Gestörte Körperwahrnehmung

Dysmorphophobie: Symptome, Ursachen und Behandlung

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Manche Menschen finden sich selbst so missgestaltet, dass sie sich kaum auf die Straße trauen. Die Frage "Bin ich hässlich?" bestimmt ihr ganzes Leben. Betroffene leiden unter einer körperdysmorphen Störung, auch Dysmorphophobie genannt. Wie man die Körperwahrnehmungsstörung erkennen und behandeln kann.

Junge Frau mit Körperwahrnehmungsstörung
© Getty Images/Westend61

Der eine mag seine große Nase nicht, die andere findet ihre abstehenden Ohren hässlich. Doch es gibt Menschen, die sich durch eine körperdysmorphe Störung, auch Dysmorphophobie genannt, beim Anblick ihres eigenen Spiegelbildes regelrecht quälen. Sie finden sich selbst ausgesprochen hässlich. Und das, obwohl sie nach gängigen Maßstäben völlig normal aussehen. Zwanghaft kreisen ihre Gedanken um den betroffenen Körperteil. Die Unsicherheit über das eigene Aussehen ist so stark, dass soziale Kontakte zunehmend gemieden und Alltagssituationen zur enormen Belastung werden.

Artikelinhalte im Überblick:

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Was ist Dysmorphophobie?

Als Dysmorphophobie bezeichnet man die übermäßige Beschäftigung mit einem wahrgenommenen Makel in der äußeren Erscheinung, der für andere gar nicht oder weniger stark sichtbar ist. Fachleute sprechen heute allerdings von der körperdysmorphen Störung (KDS). Im englischsprachigen Raum hat sich die Bezeichnung "Body Dysmorphia" oder "Body Dysmorphic Disorder" (BDD) durchgesetzt.

Die körperdysmorphe Störung ist eine klassische Körperwahrnehmungsstörung, auch Körperschemastörung genannt: Betroffene sehen ihren Körper nicht so, wie er von anderen wahrgenommen wird. Sie leben in ständiger Unzufriedenheit mit ihrem Äußeren und versuchen, ihren vermeintlichen Schönheitsfehler zu verbergen. Oft sind diese Menschen extrem unsicher oder schüchtern, obwohl sie von Außenstehenden vielleicht sogar als eingebildet oder arrogant wahrgenommen werden. Sie verstecken sich, ziehen sich aus dem sozialen Umfeld zurück und leiden in der Folge häufig unter Einsamkeit. Viele geben nicht auf, bis der "Makel" behoben ist, und verfallen dabei oft genug in eine Serie von Schönheitsoperationen.

Eine solche Störung ist keineswegs selten. So gehen Fachleute davon aus, dass etwa zwei Prozent der Jugendlichen und Erwachsenen betroffen sind, wobei der Anteil der Frauen etwas höher ist. Bislang gibt es kaum offizielle Zahlen, da die körperdysmorphe Störung häufig nicht erkannt wird.

Woran erkennt man eine körperdysmorphe Störung?

Menschen mit Dysmorphophobie beschäftigen sich übermäßig viel mit ihrem Äußeren und damit verbundenen Bereichen wie Körperpflege, Kleidung oder Sport. Das geht bei schweren Formen der Störung so weit, dass sich die Betroffenen beinahe rund um die Uhr um ihr körperliches Erscheinungsbild Gedanken machen. Gleichzeitig leiden sie unter diesem Verhalten extrem, schämen sich dafür und ziehen sich zurück. Das führt zu sozialen Problemen bis hin zur Vereinsamung, was wiederum Ängste und Schamgefühle verstärkt. Oft suchen Personen mit einer Dysmorphophobie erst viele Jahre später Hilfe – dann aber meist aufgrund von Depressionen oder sozialen Ängsten.

Anzeichen für eine Dysmorphophobie:

  • Ständiges Vergleichen des eigenen Äußeren mit anderen
  • Exzessive Körperpflege-Rituale
  • Verbergen oder Vertuschen des Makels
  • Häufiges Überprüfen des Aussehens im Spiegel
  • Vermeiden des eigenen Spiegelbildes

Typischerweise sind Menschen mit Dysmorphophobie nicht generell mit ihrem Äußeren unzufrieden, sondern fokussieren sich auf eine bestimmte Körperregion. Häufig betroffen sind die Haut, das Gesicht, die Nase, vermeintlich abstehende Ohren oder schiefe Zähne, Haare oder ein als zu groß empfundener Kopf. Auch die eigenen Füße oder Geschlechtsteile können von Menschen mit einer Körperwahrnehmungsstörung als hässlich empfunden werden.

