Wenn die Sinne uns täuschen

Halluzinationen: Das steckt hinter dem unheimlichen Kopfkino

Menschen mit Halluzinationen erleben rätselhafte Erscheinungen und Trugbilder. Sie sehen oder hören Dinge, die in Wirklichkeit überhaupt nicht vorhanden sind. So erkennt ein Mensch mit Halluzinationen zum Beispiel einen Baum, wo keiner steht, oder er erschnüffelt einen intensiven Fäulnisgeruch in frischer Luft. Die Täuschung kann im Prinzip jeden Sinn betreffen: das Sehen, Hören, Riechen, Fühlen oder Schmecken. Psychische Erkrankungen sind oft der Grund für die falschen Sinneswahrnehmungen, aber nicht immer. Auch Drogen und Medikamente lassen nichtexistente Filme oder Stimmen entstehen.

Halluzinationen
Visuelle Sinnestäuschungen gehören, neben akustischen und taktilen, zu den häufigsten Halluzinationen.
(c) Getty Images

Halluzinationen sind Sinnestäuschungen, die Menschen unwirkliche Dinge vorgaukeln. Das Kino im Kopf lässt den Halluzinierenden Szenen mit Figuren erleben, die nicht vorhanden sind. Er fühlt sich an Orte und in Situationen versetzt, die keinen Bezug zur Gegenwart haben. Die Sinne nehmen etwas wahr, obwohl der äußere Reiz fehlt. Der Betroffene selbst hält die Sinneseindrücke für äußerst realistisch und ist fest davon überzeugt, dass das Gesehene oder Gehörte tatsächlich existiert. Außenstehende teilen die Wahrnehmungen dagegen nicht.

Solche Trugwahrnehmungen grenzen Ärzte von Illusionen ab, bei denen ein Mensch ein reales Vorbild "falsch" wahrnimmt beziehungsweise inhaltlich uminterpretiert. Eine typische Illusion ist zum Beispiel, wenn ein Mensch nachts einen Baumstamm als gefährliche, riesenhafte Gestalt ansieht und Angst vor ihm entwickelt. Menschen mit Halluzinationen würden dagegen einen Baumstamm sehen, der überhaupt nicht vorhanden ist. Mediziner unterscheiden zudem zwischen echten Halluzinationen und Pseudohalluzinationen, bei denen sich der Patient der Täuschung wohl bewusst ist.

Welche Arten von Halluzinationen gibt es?

Halluzinationen können jeden Körpersinn betreffen. Am häufigsten sind jedoch visuelle, akustische und taktile − also das Sehen, Hören und Fühlen betreffende − Halluzinationen.

  • optische (visuelle) Halluzinationen (Gesichtshalluzinationen): Sehen von nicht vorhandenen Bildern, Mustern, Filmen, Flimmerskotom (Unscharfsehen, gefolgt von immer deutlicher werdenden Zickzacklinien); Visionen

  • akustische Halluzinationen: Akoasmen (Hören von Geräuschen oder Lärm), Phoneme (Stimmen, Laute, Worte, Sätze, undeutliches Geflüster), Musik

  • taktile Halluzinationen: Berührungen; Wärme-/Kältehalluzinationen; Wahrnehmung von krabbelndem Ungeziefer auf der Haut (Dermatozoenwahn)

  • Geruchshalluzinationen: Wahrnehmung nicht vorhandener Gerüche, die meist einen unangenehmen Charakter haben (zum Beispiel ekelhafter, stinkender Geruch wie Verwesung, Fäulnis)

  • Geschmackshalluzinationen: meist unangenehmer Art, beispielsweise bitter, salzig, faulig

  • Halluzinationen des Gleichgewichtssinns: Betroffene haben zum Beispiel die Empfindung zu fliegen, zu fallen, zu schwanken, zu schweben oder angehoben zu werden

Als Ursache von Halluzinationen gelten oft psychische Erkrankungen

Wie diese falschen Wahrnehmungen im Einzelnen entstehen, ist nicht in allen Details bekannt. Ein Erklärungsmodell geht davon aus, dass in manchen Fällen ein beeinträchtigter Sinn, etwa der Sehsinn oder Gehörsinn, zu den Halluzinationen führt. So setzt das Gehirn bei einer Schwerhörigkeit oder Sehstörung die in der Erinnerung gespeicherten Hör- oder Seheindrücke frei.

