Schmerzverarbeitung

Kreativ gegen akute Schmerzen

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Körperlicher Ausgleich wie Yoga hilft gegen akuten Schmerz
(c) Getty Images

Akute Schmerzen gehören zum Alltag der Deutschen: Nur neun Prozent der Bevölkerung erleben ein ganzes Jahr schmerzfrei. Im Interview erläutert Professor H. Christof Müller-Busch, Schmerzexperte am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe, einem Lehrkrankenhaus der Berliner Charité, inwiefern Kreativität im Alltag dabei helfen kann, den Umgang mit Schmerz zu verändern und ihn erfolgreich zu bekämpfen.

Lifeline: Welchen Einfluss hat Kreativität auf Schmerzerleben und -verarbeitung?

Professor Dr. H. Christof Müller-Busch: Man kann Kreativität im Sinne von "schöpferische Kraft" verstehen: Diese Vorstellung bezieht sich auf den phantasievollen und aktiven Umgang mit dem, was sich im Schmerzerleben manifestiert, nämlich ein gesteigertes Bewusstseins auf den eigenen Körper. So ist es im Sinne von Kant durchaus richtig, sich auf etwas anderes zu konzentrieren, sich abzulenken, aber auch durch körperliche Aktivität zu versuchen die Körperwahrnehmung, bzw. die bei der Schmerzverarbeitung bedeutsamen Prozesse günstig zu beeinflussen. Kreativität kann ein Konzept, aber auch ein Lebensstil sein, wie Rainer Holm-Hadulla in seinem Buch "Kreativität - Konzept und Lebensstil" schreibt. Nach Duncan lassen sich die Folgen kreativen Tuns vor allem in einer Steigerung seelischen Wohlbefindens erkennen.

Lifeline: Inwiefern kann Kreativität im Alltag dabei helfen, akutem Schmerz vorzubeugen und ihn zu bekämpfen?

Ein Beispiel hier ist die Migräneerkrankung, bei der ein regelmäßiger Tagesrhythmus, ein guter Umgang mit Stress, körperlicher Ausgleich durch autogenes Training, Yoga, Musik und sportliche Aktivitäten dazu beitragen können, nicht nur Anfälle seltener zu machen, sondern auch erträglicher, besonders dann, wenn man versucht, sich nicht ganz passiv dem Leiden auszuliefern. Die Einstellung, eine Schmerzerkrankung nicht als Feind anzusehen, sondern als Begleiter, mit dem man sich allerdings arrangieren muss und mit dem umzugehen es Wege gibt, die man lernen kann, erleichtert den Umgang mit Schmerz.

Lifeline: Welche kreativen Maßnahmen empfehlen Sie zur Vorbeugung akuter Schmerzen?

Akute Schmerzen werden zwar meist als unerwünscht betrachtet, dennoch aber auch als sinnvoll oder sogar lebensnotwendig. Sie signalisieren, dass etwas mit dem Körper nicht stimmt. Die beste Vermeidung von Schmerzen ist ein kreativer Umgang mit dem eigenen Körper, dazu gehören Hygiene und diätetische Maßnahmen. Ich hatte einmal eine Patientin, die immer wieder unter heftigen akuten Muskelschmerzen litt - allerdings aufgrund einer seltenen Muskelerkrankung. Medikamente halfen nicht sehr gut, so dass ich ihr in mehreren Gesprächen zu erklären versuchte, wie wichtig Ablenkung z.B. durch Singen sein könnte. Als ich sie einige Jahre später wieder traf, berichtete sie mir glücklich, wie gut es ihr ginge. Als ich fragte, woran es denn läge, sagte sie nur, dass sie meinen Rat mit dem Singen gefolgt sei. Inzwischen singe sie in drei Chören und das erfülle sie so, dass die Schmerzen sie weitgehend verlassen hätten.

Lifeline: Gibt es bestimmte kreative Aktivitäten, die besonders für den Umgang mit akuten Rückenschmerzen geeignet sind, um eine Chronifizierung zu vermeiden?

