Morbus Meulengracht: Angeborene Stoffwechselstörung

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Morbus Meulengracht ist eine erblich bedingte, angeborene Stoffwechsel- und Transportstörung der Leber. Welche Symptome auftreten, welche Medikamente problematisch sind und was den Enzymdefekt beeinflusst.

Morbus Meulengracht: Erblicher Enzymdefekt
© Getty Images/MediaProduction

Bei Morbus Meulengracht handelt es sich um einen häufigen, angeborenen Enzymdefekt der Leber. Da es nur selten zu Beschwerden kommt, hat das Syndrom keinen eigenständigen Krankheitswert: Es ist in der Regel harmlos.

Im Überblick:

Blutbild: Wichtige Werte und was sie bedeuten

Was ist Morbus Meulengracht?

Für die genetische bedingte Stoffwechselstörung, die am häufigsten Morbus Meulengracht genannt wird, gibt es viele Synonyme: Morbus Gilbert-Meulengracht, Gilbert-Meulengracht-Syndrom, Icterus intermittens juvenilis, familiärer nichthämolytischer Ikterus oder funktionelle Hyperbilirubinämie. Obwohl die lateinische Bezeichnung "Morbus" auf Deutsch "Krankheit" bedeutet, handelt es sich aus ärztlicher Sicht nicht um eine echte Krankheit, da es bei Morbus Meulengracht nicht zu einer Schädigung der Leber kommt und die Beschwerden eher harmlos sind. Deshalb wird vermehrt der Name Gilbert-Meulengracht-Syndrom verwendet.

Der Enzymdefekt des Syndroms ist vererblich. Aufgrund des sogenannten autosomal-rezessiven Erbgangs gibt es familiäre Häufungen der Stoffwechselstörung. Kinder mit einem betroffenen Elternteil haben ein deutlich erhöhtes Risiko, ebenfalls an der Enzymstörung zu leiden. Tragen beide Elternteile die Mutation des Gens in sich, so erben es die Kinder immer.

Häufigkeit des Gendefekts

In Deutschland sind etwa fünf bis neun Prozent der Bevölkerung vom Gilbert-Meulengracht-Syndrom betroffen, allerdings weisen zehn bis siebzehn Prozent aller Deutschen die Erbanlage auf. Bei Männern und Menschen mit dunkler Haut sind die Zahlen höher – Frauen und Personen mit heller Hautfarbe sind seltener betroffen. Symptome des Stoffwechselproblems treten besonders im Alter zwischen 15 und 40 Jahren auf, aber auch andere Altersgruppen können betroffen sein.

Ursache für Morbus Meulengracht

Die Ursache des Morbus Meulengracht ist eine Störung der Glucuronidierung. Dabei handelt es sich um eine Funktionsstörung der sogenannten UDP-Glucuronosyltransferase, ein Enzym, das den gelbroten Gallenfarbstoff Bilirubin wasserlöslich und somit gut ausscheidbar macht. Diesen Prozess bezeichnen Fachleute auch als Konjugation.

Bilirubin ist ein Abbauprodukt roter Blutkörperchen (Erythrozyten), es entsteht wenn diese nach einer etwa 120-tägigen Lebensdauer abgebaut und erneuert werden. Aus dem roten Blutfarbstoff Hämoglobin, der bei diesem Abbau freigesetzt wird, entsteht in Leber, Milz und Knochenmark Bilirubin.

Zuerst liegt das Bilirubin in einer nicht-wasserlöslichen Form vor, die nicht über Darm oder Niere ausgeschieden werden kann. Deshalb wird das nicht-wasserlösliche Bilirubin in die Leber transportiert, wo es durch die UDP-Glucuronosyltransferase in konjugiertes Bilirubin umgewandelt wird. Diese wasserlösliche Form kann dann über den Darm und die Nieren ausgeschieden werden.

Beim Gilbert-Meulengracht-Syndrom arbeitet dieses Enzym nicht richtig und der Wert des nicht-wasserlöslichen (unkonjugierten) Bilirubins steigt an. In ausgeprägten Fällen kann die Funktion zeitweise um 70 Prozent reduziert sein. Da die Restaktivität der UDP-Glucuronosyltransferase aber noch ausreichend ist und der Körper auch auf anderen Wegen die Umwandlung des Bilirubins bewerkstelligen kann, sind die entstehenden Symptome des Gilbert-Meulengracht-Syndroms eher harmlos.

