Frühe Diagnose entscheidend

Morbus Wilson: Erbliche Kupferspeicherkrankheit

Durch einen genetischen Defekt reichert sich bei Morbus Wilson Kupfer im Körper an. Es kommt zu Organschäden, die insbesondere die Leber und das Gehirn betreffen. Die Erkrankung ist gut behandelbar, doch eine frühe Diagnose ist entscheidend.

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Bei Morbus Wilson liegt ein Gendefekt vor, durch den der Körper Kupfer nicht normal verstoffwechseln kann.
©iStock.com/Svisio

Morbus Wilson wird durch einen Gendefekt ausgelöst. Bei der Erkrankung kann das Spurenelement Kupfer nicht ausreichend ausgeschieden werden und sammelt sich im Körper an. Insbesondere die Leber und das Nervensystem werden durch die Folgen des gestörten Kupferstoffwechsels stark geschädigt. Unbehandelt führt die Erbkrankheit zum Tod, weshalb eine frühzeitige Diagnose entscheidend ist. Morbus Wilson ist medikamentös sehr gut therapierbar. Die Behandlung muss lebenslang erfolgen, führt aber zu Beschwerdefreiheit und einer normalen Lebenserwartung.

Artikelinhalte im Überblick:

Blutbild: Wichtige Werte und was sie bedeuten

Was ist Morbus Wilson?

Die Namen, die für die ererbte Kupferspeicherkrankheit am häufigsten gebraucht werden, sind Morbus Wilson oder Wilson Krankheit und gehen auf den amerikanischen Arzt Samuel Wilson zurück. Weitere, seltener benutzte Bezeichnungen für Morbus Wilson sind Hepatolentikuläre Degeneration, Pseudosklerose Westphal oder Westphal-Strümpell Syndrom.

Die Kupferspeicherkrankheit wird durch eine Genveränderung ausgelöst, die im autosomal-rezessiven Erbgang an die Nachkommen weitergegeben wird. Morbus Wilson wird unabhängig vom Geschlecht vererbt und kommt nur zum Ausbruch, wenn dem Kind zwei veränderte Gene vererbt wurden, eines vom Vater und eines von der Mutter. Die Eltern können also selbst gesund sein, wenn bei ihnen nur eines der beiden vorhandenen Gene von der Veränderung betroffen ist. Im Falle der Wilson Krankheit ist die Ursache eine Mutation im Gen ATP7B auf dem Chromosom 13. Inzwischen sind über 370 verschiedene Mutationen des sogenannten "Wilson's disease gene" bekannt.

Forscher gehen davon aus, dass die Wilson Krankheit bei einem von 30.000 Menschen auftritt, die Dunkelziffer wird aufgrund von fehlenden Diagnosen als hoch eingeschätzt.

Meistens zeigen sich die Symptome des Morbus Wilson erstmalig zwischen dem 13. und dem 24. Lebensjahr. Allgemein tritt die Kupferspeicherkrankheit zwischen fünf und 45 Jahren auf. Symptome der Leber können schon bei sehr jungen Kindern auffällig werden, Schädigungen des Nervensystems zeigen sich dagegen etwas später.

Ursache: Was passiert bei Morbus Wilson?

Der Körper benötigt das Spurenelement Kupfer für verschiedene Stoffwechselprozesse. Kupfer wird insbesondere für die Nervenzellen, die Knochen, das Bindegewebe und die Pigmentierung der Haut benötigt.

Mit der Nahrung nehmen wir im Durchschnitt täglich zwei bis fünf Milligramm Kupfer zu uns. Die Resorption (Aufnahme) des Kupfers aus der Nahrung erfolgt zum größten Teil über den Dünndarm und zu einem geringeren Teil über den Magen. So werden bis zu 70 Prozent des verspeisten Kupfers auch vom Körper aufgenommen, der Rest wird wieder mit dem Stuhl ausgeschieden.

Da ungebundenes, freies Kupfer bereits in kleinen Mengen giftig ist, wird das Spurenelement im Körper normalerweise immer an bestimmte Nährstoffe gebunden und ist in dieser gebundenen Form ungefährlich. Freies Kupfer führt über die Bildung sogenannter "freier Radikale" zu Zellschädigungen.

