Häufiges Krankheitsbild

Nystagmus: Unkontrollierbares Augenzittern

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Nystagmus bezeichnet ein unkontrolliertes Zittern der Augen. Die unwillkürlichen, meist rhythmischen Augenbewegungen können eine natürliche Reaktion des Auges auf sich schnell bewegende Bilder sein oder Erkrankungen als Ursache haben. Was sind die Ursachen und wie erfolgt die Diagnose?

Unterschung beim Augenarzt
© Getty Images/ Deagreez

Nystagmus (umgangssprachlich auch "Augenzittern") gilt als eine der häufigsten Krankheitsbilder in der Augenheilkunde. In Deutschland wurden im Jahr 2019 etwa 1.000 Fälle registriert. Die krankhafte Form kann nur selten geheilt werden. Es stehen aber verschiedene Therapiemöglichkeiten zur Verfügung, die Linderung hinsichtlich Ausprägung und Häufigkeit bieten.

Im Überblick:

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Was ist ein Nystagmus?

Zunächst einmal ist es wichtig, Nystagmus von sogenannten Mikrosakkaden zu unterscheiden. Dabei handelt es sich um minimale Augenbewegungen, die auch bei gesunden Menschen auftreten und das scharfe Sehen erleichtern. Das Auge passt die Blickrichtung ein bis dreimal pro Sekunde an. Die Bewegungen sind so minimal, dass sie kaum registriert werden.

Bei einem Nystagmus kommt es hingegen zu wiederholten, unkontrollierbaren Augenbewegungen, die es unmöglich machen, ein bestimmtes Objekt dauerhaft zu fixieren. Das auch für andere Menschen deutlich sichtbare Augenzucken kann für Betroffene unangenehm sein. Typischerweise treten die Zitterbewegungen gleichseitig auf. Bewegt sich beispielsweise der rechte Augapfel auf die rechte Seite, richtet sich auch der linke Augapfel auf die linke Seite.

Nystagmus: Welche Formen gibt es?

Es gibt verschiedene Nystagmus-Formen. Eine Möglichkeit der Klassifizierung ist beispielsweise der Zeitpunkt des Auftretens. So wird zwischen einem angeborenen und erworbenen Nystagmus unterschieden. Während die erworbene Form erst im Laufe des Lebens auftritt und auf Erkrankungen des Gehirns oder des Gleichgewichtsorgans hinweist, besteht die angeborene Form seit der Kindheit und ist häufig mit Albinismus oder organischen Augenerkrankungen verbunden.

Des Weiteren erfolgt eine Differenzierung zwischen physiologischen Formen, bei denen keine negativen Auswirkungen auf den Organismus bestehen und pathologischen (krankhaften) Formen.

Physiologischer Nystagmus

In diesem Fall hat das Augenzittern keine Erkrankung als Ursache. Bei den Bewegungen handelt sich vielmehr um das Ergebnis eines natürlichen Anpassungsprozesses der Augen auf die Umwelt. Der Nystagmus dient der Blickstabilität. Typisch sind beispielsweise:

  • Provokationsnystagmus: Das Augenzittern wird durch Temperaturreize oder Drehung ausgelöst.

  • Optokinetischer Nystagmus: Diese Art tritt beispielsweise auf, wenn Menschen in einem fahrenden Zug aus dem Fenster sehen. Die Augen folgen einem fixierten Objekt, bis es aus dem Blickfeld gerät und nehmen dann ein neues Bild in den Fokus. So kommt es zu springenden Augenbewegungen.

  • Kalorischer Nystagmus: Wird das Gleichgewichtsorgan im Ohr durch Hitze oder Kälte gereizt, entsteht im Hirn der Eindruck einer Drehung. Gesunde Menschen reagieren in der Regel mit einer Augenbewegung nach links oder rechts.

  • Rotatorischer oder postrotatorischer Nystagmus: Diese Form kennen die meisten vom Karussellfahren. Wenn der Körper lange gedreht wurde, versuchen die Augen den Schwindel durch Gegenbewegungen zu reduzieren.