Ein schwererer Gendefekt führt hingegen zum sogenannten Crigler-Najjar-Syndrom, bei dem die UDP-Glucuronosyltransferase fast oder komplett funktionslos ist. Hierbei handelt es sich um eine lebensbedrohliche Erkrankung.

Bilirubin erhöht nach Sport

Bilirubin wird im Körper noch auf eine zweite Art gebildet. In der Muskulatur gibt es ein Eiweiß, das Myoglobin genannt wird. Es besitzt ähnliche Eigenschaften wie Hämoglobin und versorgt die Muskulatur mit Sauerstoff. Der Abbau von Myoglobin läuft ähnlich ab wie der von Hämoglobin. Kommt es nun bei starker Muskelbetätigung zu einem vermehrten Muskelzellabbau, wird vermehrt Myoglobin frei und es fällt mehr Bilirubin an.

Welche Symptome werden durch den Morbus Meulengracht ausgelöst?

Die meisten Menschen mit einem Gilbert-Meulengracht-Syndrom haben keine oder nur sehr leichte Symptome. Zentral ist vor allem ein Überschuss des unkonjugierten Bilirubins in der Leber und im Blut (Hyperbilirubinämie). Die Folgen des erhöhten Bilirubinspiegels sind ein sogenannter Sklerenikterus (Gelbfärbung der Bindehaut der Augen, die sonst weiß erscheint) und in selteneren Fällen ein leichter Ikterus (Gelbsucht) mit Gelbfärbung der Haut. Die Gelbfärbung entsteht, wenn Bilirubin aus den Blutgefäßen in die Gewebe austritt und sich dort einlagert. Beides ist nur vorübergehend und steht nicht immer im direkten Zusammenhang mit dem aktuellen Bilirubinwert.

Symptome treten nur sporadisch auf

In den meisten Fällen sind die Symptome allerdings dann besonders ausgeprägt, wenn vermehrt Bilirubin gebildet wird und durch den Enzymdefekt nicht ausreichend umgewandelt werden kann. Auslöser für solch einen Schub können folgende Faktoren sein:

  • Sport und andere muskuläre Anstrengung
  • Alkohol
  • Nikotin
  • Fettarme Ernährung
  • längere Fastenperioden
  • Infektionen
  • Stress
  • Schlafmangel

Wie lange ein Morbus-Meulengracht-Schub andauert, ist individuell verschieden und unter anderem von der Restaktivität des Enzyms abhängig. Patient*innen sollten vor allem während eines Schubs weitere Auslöser meiden.

Weitere Symptome

In seltenen Fällen zeigen sich, zusätzlich oder unabhängig von der Gelbverfärbung von Augen und Haut, folgende Symptome beim Gilbert-Meulengracht-Syndrom:

Leber- oder sonstige Organschädigungen treten beim Morbus Meulengracht nicht auf.


Ist Morbus Meulengracht gefährlich?

Die Symptome des Gilbert-Meulengracht-Syndroms sind vergleichsweise harmlos. Sie treten selten und nur zeitweise auf. Im Laufe des Lebens werden alle Beschwerden besser und verschwinden mit steigendem Lebensalter oft völlig.

Ist die Stoffwechselstörung gerade sehr aktiv, leiden viele Betroffene an den kosmetischen Problemen der Gelbverfärbung von Haut und Augen. Treten dann noch begleitende Symptome hinzu, kann die Lebensqualität stark beeinträchtigt sein.

Das erstmalige Auftreten der Gelbsucht kann auf die Betroffenen sehr beunruhigend wirken, schnell denken viele dabei an schwerwiegende Lebererkrankungen wie eine Leberzirrhose. Erst die Aufklärung über den harmlosen Charakter des Morbus Meulengracht bringt Beruhigung.

In manchen Fällen verzögert das periodische Auftreten der Symptome die Diagnosesicherung, sodass viele Symptome fälschlicherweise als psychosomatische Beschwerden gedeutet werden.

Medikamente bei Morbus Meulengracht

Die Stoffwechselstörung bringt mit sich, dass Menschen mit Morbus Meulengracht bei bestimmten Medikamenten achtsam sein müssen. Auf der einen Seite gibt es Medikamente, die die Aktivität der UDP-Glucuronosyltransferase zusätzlich stark vermindern. So kann es zu einem sehr starken Anstieg der Bilirubinwerte mit starker Gelbverfärbung und heftigeren Begleitsymptomen kommen. Ein wichtiges Beispiel dafür sind sogenannte Proteasehemmer wie Indinavir und Atazanavir, die beispielsweise in der HIV-Behandlung eingesetzt werden.

