Untergewicht um jeden Preis

Magersucht (Anorexia nervosa): Tödlicher Zwang zum Hungern

Bei Magersucht (Anorexia nervosa) hungern sich Betroffene auf Untergewicht herunter. Die Essstörung tritt vorwiegend unter Mädchen und jungen Frauen auf und hat ernsthafte körperliche und psychische Folgen. Nicht selten führt die Sucht zu Hungern zum Tod.

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Magersüchtige leiden häufig unter einem geringen Selbstwert und depressiven Verstimmungen.
© iStock.com/martin-dm

Magersucht (Anorexia nervosa) ist eine psychisch verursachte Essstörung, unter der meistens Frauen leiden. Weitere Essstörungen sind die Bulimie (Bulimia nervosa, Ess-Brechsucht) und das Binge Eating (Binge-Eating-Störung). Charakteristisch für die Magersucht ist ein restriktives Essverhalten, um ein niedriges Körpergewicht zu erreichen oder zu halten. Neben dem Hungern ergreifen Betroffene der Essstörung häufig unterstützende Maßnahmen. Ziel vieler Magersüchtiger ist es, ein Untergewicht zu erreichen, gemessen an einem Body-Mass-Index (BMI) von unter 17,5 kg/m2.

Einige hungern sich auf ein solches Untergewicht herunter, dass sie nur noch höchstens 85 Prozent des altersgemäßen Durchschnittsgewichts erreichen.

Mädchen und Frauen sind deutlich häufiger von der Essstörung betroffen als Jungen – allerdings nimmt die Magersucht unter Jungen zu, während die Häufigkeit bei Mädchen konstant ist. Je nach Ausprägung unterteilt man die Magersucht in drei Formen:

  • Re­strikti­ve Ano­rexia nervo­sa: Gewichtsverlust aus­schließ­lich aufgrund einer eingeschränkten Nahrungs­zu­fuhr und/oder ver­stärk­tem Sporttreiben

  • Ano­rexia nervo­sa: Essstörung mit zu­sätz­lichen Maßnahmen zum Gewichtsverlust (Purg­ing), dazu zählen selbst-induziertes Erbrechen, Abführmittel und Diuretika

  • Ano­rexia nervo­sa mit bulimi­schen At­ta­cken (Bulimar­exie): Hungerphasen werden durch Essattacken unterbrochen, anschließend werden wie bei einer Bulimie gewichtsreduzierende Maßnahmen ergriffen. Der Übergang zur Bulimie ist fließend.

Orthorexie – typische Symptome

Ursachen: Wie entsteht eine Essstörung?

Magersucht beginnt überwiegend im Jugendalter. Neben erblichen Faktoren sind vor allem psychische und soziale Faktoren an der Entstehung der Krankheit beteiligt. Viele Betroffene haben ein schwach ausgeprägtes Selbstbewusstsein und tendieren zum Perfektionismus. Bei ihnen können positive und negative Bemerkungen, die auf Essverhalten oder Körpermaße gerichtet sind, zu erheblichen Verunsicherungen führen.

Auch hohe Leistungserwartungen innerhalb der Familie oder ein unharmonisches Verhältnis zwischen den Eltern können die Krankheitsentwicklung  von Essstörungen fördern.

Mit Beginn der Pubertät haben die betroffenen Jugendlichen oftmals Schwierigkeiten, mit der eigenen sexuellen Rolle und den körperlichen Veränderungen umzugehen. In diesen Fällen soll die Gewichtsreduktion dabei helfen, die kindliche Gestalt beizubehalten.

Keine verzerrte Körperwahrnehmung

Bisher wurde angenommen, dass Magersüchtige Frauen eine gestörte Wahrnehmung des eigenen Körpers haben und ihr Spiegelbild verzerrt und dicker sehen, als es tatsächlich ist. Diese Annahme wurde durch eine 2018 publizierte Studie widerlegt. Die Ergebnisse zeigen, dass Magersüchtige sowohl das eigene, als auch das Körpergewicht anderer gut einschätzen können. Ihr Untergewicht ist den Betroffenen durchaus bewusst. Allerdings streben sie ein zu geringes Wunschgewicht an. Dass sie sich als zu dick empfinden, ist demnach nicht das Ergebnis einer gestörten Wahrnehmung des eigenen Körpers, sondern die Folge einer affektiven Störung.

