Seltene Angststörung

Emetophobie: Ständige Angst vor dem Erbrechen

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Vor dem Erbrechen ekelt sich fast jeder. Bei Menschen mit Emetophobie ist die Abscheu jedoch besonders stark ausgeprägt. Die Panik davor, sich übergeben zu müssen oder andere dabei zu beobachten, kann das ganze Leben beeinträchtigen und Essstörungen zur Folge haben. Wie lässt sich die Emetophobie überwinden?

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© Getty Images/Glasshouse Images

Die Emetophobie ist eine relativ unbekannte Angststörung. Genaue Daten über die Prävalenz der Erkrankung existieren bislang nicht. Ersten Studienergebnissen zufolge leiden etwa 0,1 Prozent der Bevölkerung unter der Angst vor dem Erbrechen, die Dunkelziffer dürfte allerdings deutlich höher sein. Es können sowohl Männer als auch Frauen jeden Alters betroffen sein, in den meisten Fällen handelt es sich allerdings um Frauen.

Artikelinhalte im Überblick:

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Emetophobie: Was ist das?

Unter Emetophobie verstehen Fachleute eine krankhafte Angst davor, sich zu übergeben oder zu erleben, wie andere Menschen erbrechen. Es handelt sich um eine sogenannte spezifische Phobie, wie etwa die Angst vor Spritzen, Spinnen oder öffentlichen Plätzen (Agoraphobie).

Das eigene oder fremde Erbrechen ist für die meisten Menschen unangenehm und mit Ekelgefühlen verbunden. Bei Menschen mit Emetophobie geht die Abscheu vor dem Erbrechen allerdings über das normale Maß hinaus. Erbrochenes – oder bereits der Gedanke daran – lösen Panik aus. Dabei ist Phobiker*innen oftmals bewusst, dass ihre Angst irrational und unangemessen ist, sie können aber nichts dagegen tun.

Ursachen: Wie entsteht eine Emetophobie?

Weshalb manche Menschen eine Emetophobie entwickeln, ist bisher nicht eindeutig geklärt. Fachleute gehen davon aus, dass traumatische Erlebnisse eine Rolle spielen könnten. So wird vermutet, dass beispielsweise eine schwere Magen-Darm-Grippe in der Kindheit ein Auslöser der Angsterkrankung sein kann. Darüber hinaus haben Betroffene oft eine erhöhte Sensitivität für Ekel.

Oftmals befinden sich Emetophobiker*innen in einem Teufelskreis: Sie leiden an ständiger Übelkeit, was vermutlich eine körperliche Reaktion auf die Angst ist. Die Erwartungshaltung, sich bald erbrechen zu müssen und die Erinnerung an vergangenes Erbrechen verstärken die Ängste wiederum. Bleibt der Katastrophenfall dann aus, wirkt dies als eine indirekte Bestätigung für das Vermeidungsverhalten.

Welche Symptome deuten auf eine Emetophobie hin?

Typisch für eine Emetophobie ist vor allem eine stark ausgeprägte Angst:

  • vor dem eigenen Erbrechen (allein oder bei Anwesenheit anderer)
  • miterleben zu müssen, wie andere Personen (oder Tiere) sich übergeben
  • vor einer Konfrontation mit dem Thema (zum Beispiel in Gesprächen oder Medien)

Die Vorstellung oder das tatsächliche Erleben löst Panikattacken aus, die mit Herzrasen, Beklemmungsgefühlen, Schwindel, Zittern und Schweißausbrüchen einhergehen können.

Einschränkungen im Alltag durch Emetophobie

Betroffene meiden Orte oder Situationen, bei denen das Risiko besteht, dass sie sich übergeben müssen oder sie Erbrechen beobachten müssen. Das führt dazu, dass sie sich sozial zurückziehen. Sie verzichten auf Partys und Restaurantbesuche, treffen sich nicht mehr mit Freund*innen oder reisen nicht mehr mit Bahn, Bus, Schiff oder Flugzeug. Insbesondere der Kontakt zu Kindern oder schwangeren Frauen wird oft reduziert, da diese eine erhöhte Neigung zum Erbrechen haben. Betroffene Frauen fürchten sich aufgrund der typischen Morgenübelkeit auch vor einer eigenen Schwangerschaft und bleiben deshalb mitunter kinderlos.

Zudem leiden Menschen mit Emetophobie häufig an selektiven Essstörungen. Sie prüfen Produkte penibel auf ihr Haltbarkeitsdatum und essen nur noch Lebensmittel, die sie vertragen und die als "sicher" eingestuft werden. Das kann zu einer sehr einseitigen Ernährung und somit zu einem Nährstoffmangel führen.

