhrenwand, verursacht durch das Legen eines Katheters, kann den Harnabfluss stark behindern. Der Urin kann nicht mehr abfließen und staut sich bis zu den Nieren zurück. Das Nierengewebe wird dadurch geschädigt und büßt an Funktionsfähigkeit ein.

Diagnosestellung: Daran erkennt der Arzt, dass die Nieren versagen

Es gibt verschiedene Parameter, die zur Diagnose eines akuten Nierenversagens herangezogen werden. Es erfolgt eine Stufendiagnostik:

Anamnese: Es wird geklärt, inwieweit chronische Vorerkrankungen, wie Diabetes mellitus oder früher dokumentierte Nierenfunktionseinschränkungen, vorliegen. Wurden nierentoxische Medikamente eingenommen?

Körperliche Untersuchung: Abgeklärt werden der Blutdruck, die Blasenfüllung, der Nierenklopfschmerz. Liegen Lungenstauung oder eine Flüssigkeitsansammlung im Bereich des Herzbeutels (Perikarderguss) vor? Ist der Betroffene bei vollem Bewusstsein? Wie ist die Hautpigmentierung, hat der Betroffene Ödeme, oder leidet er an Austrocknung?

Blutuntersuchungen: Es werden zum Beispiel die Werte für Harnsäure, Elektrolyte (wie Natrium, Kalium, Phosphat und Kalzium), Säure-Basen-Status, Glukose und Albumin untersucht. Weiterführende Untersuchungen sind möglich.

Urinuntersuchungen, etwa auf Proteinurie (erhöhter Eiweißverlust über den Urin), Kreatinin, Harnstoff, Harnsäure, pH-Wert, Leukozyturie, Hämoglobin und Myoglobin. Erhöhte Kreatinin- und Harnstoffwerte sind mögliche Zeichen einer Nierenschädigung.

Urinvolumen sowie das Urinsediment: Die ausgeschiedene Urinmenge lässt Aussagen zu Schweregrad und Verlauf des akuten Nierenversagens zu.

EKG: Es wird zum Beispiel abgeklärt, ob Herzrhythmusstörungen als Zeichen einer Hyperkaliämie (erhöhte Kaliumwerte im Serum) vorliegen, da eine verminderte Kaliumausscheidung über die Nieren charakteristisch für eine Niereninsuffizienz ist. Mögliche weitere Anzeichen für eine Hyperkaliämie sind Lähmungserscheinungen, metallischer Mundgeschmack und Verwirrtheit.

Bildgebende Untersuchungen: Es erfolgt eine Ultraschalluntersuchung der Nieren. Besonders wird auf Nierengröße, Lage, Kontur, Beschaffenheit, Nierendurchblutung, Harnsteine und eventuell vorliegende Zeichen eines Harnstaus geachtet. Weiterhin wird eine Röntgenaufnahme des Brustraums angefertigt. Außer einer Nierenleeraufnahme können eine Computertomographie (CT) des Unterbauchraums oder eine Magnetresonanztomographie (MRT) des Unterbauchraums, gegebenenfalls mit MRT-Angiographie der Nieren erfolgen. Besteht Verdacht auf einen Nierenarterienverschluss, kann zudem eine Szintigrafie, ein nuklearmedizinisches bildgebendes Verfahren, das mit kurzlebigen radioaktiven Stoffen arbeitet, verwendet werden. Eine mit Ultraschall arbeitende Methode der Herzdiagnostik, die Echokardiographie, ist einsetzbar, wenn Herzprobleme vermutet werden.

Nierenbiopsie: Die Gewebsentnahme kann Aufschluss über verändertes Nierengewebe geben.

Behandlung: So wird Nierenversagen therapiert

Die Behandlung des akuten Nierenversagens besteht in erster Linie darin, die Auslöser zu beseitigen und die Symptome zu lindern.

Eine spezifische medikamentöse Therapie gegen Nierenversagen gibt es zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht. Die Therapie besteht vielmehr darin, die auslösenden Ursachen zu beseitigen und gleichzeitig die Symptome oder Komplikationen der Nierenfunktionsstörung zu lindern: Die Grunderkrankung wird behandelt oder die zugrunde liegende krankheitserregende Ursache ausgeschaltet (etwa Ausgleich eines Flüssigkeitsdefizits oder das Absetzen eines Medikamentes), und die Nierendurchblutung wird normalisiert.