Schönheitsideale als Mitursache

Von Bedeutung für die Entstehung der Essstörung – vor allem bei Frauen – sind auch kulturelle Schönheitsnormen: Seit Jahrzehnten gilt in westlichen Kulturen für Frauen ein schlanker Körper als Schönheitsideal. Werbung und Medien geben hier ästhetische Richtwerte vor, die erheblichen subjektiven und sozialen Druck bei jugendlichen Mädchen und Frauen bewirken können.

Symptome: Wie erkennt man Magersucht?

Leitsymptom der Magersucht ist ein absichtlich herbeigeführtes Körpergewicht von weniger als 85 Prozent des altersgemäßen Durchschnittswertes. Oftmals beginnt die Sucht zu Hungern vermeintlich harmlos mit einer kalorienreduzierten Diät. Um dem Wunsch eines niedrigeren Gewichtes näher zu kommen, lassen Betroffene etwa zunächst nur eine bestimmte Lebensmittelgruppe wie Süßigkeiten weg oder ernähren sich vegetarisch. Mit der Zeit entwickelt sich häufig eine Eigendynamik, wodurch das Essverhalten immer stärker kontrolliert und weiter eingeschränkt wird – in der Auswahl der Lebensmittel und vor allem in der Quantität.

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    Betroffene hungern sich bei einer Magersucht zum Untergewicht herunter – und halten sich immer noch für zu dick. Sind auch Sie von der Essstörung betroffen?

Die Gewichtsphobie bei Anorexia nervosa kann so weit fortschreiten, dass oftmals jegliche Nahrungsaufnahme über einen längeren Zeitraum vermieden wird. Weiterhin sind mehrfach tägliches Wiegen und übertriebene körperliche Aktivität zu beobachten, die selbst von den Betroffenen gelegentlich als zwanghaft wahrgenommen werden.

Pro Ana: Essstörung als Ideal

Anhänger der Pro-Ana-Bewegung erheben ihre Magersucht und das damit verbundene Untergewicht in Foren und Blogs zum erstrebenswerten Ideal. Sie bezeichnen ihre Essstörung als Freundin. Auch für Bulimie gibt es eine solche Bewegung, die Anhänger nennen sie Pro Mia.

Lesen Sie mehr zu Pro Ana und Pro Mia – wenn die Essstörung zum Glaubensbekenntnis wird.

 

Anorexia nervosa: Folgen

Durch die eingeschränkte Nahrungsaufnahme oder beschränkte Auswahl an Lebensmitteln, wenn beispielsweise Fette oder Kohlenhydrate gemieden werden, kommt es zu Mangelerscheinungen: Das Ausbleiben der Monatsblutung (Amenorrhoe), Libidoverlust, trockene Haut und Haarausfall sind häufige Folgen der Magersucht. Bei Kindern kann es zu einer Verzögerung der Pubertät sowie zur Stagnation der körperlichen Entwicklung kommen. Bei Mädchen kann sich der Beginn der Menstruation (Menarche) verzögern oder ausbleiben.

Je länger die Essstörung besteht, desto schwerer können die körperlichen Folgen werden:

  • Durchblutungsstörungen
  • Blutbildveränderungen
  • Elektrolytveränderungen (zum Beispiel Hypokaliämie)
  • Wassermangel
  • Störungen des Fett- und Knochenstoffwechsels
  • Eiweißmangel
  • Verdauungsstörungen (Verstopfung, Luftansammlung, Speiseröhrenentzündung)
  • Gestörter Ablauf der Herztätigkeit (EKG-Veränderungen, Herzrhythmusstörungen)
  • Niereninsuffizienz
  • Lebererkrankungen (Hepatopathie)
  • Tod

Auf psychischer Ebene herrschen zu Beginn einer Magersucht nicht selten positive Gefühle von Leichtigkeit, Kontrolle und Euphorie vor. Diese gehen später über in Gleichgültigkeit und Reizbarkeit sowie depressive Verstimmungen. In schweren Fällen der können sich diese weiterentwickeln zu behandlungsbedürftigen Depressionen, die Magersüchtige teilweise in den Suizid treiben.

