Jeder Zehnte stirbt

Magersucht (Anorexia nervosa): Zwang zum Hungern

Von Magersucht (Anorexia nervosa) spricht man, wenn Betroffene sich auf höchstens 85 Prozent des altersgemäßen Durchschnittsgewichts herunterhungern. Die Essstörung tritt vorwiegend unter Jugendlichen auf und verläuft in etwa zehn Prozent der Fälle tödlich.

Frau mit Magersucht
Selbst wenn sie noch so untergewichtig sind: Magersüchtige halten sich für zu dick und achten streng auf ihr Gewicht.
iStock

Als Anorexie (Magersucht, Anorexia nervosa, Anorexia mentalis) wird ein selbst verursachter bedeutsamer Gewichtsverlust bezeichnet. Ebenso spricht man von Anorexie, wenn Kinder oder Jugendliche selbst verursacht ein Gewicht beibehalten, das nicht ihrem Alter gemäß ist, oder selbst verursacht nicht altersgemäß zunehmen.

Der Begriff Anorexie (griechisch "ohne Verlangen") bezeichnet eigentlich den "Verlust des Nahrungstriebs", also ein Symptom, das bei verschiedenen Erkrankungen auftreten kann. Er wird in der Alltagssprache aber oft mit der Krankheit Magersucht gleichgesetzt.

Anorexia nervosa gehört zu den psychisch verursachten Essstörungen, unter die auch die Bulimia nervosa (Ess-Brechsucht, Bulimie) und die so genannte Binge-Eating-Störung ("Fressanfälle" ohne nachfolgendes Erbrechen, BES, Binge Eating Disorder) fallen. Als Grenze zur Magersucht gilt ein Gewicht von 85 Prozent des altersgemäßen Durchschnittswertes.

Mädchen anfälliger für Anorexie als Jungen

Anorexie tritt überwiegend im Jugendalter auf. Unter Teenagern sind etwa 0,5 Prozent der Mädchen betroffen, wobei der Gipfel der Häufigkeitsverteilung bei einem Alter von 14 Jahren liegt. Mädchen sind deutlich häufiger betroffen als Jungen. Während vor 20 Jahren jedoch nur etwa ein erkrankter Junge auf zehn bis 15 Mädchen kam, hat sich die relative Häufigkeit heute auf bis zu einen erkrankten Jungen auf vier betroffene Mädchen erhöht. Während die Häufigkeit der Erkrankung unter Mädchen konstant ist, nimmt Anorexie unter Jungen zu.

Bei ungefähr drei Viertel der Betroffenen heilt die Krankheit aus, oft jedoch erst nach mehrjährigem Verlauf. Sie halten dauerhaft ein normales Körpergewicht und zeigen keine hormonellen Störungen. Dennoch haben viele von ihnen weiterhin ein gestörtes Verhältnis zu ihrem Körper und ihrem Gewicht.

Ein Viertel der Patienten zeigt einen chronischen Verlauf, ist also dauerhaft von der Essstörung betroffen. Etwa zehn Prozent der Erkrankungen verlaufen trotz aller therapeutischen Bemühungen tödlich.

Symptome: Magersucht erkennen

Leitsymptom der Magersucht ist ein absichtlich herbeigeführtes Körpergewicht von weniger als 85 Prozent des altersgemäßen Durchschnittswertes. Eine Gewichtszunahme ist angstbesetzt (Gewichtsphobie). Oft liegt bei den Betroffenen ein gestörtes Körperbild vor. Der eigene Körper wird trotz deutlicher Zeichen der Unterernährung als dick wahrgenommen. Oftmals besteht keine Krankheits- bzw. Behandlungseinsicht.

Gestörte Wahrnehmung des eigenen Körpers typisch

Das verzerrte Körpereigenbild der Patienten ist auch durch Konfrontation mit Fotos oder dem Spiegelbild in der Regel nicht zu überwinden. Für das Umfeld irritierend ist dabei, dass die Patienten den Körperbau anderer Menschen im Allgemeinen korrekt beurteilen können. In diesem Zusammenhang gibt es Berichte, dass Patienten ihre Unterernährung erkennen konnten, wenn sie mit einer Umrisszeichnung ihres Körpers konfrontiert wurden. Entscheidend scheint zu sein, den Betroffenen ein hinreichend konkretes, gleichzeitig jedoch abstraktes Bild ihres Körpers zu präsentieren.