Ein anderer Erklärungsansatz ist, dass Regionen des Gehirns, die mit dem Gedächtnis des jeweiligen Sinns verknüpft sind (zum Beispiel visuelles Gedächtnis, akustisches Gedächtnis), übermäßig stark aktiviert werden und ihre Inhalte freisetzen.

Das sind die häufigen Auslöser von Halluzinationen

Halluzinationen können Ausdruck einer psychischen Erkrankung sein. Doch auch andere Ursachen kommen infrage. Die wichtigsten sind:

  • paranoide Schizophrenie: häufigste Form der Schizophrenie; typisch sind akustische, seltener optische Halluzinationen; Patienten hören Stimmen, die über ihn reden, mit ihm in Dialog treten oder ihm Befehle erteilen.

  • Psychosen (Störungen des Denkens und der Wahrnehmung mit Wahnvorstellungen und Halluzinationen), die durch Giftstoffe oder Arzneimittel ausgelöst werden

  • hohes Fieber

  • extremer Schlafmangel, große Erschöpfung

  • extremer Flüssigkeitsmangel, Austrocknung

  • langer Reizentzug und soziale Isolation

  • Delirium bei Alkoholismus

  • halluzinogene Drogen, etwa LSD, Mescalin oder Cannabinoide

  • Migräne mit Aura: optische Sinnestäuschungen, zum Beispiel Lichtblitze, die den Migräneanfall ankündigen

  • Erkrankungen und Verletzungen des Gehirns: Beispiele sind Epilepsie (Krampfanfälle), Hirntumoren, Schlaganfall, Demenz, Gehirnentzündung, Schädel-Hirn-Traum

  • Medikamente gegen die Parkinson-Krankheit (Morbus Parkinson): Bis zu ein Drittel aller behandelten Parkinsonpatienten leidet unter Halluzinationen, vornehmlich optischen Halluzinationen.

  • Schwerhörigkeit: Auslösung akustischer Halluzinationen

  • Augenkrankheiten, zum Beispiel Schädigung des Sehnervs oder Netzhautablösung

  • Charles-Bonnet-Syndrom: Auslösung visueller Halluzinationen bei älteren, sehbehinderten Menschen; die Ursache ist unklar.

  • pedunkuläre Halluzinationen: Die Unterdrückung der Traumaktivität im Wachzustand ist gestört.

Bei Halluzinationen jeglicher Art suchen Sie besser immer einen Arzt auf, der die Ursache für die Sinnestäuschungen ausfindig macht.

Halluzinationen: Was passiert bei der Diagnose?

In einem Anamnesegespräch befragt der Arzt den Patienten selbst oder auch seine Angehörigen nach den aktuellen Beschwerden und der Krankengeschichte.

Wichtig sind beispielsweise folgende Fragen:

  • Welcher Art sind die Sinneseindrücke? Zum Beispiel optisch, akustisch, taktil?
  • Zu welcher Tageszeit treten die Halluzinationen bevorzugt auf?
  • Wie häufig erleben Sie solche Trugbilder? Mehrmals täglich, täglich, wöchentlich?
  • Als wie stark und eindrücklich empfinden Sie die Halluzinationen?
  • Gibt es Situationen, die das Auftreten der Halluzinationen befördern oder mildern?
  • Wie stark fühlen Sie sich durch die Sinneseindrücke beeinträchtigt?
  • Gibt es weitere Symptome neben den Halluzinationen, zum Beispiel Ängste, Schweißausbrüche?
  • Leiden Sie derzeit unter einer körperlichen (Parkinson, Epilepsie) oder seelischen Erkrankung (Schizophrenie) oder wurde früher eine solche bei Ihnen diagnostiziert?
  • Nehmen Sie Medikamente ein? Wenn ja: Welche?
  • Konsumieren Sie regelmäßig Alkohol und in welchen Mengen (ehrlich antworten!)?
  • Konsumieren Sie halluzinogene Drogen wie LSD oder Mescalin? Wenn ja: Seit wann, wie häufig und in welchen Mengen?
  • Sind körperliche und psychische Erkrankungen in Ihrer Familie bekannt?