In gebundener Form wird das Kupfer zur Leber transportiert, in der sich das sogenannte Wilson-Protein befindet. Dessen Aufgabe ist es, die Kupfermoleküle mit der Vorstufe eines Transporteiweißes zu vereinen. So kann sich am Ende Coeruloplasmin bilden, das über den Blutkreislauf den gefahrlosen Transport des Kupfers zu Organen und Geweben ermöglicht. Dort kann das benötigte Spurenelement dann verarbeitet werden. Überschüssiges Kupfer wird bei gesunden Menschen vom Wilson-Protein in die Galle abgegeben und kann so mit der Gallenflüssigkeit über den Stuhl ausgeschieden werden.

Beim Morbus Wilson ist das Wilson-Protein defekt und es sammelt sich immer mehr Kupfer in den Leberzellen an. Die Leber kann nicht mehr richtig arbeiten und auch die Ausscheidung von Kupfer über die Galle funktioniert kaum noch. Die Menge an ausgeschiedenem Kupfer über die Galle reduziert sich von täglich zwei Milligramm auf 0,2 bis 0,4 Milligramm. Die Bildung von Coeruloplasmin findet nahezu nicht mehr statt.

Sind die Kupferspeicher der Leber voll, kommt immer mehr ungebundenes, freies Kupfer in den Blutkreislauf. Es lagert sich neben der Leber auch in anderen Organen und Geweben, etwa im Gehirn sowie in den Augen und Nieren ab. Dadurch kommt es zunehmend zu Zellschäden und Funktionsstörungen mit entsprechenden Symptomen.

Symptome des Morbus Wilson

Beim Morbus Wilson können sehr viele Symptome auftreten, die durch die Kupferablagerungen in den unterschiedlichen Organen und den daraus entstehenden Zellschädigungen bedingt sind. Es gibt keine charakteristischen Symptome, die eine zweifelsfreie Diagnose ermöglichen. Lediglich der Augenbefund und der sogenannte "flapping" Tremor können einen starken Verdacht auf das Vorliegen eines Morbus Wilson begründen.

Es wird zwischen einer nicht neurologischen und einer neurologischen Verlaufsform unterschieden. Bei der nicht neurologischen Form entstehen die Symptome hauptsächlich im Zusammenhang mit den Leberschäden, die neurologische Verlaufsform zeigt vermehrt Schäden im Bereich des Nervensystems. Die meisten Betroffenen zeigen Kombinationen aus den Symptomen beider Verlaufsformen, die Ursache für das Vorliegen einer bestimmten Verlaufsform ist bislang ungeklärt. Folgende Symptome können bei Morbus Wilson auftreten:

Leber:

Augen:


  • Kayser-Fleischer-Kornealring: Durch die Einlagerung von Kupfer in die Hornhaut entsteht im Auge ein goldbrauner oder grünlicher Ring um die Iris
  • Sonnenblumen-Katarakt: Gelblich-braune Kupferablagerungen in der Augenlinse
  • Augenzittern (Nystagmus)

Nervensystem:

  • Ruhe-, Halte-, Intentionstremor und vor allem "flapping" Tremor (grobschlägiges Zittern oder ruckartige Zuckungen der Arme und Beine, der eigentlich kein Tremor im eigentlichen Sinn ist, sondern ein kurzzeitiger Verlust der Muskelspannung, dem eine reflektorische Korrekturbewegung folgt)
  • Sprachstörungen
  • Morbus Parkinson-ähnliche Symptome mit erhöhtem Muskeltonus
  • Bewegungsstörungen ähnlich der Chorea Huntington, mit ruckartigen Zuckungen der Extremitäten
  • gestörte Feinmotorik wie beispielsweise Schreibstörungen
  • Gang- und Koordinationsstörungen
  • Schluckstörungen (Dysphagie) und erhöhter Speichelfluss

Psyche:

  • Persönlichkeitsstörung (gestörte Affekt- und Impulskontrolle)
  • Verhaltensstörung (Beeinträchtigung des sozialen Umgangs)
  • kognitive Störungen (Verminderung der Intelligenzleistung, demenzielle Symptome)
  • Depressionen

Nieren:

Blutwerte:

  • Blutarmut (Anämie)
  • Blutgerinnungsstörungen
  • Verminderung der weißen Blutkörperchen (Leukopenie) oder der Blutplättchen (Thrombopenie)

Herz:

Bewegungsapparat:

Magen-Darmtrakt:

Epilepsie:

  • selten fokale oder generalisierte Anfälle

Hormonstörungen:

  • verspätet einsetzende Pubertät
  • Ausbleiben der Regelblutung (Amenorrhoe)

Diagnostik beim Morbus Wilson

Es ist wichtig, eine Kupferspeicherkrankheit frühzeitig zu erkennen, um mit der richtigen Therapie sobald wie möglich zu beginnen.

In Familien, in denen ein Mitglied an Morbus Wilson erkrankt ist, müssen über Familienstammbäume diejenigen Kinder identifiziert werden, die ebenfalls die Genveränderung in sich tragen könnten. Bei Kindern mit möglicher genetischen Veranlagung müssen im vierten oder fünften Lebensjahr erstmals Untersuchungen auf die Wilson-Krankheit durchgeführt werden.

Bei allen Personen, bei denen eine unklare Lebererkrankung auftritt oder die vor dem 45. Lebensjahr unter Morbus Parkinson-ähnlichen Beschwerden leiden, sollte eine Kupferspeicherkrankheit ausgeschlossen werden.

Neben der familiären Komponente sind Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Bewegungs- und Koordinationsstörungen, Zittern der Hände und Hautveränderungen wie Gelbverfärbung von Haut und Augen (Ikterus) die auffälligsten Erstsymptome.

Der Verdacht kann durch verschiedene Untersuchungen vom Hausarzt erhärtet werden, bevor die endgültige Diagnose durch verschiedene Fachärzte wie einem Facharzt für Neurologie (Neurologe) gestellt wird.

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Folgende Untersuchungen werden durchgeführt, um die Diagnose Morbus Wilson zu stellen oder festzustellen, wie weit die Erkrankung bereits fortgeschritten ist:

  • Abtasten und Ultraschalluntersuchung der Leber

  • neurologische Untersuchungen

  • Laborwerte: Gesamt-Kupfer im Serum, Coeruloplasmin im Serum, Leberwerte, Differentialblutbild mit Thrombozyten, Elektrolytwerte, Eisenspiegel

  • Urinuntersuchung im Labor: Kupfermenge im 24h Urin

  • augenärztliche Untersuchung: Spaltlampenuntersuchung zum Nachweis des Kayser-Fleischer-Kornealrings und der Sonnenblumen-Katarakt

  • Magnetresonanztomografie (MRT) des Kopfes (alle fünf Jahre zu wiederholen)

  • transkranielle Duplexsonographie (Untersuchung auf Gefäßveränderungen der Hirngefäße)

  • Gewebeprobe aus der Leber (Leberbiopsie) mit feingeweblicher Untersuchung (Histologie)

  • genetische Testung (aufgrund der hohen Zahl möglicher Mutationen sehr schwierig)

Behandlung des Morbus Wilson

Der ursächliche Gendefekt des Morbus Wilson ist nicht behandelbar, eine Heilung ist daher nicht möglich.

Das Ziel einer Behandlung ist deshalb, den Kupfergehalt im Körper zu senken. Medikamente entziehen dem Körper das Kupfer oder vermindern die Kupferaufnahme aus der Nahrung, sodass die Menge an Kupfer im Körper auf einem ungefährlichen Niveau gehalten wird.

Für die Therapie von Morbus Wilson stehen zwei Medikamententypen zur Verfügung:

  • Chelatbildner (Komplexbildner): Medikamente mit den Wirkstoffen Trientine oder D-Penicillamin binden das im Körper vorhandene Kupfer in einem wasserlöslichen Komplex, der dann über die Nieren ausgeschieden werden kann.