Etwaigen Komplikationen des Nierenversagens sollte möglichst vorgebeugt werden. Solange eine Insuffizienz vorliegt, ist es deshalb notwendig, den Flüssigkeits- und Elektrolyt-Haushalt (vor allem Natrium und Kalium) auszugleichen sowie Komplikationen wie eine Anreicherung von harnpflichtigen Substanzen (urämische Intoxikation) zu verhindern. Ziel aller Maßnahmen ist es, die natürliche Filterfunktion der Niere wieder herzustellen.

Sollte das akute Nierenversagen postrenale Ursachen haben, also durch einen behinderten Harnabfluss bedingt sein, dann ist es notwendig, die ableitenden Harnwege rasch zu entlasten. Ist ein Nierenversagen bereits eingetreten, dann ist eine Dialyse notwendig, um das Blut zu entgiften. Liegt eine bakterielle Infektion vor, müssen geeignete Antibiotika eingesetzt werden. Trotz rascher Behandlung ist das akute Nierenversagen eine schwerwiegende Erkrankung. Tritt es zum Beispiel im Rahmen eines Multiorganversagens auf, ist es auch heute noch mit einer hohen Sterblichkeitsrate verbunden.

Verlauf und Prognose des Nierenversagens

Der weitere Verlauf des akuten Nierenversagens ist eng mit der Grunderkrankung verknüpft, die für die Krankheit verantwortlich ist.

Bei prä- und postrenaler akuter Niereninsuffizienz ist, wenn die Ursachen für die Beschwerden rechtzeitig beseitigt werden, die Nierenfunktion meist vollständig wiederherstellbar. Bei intrarenalem akutem Nierenversagen ist die Prognose vor allem dann schlechter, wenn vor Behandlungsbeginn das Nierengewebe bereits deutlich geschädigt wurde. Ist dies der Fall, droht ein Übergang der akuten Symptomatik in ein chronisches Nierenversagen.

Kann man akutem Nierenversagen vorbeugen?

Der akuten Niereninsuffizienz lässt sich nur vorbeugen, indem die auslösenden Grunderkrankungen rechtzeitig behandelt werden.

Es ist bekannt, dass ein schlecht oder nicht ausreichend eingestellter Diabetes die Entwicklung einer diabetischen Nephropathie begünstigt. Somit ist das Risiko für ein akutes Nierenversagen (akute Niereninsuffizienz) erhöht. Deshalb ist es unerlässlich, dass die Blutzucker- und Blutdruckeinstellung optimiert werden. Auch Operierte und Patienten auf einer Intensivstation haben ein erhöhtes Risiko für ein Nierenversagen, wenn es zu einer Infektion oder zu einer Sepsis kommt. Deshalb muss vorab alles getan werden, um dies zu vermeiden.

Wer eine gestörte Nierenfunktion hat und deshalb als Risikopatient gilt, sollte Schmerzmittel aus der Gruppe der NSAR und die Blutdruck senkenden ACE-Hemmer möglichst vermeiden. Sie können stark Nieren-schädigend sein und eine etwaige Nierenfunktionsstörung zusätzlich verschlimmern, was das Risiko für ein akutes Nierenversagen erhöht.

Autor:
Letzte Aktualisierung:28. Januar 2017
Durch: sba
Quellen: W.H. Schmitt, R. Nowack: Akutes Nierenversagen bei pulmorenalem Syndrom, Nephrologe 2009,4, 107-117, Springer Medizin Verlag J. Roggenbach, C. Morath: Postoperatives Nierenversagen, Nephrologe 2009,4, 118-127, Springer Medizin Verlag B.D. Bader, Ch. M. Erley: Akutes Nierenversagen; Therapie innerer Krankheiten 2005, Sektion C, 599-612, DOI: 10.1007/3-540-26504-X_34 Keller, Geberth: Praxis der Nephrologie, 2.Auflage 2007, Springer Medizin Verlag Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch, de Gruyter, 256. Auflage Springer Lexikon Medizin, P. Reuter, 2004, Springer Medizin Verlag

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