Diagnose der Magersucht

Am Beginn der Diagnostik bei Magersucht steht immer eine gründliche körperliche Untersuchung (Anamnese), um andere Ursachen für den Gewichtsverlust auszuschließen. Je nach Gegebenheiten umfasst sie auch den Einsatz von bildgebenden Diagnoseverfahren (zum Beispiel EKG und Röntgenuntersuchungen), Untersuchungen des Herzens (EKG) und die Bestimmung verschiedener Blutwerte.

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    Zu dick? Zu dünn? Mit dem BMI-Rechner finden Sie schnell heraus, ob Ihr Körpergewicht im Normbereich liegt - oder ob Sie ein paar Pfunde abnehmen sollten.

Sind andere Erkrankungen als Ursache für das Untergewicht ausgeschlossen, werden Betroffene und ihre Eltern oder Erziehungsberechtigten getrennt zu verschiedenen Aspekten befragt: Krankheitsgeschichte, Ernährungsverhalten, Beurteilung des Körpergewichts und der körperlichen Aktivität, Sexualentwicklung, Leistungsverhalten und soziale Beziehungen.

Anschließend finden vertiefende Untersuchungen statt. Dabei werden die Entwicklung der Essstörung, psychische Begleiterkrankungen sowie das psychische und soziale Wechselspiel innerhalb der Familie der Betroffenen erfasst.

Therapie bei Magersucht

Erstes Ziel der Behandlung ist die Gewichtszunahme – in schweren Fäl­len kann unter Umständen eine künst­liche Ernährung über eine Magensonde notwendig sein. Die gezielte Therapie der psychischen Krankheitsaspekte kann erst dann erfolgen, wenn das Körpergewicht der Patienten so weit angehoben wurde, dass diese für psychotherapeutische Maßnahmen erreichbar sind. Je nach Schweregrad des Krankheitsbildes erfolgt die Behandlung der Magersucht ambulant oder stationär in einem Krankenhaus.

Von Verhaltenstherapie bis Medikamente

Psychotherapie und Familientherapie zielen darauf ab, das Verhältnis zu Essen und zum eigenen Körper zu normalisieren, ihr Selbstwertgefühl zu stärken und ihre Beziehungsfähigkeit zu verbessern. Die Eltern sollen befähigt werden, kompetenter mit der Erkrankung ihres Kindes umzugehen.

Die medikamentöse Therapie richtet sich sowohl gegen psychische als auch gegen körperliche Begleiterscheinungen der Magersucht. Zur Behandlung der Gewichtsphobie können Therapieversuche mit atypischen Neuroleptika (zum Beispiel Olanzapin) unternommen werden. Gegen depressive Verstimmungen und Zwangshandlungen sowie zur Prophylaxe werden Serotonin-Reuptake-Hemmer (SSRI) wie Fluoxetin eingesetzt.

Verlauf und Prognose

Je früher Essstörungen erkannt werden und je eher diese mit geeigneten Therapieansätzen behandelt wird, umso größer sind die Chancen, dass Magersüchtige ihre Krankheit komplett überwinden können. Ein entscheidender Faktor ist außerdem das soziale Umfeld – allen voran die Familie.

Magersucht ist in einigen Fällen nicht heilbar. Bei ungefähr drei Viertel der Betroffenen heilt die Magersucht aus, oft jedoch erst nach mehrjährigem und damit chronischem Verlauf. Viele erleiden Rückfälle. Bei einigen Magersüchtigen geht die Erkrankung auch in eine andere Essstörung, die Bulimie, über.

Etwa zehn Prozent der Erkrankungen verlaufen trotz aller therapeutischen Bemühungen tödlich. Zum einen aufgrund körperlicher Schädigungen wegen der extremen Mangelerscheinungen und zum anderen aufgrund von Selbstmord.

Magersucht vorbeugen und Rückfall verhindern

Ein gezieltes Verfahren, einer Magersucht vorzubeugen, ist nicht bekannt. Eltern sollten darauf achten, das Selbstwertgefühl ihrer Kinder möglichst positiv zu beeinflussen und ein sicheres Umfeld zu bieten, in dem keine übersteigerten Erwartungen vorherrschen. Auch sollten Kommentare über Gewichtsveränderungen und eine Fokussierung auf das äußerliche Erscheinungsbild nie in einem Rahmen kommuniziert werden, der die seelische Gesundheit des Kindes aus dem Gleichgewicht bringen könnte.

Gegen das Wiederauftreten einer Magersucht scheinen vor allem langfristige Psycho- und Familientherapien zu schützen.

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