Die Gewichtsphobie der Patienten führt zu einer Reihe weiterer Verhaltensauffälligkeiten. Typisch für Anorexia nervosa ist, dass kalorienreiche Speisen und oft sogar jegliche Nahrungsaufnahme vermieden werden. Um eine weitere Gewichtsreduktion zu erreichen, führen die Betroffenen häufig Erbrechen herbei und greifen zu Abführmitteln (Laxantien) oder anderen Medikamenten, die eine Gewichtsreduktion bewirken können wie zum Beispiel Appetitzüglern. Weiterhin sind mehrfach tägliches Wiegen und übertriebene körperliche Aktivität zu beobachten, die selbst von den Betroffenen selbst gelegentlich als zwanghaft wahrgenommen werden.

Hormonhaushalt gerät aus den Fugen

Körperlich und psychisch bedeutsam sind die Folgen des Hungerns für den Hormonhaushalt. Bei Frauen unterbleibt die Regelblutung (Amenorrhoe). Sexuelle Interessen und Aktivitäten kommen zum Erliegen (Libidoverlust).

Die Unterernährung führt zu schweren körperlichen Symptomen. Beobachtet werden u.a. trockene, schuppige Haut, Haarausfall, Durchblutungsstörungen, Blutbildveränderungen, Elektrolytveränderungen, Wassermangel, Störungen des Fett- und des Knochenstoffwechsels, Eiweißmangel, Verdauungsstörungen (Verstopfung, Luftansammlung, Speiseröhrenentzündung) und ein gestörter Ablauf der Herztätigkeit ( EKG-Veränderungen).

Ursachen der Anorexia nervosa

Die Ursachen der Magersucht sind unbekannt. Untersuchungen an Zwillingen weisen darauf hin, dass sowohl erbliche (genetische) als auch Umweltfaktoren an der Entstehung der Krankheit beteiligt sind.

Obwohl ein ursächlicher Zusammenhang bisher nicht bewiesen ist, fällt auf, dass viele der Patienten über ein nur schwach entwickeltes Selbstbewusstsein verfügen, gleichzeitig aber zum Perfektionismus tendieren. In den Herkunftsfamilien der Patienten können öfters relative Kontaktarmut, hohe Leistungserwartungen und ein unharmonisches Verhältnis zwischen den Eltern beobachtet werden.

Schönheitsideale tragen zur Krankheitsentstehung bei

Von Bedeutung für die Krankheitsentstehung sind darüber hinaus kulturelle Schönheitsnormen sowie Einflüsse aus dem sozialen Umfeld der Betroffenen. Seit den 1960er Jahren gilt in westlichen Kulturen ein schlanker Körper als Schönheitsideal. Werbung und Medien geben hier ästhetische Richtwerte vor, die erheblichen subjektiven und sozialen Druck bewirken können, dem insbesondere Jugendliche durch Hungerleistungen zu entsprechen versuchen. Nicht zu unterschätzen sind auch auf Essverhalten oder Körpermaße gerichtete Bemerkungen aus dem sozialen Umfeld der Betroffenen. Diese können gerade bei Jugendlichen mit geringem Selbstbewusstsein zu erheblicher Verunsicherung führen. Gewichtsreduktion und soziale Belohnung werden dann unter Umständen subjektiv miteinander verknüpft und verstärken die Motivation, noch weiter abzunehmen.

Orthorexie – typische Symptome

In vielen Fällen haben insbesondere betroffene Jugendliche Schwierigkeiten, ihre sexuelle Rolle als Erwachsene und die mit ihr verbundenen Gestaltveränderungen anzunehmen. Die Gewichtsabnahme stellt in einem solchen Fall den Versuch dar, die kindliche Gestalt und oft auch die soziale Rolle des Kindes beizubehalten.

