Auffälliges Essverhalten

Orthorexie: Gesunde Ernährung als Zwang

Wer gesunde Ernährung und Lebensmittel zu seiner Religion erklärt und völlig darauf fixiert ist, hat vermutlich Orthorexie. Zwar gilt der Zwang zu gesunder Ernährung (noch) nicht als Krankheit wie Bulimie oder Magersucht. Trotzdem können Mangelernährung und soziales Abseits drohen. Anzeichen und Ursachen der Orthorexie sollte deshalb jeder kennen.

Frau schreibt in Notizbuch, was sie gegessen hat
Wer Orthorexie hat, versucht zwanghaft gesund zu essen. Oft wird die Auswahl der Lebensmittel dadurch recht klein.
© iStock.com/yulkapopkova

Geht es um Essstörungen, denken die meisten an Essattacken wie bei Bulimie und Binge Eating oder Hungern bei Magersucht. Doch es gibt weitere Formen eines gestörten Essverhaltens. Dazu zählt Orthorexia nervosa, auch Orthorexie genannt. Die Betroffenen beschäftigen sich zwanghaft mit gesunder Ernährung, wobei sie selbst definieren, was gesund ist: Der eine verzichtet nur auf einzelne Lebensmittel, andere streichen ganze Lebensmittelgruppen von ihrem Speiseplan oder ernähren sich ausschließlich nach festen Zeitplänen.

Artikelinhalte im Überblick:

Orthorexie – typische Symptome

Wie entsteht Orthorexie?

Meistens beginnt eine Orthorexie verhältnismäßig harmlos: Betroffene möchten sich gesund oder gesünder ernähren und mehr auf die Qualität der verzehrten Lebensmittel achten. Die Gründe sind sehr vielfältig: beispielsweise der Wunsch Gewicht zu verlieren, die vielen künstlichen Zusatzstoffe in unserer Nahrung oder Lebensmittelskandale. Eine Allergie oder Unverträglichkeiten sind dagegen selten Ursache einer Orthorexie.

Davon ausgehend beschäftigen sich Orthorektiker zunehmend mit ihrer Ernährung und überlegen sich, was gesund in diesem Zusammenhang für sie bedeutet. Typischerweise werden dabei einzelne Inhaltsstoffe wie Zucker, Gluten und Weißmehl oder ganze Lebensmittelgruppen wie Süßigkeiten sowie Milch und Milchprodukte vom Speiseplan verbannt. Charakteristisch ist, dass sich dieses Verhalten steigert: Wird anfangs nur auf einzelne Lebensmittel verzichtet, weitet sich das Verbot langsam aus, bis kaum noch etwas übrig bleibt, das der Orthorektiker guten Gewissens essen könnte.

Diese Symptome verraten die Orthorexie

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Orthorektiker überlegen oft stundenlang, ob und welche Nahrung sie zu sich nehmen. Sie forschen akribisch nach, woher die Nahrungsmittel stammen, ob sie bestimmte Inhaltsstoffe enthalten und ob es sich zum Beispiel tatsächlich um Bio-Ware handelt. Auch das genau Planen und Prüfen, wie viel Eiweiß, Kohlenhydrate und Fett in einer Mahlzeit stecken kann ein Anzeichen für Orthorexie sein.

Häufig misstrauen Orthorektiker allem, was sie nicht selbst von sicherer Quelle erworben oder hergestellt haben. Daher bringen manche durchaus eine eigene Ration für unterwegs oder zu Einladungen bei Familie und Freunden mit.

Ein weiteres Indiz für Orthorexie ist, dass Betroffene “missionarisch” versuchen, ihr Umfeld von ihrem Zwang zur gesunden Ernährung zu überzeugen: Wer beim Essen einem Menschen mit Orthorexie gegenübersitzt, der ständig das eigene Essverhalten kritisiert und an jedem Bissen herummäkelt, fühlt sich unangenehm bedrängt.

Zwangsstörung oder Vorstufe zur Essstörung?

Noch immer wird diskutiert, ob Orthorexie eine eigenständige Erkrankung ist, die nach bestimmten Kriterien diagnostiziert werden kann. Auf den ersten Blick rückt sie in die Nähe einer Zwangsstörung oder einer Essstörung wie der Magersucht. Doch es gibt Unterschiede: Wer etwa unter Waschzwang leidet, möchte nicht alle anderen davon überzeugen, sich ebenfalls ständig zu waschen. Vielmehr möchte er seinen Zwang verheimlichen oder sogar ablegen. Der Orthorektiker dagegen will andere dazu bringen, sich ebenfalls extrem gesund zu ernähren.

Im Gegensatz zur Magersucht, bei der Betroffene häufig hungern, sind nicht alle Orthorektiker extrem schlank und vom Kalorienzählen besessen. Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie betont, dass Orthorexie eher als Vorstufe zu einer Essstörung gewertet werden kann.

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Gesundheitliche Folgen der Orthorexie

Durch eine solch einseitige Ernährung drohen in der Folge Mangelerscheinungen, da nicht mehr alle notwendigen Nähr- und Mineralstoffe in ausreichender Menge aufgenommen werden. Zudem könnte es sein, dass bei vielen Betroffenen eine Orthorexie in eine Essstörung wie Magersucht übergeht. Außerdem erhöht Orthorexie das Risiko für Depressionen: Diese Gefahr besteht vor allem dann, wenn sich der Orthorektiker wegen seiner wahnhaften Essgewohnheiten ins soziale Abseits manövriert.

Psychotherapie: Wege aus der Orthorexie

Weil noch nicht sicher ist, ob Orthorexie eine eigenständige psychische Störung ist, gibt es auch noch keine spezielle Therapie dagegen. Experten sind sich darüber einig, dass Orthorexie erst dann behandlungsbedürftig ist, wenn der Leidensdruck groß wird und der Wunsch besteht, das zu ändern.

Die Therapie der Orthorexie besteht dann wie bei anderen Essstörungen darin, wieder ein normales Ernährungsverhalten zu erlernen. Je nach Ausprägung beginnt die Psychotherapie mit einem stationären Aufenthalt in einer Klinik, die eine Abteilung für Patienten mit Essstörungen hat. Bei leichteren Formen ist dagegen eine ambulante Verhaltenstherapie sinnvoll.  Meist wird nach der Ursache der Essstörung gesucht, sodass die zugrunde liegenden Faktoren dem Patienten bewusst werden. Zusätzlich kann ein Ernährungsberater dabei helfen, die Angst vor vermeintlich ungesundem Essen abzubauen.

Vorbeugen: Eigenes Essverhalten reflektieren

Im herkömmlichen Sinn lässt sich einer Orthorexie kaum vorbeugen. Vielmehr sollte jeder Einzelne sein eigenes Essverhalten mit gesundem Menschenverstand regelmäßig unter die Lupe nehmen: Ernähre ich mich ausgewogen oder schließe ich bestimmte Lebensmittel bewusst aus, obwohl sie mir schmecken? Suche ich mir Nahrungsmittel und Mahlzeiten nur noch danach aus, wie sie zusammengesetzt sind und weniger aus Genuss?

Wenn die Gedanken rund um Essen und Gesundheit immer mehr Raum einnehmen, kann dies ein Warnzeichen sein. Dann sollte der Ursache auf en Grund gegangen und etwas dagegen unternehmen werden - bevor sich ein bewusster Umgang mit der eigenen Ernährung zu einer Essstörung entwickeln.

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