Verzerrtes Selbstbild

Dysmorphophobie: Die eingebildete Hässlichkeit

Manche Menschen finden sich selbst so missgestaltet, dass sie sich kaum auf die Straße trauen. Die Frage "Bin ich hässlich?" bestimmt ihr ganzes Leben. Betroffene leiden unter einer Körperdysmorphen Störung, auch Dysmorphophobie genannt. Lesen Sie, wie man diese Störung erkennen und behandeln kann.

Junge Frau begutachtet Augenringe im Spiegel
Bin ich hässlich? Vor allem junge Mädchen stellen sich diese Frage häufig vor dem Spiegel.
© iStock.com/Casarsa

Wer ist schon hundertprozentig zufrieden mit seinem Äußeren? Der eine mag seine große Nase nicht, der andere findet seine abstehenden Ohren hässlich. Doch es gibt Menschen, die sich beim Anblick ihres eigenen Spiegelbildes regelrecht quälen. Sie finden sich selber ausgesprochen abstoßend und missgestaltet. Und das, obwohl sie nach gängigen Maßstäben völlig normal aussehen. Es handelt sich dabei um eine Störung der eigenen Körperwahrnehmung: Bei der Körperdysmorphen Störung, auch Dysmorphophobie genannt, empfinden Betroffene bestimmte Körperzonen als extrem entstellt oder hässlich. Zwanghaft kreisen ihre Gedanken um den betroffenen Körperteil. Die Unsicherheit über das eigene Aussehen ist so stark, dass soziale Kontakte zunehmend gemieden und Alltagssituation zur enormen Belastung werden.

Eine Körperdysmorphe Störung ist keineswegs selten. Nach vorsichtigen Schätzungen von Psychologen sind etwa zwei Prozent der Jugendlichen und Erwachsenen betroffen, wobei der Anteil der Frauen etwas höher ist und bei etwa 60 Prozent liegen dürfte. Bislang gibt es kaum offizielle Zahlen, da die Störung häufig nicht erkannt wird.

Artikelinhalte im Überblick:

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Was ist Dysmorphophobie?

Als Dysmorphophobie bezeichnet man die übermäßige Beschäftigung mit einem wahrgenommenen Makel oder Mangel in der äußeren Erscheinung, der für andere gar nicht oder weniger stark sichtbar ist.

Das Wort "dysmorph" kommt aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich "fehlgestaltet". Dysmorpho-Phobie ist entsprechend die Angst davor, fehlgestaltet zu sein. Psychologen sprechen heute allerdings lieber von der Körperdysmorphen Störung, abgekürzt KDS. Im englischsprachigen Raum hat sich die Bezeichnung "Body Dysmorphia" oder "Body Dysmorphic Disorder" (BDD) durchgesetzt.

Die Körperdysmorphe Störung ist eine klassische Körperwahrnehmungsstörung, auch Körperschemastörung genannt: Betroffene sehen ihren Körper nicht so, wie er von anderen wahrgenommen wird. Sie leben in ständiger Unzufriedenheit mit ihrem Äußeren und versuchen, ihren vermeintlichen Schönheitsfehler zu verbergen. Oft sind diese Menschen extrem unsicher oder schüchtern, obwohl sie von Außenstehenden vielleicht sogar als eingebildet oder arrogant wahrgenommen werden. Sie verstecken sich, ziehen sich aus dem sozialen Umfeld zurück und leiden in der Folge häufig unter Einsamkeit. Viele geben nicht auf, bis der "Makel" behoben ist, und verfallen dabei oft genug in eine nicht enden wollenden Serie von Schönheitsoperationen. Dabei sind sie keineswegs hässlich oder entstellt, sondern ihre Seele ist krank.

Woran erkennt man eine Körperdysmorphe Störung?