Adoniskomplex: Muskeldysmorphe Störung bei Männern

Die muskeldysmorphe Störung ist eine Unterform, die man häufig bei Männern findet. Im Unterschied zur Dysmorphophobie werden dabei nicht einzelne Körperteile als missgestaltet wahrgenommen, sondern die gesamte Muskulatur. Von Muskeldysmorphophobie betroffene Männer sehen sich selbst als zu wenig muskulös, zu hager oder zu klein an. Den Adoniskomplex, wie man ihn umgangssprachlich auch nennt, findet man oft unter Bodybuildern. Die Körperwahrnehmungsstörung kann im Extremfall dazu führen, dass sich ein 140 kg schwerer, muskelbepackter Mann selbst als dünn und schmächtig empfindet.

Ähnlichkeit und Abgrenzung zur Essstörung

Dysmorphophobie kann in Verbindung mit Essstörungen auftreten, ist davon generell aber abzugrenzen. Menschen, die an Magersucht leiden, erleben ihren ganzen Körper als zu dick und entsprechend als unattraktiv. Die Störung der Körperwahrnehmung bewirkt bei ihnen, dass sie sich selbst im Spiegel als übergewichtig sehen – selbst, wenn sie objektiv betrachtet stark untergewichtig sind. Die Verhaltensmechanismen sind bei beiden Krankheiten jedoch ähnlich.

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Ursachen für Dysmorphophobie liegen in der Kindheit

Die Ursachen für die Entwicklung einer Körperakzeptanzstörung liegen wie bei den meisten Störungen dieser Art in der Erziehung beziehungsweise in Erfahrungen der Kindheit. Dabei sind mögliche Auslöser für Dysmorphophobie:

  • Überbehütetes Elternhaus: Ein überbehütetes, konfliktfreies Aufwachsen behindert das Kind in seiner Selbstständigkeitsentwicklung. Es hat nicht gelernt, mit alltäglichen Dingen selbst umzugehen, weil ihm alles abgenommen wurde und entwickelt daraus Ängste und Unsicherheiten.

  • Extrem autoritäre, abwertende Erziehung: In einem solchen Elternhaus fehlt es den Kindern oft an Zuneigung und Wärme. Die Erwartungen sind übersteigert, dem Kind wird keine Einfühlsamkeit entgegengebracht, sodass es nicht lernt, mit seinen Gefühlen richtig umzugehen.

  • Körperlicher oder seelischer Missbrauch: Egal ob sexuell, körperlich, emotional oder in Form von Vernachlässigung – Missbrauch führt in der Regel zu Schamgefühl bei den Betroffenen und dazu, dass der eigene Körper abgelehnt wird.


Verlauf und Formen der Körperdysmorphen Störung

Eine körperdysmorphe Störung manifestiert sich häufig in der Pubertät und Jugendzeit. Sofern sie nicht entsprechend behandelt wird, verschlimmert sich die Störung im Laufe der Jahre und führt dann oft zu einem enormen Leidensdruck. Betroffene entwickeln ganz bestimmte, zwanghafte Verhaltensmuster. Man kann diese in vier Bereiche unterteilen:

  1. Kontrollieren: Menschen, die unter Dysmorphophobie leiden, legen extremen Wert darauf, wie sie aussehen und wie sie von anderen wahrgenommen werden. Entsprechend überprüfen sie ihr Erscheinungsbild permanent im Spiegel. Sie nutzen dazu auch Schaufenster und andere spiegelnde Oberflächen. Betroffene fragen ständig bei anderen nach, ob mit ihrem Äußeren alles in Ordnung ist oder befühlen immer wieder ihren Makel. Sie vergleichen sich übermäßig viel mit anderen Personen, vermessen ihre Körperteile oder fotografieren und filmen sich selbst ständig.

  2. Kaschieren: Viele können kaum das Haus verlassen, ohne ihren Makel zu kaschieren. Sie bedecken ihre vermeintlich abstehenden Ohren mit Mützen oder Hüten, tragen aufgrund ihrer als hässlich empfundenen Beine nur weite Kleidung oder decken Narben und unreine Haut mit stark deckendem Make-up oder Camouflage-Creme ab.

  3. Vermeiden: Wenn sie den Makel nicht ausreichend verbergen können, meiden Menschen mit der Körperwahrnehmungsstörung die Öffentlichkeit. Sie sagen Verabredungen ab, gehen nicht zur Schule oder Arbeit und machen einen großen Bogen um öffentliche Orte wie Schwimmbäder. Die Abscheu vor dem eigenen Anblick kann so weit gehen, dass Betroffene zuhause alle Spiegel verhängen oder verhindern, dass andere Menschen Fotos von ihnen machen.

