Kosten übernimmt die Kasse

Marihuana auf Rezept: Wann Cannabis legal ist und wie es wirkt

Bestimmte Patienten erhalten Cannabis künftig auf Rezept, die Kosten übernimmt die Krankenkasse. Wem der Konsum von medizinischem Marihuana offensteht, wann der Anbau legal ist, wie Cannabis wirkt und an welchen Faktoren man eine Sucht erkennt.

Marihuana, Cannabis, Joint, Kiffen
Cannabis hat großes therapeutisches Potenzial – kann wohl aber auch süchtig machen.
iStock

Mit dem Gesetz zur Änderung der betäubungsmittelrechtlichen Vorschriften, das im Februar 2017 den Bundesrat passiert hat, dürfen Ärzte künftig Cannabis per Rezept verschreiben. Die Kosten werden von der gesetzlichen Krankenkasse erstattet, die die Behandlung im Vorfeld genehmigen muss.

Im Gegenzug müssen sich Patienten bereiterklären, mittels anonymisierter Daten an einer Begleitforschung der Bundesopiumstelle teilzunehmen. Ziel ist es, über die behandelnden Ärzte zuverlässige Informationen über die Wirksamkeit zu ermitteln, die bisher nur begrenzt vorliegen.

Medizinisches Cannabis künftig auch in Deutschland angebaut

Ein solches Betäubungsmittelrezept ist vor allem für jene Schwerkranke gedacht, die mit herkömmlichen Mitteln nicht zufriedenstellend behandelt werden können. Dies einzuschätzen, unterliegt dem Arzt. Die Indikationen sind im Gesetz nicht genau festgelegt. Als Anwendungsgebiete, bei denen Cannabis eine positive Wirkung entfalten kann, gelten beispielsweise:

Bisher wird Medizinal-Cannabis mit einem standardisierten Gehalt an Cannabinoiden aus den Niederlanden und Kanada importiert. Künftig soll der Anbau auch in Deutschland erfolgen, um die Versorgung sicherzustellen. Dafür wurde eigens eine staatliche Cannabisagentur gegründet, die beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) angesiedelt ist. Sie vergibt Aufträge zum legalen Anbau an Unternehmen und kontrolliert die Auslieferung des medizinischen Marihuanas an Apotheken. Dabei darf das BfArM, eine selbstständige Behörde des Bundes, keine Gewinne erzielen.

15 sanfte Hilfen gegen den Schmerz

Um einen therapeutischen Nutzen zu gewährleisten, ist es wichtig, dass Patienten Cannabis in gleichbleibender, pharmazeutischer Qualität erhalten. Entweder werden Cannabisblüten, also die getrockneten Triebspitzen der Pflanze, oder ein Extrakt daraus verschrieben. Erstere werden geraucht, letztere sind in einer apothekenüblichen Abgabeform erhältlich, zum Beispiel als Tropfen oder Kapseln.

Bisher: Ausnahmeregelung für Anbau und Erwerb

Bereits in der Vergangenheit durften Schwerkranke mit einer Ausnahmegenehmigung Cannabis für medizinische Zwecke in der Apotheke kaufen, mussten die Kosten jedoch selbst tragen. Die Ausnahmegenehmigung, die künftig nicht mehr nötig ist, wurde beim BfArM beantragt und war für einen der folgenden Zwecke vorgesehen:

  • Eigenanbau
  • Erwerb von Cannabis-Extrakt aus der Apotheke
  • Erwerb von Cannabis-Blüten (Marihuana) aus der Apotheke

Vorzugsweise wurde der Erwerb erlaubt, der Anbau hätte laut Gerichtsurteil gewährt werden müssen, wenn sich Betroffene die hohen Kosten von monatlich bis zu 1.000 Euro nicht leisten könnten.

Der Antrag wurde begleitet von einer Stellungnahme des Arztes bezüglich der Notwendigkeit einer solchen Therapie und nur genehmigt, wenn der Patient als austherapiert galt, alle anderen Behandlungsmöglichkeiten demnach erschöpft waren.

2016 hatten knapp 650 Patienten eine Ausnahmeerlaubnis für den Erwerb von medizinischem Cannabis, die jedoch nicht zwangsläufig von allen genutzt wurde.

Cannabis auf Rezept

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Marihuana nicht nur gegen Schmerzen: Wie wirkt Cannabis?

Als Schmerzmittel ist Cannabis in einigen Studien als wirksames Medikament hervorgegangen. Cannabis wirkt außerdem muskelentspannend, appetitsteigernd und brechreizhemmend. Die Wirkstoffe sind hauptsächlich Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol. Die Wirkung des THC ist abhängig von der Dosis und individuellen Faktoren.