Andere Ursachen für Gewichtsverlust ausschließen: Diagnose der Anorexie

Am Beginn der Diagnostik bei Magersucht (Anorexia nervosa) steht immer eine gründliche körperliche Untersuchung, um andere Ursachen des Gewichtsverlusts auszuschließen. Je nach Gegebenheiten umfasst sie auch den Einsatz von apparativen Diagnoseverfahren (zum Beispiel EKG, Röntgenuntersuchungen et cetera) und die Bestimmung verschiedener Blutwerte.

Krankheitsgeschichte wichtig zur Diagnosestellung

Die Patienten und ihre Eltern beziehungsweise Erziehungsberechtigten werden getrennt und zunächst allgemein zu Krankheitsgeschichte, Ernährungsverhalten, Beurteilung des Körpergewichts, körperlicher Aktivität, Sexualentwicklung, Leistungsverhalten und sozialen Beziehungen befragt.

Anschließend finden vertiefende Untersuchungen statt. Dabei werden die Entwicklung der Essstörung, psychische Begleiterkrankungen sowie das psychische und soziale Wechselspiel innerhalb der Familie der Betroffenen erfasst.

Stationäre oder ambulante Behandlung der Magersucht

Die Behandlung der Magersucht (Anorexia nervosa) erfolgt in Abhängigkeit von der Schwere des Krankheitsbildes stationär in einem Krankenhaus oder ambulant. Erstes Ziel der Behandlung ist die Gewichtszunahme. Die gezielte Therapie der psychischen Krankheitsaspekte kann erst dann erfolgen, wenn das Körpergewicht der Patienten so weit angehoben wurde, dass diese für psychotherapeutische Maßnahmen erreichbar sind.

Gründe für eine stationäre Behandlung sind:

  • kritisches Untergewicht, Gewichtsverlust oder ungenügende Gewichtszunahme, unzureichende Flüssigkeitszufuhr, häufiges Erbrechen
  • körperliche Komplikationen
  • Suizidgefährdung
  • schwerwiegende psychische Begleiterkrankungen
  • ausgeprägtes Selbstverletzungsverhalten
  • festgefahrene familiäre Konfliktsituationen
  • Verdacht auf Misshandlung beziehungsweise Missbrauch
  • soziale Isolation
  • Scheitern ambulanter oder tagesklinischer Behandlungsversuche

Grundsätzlich erfolgt die Behandlung der Anorexie auf mehreren Ebenen. Neben der gezielten Therapie des gestörten Essverhaltens stehen Psychotherapie, Familientherapie, Maßnahmen zur sozialen Integration sowie gegebenenfalls die medikamentöse Behandlung.

Die Behandlung des gestörten Essverhaltens versucht über Ernährungs- und Bewegungsprotokolle, Essenspläne, Überwachung der Nahrungszufuhr, Kontrolle von gewichtsreduzierenden Maßnahmen, Information über Nahrungszusammensetzung und Nährstoffe (Psychoedukation) sowie Gewichtskontrolle die Einstellung zur Nahrungsaufnahme zu beeinflussen. Bei starkem Untergewicht, das zu stationärer Behandlung zwingt, ist eine Gewichtszunahme von 0,5 kg bis 1,5 kg pro Woche anzustreben. In schweren Fällen kann die Ernährung über eine Nasen-Magen-Sonde erfolgen.

Psychotherapie und Familientherapie zielen darauf ab, die Gewichtsphobie der Betroffenen zu überwinden, ihr Selbstwertgefühl zu stärken und ihre Beziehungsfähigkeit zu verbessern. Vorausgegangene Traumata sollten aufgearbeitet und akute oder chronische Konflikte nach Möglichkeit gelöst werden. Die Eltern sollen befähigt werden, kompetenter mit der Erkrankung ihres Kindes umzugehen. Die familiäre Konfliktfähigkeit soll gesteigert werden. Gewichtsüberwachung und Psychotherapie sollten vom selben Therapeuten vorgenommen werden.