Unter Umständen entwickeln Betroffene zudem zwanghafte Verhaltensweisen. Sie waschen und desinfizieren beispielsweise sehr oft ihre Hände, um sich nicht mit Krankheitserregern zu infizieren, die eine Magen-Darm-Infektion hervorrufen können. Aus Angst vor Viren und Bakterien werden auch Krankenhäuser oder Arztpraxen nicht aufgesucht oder Fehlzeiten in der Schule oder Arbeit in Kauf genommen.


Diagnose bei einer Emetophobie

Eine gesicherte Diagnose ist wichtig, da eine Emetophobie nur so erfolgversprechend therapiert werden kann. Lassen sich körperliche Ursachen für Symptome wie Übelkeit ausschließen, werden Betroffene meist an eine psychologische Praxis überwiesen.

In Deutschland gibt es bisher keine festgelegten Diagnosekriterien für die seltene Angststörung. Mediziner*innen verwenden daher meist Fragenkataloge, die zur Diagnosestellung anderer Angststörungen entwickelt wurden. Mit dem "Emetophobia Questionnaire (EmetQ-13)" steht zudem ein englischsprachiger Diagnostikfragebogen zur Verfügung, an dem sich Fachleute auch hierzulande orientieren können.

Differentialdiagnosen bei Emetophobie

Menschen mit Emetophobie werden häufig fehldiagnostiziert, weil die Krankheit Überschneidungen mit anderen Störungsbildern aufweist.

  • Reizdarm: Da Betroffene Arztpraxen häufig wegen Gewichtsverlust und ständiger Übelkeit aufsuchen, wird oft zunächst eine funktionelle Störung des Darms in Betracht gezogen.

  • Zwangsstörung: Viele Betroffenen legen ein Verhalten zutage, dass typisch für eine Zwangsstörung ist, beispielsweise waschen sie übertrieben häufig die Hände oder überprüfen Lebensmittel. Daher wird in vielen Fällen eine Zwangsstörung vermutet. Während für Menschen mit Zwangserkrankung die ständigen Kontrollen allerdings störend sind, werden diese im Rahmen einer Emetophobie als sinnvoll erachtet, da dadurch die Gefahr des Erbrechens reduziert werden kann.

  • Magersucht: Auch die Diagnose Anorexia nervosa (Magersucht) wird von einigen Ärzt*innen zunächst gestellt, da Betroffene wenig essen und viel Gewicht verlieren. Die meisten Emetophobiker*innen würden allerdings gerne wieder zunehmen, eine Therapie der Essstörung allein ist für sie daher nicht geeignet.

  • Hypochondrie: Zudem ist die Emetophobie von der Hypochondrie abzugrenzen. Wesentlicher Unterschied der beiden Störungen: Betroffene haben keine Angst vor Erkrankungen an sich, sondern vor einem bestimmten Symptom – dem Erbrechen.

Behandlung: So lässt sich die Emetophobie überwinden

Bei einer Emetophobie hat sich insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie bewährt. Hierbei kommt vorwiegend die sogenannte Expositionstherapie (Konfrontationstherapie) zum Einsatz. Da bedeutet, dass Patient*innen unter psychotherapeutischer Unterstützung gezielt Situationen ausgesetzt werden, vor denen sie sich fürchten. Bei der Emetophobie wird vor allem mit Bildern, Videos, Gerüchen oder Geräuschen gearbeitet. Zusätzlich kann es für Betroffene hilfreich sein, unter therapeutischer Begleitung angstbesetzte Orte, beispielsweise ein Restaurant, aufzusuchen. So können Ängste Stück für Stück überwunden werden.

Zusätzlich erlernen Patient*innen während der Therapie Bewältigungsstrategien wie Atem- oder Meditationsübungen, die ihnen dabei helfen, ihre Angst vor Erbrechen in den Griff zu bekommen. Auch die Biofeedback-Methode hat sich bei Menschen mit Emetophobie als hilfreich erwiesen. Viele Betroffene neigen zu einem schnellen, flachen Atemmuster, was Beschwerden wie Übelkeit und Bauchschmerzen begünstigen kann. Beim Biofeedback lernen sie, Körperreaktionen bewusst wahrzunehmen und eine flache Brustatmung mit angespanntem Bauch in eine tiefe Zwerchfellatmung zu verwandeln.

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