  • Vestibulärer Nystagmus: Das gleiche gilt bei sehr schnellen Drehbewegungen des Kopfes. Auch dann kann Augenzittern beobachtet werden.

Pathologischer Nystagmus

Tritt das Augenzittern außerhalb beweglicher Situationen wie dem Zugfahren auf, können unter Umständen Erkrankungen dahinterstecken. Beim pathologischen Nystagmus werden – je nach Ausrichtung der Augenbewegungen – sechs Typen unterschieden:

  • Blickrichtungsnystagmus: Die Augenbewegungen erfolgen nur bei bestimmten Bewegungen, zum Beispiel beim Blick nach links oder rechts.

  • Spontannystagmus: Auch im Ruhezustand kann es zu Schlag- und Pendelbewegungen kommen.

  • Downbeat und Upbeat Nystagmus: Das Auge schlägt regelmäßig nach oben ("Up") oder unten ("Down") aus.

  • Dissoziierter Nystagmus: Das Augenzittern betrifft nur ein Auge oder ist auf einer Seite deutlich stärker ausgeprägt.

  • Fixationsnystagmus: Das Auge bewegt sich schneller und stärker, wenn der Betroffene ein Objekt fixieren möchte.

  • Latenstyp-Nystagmus: Die Fixation mit dem linken Auge führt zu Schlagbewegungen nach links, während Fixationen mit dem rechten Auge zu Schlagbewegungen nach rechts führen.

Welche Ursachen kommen für das Augenzittern infrage?

Die Gründe für Nystagmus sind noch nicht ausreichend erforscht. Bei einigen Formen lässt sich nicht eindeutig feststellen, was die Ursachen sind. Das Augenzittern kann auf neurologische Erkrankungen, beispielsweise Veränderung von Hirnstamm oder Kleinhirn, hinweisen. Auch Erkrankungen des Gleichgewichtsorgans oder der Augen (Grauer Star, Vernarbungen der Netzhaut) können die Ursache sein. Ebenso können bestimmte Drogen wie Ecstasy temporäres Augenzittern auslösen.


Nystagmus: Welche Symptome sind typisch?

Der physiologische Nystagmus geht in der Regel ohne Beschwerden einher und wird von Betroffenen meist nicht wahrgenommen. Beim krankhaften Nystagmus kann es hingegen auch zu Schwindel kommen, Betroffene nehmen ihre Umwelt unter Umständen verwackelt wahr. In manchen Fällen ist das Schwindelgefühl so stark ausgeprägt, dass sich Betroffene nicht mehr allein auf den Beinen halten können. Zudem gehören auch Übelkeit und Erbrechen zu möglichen Begleiterscheinungen. Je nach Ursache und Ausmaß des Nystagmus sind zudem Sehstörungen wie eine Verminderung der Sehschärfe möglich. Einige Patient*innen verändern auch ihre Kopfhaltung, um die Symptome des Nystagmus zu kompensieren (sogenannte "Kopfzwanghaltung").

Wie erfolgt die Diagnose bei Nystagmus?

Häufiges Zittern des Auges sollte unbedingt von Fachleuten der Augenheilkunde, HNO oder Neurologie abgeklärt werden. Diese werden Betroffene zunächst ausführlich nach möglichen Vorerkrankungen befragen (Anamnese) und um eine möglichst genaue Beschreibung des Augenzitterns bitten. Zudem werden weitere Symptome, etwa Sehstörungen, erfasst. Im weiteren können folgende Untersuchungen der Diagnosesicherung dienen.

Frenzelbrille

Bei der Frenzelbrille handelt es sich um eine große und schwere Brille mit speziellen Linsen. Diese vergrößern die Augen und verhindern ein scharfes Sehen beziehungsweise die Fixation von Objekten. Dadurch wird die*der Patient*in nicht von Gegenständen abgelenkt, die die Augenbewegungen beeinflussen würden. Darüber hinaus ist die Brille von innen her mit LEDs ausgestattet. Die Untersuchung findet in einem abgedunkelten Raum statt, wodurch ein guter Blick auf die Augenbewegungen ermöglicht wird.