Langsamer Abbau von Arzneistoffen

Mangelt es im Rahmen der Stoffwechselstörung an dem Enzym UDP-Glucuronosyltransferase, ist die Glucuronidierung, also der Abbau, einiger Wirkstoffe oftmals gestört. Dadurch wird die Verweildauer bestimmter Medikamente im Körper bei Morbus Meulengracht verlängert. Dies führt in manchen Fällen zu starken Beschwerden wie beispielsweise Migräneanfällen sowie zur Wirkungsverstärkung und Verstärkung der Nebenwirkungen.

Besonders betroffen sind folgende Medikamente:

Ist Morbus Meulengracht bekannt, sollten Patient*innen die Einnahme von Medikamenten immer ärztlich abklären.

Wie wird Morbus Meulengracht diagnostiziert?

In einer Vielzahl der Fälle ist das Gilbert-Meulengracht-Syndrom symptomlos. Viele Menschen wissen gar nicht, dass sie diesen Enzymdefekt haben. Dann können erhöhte Bilirubinwerte auffallen, die entweder bei Routineuntersuchungen oder gezielten Tests festgestellt werden. Da die Stoffwechselstörung vererblich ist, werden Kinder von betroffenen Eltern gezielt daraufhin untersucht. Das gilt insbesondere dann, wenn beide Elternteile Morbus Meulengracht aufweisen.

In allen anderen Fällen veranlasst meist die Gelbverfärbung von Augen oder Haut Betroffene dazu, eine*n Arzt*Ärztin aufzusuchen. Das Gleiche gilt für unspezifische Beschwerden wie Konzentrationsstörungen, Müdigkeit, Bauch- oder Kopfschmerzen, die routinemäßig eine Blutuntersuchung mit sich bringen. Aufgrund auffälliger Blutwerte werden oft weitere Untersuchungen zur Diagnostik veranlasst, um andere Erkrankungen mit ähnlichen Blutbildveränderungen auszuschließen. Wichtig ist etwa, dass der erhöhte Bilirubinspiegel nicht aufgrund einer Hämolyse (vermehrte Auflösung roter Blutkörperchen) besteht. Um eine Hämolyse als Ursache auszuschließen, kann beispielsweise ein großes Blutbild mit der Bestimmung der Erythrozytenzahl sinnvoll sein.

Bei dem Gendefekt zeigen die Werte im Blut oftmals ein charakteristisches Bild:

  • die Bilirubinkonzentration ist um das Drei- bis Fünffache erhöht
  • die anderen Leberwerte sind alle im Normbereich

Fastentest sichert die Diagnose

Um einen Anstieg der Bilirubinwerte zu provozieren, wird die Blutuntersuchung nach einer Fastenzeit (drei Tage lang maximal 600 kcal) oder nach der Injektion von Nikotinsäure wiederholt. Dieser Nikotin- und Fastentest lässt bei Betroffenen den Bilirubinwert deutlich ansteigen.

Gentest nicht immer notwendig

Die sicherste und eindeutigste Diagnose lässt sich mit einer Gendiagnostik stellen. Hier findet sich ein sogenannter UDT1A1-Promoter-Polymorphismus. Dieser Test ist allerdings in den seltensten Fällen tatsächlich notwendig, um die Diagnose Morbus Meulengracht zu sichern.

Ultraschalluntersuchung (Sonographie)

Die Leber ist bei Morbus-Meulengracht im Ultraschall völlig unauffällig, es zeigt sich kein Hinweis auf eine Leberschädigung wie beispielsweise bei einer Leberzirrhose.

Sind die Bilirubinwerte mäßig erhöht, die restlichen Leberwerte im Normbereich und stellt sich die Leber im Ultraschall als gesund dar, gibt es keinen Grund für weiterführende apparative Untersuchungen wie Leberpunktionen oder Gallengangsspiegelungen (ERCP).

Behandlung beim Gilbert-Meulengracht-Syndrom

Die Ursache von Morbus Meulengracht kann nicht behandelt werden, da es sich um eine angeborene, genetisch bedingte Stoffwechselstörung handelt. Der Enzymdefekt kann nicht ausgeglichen werden.