Wie es zum "Fressflash" nach dem Joint kommt, hat eine internationale Forschergruppe mit Leipziger Beteiligung herausgefunden: Bestimmte Nervenzellen, die normalerweise ausschließlich darauf gepolt sind, den Appetit zu drosseln, können – beeinflusst durch die Inhaltsstoffe der Hanfpflanze – die gegenteilige Wirkung entfalten und so Heißhunger auslösen. Diese Erkenntnis wurde im Fachmagazin "Nature" veröffentlicht.

Cannabis kann Nebenwirkungen haben

Einige Studien zeigen, dass das Ausmaß der therapeutisch positiven Wirkung von Marihuana gering sein kann. Laut den im Juli 2001 veröffentlichten Ergebnissen einer Studie der Universtät Helsinki sollen die Wirkstoffe im Cannabis keinen Stellenwert bei Schmerzen oder bei durch eine Chemotherapie bedingtem Erbrechen haben. Dies schrieb zumindest der Leiter der Studie, Eija Kalso, in seiner Analyse. Es gäbe besser verträgliche Alternativen, so Kalso.

Gehirn: Mythen und überraschende Fakten

Kiffen soll zudem zahlreiche Krankheiten begünstigen wie Lungenkrebs, Depressionen, Schlaganfall und Herzinfarkt. Immerhin soll das Rauchen eines Joints laut einer Untersuchung so schädlich sein wie 20 Zigaretten, weil deutlich mehr Ammoniak und schädliche Stickstoff-Oxide enthalten sind. Immunabwehr, Fruchtbarkeit, Gehirn und Nerven können geschädigt werden.

Die häufigsten Nebenwirkungen sind Müdigkeit, Schwindel, psychische Effekte und Mundtrockenheit, gegen die der Körper meist innerhalb kurzer Zeit eine Toleranz aufbaut.

Macht Marihuana süchtig?

Das Suchtpotenzial von THC ist bisher nicht vollständig geklärt. Zwar entstehen im therapeutischen Rahmen kaum je Entzugssymptome, wie das Deutsche Ärzteblatt 2012 berichtete.

Auch beim nicht klinischen Konsum zeigen nur zwei Prozent aller regelmäßigen Marihana-Konsumenten überwiegend psychische Entzugserscheinungen. Dies ergab eine 1997 vom Bundesgesundheitsministerium veröffentlichte Studie, die knapp 1.500 Kiffer über einen Zeitraum von drei Jahren beobachtete.

Eine Studie des Massachusetts General Hospital unter den Patienten in der Suchtambulanz zeichnete dagegen ein anderes Bild: Studienleiter John Kelly hatte 90 jugendliche Cannabis-Konsumenten untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass 84 Prozent der 14- bis 19-jährigen Probanden süchtig nach Joints waren. Kelly hat für seine Studie bestimmte Suchtkriterien festgelegt. Treffe bereits eine der folgenden Aussagen zu, könne eine Sucht vorliegen:

Merkmale einer Cannabis-Abhängigkeit

  • Das Kiffen belastet die Beziehung und Freundschaften.

  • Probleme in der Schule, am Arbeitsplatz oder zu Hause treten infolge des Konsums auf.

  • erhöhte Toleranz der Droge: Bis die erwünschte Wirkung eintritt, muss immer mehr konsumiert werden.

  • erfolglose Versuche, den Konsum zu reduzieren oder ganz zu stoppen

  • Ist die Droge nicht greifbar, treten Entzugserscheinungen wie Reizbarkeit, Angst, Schlafstörungen und Heißhunger auf.

Es wird aber nicht jeder, der regelmäßig zum Joint greift, gleich süchtig nach Marihuana. Der Prozentsatz sei ähnlich wie beim Alkohol, erklärt Kelly. Zwar trinken viele Menschen Alkohol, abhängig wird von allen Konsumenten jedoch nur etwa jeder achte. Bei Cannabis sei das Verhältnis genauso zu bewerten.

Die gefährlichsten Drogen von Crystal bis Cannabis

Autor:
Letzte Aktualisierung: 06. März 2017
Durch:
Quellen: Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM): http://www.bfarm.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2017/pm7-2017.html; Bundesregierung: https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2016/05/2016-05-04-gesetz-cannabisarzneimittel.html; http://www.cannabis-med.org/german/bfarm_hilfe.pdf; Journal of Addiction Medicine; European Respiratory Journal (Bd. 31, Nr. 2); Mitteilung der Universität Leipzig; Amerikanische Herzgesellschaft; https://www.aerzteblatt.de/archiv/127598/Das-therapeutische-Potenzial-von-Cannabis-und-Cannabinoiden

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