Menschen mit KDS beschäftigen sich übermäßig viel mit ihrem Äußeren und damit verbundenen Bereichen wie Körperpflege, Kleidung oder Sport. Das geht bei schweren Formen der Störung so weit, dass sich die Betroffenen beinahe rund um die Uhr um ihr körperliches Erscheinungsbild Gedanken machen. Gleichzeitig leiden sie unter dieser zwanghaften Beschäftigung mit dem Körper extrem, schämen sich dafür und ziehen sich zurück. Das führt zu sozialen Problemen bis hin zur Vereinsamung, was wiederum Ängste und Schamgefühle verstärkt. Erst oft viele Jahre später suchen Personen mit einer Dysmorphophobie Hilfe – dann aber meist aufgrund ihrer Depressionen oder sozialen Ängste. Denn die meisten wissen gar nicht, dass es überhaupt so etwas wie eine Körperwahrnehmungsstörung gibt.

Für eine Körperdysmorphe Störung sprechen folgende Anzeichen:

  • ständiges Vergleichen des Äußeren mit anderen
  • exzessive Körperpflege-Rituale
  • Verbergen oder Vertuschen des Makels
  • häufiges Überprüfen des Aussehens im Spiegel
  • Vermeiden des eigenen Spiegelbildes
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Häufig betroffene Körperzonen: Haut, Haare und Nase

Typischerweise sind Menschen mit Dysmorphophobie nicht generell mit ihrem Äußeren unzufrieden, sondern fokussieren sich auf eine bestimmte Körperregion. Häufig sind das Gesicht und der Kopf betroffen: Hautunreinheiten, Akne und Narben, eine zu große oder hässliche Nase, , dünne Haare, schiefe Zähne oder ein zu großer Kopf. Außerdem sehen viele ihre Füße oder Geschlechtsteile als hässlich an. Vor allem Letzteres führt häufig zu sexuellen Hemmungen.

Adoniskomplex: Muskeldysmorphe Störung bei Männern

Die Muskeldysmorphe Störung ist eine Unterform, die man häufig bei Männern findet. Im Unterschied zur Dysmorphophobie werden dabei nicht einzelne Körperteile als missgestaltet wahrgenommen, sondern die gesamte Muskulatur. Von Muskeldysmorphophobie betroffene Männer sehen sich selbst als zu wenig muskulös, zu hager oder zu klein an. Den Adoniskomplex, wie man ihn umgangssprachlich auch nennt, findet man oft unter . Die Körperwahrnehmungsstörung kann im Extremfall dazu führen, dass sich ein 140kg schwerer, muskelbepackter Kraftprotz selber als dünn und schmächtig empfindet.

Ähnlichkeit und Abgrenzung zur Essstörung

Dysmorphophobie kann in Verbindung mit Essstörungen auftreten, ist davon generell aber abzugrenzen. Menschen, die an Magersucht leiden, erleben ihren ganzen Körper als zu dick und entsprechend als unattraktiv. Die Störung der Körperwahrnehmung bewirkt bei ihnen, dass sie sich selber im Spiegel als übergewichtig sehen – selbst, wenn sie objektiv betrachtet nur noch aus "Haut und Knochen" bestehen. Die Verhaltensmechanismen sind bei beiden Krankheiten ähnlich, sodass auch ähnliche Therapiekonzepte zum Einsatz kommen.

Ursachen für Dysmorphophobie liegen in der Kindheit

Die Ursachen für die Entwicklung einer Körperakzeptanzstörung liegen wie bei den meisten Störungen dieser Art in der Erziehung beziehungsweise in Erfahrungen der Kindheit. Dabei sind mögliche Auslöser für Dysmorphophobie:

  • konfliktarmes, überbehütetes Elternhaus
  • extrem autoritäre, abwertende Erziehung
  • körperlicher oder seelischer Missbrauch

Ein überbehütetes, konfliktfreies Aufwachsen behindert das Kind in seiner Selbstständigkeitsentwicklung. Es hat nicht gelernt, mit alltäglichen Dingen selbst umzugehen, weil ihm alles abgenommen wurde und entwickelt daraus Ängste und Unsicherheiten.

In einem extrem autoritären, abwertenden Elternhaus fehlt es den Kindern oft an Zuneigung und Wärme. Die Erwartungen sind übersteigert, dem Kind wird keine Einfühlsamkeit entgegengebracht, sodass es nicht lernt, mit seinen Gefühlen richtig umzugehen.

Missbrauch – egal ob sexuell, körperlich, emotional oder in Form von Vernachlässigung – führt immer zu Schamgefühl und dazu, dass der eigene Körper abgelehnt wird.