  4. Manipulieren: Der Versuch, das eigene Erscheinungsbild zu verändern beginnt zunehmend, die Gedanken sowie das Verhalten zu beherrschen. Typisch ist Skin Picking, also das Herumhantieren an der Haut, exzessives Waschen, Kämmen oder Auszupfen von Haaren. Für viele Betroffene führt der Weg dann irgendwann in die Schönheitschirurgie.

Schönheitsoperation ist keine Lösung

Die chirurgische Entfernung ihres Makels ist für Menschen mit Dysmorphophobie oft die logische Konsequenz. Allerdings geben die Leitlinien der plastischen Chirurgie eindeutig vor, dass Schönheitsoperationen wie Nasenkorrekturen nicht an Menschen mit Dysmorphophobie und externer Motivation durchgeführt werden dürfen. Streng genommen wäre der*die operierende Arzt*Ärztin verpflichtet, die psychische Gesundheit der Patient*innen vorher zu prüfen. Doch häufig fehlt es Fachkräften an relevantem Fachwissen, um eine körperdysmorphe Störung korrekt zu erkennen.

Viele Menschen sind nach der OP keineswegs glücklich, sondern unzufrieden oder frustriert. Denn sie haben sich das Ergebnis anders vorgestellt oder empfinden sich weiterhin als hässlich. Andere verfallen in einen Strudel von immer neuen aufeinanderfolgenden plastischen Operationen.

Sanfte Hilfe für die Seele: Psychopharmaka aus der Natur

Wie behandelt man eine körperdysmorphe Störung?

Menschen, die unter Dysmorphophobie leiden, benötigen kompetente psychotherapeutische Hilfe. Zur Behandlung kommen Ansätze aus der kognitiven Verhaltenstherapie, der Gesprächstherapie und aus der Psychoanalyse infrage. Leiden Betroffene zusätzlich unter Depressionen oder haben Selbstmordgedanken, sollte unter Umständen eine medikamentöse Therapie mit Antidepressiva oder anderen Psychopharmaka erfolgen.

Der entscheidende Aspekt bei der Behandlung der Dysmorphophobie ist aber: Betroffene müssen langsam wieder lernen, ihren Körper so zu akzeptieren und anzunehmen wie er ist. Übungen vor dem Spiegel und ein Training für die Meisterung unangenehmer Situationen helfen ihnen dabei, Schritt für Schritt mehr Selbstbewusstsein und ein besseres Körpergefühl zu entwickeln – gleichzeitig sollen sie lernen, ungünstige Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster loszulassen.

Schritt für Schritt zur veränderten Körperwahrnehmung

Als besonders erfolgreich hat sich die Spiegelkonfrontation aus der Verhaltenstherapie erwiesen. Sie setzt dort an, wo bei vielen Betroffenen die Ursache der Störung liegt: am verzerrten Körperbild. Mit gezielten Übungen lernen sie, die eigene Körperwahrnehmung Stück für Stück zu verändern und sich wieder so wahrzunehmen, wie sie objektiv betrachtet sind.

Viele Menschen mit Dysmorphophobie haben sich im Laufe der Jahre Sicherheitsverhaltensweisen angewöhnt, wie das Überschminken oder Kaschieren ihres gefühlten Makels. Indem sie sich angstauslösenden Situationen ohne Make-up oder ähnlichem stellen, erfahren sie häufig, dass ihre Befürchtungen, von anderen abgelehnt zu werden, nicht zutreffen. Ängste und Scham können so in vielen Fällen sukzessive reduziert werden.

Wo finden Betroffene Hilfe?

Hilfe für Betroffene bieten psychotherapeutische Praxen und Kliniken an. Inzwischen gibt es auch therapeutische Praxen mit dem Schwerpunkt "Körperschemastörung" und spezielle KDS-Ambulanzen. Für psychologische Unterstützung können Betroffene oder Angehörige den Psychotherapie-Informations-Dienst (PID) in Anspruch nehmen. Er unterstützt bei der Suche nach Psychotherapeut*innen und ist ein Service des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen. Neben einer kostenlosen Telefonberatung bietet die Internetplattform eine umfangreiche Online-Datenbank zur eigenständigen Recherche. So können sich Betroffene ausführlich über eine Körperdysmorphe Störung informieren.

Kann man Dysmorphophobie vorbeugen?

Eltern sollten das Selbstbewusstsein ihrer Kinder stärken und ihnen helfen, vermeintliche Schwächen zu akzeptieren oder sogar als individuelle Besonderheit zu sehen. In dieser Hinsicht ist es auch wichtig, heranwachsenden Jugendlichen zu erklären, dass Influencer*innen, Models und Stars nicht in Wirklichkeit so aussehen, sondern die Bilder in Medien und auf Social Media bearbeitet wurden.

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