Untergewicht um jeden Preis

Magersucht (Anorexia nervosa): Zwang zum Hungern

Bei Magersucht (Anorexia nervosa) hungern sich Betroffene auf ein solches Untergewicht herunter, dass sie nur noch höchstens 85 Prozent des altersgemäßen Durchschnittsgewichts erreichen. Die Essstörung tritt vorwiegend unter Mädchen und jungen Frauen auf und hat ernsthafte körperliche Folgen.

Frau mit Magersucht
Selbst wenn sie noch so untergewichtig sind: Magersüchtige halten sich für zu dick und achten streng auf ihr Gewicht.
© iStock.com/KatarzynaBialasiewicz

Magersucht (Anorexia nervosa) ist eine psychisch verursachte Essstörung. Weitere Essstörungen sind die Bulimie (Bulimia nervosa, Ess-Brechsucht) und das Binge Eating (Binge-Eating-Störung). Charakteristisch für die Magersucht ist ein restriktives Essverhalten, um ein niedriges Körpergewicht zu erreichen oder zu halten. Neben dem Hungern ergreifen Betroffene häufig unterstützende Maßnahmen. Ziel vieler Magersüchtiger ist es, ein Untergewicht zu erreichen, gemessen an einem Body-Mass-Index (BMI) von unter 17,5 kg/m2.

Orthorexie – typische Symptome

Mädchen sind deutlich häufiger betroffen als Jungen – allerdings nimmt die Magersucht unter Jungen zu, während die Häufigkeit bei Mädchen konstant ist. Je nach Ausprägung unterteilt man die Magersucht in drei Formen:

  • Re­strikti­ve Ano­rexia nervo­sa: Gewichtsverlust aus­schließ­lich aufgrund einer eingeschränkten Nahrungs­zu­fuhr und/oder ver­stärk­tem Sporttreiben

  • Ano­rexia nervo­sa mit zu­sätz­lichen Maßnahmen zum Gewichtsverlust (Purg­ing), dazu zählen selbst-induziertes Erbrechen, Abführmittel und Diuretika

  • Ano­rexia nervo­sa mit bulimi­schen At­ta­cken (Bulimar­exie): Hungerphasen werden durch Essattacken unterbrochen, anschließend werden wie bei einer Bulimie gewichtsreduzierende Maßnahmen ergriffen. Der Übergang zur Bulimie ist fließend.

Diese Symptome sind typisch für Magersucht

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    Betroffene hungern sich bei einer Magersucht zum Untergewicht herunter – und halten sich immer noch für zu dick. Sind auch Sie von der Essstörung betroffen?

Oftmals beginnt eine Magersucht vermeintlich harmlos mit einer kalorienreduzierten Diät. Um dem Wunsch eines niedrigeren Gewichtes näher zu kommen, lassen Betroffene zunächst nur eine bestimmte Lebensmittelgruppe wie Süßigkeiten weg oder ernähren sich vegetarisch. Mit der Zeit entwickelt sich häufig eine Eigendynamik, wodurch das Essverhalten immer stärker kontrolliert und weiter eingeschränkt wird – in der Auswahl der Lebensmittel und vor allem in der Quantität.

Leitsymptom der Magersucht ist ein absichtlich herbeigeführtes Körpergewicht von weniger als 85 Prozent des altersgemäßen Durchschnittswertes. Typisch für Magersüchtige ist außerdem eine gestörte Wahrnehmung des eigenen Körpers: Sie sehen ihr Spiegelbild verzerrt und nehmen sich fälschlicherweise als zu dick wahr. Trotz bestehendem Untergewicht zeigen sie eine deutliche Angst vor einer Gewichtszunahme und haben ein ausgeprägtes Bestreben nach Schlankheit. Für das Umfeld irritierend ist dabei, dass Betroffene den Körperbau anderer Menschen im Allgemeinen korrekt beurteilen können.

Die Gewichtsphobie bei Anorexia nervosa führt zu einer Reihe weiterer Verhaltensauffälligkeiten: Kalorienreiche Speisen und oftmals jegliche Nahrungsaufnahme werden vermieden. Weiterhin sind mehrfach tägliches Wiegen und übertriebene körperliche Aktivität zu beobachten, die selbst von den Betroffenen gelegentlich als zwanghaft wahrgenommen werden.

Pro Ana: Essstörung wird zum Ideal stilisiert

Anhänger der Pro-Ana-Bewegung erheben ihre Magersucht und das damit verbundene Untergewicht zum erstrebenswerten Ideal. Sie bezeichnen ihre Essstörung als Freundin und das angestrebte Untergewicht als "federleicht" oder "zart". In Blogs und Foren motivieren sich Pro Anas gegenseitig mit sogenannten Thinspos (Bilder von knochigen Mädchen oder Prominenten) und Tipps zum weiteren Abnehmen. Auch für Bulimie gibt es eine solche Bewegung, die Anhänger nennen sie Pro Mia.