Diese Untersuchungen sind bei Halluzinationen üblich

Danach führt der Arzt eine gründliche körperliche Untersuchung durch, bei der er unter anderem die Funktion der verschiedenen Sinne testet. Eine Blutuntersuchung liefert Hinweise darauf, ob die Halluzinationen auf Alkoholmissbrauch, Drogenkonsum oder eine Stoffwechselstörung zurückzuführen sind. Je nach vermuteter Ursache schließen sich weitere Untersuchungen an. Dazu gehören unter anderem:

  • neurologische Untersuchung: Test des Zustandes von Gehirn und Nervensystem, Prüfung der Reflexe, Kraft, Sensibilität, Koordination oder Beweglichkeit
  • Augenuntersuchung beim Augenarzt: zum Beispiel Schäden am Sehnerv, Netzhautablösung
  • Ohruntersuchung beim HNO-Arzt: zum Beispiel Schwerhörigkeit, Tinnitus
  • psychiatrische Untersuchung: Hinweise auf Schizophrenie, Depression
  • Gehirnuntersuchung mit bildgebenden Verfahren, etwa der Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT, Kernspintomographie): Hinweise auf Tumoren, Schlaganfall, Gehirnentzündung
  • Elektroenzephalographie (EEG): Messung der Gehirnströme

Die Behandlung der Halluzinationen hängt von der Ursache ab

Welche Therapie Ärzte einsetzen, hängt von der jeweiligen Ursache ab. So genügt es beispielsweise beim Charles-Bonnet-Syndrom – bei älteren, sehbehinderten Menschen – oft schon, die Senioren über die Harmlosigkeit der auftretenden visuellen Halluzinationen aufzuklären und ihnen einfache Bewältigungsstrategien an die Hand zu geben.

Beispiele sind, die Augen zu schließen, auf die Erscheinung zuzugehen, wegzuschauen oder hin- und herzuschauen. Diese Tricks mildern die Sinnestäuschungen und nehmen den Betroffenen die Angst, sie könnten "verrückt" geworden sein.

Liegt eine körperliche Ursache zugrunde, behandeln Ärzte diese entsprechend. Geeignete Therapien sind unter anderem:

  • Schwerhörigkeit: Das regelmäßige Tragen eines Hörgeräts lässt die akustischen Halluzinationen verschwinden.

  • Tumoren: Hier bietet sich eine Operation an, durch die auch die Halluzinationen abklingen sollten.

  • Epilepsie: Einsatz von krampflösenden Medikamenten, sogenannten Antikonvulsiva

  • psychische Erkrankung, etwa bei paranoider Schizophrenie: antipsychotisch wirkende Medikamente (Neuroleptika, früher Antipsychotika genannt)

  • Halluzinationen als Nebenwirkung eines Medikaments: Wenn möglich Wechsel auf ein alternatives Präparat oder Absetzen des Medikaments.

Sind die Halluzinationen auf erheblichen Schlafmangel, Flüssigkeitsverlust und Austrocknung sowie Alkohol- und Drogenkonsum zurückzuführen, können Sie mit entsprechenden Maßnahmen selbst gegensteuern!

Autor:
Letzte Aktualisierung: 10. September 2017
Durch: sba
Quellen: http://www.demenz-leitlinie.de/aerzte/Therapie/Nicht-kognitiv/Psychose.html http://www.parkinson-web.de/content/behandlung/therapie_von_begleiterscheinungen/halluzination_und_psychose/index_ger.html https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/77608/Was-bei-akustischen-Halluzinationen-im-Gehirn-passiert

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