Es gibt aber Versuche, schwere Fälle mit ausgeprägten gastrointestinalen Beschwerden medikamentös zu behandeln. Bei vielen Patient*innen zeigen sich durch die Therapie mit Medikamenten wie Phenobarbital oder Rifampicin allerdings Nebenwirkungen, die schwerwiegender sind als die Symptomatik selbst.

Mit einigen Verhaltensregeln lassen sich aber die Bilirubinwerte sehr gut kontrollieren, sodass es selten zu belastenden Beschwerden kommt. Folgendes sollten Menschen mit dem Gilbert-Meulengracht-Syndrom beachten:

  • Auf Fastenkuren und Diäten jeder Art und insbesondere auf fettarme Ernährung ist zu verzichten. Die Nahrung sollte regelmäßig eingenommen werden und ansonsten normal und ausgewogen sein.

  • Grundsätzlich ist Sport und moderate Bewegung erlaubt. Bei manchen Sportarten kommt es allerdings zu einem verstärkten Abbau von Muskelzellen und damit zum Ansteigen der Bilirubinwerte. Hier muss sehr individuell zwischen dem positiven Einfluss von Sport auf das Allgemeinbefinden und der eventuellen Verstärkung der Symptome entschieden werden.

  • Stress und unregelmäßige Schlafenszeiten bestmöglich vermeiden.

  • Der Konsum von Genussmitteln wie Alkohol und Nikotin ist tabu, da sie die Bilirubinwerte erhöhen.

  • Nahrungsergänzungsmittel, Lebensmittel mit chemischen Zusatzstoffen, Ayurveda-Tees, chinesische Kräuter sowie pflanzliche Präparate sollten vorsichtig und nur in kleineren Mengen eingenommen werden. Auch wenn Studien zeigen, dass Menschen mit Morbus Meulengracht häufiger an einem Vitamin-D-Mangel leiden, ist keine Einnahme von entsprechenden Präparaten pauschal angezeigt.

  • Betroffene sollten verstärkt darauf achten, sich mit Hygieneregeln vor Infektionskrankheiten zu schützen.

Medikamente, die die UDP-Glucuronyltransferase zusätzlich reduzieren können oder deren Abbau durch den Enzymdefekt verlangsamt wird, sollten vermieden und durch andere Medikamente ersetzt werden. Insbesondere sollten Menschen mit dem Enzymdefekt Ibuprofen, Paracetamol und die Antibabypille nur nach ärztlicher Rücksprache anwenden.

Einer der wichtigsten Punkte bei der Behandlung des Morbus Meulengracht ist die Aufklärung, um herauszufinden, welche Beschwerden auf die erhöhten Bilirubinwerte zurückzuführen sind. So können Betroffene besser mit den Symptomen umgehen und die leichte Verschlechterung der Lebensqualität akzeptieren.

Wie verläuft Morbus Meulengracht?

Halten sich Betroffene mit Morbus Meulengracht an die Ernährungs- und Verhaltensregeln, können sie ein völlig normales Leben führen. Es sind insbesondere junge Menschen, die beispielsweise durch das Gilbert-Meulengracht-Syndrom Bauchschmerzen oder andere stärkere Beschwerden bekommen. Am häufigsten leiden Jungen in der Pubertät unter den Auswirkungen der Stoffwechselstörung. Mit steigendem Alter bessert sich das Gilbert-Meulengracht-Syndrom und sobald das 40. Lebensjahr überschritten ist, kommt es kaum noch zu Problemen.

Die Symptome treten meist schubweise auf. Zwischen den Phasen mit Krankheitszeichen liegen oft lange Zeiten der Beschwerdefreiheit. Die Phasen mit Problemen sind kurz, in den meisten Fällen verschwinden die Symptome nach wenigen Tagen von selbst.

Prognose und Lebenserwartung

Hinsichtlich der Lebenserwartung haben Menschen mit Morbus Meulengracht keine Einschränkung zu erwarten. Es gibt sogar neue Untersuchungen, die darauf hinweisen, dass ein Gilbert-Meulengracht-Syndrom eine Schutzfunktion vor bestimmten Darmkrebsarten, Arteriosklerose und Lungenerkrankungen mit sich bringt. Die Leber der Betroffenen ist völlig gesund und könnte sogar für eine Lebertransplantation genutzt werden.

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