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Ursachen der Anorexia nervosa

Magersucht beginnt überwiegend im Jugendalter. Neben erblichen Faktoren sind vor allem psychische und soziale Faktoren an der Entstehung der Krankheit beteiligt. Viele Betroffene haben ein schwach ausgeprägtes Selbstbewusstsein, tendieren gleichzeitig jedoch zum Perfektionismus. Bei ihnen können positive und negative Bemerkungen, die auf Essverhalten oder Körpermaße gerichtet sind zu erheblichen Verunsicherungen führen. Gibt es beispielsweise Lob für eine Gewichtsreduktion, kann dies die Motivation stärken, weiter abzunehmen.

Auch hohe Leistungserwartungen innerhalb der Familie oder ein unharmonisches Verhältnis zwischen den Eltern die können Krankheitsentwicklung fördern.

Mit Beginn der Pubertät haben die betroffenen Jugendlichen oftmals Schwierigkeiten, mit der eigenen sexuellen Rolle und mit den körperlichen Veränderungen umzugehen. In diesen Fällen soll die Gewichtsreduktion dabei helfen, die kindliche Gestalt beizubehalten und die Kontrolle in dieser verunsichernden Phase zurück zu erlangen.

Schönheitsideale tragen zur Krankheitsentstehung bei

Von Bedeutung für die Krankheitsentstehung sind darüber hinaus kulturelle Schönheitsnormen: Seit Jahrzehnten gilt in westlichen Kulturen ein schlanker Körper als Schönheitsideal. Werbung und Medien geben hier ästhetische Richtwerte vor, die erheblichen subjektiven und sozialen Druck bewirken können. Inbesondere bei Jugendlichen besteht dann die Gefahr, dass sie versuchen, diesem durch Hungern zu entsprechen.

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Anorexia nervosa: Folgen und mögliche Komplikationen

Durch die eingeschränkte Nahrungsaufnahme oder beschränkte Auswahl an Lebensmitteln, wenn beispielsweise Fette oder Kohlenhydrate gemieden werden, kommt es zu Mangelerscheinungen: Das Ausbleiben der Monatsblutung (Amenorrhoe), Libidoverlust, trockene Haut und Haarausfall sind häufige Folgen der Magersucht. Bei Kindern kann es zu einer Verzögerung der Pubertät sowie einer Stagnation der körperlichen Entwicklung kommen. Bei Mädchen kann der Beginn der Menstruation (Menarche) verzögern oder ausbleiben.

Je länger die Essstörung besteht, desto schwerer können die körperlichen Folgen werden:

  • Durchblutungsstörungen
  • Blutbildveränderungen
  • Elektrolytveränderungen (zum Beispiel Hypokaliämie)
  • Wassermangel
  • Störungen des Fett- und Knochenstoffwechsels
  • Eiweißmangel
  • Verdauungsstörungen (Verstopfung, Luftansammlung, Speiseröhrenentzündung)
  • Gestörter Ablauf der Herztätigkeit (EKG-Veränderungen, Herzrhythmusstörungen)
  • Niereninsuffizienz
  • Lebererkrankungen (Hepatopathie)

Auf psychischer Ebene herrscht zu Beginn nicht selten ein positives Gefühl von Leichtigkeit, Kontrolle und Euphorie vor, das später in Gleichgültigkeit, Reizbarkeit und eine depressive Stimmungslage übergeht.

Diagnose: Andere Ursachen für Gewichtsverlust ausschließen

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Am Beginn der Diagnostik bei Magersucht steht immer eine gründliche körperliche Untersuchung (Anamnese), um andere Ursachen des Gewichtsverlustes auszuschließen. Je nach Gegebenheiten umfasst sie auch den Einsatz von bildgebenden Diagnoseverfahren (zum Beispiel EKG, Röntgenuntersuchungen et cetera), Untersuchungen des Herzens (EKG) und die Bestimmung verschiedener Blutwerte.

Sind andere Erkrankungen als Ursache für das Untergewicht ausgeschlossen, werden Betroffene und ihre Eltern oder Erziehungsberechtigten getrennt zu verschiedenen Aspekten befragt: Krankheitsgeschichte, Ernährungsverhalten, Beurteilung des Körpergewichts und der körperlichen Aktivität, Sexualentwicklung, Leistungsverhalten und sozialen Beziehungen.

Anschließend finden vertiefende Untersuchungen statt. Dabei werden die Entwicklung der Essstörung, psychische Begleiterkrankungen sowie das psychische und soziale Wechselspiel innerhalb der Familie der Betroffenen erfasst.