Elektronystagmographie

Des Weiteren kann eine Elektronystagmographie (ENG) als bildgebendes Verfahren zum Einsatz kommen. Hierzu werden Elektroden auf die Stirn, unter die Augen sowie im Nasenbereich geklebt, die die elektrische Aufzeichnung des Augenzitterns ermöglichen. So können die Augenbewegungen elektrisch gemessen werden.

Therapie: Wie lässt sich das Augenzittern behandeln?

Bisher gibt es keine Möglichkeiten, Nystagmus vollständig zu heilen. Ziel ist es daher, Ausprägung und Häufigkeit des Augenzitterns zu verringern und die Lebensqualität für Betroffene zu erhöhen. Dazu stehen verschiedene Therapieoptionen zur Verfügung.

Behandlung von Nystagmus mit Medikamenten

Zur medikamentösen Behandlung werden vor allem folgende Arzneimittel verschrieben:

Allerdings können bei den Medikamenten Nebenwirkungen wie Schwindel, Übelkeit oder Verwirrtheit auftreten und auch die Wirksamkeit zur Behandlung des Augenzitterns ist umstritten. Daher wird der Einsatz von Medikamenten als sehr kontrovers betrachtet.

Operative Therapie bei Nystagmus

Die gängigere Methode zur Behandlung eines Nystagmus ist der operative Eingriff. In etwa 50 Prozent aller Fälle kann dadurch eine Besserung ihrer Beschwerden erreicht werden. Das Operationsverfahren hängt vor allem von dem jeweiligen Ziel der Therapie ab:

  • Verminderung des Augenzitterns: Dies kann durch eine oder mehrere Operationen an den Augenmuskeln oder Injektionen von Botulinumtoxin ("Botox") erreicht werden. Bei Botox handelt es sich um ein Nervengift, das beispielsweise auch in der Schönheitschirurgie zur Reduktion von Falten angewandt wird. Allerdings lässt die Wirkung von Botox mit der Zeit nach und ist nur schwer dosierbar, was in der sensiblen Augenregion gefährliche Risiken mit sich bringen kann.

  • Stärkung der Kompensationsmechanismen: Bei einigen Betroffenen kommt es infolge des Nystagmus zu einer Veränderung der Kopfhaltung, weil sich das Augenzittern beispielsweise im Seitenblick bessert. Mithilfe der "Parallelverschiebung nach Kestenbaum" soll dieser Kompensationsmechanismus unterstützt werden. Bei der Operation werden die Augen verschoben, damit das Zittern der Augen beim Geradeausblicken aufhört. Bei Patient*innen mit weniger starkem Augenzittern, das vor allem dann auftritt, wenn Gegenstände in unmittelbarer Nähe betrachtet werden, hat sich die sogenannte "Artifizielle Divergenz nach Cüppers" bewährt, bei der spezifische äußere Augenmuskeln zurückverlagert werden.

Die Eingriffe finden in der Regel unter Vollnarkose statt, auf Wunsch können sie jedoch auch unter lokaler Betäubung erfolgen.

Nachsorge nach Nystagmus-Operation

Wie bei anderen Operationen können Risiken wie postoperative Blutungen oder Infektionen nicht vollständig ausgeschlossen werden. Um die Wunden fachgerecht zu versorgen und den Therapieerfolg zu überwachen, verbringen Patient*innen meist noch einige Tage stationär im Krankenhaus. Bei einer ambulanten Therapie dürfen Betroffene anschließend nach Hause, müssen jedoch Kontrolltermine wahrnehmen. Die Prognose nach einer Operation für eine langanhaltende Verbesserung des Augenzitterns ist normalerweise recht gut.

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