Verlauf und Formen der Körperdysmorphen Störung

Eine Körperdysmorphe Störung manifestiert sich häufig in der Pubertät und Jugendzeit. Sofern sie nicht entsprechend behandelt wird, verschlimmert sich die Phobie im Laufe der Jahre und führt dann oft zu einem enormen Leidensdruck. Betroffene entwickeln ganz bestimmte, zwanghafte Verhaltensmuster. Man kann diese in vier Bereiche unterteilen:

  1. Kontrollieren: Menschen, die unter Dysmorphophobie leiden, sind extrem unsicher wie sie aussehen und wie sie von anderen wahrgenommen werden. Entsprechend überprüfen sie ihr Erscheinungsbild permanent im Spiegel. Sie nutzen dazu auch Schaufenster und andere spiegelnde Oberflächen. Betroffene fragen ständig bei anderen nach, ob mit ihrem Äußeren alles in Ordnung ist oder befühlen immer wieder ihren Makel. Sie vergleichen sich übermäßig viel mit anderen Personen, vermessen ihre Körperteile oder fotografieren und filmen sich selbst ständig.

  2. Kaschieren: Viele können kaum das Haus verlassen, ohne ihren Makel zu kaschieren. Sie bedecken ihre vermeintlich abstehenden Ohren mit Mützen oder Hüten, tragen aufgrund ihrer als hässlich empfundenen Beine nur weite Kleidung oder decken ihre Narben oder unreine Haut mit stark deckendem Make-up oder Camouflage-Creme ab. Sie verbringen Stunden damit zu, sich herzurichten und zu schminken. Das Verhaltensmuster wird dabei häufig wiederholt, weil das Ergebnis meist nicht gleich dem Anspruch entspricht.

  3. Manipulieren: Der Versuch, das eigene Erscheinungsbild zur verändern beginnt zunehmend, die Gedanken sowie das Verhalten zu beherrschen. Typisch ist "Skin Picking", also das Herumhantieren an der Haut, exzessives Waschen, Kämmen oder Auszupfen von Haaren sowie ausgedehnte Besuche bei der Kosmetikerin. Der logische Schritt ist dann für viele irgendwann der Weg zum Schönheitschirurgen.

  4. Vermeiden: Wenn sie den Makel nicht ausreichend verbergen können, meiden sie die Öffentlichkeit. Sie sagen Verabredungen ab, gehen nicht zur Schule oder Arbeit und machen einen großen Bogen um öffentliche Orte wie Schwimmbäder. Die Abscheu vor dem eigenen Anblick kann so weit gehen, dass Betroffene zuhause alle Spiegel verhängen oder verhindern, dass andere Menschen Fotos von ihnen machen.

Schönheits-OP ist auch keine Lösung!

Die Entfernung ihres Makels ist für Menschen mit KDS oft die logische Konsequenz ihres Strebens nach Verbesserung. Häufig haben sie schon Jahre von einer Schönheits-Op geträumt, darauf gespart und sich ausgemalt, wie sie nach einer Op auf andere wirken könnten. Die Realität ist dann oft enttäuschend, denn der vermeintliche Makel sitzt tief in der Seele – dort, wo das Skalpell nicht hinkommt. Entsprechend kann die Op nicht die erhoffte Lösung bringen.

Die Leitlinien der plastischen Chirurgie geben übrigens ganz klar vor, dass Schönheitsoperationen wie Nasen-Korrekturen oder ähnliche Behandlungen nicht an Menschen mit "Dysmorphophobie, unrealistischen Erwartungshaltungen und externer Motivation" durchgeführt werden dürfen. Genau genommen wäre der Operateur also verpflichtet, die psychische Gesundheit seiner Patienten vorher zu überprüfen. Doch leider fehlt es Schönheitschirurgen häufig an Fachwissen, um eine Körperdysmorphe Störung zu erkennen.

Viele Menschen sind nach der Op keineswegs glücklich, sondern unzufrieden oder gar völlig frustriert. Andere verfallen in einen Strudel von immer neuen aufeinanderfolgenden plastischen Operationen. Hilfe aus dieser Sucht nach Schönheitsoperationen kann nur eine psychotherapeutische Behandlung geben.