Ziel der psychosozialen Integrationsbemühungen ist, die Betroffenen wieder zur Teilnahme am Schulunterricht beziehungsweise an der Ausbildung zu befähigen. Dafür kann es notwendig sein, den Patienten bei der Relativierung ihres Leistungsanspruchs zu helfen. Gleichfalls sollen die Maßnahmen die Isolierung der Patienten von Gleichaltrigen aufheben und bei der Teilnahme an altersentsprechenden Aktivitäten unterstützen.

Die medikamentöse Therapie richtet sich sowohl gegen psychische als auch gegen körperliche Begleiterscheinungen der Magersucht. Zur Behandlung der Gewichtsphobie und der Körperschemastörung können Therapieversuche mit so genannten atypischen Neuroleptika (zum Beispiel Olanzapin) unternommen werden. Gegen  depressive Verstimmungen und Zwangshandlungen sowie zur Prophylaxe werden so genannte Serotonin-Reuptake-Hemmer (SSRI) wie Fluoxetin eingesetzt.

Einen Schwerpunkt der medikamentösen Behandlung körperlicher Symptome stellt die Osteoporose-Vorbeugung dar. Hier kommen Calcium-Präparate und   zur Anwendung, falls eine ausgewogene und ausreichende Ernährung nicht erreicht werden kann. Hormonelle Störungen wie das Ausbleiben der Regelblutung normalisieren sich in der Regel mit der Gewichtszunahme.

Rückfall in die Anorexie verhindern

Ein gezieltes Verfahren, dem Ausbruch von Magersucht (Anorexia nervosa) vorzubeugen, ist nicht bekannt.

Gegen das Wiederauftreten einer Magersucht scheinen vor allem langfristige Psycho- und Familientherapien zu schützen. Gewichtszunahme und Essstörungssymptomatik können durch die Gabe eines Serotonin-Reuptake-Hemmers (z.B. Fluoxetin) für etwa ein Jahr gebessert werden.

Magersucht, Bulimie oder Binge Eating Disorder

Essstörungen wie Magersucht, Bulimie oder Binge Eating Disorder werden von der Psychologin Silke Hagena im Gespräch mit Theresa von Tiedemann erläutert.

Asklepios Kliniken

Autor:
Letzte Aktualisierung: 06. Februar 2017
Quellen: http://www.uni-duesseldorf.de/awmf/ll/028-011.htm www.bundesfachverbandessstoerungen.de/de/8/leitlinien_zur_behandlung_von_essstoerungen.html http://www.dgk.de/web/dgk_content/de/magersucht.htm http://www.anad-pathways.de/de/6/magersucht-anorexia-nervosa.html Ther Umsch. 2006 Aug;63(8):545-9. Ther Umsch. 2006 Aug;63(8):539-43

Meistgeklickt zum Thema
Bulimie: Raus aus der Ess-Brech-Spirale!
Essstörung

Symptome der Essstörung sind Essattacken und Versuche, die aufgenommenen Kalorien wieder loszuwerden mehr...

Pro Ana und Pro Mia: Gefährliche Freundinnen aus dem Internet
Essstörungen als Kult

Mitglieder der Pro-Ana-Bewegung erheben ihre Magersucht zum Kult und stacheln sich online zum Rekordhungern an mehr...

Binge Eating: Teufelskreis aus Essanfällen und Schuldgefühlen
Essstörung

Binge Eating, auch Binge-Eating-Störung oder Binge Eating Disorder genannt, bezeichnet eine Form der Essstörung, bei der riesige Mengen Lebensmittel innerhalb kurzer Zeit verschlungen werden mehr...

Reden Sie mit!

Sie möchten Informationen zu bestimmten Krankheitssymptomen oder wollen medizinischen Rat? Hier können Sie Ihre Fragen an unsere Experten oder andere Lifeline-Nutzer stellen!

Fragen Sie unsere Experten!

Kostenlos. 24 Stunden täglich. Unsere Gesundheitsexperten beantworten Ihre Fragen.

mehr lesen...
Stichwortsuche in den Fragen und Antworten unserer Community

Durchstöbern Sie anhand der für Sie interessanten Begriffe die Beiträge und Foren in der Lifeline-Community.

Newsletter-Leser wissen mehr

Der kostenlose Gesundheits-Newsletter

Hier bestellen...

Zum Seitenanfang