Künstlerische Bewegungstherapien wie Tai-Chi, Chi-Gong und Heileurythmie können dazu beitragen, innere Kraft und Ruhe im Umgang mit sich selbst zu fördern oder - wie wir sagen - die Ich-Organisation zu unterstützen. Auch aktive Musiktherapie z.B. mit Schlaginstrumenten kann hilfreich sein. Beispielsweise hat sich ein Patient, den wir lange stationär wegen Rückenschmerzen behandelten, schließlich selbst eine Trommel gekauft, um sich morgens in Schwung zu trommeln und dadurch die Rückenschmerzen für den Tag zu vermeiden. Auch rhythmisches Laufen (Nordic Walking) ist natürlich eine gute Methode.

Lifeline: Gibt es auch eine spezifische Empfehlung für episodischen Spannungskopfschmerz bzw. Migräne?

Zu empfehlen sind gezielte krankengymnastische Übungen, physikalische Maßnahmen, die den Tonus der Nackenmuskulatur verbessern und gegebenenfalls eine angemessene Selbstmedikation mit Medikamenten, die nicht zu medikamentös induzierten Kopfschmerzen führen können.

Lifeline: Ist Malen zum Stressabbau und zur Entspannung besonders empfehlenswert?

Malen ist besonders geeignet, um in schwierigen Situationen einen Zugang zum eigenen Selbst zu finden. Malen kann ein wunderbares Ausdrucksmittel und Entspannungsmittel sein, speziell, wenn das schöpferische Tun selbst nicht nur von der Ergebnisseite her gesehen wird, sondern von Erlebnis- und Erfahrensseite. Es ist nicht so sehr das fertige Bild, das hilft - obwohl das auch sehr befriedigend sein kann - sondern der künstlerische Prozess.

Lifeline: Warum reagiert jeder Mensch unterschiedlich auf Schmerzen bzw. was bedingt die Schmerzempfindlichkeit?

Wir müssen zwischen Schmerzschwelle und Schmerztoleranz unterscheiden. Die so genannte Schmerzschwelle, die angibt, wann ein experimenteller Reiz als schmerzhaft empfunden wird, ist bei allen Menschen ähnlich. Interkulturelle Vergleiche zeigen, dass es praktisch keine Unterschiede zwischen den Individuen verschiedener Kulturen hinsichtlich der Schmerzschwelle gibt. Bei der Schmerztoleranz zeigen sich jedoch große kulturelle Unterschiede. Unabhängig von Alter, Geschlecht und kulturellem Hintergrund ist die Schmerzschwelle eine biologische Eigenschaft des Nervensystems. Die individuelle Schmerztoleranz ist abhängig von Situationen, Erfahrung und Training. So ist die Toleranz bei viel Ablenkung relativ hoch; bei lang anhaltenden oder wiederholt auftretenden Schmerzen wird die Schmerztoleranz zunehmend geringer.

Lifeline: Ist es ein Vorteil schmerzunempfindlicher zu sein oder hat das auch Nachteile?

Eine völlige Schmerzunempfindlichkeit, z.B. angeboren oder durch eine Querschnittlähmung oder auch durch Ekstase oder einen Rausch bedingt, ist natürlich gefährlich, weil akuter Schmerz als Alarmsignal für Verletzungen oder ähnliches nicht wahrgenommen werden kann. Eine kreativer Umgang mit einer vielleicht zu geringen Schmerztoleranz, in dem man nicht dauernd seinen Schmerz zu betäuben versucht, sondern ihn in seiner komplexen Bedeutung für sein Leben einordnet und dadurch auch die Schmerztoleranz zu verbessern versucht, ist eher günstig. Oder anders ausgedrückt: Ein sensibler Umgang mit Schmerz als Teil des Lebens ist besser als ein schmerzfreies Leben ohne Sensibilität.

Autor: lifeline lifeline
Letzte Aktualisierung: 09. Juni 2010

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