Wie behandelt man eine Körperdysmorphe Störung?

Menschen, die unter Dysmorphophobie leiden, benötigen kompetente psychotherapeutische Hilfe. Zur Behandlung kommen Ansätze aus der kognitiven Verhaltenstherapie, der Gesprächstherapie und aus der Psychoanalyse in Frage.

Leidet der Betroffene gleichzeitig unter Depressionen oder gar Selbstmordgedanken, sollte unter Umständen auch eine Therapie mit stimmungsaufhellenden Antidepressiva oder anderen Psychopharmaka erfolgen.

Sanfte Hilfe für die Seele: Psychopharmaka aus der Natur

Der entscheidende Aspekt bei der Behandlung von KDS ist aber: Diese Menschen müssen langsam wieder lernen, ihren Körper so zu akzeptieren und anzunehmen wie er ist. Übungen vor dem Spiegel und Trainings für die Meisterung unangenehmer Situationen helfen ihnen dabei, Schritt für Schritt Selbstbewusstsein und ein besseres Körpergefühl zu entwickeln und ungünstige Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster loszulassen.

Schritt für Schritt zur veränderten Körperwahrnehmung

Als besonders erfolgreich hat sich eine Behandlungsmethode aus der Verhaltenstherapie erwiesen: die Spiegelkonfrontation. Sie setzt dort an, wo bei vielen Betroffenen die Ursache der Störung liegt: am verzerrten Körperbild. Mit gezielten Übungen lernen sie, die eigene Körperwahrnehmung Stück für Stück zu verändern und sich wieder so wahrzunehmen, wie sie objektiv betrachtet sind.

Viele Menschen mit KDS haben sich im Laufe der Jahre Sicherheitsverhaltensweisen angewöhnt, wie das Überschminken oder Kaschieren ihres gefühlten Makels. Indem sie sich angstauslösenden Situationen ohne Schminke oder dergleichen stellen, erfahren sie, dass ihre Befürchtungen, von anderen abgelehnt zu werden, nicht zutreffen. Ängste und Scham können so sukzessive reduziert werden.

Wo finden Betroffene Hilfe?

Hilfe für Betroffene bieten Psychologen, Psychotherapeuten und psychotherapeutische Kliniken an. Inzwischen gibt es auch einige therapeutische Praxen mit dem Schwerpunkt "Körperschemastörung" und sogar spezielle KDS-Ambulanzen, wie beispielsweise die der Universität Münster.

Für psychologische Unterstützung können Betroffene oder deren Angehörige folgenden Dienst in Anspruch nehmen:

Den Psychotherapie-Informations-Dienst (PID). Dieser Dienst unterstützt bei der Suche nach einem Psychotherapeuten und ist ein Service des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen. Neben einer kostenlosen Telefonberatung bietet die Internetplattform eine umfangreiche Online-Datenbank zur eigenständigen Recherche zur Verfügung. So können sich Betroffene ausführlich über eine Körperdysmorphe Störung informieren:

Persönliche Telefonberatung: 030 - 2 09 16 63 30

Internet: www.psychotherapiesuche.de

Kann man Dysmorphophobie vorbeugen?

Natürlich sind psychische Störungen wie Dysmorphophobie ein Stück weit ein Symptom unserer von Schlankheit und Schönheitswahn besessenen, auf Äusserlichkeiten fokussierten Internet- und Medienwelt. Insofern können Eltern vorbeugen, indem sie das Selbstbewusstsein ihrer Kinder stärken und ihnen helfen, vermeintliche Schwächen zu akzeptieren oder gar als individuelle Besonderheit zu sehen. In dieser Hinsicht ist es auch wichtig, heranwachsenden Jugendlichen zu erklären, dass Influencer, Models und Stars nicht in Wirklichkeit so aussehen, sondern auf ihren Bildern "gephotoshopt" sind. Letztendlich ist aber ein liebevolles, nicht zu behütetes Elternhaus und die Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls die beste Vorsorge gegen psychische Störungen aller Art, von der Essstörung bis hin zur Dysmorphophobie.

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