  • Zink: Zinksalze wie Zinkacetat oder Zinksulfat sorgen dafür, dass im Darm weniger Kupfer aus der Nahrung aufgenommen wird.

Die Chelatbildner sind die Medikamente der ersten Wahl, wenn bei den Betroffenen bereits Symptome bestehen. Besonders D-Penicillamin schleust mehr Kupfer aus dem Körper als aufgenommen wird. Allerdings kommt es durch die Medikation bei bis zu 20 Prozent der Betroffenen zu teils schweren Nebenwirkungen und die Behandlung muss dann auf die nebenwirkungs- aber auch wirkungsschwächeren Chelatbildner Trientine umgestellt werden.

Ist genug Kupfer aus dem Körper entfernt oder hatte der Betroffene bisher keine Symptome entwickelt, kann die Therapie mit Zink durchgeführt werden. Bei der Behandlung von Morbus Wilson ist auch eine Kombinationen von Chelatbildnern und Zink möglich.

Wenn ein Morbus Wilson nicht, oder nur unzureichend behandelt wird, besteht die Gefahr einer starken Leberschädigung. In besonders schweren Fällen kann es zum Leberversagen kommen. Durch eine notfallmäßige Infusionsbehandlung mit dem kupferbindenden Eiweiß Albumin sowie einer Bauchfelldialyse (Peritonealdialyse) können Ärzte versuchen, das überschüssige Kupfer aus dem Körper zu entfernen. Die einzig langfristig lebensrettende Maßnahme ist in so einem Fall aber die Lebertransplantation. Da die Spenderleber nicht von dem Gendefekt betroffen ist, müssen nach der Transplantation keine Medikamente zur Therapie des Morbus Wilson mehr eingenommen werden.

In Schwangerschaft und Stillzeit müssen die Medikamente in einer angepassten, meist reduzierten Dosierung weiterhin eingenommen werden. Ein Morbus Wilson schließt eine Schwangerschaft nicht aus.

Ernährung bei Morbus Wilson

Betroffene sollten auf eine kupferarme Ernährung und kupferarmes Leitungswasser achten. Je nach Wohnort kann die Kupferkonzentration im Leitungswasser erhöht sein, sodass Menschen mit Morbus Wilson dieses Wasser filtern sollten. Auch kupferhaltiges Kochgeschirr sollten Betroffene nicht benutzen.

Folgende Nahrungsmittel sind stark kupferhaltig und deshalb zu meiden:

  • Schokolade
  • Brokkoli
  • Champignons
  • Hafer
  • Innereien (insbesondere Leber)
  • Krustentiere wie Krebs, Hummer oder Krabbe
  • Nüsse
  • Vollkornprodukte
  • Rosinen
  • Kakao

Eine kupferarme Ernährung ist nicht ausreichend, um Morbus Wilson effektiv zu behandeln. Sie unterstützt aber die medikamentöse Therapie und kann zur Dosisreduzierung beitragen.

Krankheitsverlauf und Prognose

Unbehandelt schreitet die Kupferspeicherkrankheit unaufhaltsam fort und führt nach vier bis acht Jahren zum Tod. Die Erkrankten sterben an den Folgen der Leberschädigung oder den schweren neurologischen Schäden.

Wird die Diagnose aber gestellt, bevor die Kupfereinlagerungen zu bleibenden Schäden an den Organen geführt haben, ist die Prognose sehr gut und die Lebenserwartung nicht reduziert. Eine frühzeitige Behandlung kann Organschäden insbesondere an Leber und Gehirn völlig vermeiden, teilweise bilden sich leichte Schäden auch wieder zurück. Insbesondere wenn in der Familie eine erbliche Belastung besteht, sollte bei Kindern frühzeitig auf Morbus Wilson getestet und, falls nötig, eine Behandlung begonnen werden.

Die Therapie der Eisenspeicherkrankheit muss lebenslang fortgesetzt werden. Dabei sind regelmäßige Kontrolluntersuchungen zwingend nötig. Zur Vorbeugung sind keine Maßnahmen bekannt.

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