Welche Therapie kommt bei Magersucht infrage?

In der Regel ist das verzerrte Bild des eigenen Körpers auch durch Konfrontation mit Fotos oder dem Spiegelbild nicht zu überwinden. Erstes Ziel der Behandlung ist die Gewichtszunahme – in schweren Fäl­len kann unter Umständen eine künst­liche Ernährung über eine Magensonde notwendig sein. Die gezielte Therapie der psychischen Krankheitsaspekte kann erst dann erfolgen, wenn das Körpergewicht der Patienten so weit angehoben wurde, dass diese für psychotherapeutische Maßnahmen erreichbar sind. In der Regel ist die Genesung ein langwieriger Prozess.

Je nach Schweregrad des Krankheitsbildes erfolgt die Behandlung der Magersucht ambulant oder stationär in einem Krankenhaus. Gründe für eine stationäre Behandlung:

  • kritisches Untergewicht, Gewichtsverlust oder ungenügende Gewichtszunahme
  • unzureichende Flüssigkeitszufuhr, häufiges Erbrechen
  • körperliche Komplikationen
  • Suizidgefährdung
  • schwerwiegende psychische Begleiterkrankungen
  • ausgeprägtes Selbstverletzungsverhalten
  • festgefahrene familiäre Konfliktsituationen
  • Verdacht auf Misshandlung beziehungsweise Missbrauch
  • soziale Isolation
  • Scheitern ambulanter oder tagesklinischer Behandlungsversuche

Neben der Normalisierung des Essverhaltens stehen Psychotherapie, Familientherapie, Maßnahmen zur sozialen Integration sowie gegebenenfalls die medikamentöse Behandlung zur Wahl. Die Behandlung des gestörten Essverhaltens versucht über Ernährungs- und Bewegungsprotokolle, Essenspläne, Überwachung der Nahrungszufuhr, Kontrolle von gewichtsreduzierenden Maßnahmen, Information über Nahrungszusammensetzung und Nährstoffe sowie Gewichtskontrolle die Einstellung zur Nahrungsaufnahme zu beeinflussen.

Von Verhaltenstherapie bis Medikamente

Psychotherapie und Familientherapie zielen darauf ab, die Gewichtsphobie der Betroffenen zu überwinden, ihr Selbstwertgefühl zu stärken und ihre Beziehungsfähigkeit zu verbessern. Vorausgegangene Traumata sollten aufgearbeitet und akute oder chronische Konflikte nach Möglichkeit gelöst werden. Die Eltern sollen befähigt werden, kompetenter mit der Erkrankung ihres Kindes umzugehen. Die familiäre Konfliktfähigkeit soll gesteigert werden.

Ziel der psychosozialen Integrationsbemühungen ist, die Betroffenen wieder zur Teilnahme am Schulunterricht beziehungsweise an der Ausbildung zu befähigen. Dafür kann es notwendig sein, den Patienten bei der Relativierung ihres Leistungsanspruchs zu helfen. Gleichfalls sollen die Maßnahmen die Isolierung der Patienten von Gleichaltrigen aufheben und bei der Teilnahme an altersentsprechenden Aktivitäten unterstützen.

Die medikamentöse Therapie richtet sich sowohl gegen psychische als auch gegen körperliche Begleiterscheinungen der Magersucht. Zur Behandlung der Gewichtsphobie und der Körperschemastörung können Therapieversuche mit so genannten atypischen Neuroleptika (zum Beispiel Olanzapin) unternommen werden. Gegen  depressive Verstimmungen und Zwangshandlungen sowie zur Prophylaxe werden so genannte Serotonin-Reuptake-Hemmer (SSRI) wie Fluoxetin eingesetzt. Hormonelle Störungen wie das Ausbleiben der Regelblutung normalisieren sich in der Regel mit der Gewichtszunahme.

Magersucht vorbeugen und Rückfall verhindern

Ein gezieltes Verfahren, einer Magersucht überhaupt vorzubeugen, ist nicht bekannt. Gegen das Wiederauftreten einer Magersucht scheinen vor allem langfristige Psycho- und Familientherapien zu schützen.

Bei ungefähr drei Viertel der Betroffenen heilt die Magersucht aus, oft jedoch erst nach mehrjährigem und damit chronischem Verlauf. Sie halten dauerhaft ein normales Körpergewicht und zeigen keine hormonellen Störungen. Dennoch haben viele von ihnen weiterhin ein gestörtes Verhältnis zu ihrem Körper und ihrem Gewicht. Etwa zehn Prozent der Erkrankungen verlaufen trotz aller therapeutischen Bemühungen tödlich.

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