Wenn die Sinne täuschen

Halluzinationen: Was steckt dahinter?

Menschen mit Halluzinationen erleben Erscheinungen und Trugbilder. Sie sehen oder hören Dinge, die in Wirklichkeit nicht vorhanden sind. Welche Arten von Halluzinationen es gibt und wie sie behandelt werden.

Halluzinationen
Halluzinationen sind für Betroffene sehr belastend und treten oft bei Schizophrenie auf.
© iStock.com/martin-dm

Halluzinationen sind Sinnestäuschungen, die Menschen unwirkliche Dinge vorgaukeln. Das Gehirn lässt den Halluzinierenden Szenen mit Figuren erleben, die in der Realität nicht vorhanden sind. Er fühlt sich an Orte und in Situationen versetzt, die keinen Bezug zur Gegenwart haben. Die Sinne nehmen etwas wahr, obwohl der äußere Reiz fehlt. Der Betroffene selbst hält die Sinneseindrücke für äußerst realistisch und ist fest davon überzeugt, dass das Gesehene oder Gehörte tatsächlich existiert.

Von Halluzinationen abgegrenzt werden Illusionen, bei denen ein Mensch ein reales Vorbild "falsch" wahrnimmt beziehungsweise inhaltlich uminterpretiert. Eine typische Illusion ist zum Beispiel, wenn ein Mensch nachts einen Baumstamm als gefährliche, riesenhafte Gestalt sieht und Angst vor ihm entwickelt. Menschen mit Halluzinationen würden dagegen einen Baumstamm sehen, der überhaupt nicht vorhanden ist. Mediziner unterscheiden zudem zwischen echten Halluzinationen und Pseudohalluzinationen, bei denen sich der Patient der Täuschung bewusst ist.

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Welche Arten von Halluzinationen gibt es?

Halluzinationen können jeden Körpersinn betreffen. Am häufigsten sind jedoch visuelle, akustische und taktile − also das Sehen, Hören und Fühlen betreffende − Halluzinationen.

  • optische (visuelle) Halluzinationen (Gesichtshalluzinationen): Sehen von nicht vorhandenen Bildern, Mustern, Filmen, Flimmerskotom (Unscharfsehen, gefolgt von immer deutlicher werdenden Zickzacklinien); Visionen

  • akustische Halluzinationen: Akoasmen (Hören von Geräuschen oder Lärm), Phoneme (Hören von Stimmen, Lauten, Worten, Sätzen, undeutlichem Geflüster), Musik

  • taktile Halluzinationen: Wahrnehmung von Berührungen; Wärme-/Kältehalluzinationen; Wahrnehmung von krabbelndem Ungeziefer auf der Haut (Dermatozoenwahn)

  • Geruchshalluzinationen: Wahrnehmung nicht vorhandener Gerüche, die meist einen unangenehmen Charakter haben (zum Beispiel ekelhafter, stinkender Geruch wie Verwesung, Fäulnis)

  • Geschmackshalluzinationen: meist unangenehmer Art, beispielsweise bitter, salzig, faulig

  • Halluzinationen des Gleichgewichtssinns: Betroffene haben zum Beispiel die Empfindung zu fliegen, zu fallen, zu schwanken, zu schweben oder angehoben zu werden

Ursachen von Halluzinationen

Wie Halluzinationen im Einzelnen entstehen, ist nicht bekannt. Ein Erklärungsmodell geht davon aus, dass in manchen Fällen ein beeinträchtigter Sinn, etwa der Sehsinn oder Gehörsinn, zu den Halluzinationen führt. So setzt das Gehirn bei einer Schwerhörigkeit oder Sehstörung die in der Erinnerung gespeicherten Hör- oder Seheindrücke frei.

Ein anderer Erklärungsansatz ist, dass Regionen im Gehirn, die mit dem Gedächtnis des jeweiligen Sinns verknüpft sind (zum Beispiel visuelles Gedächtnis, akustisches Gedächtnis), übermäßig stark aktiviert werden und ihre Inhalte freisetzen.

Unter anderem kommen bei Halluzinationen folgende Ursachen infrage:

  • Schizophrenie und andere Psychosen: bei der häufigsten Form der Schizophrenie, der paranoiden Schizophrenie, sind akustische, aber auch optische Halluzinationen typisch; Betroffene hören Stimmen, die über ihn reden, mit ihm in Dialog treten oder ihm Befehle erteilen.

  • hohes Fieber

  • extremer Schlafmangel, große Erschöpfung

  • extremer Flüssigkeitsmangel, Austrocknung

  • langer Reizentzug und soziale Isolation

  • Delirium durch Alkohol (Alkoholismus)

  • halluzinogene Drogen, etwa LSD, Kokain, Mescalin oder Cannabinoide

  • Migräne mit Aura: optische Sinnestäuschungen, zum Beispiel Lichtblitze, die den Migräneanfall ankündigen

  • Erkrankungen und Verletzungen des Gehirns: Beispiele sind Epilepsie (Krampfanfälle), Hirntumoren, Schlaganfall, Demenz, Gehirnentzündung, Schädel-Hirn-Traum

  • Medikamente gegen Morbus Parkinson: Bis zu ein Drittel aller behandelten Menschen mit Parkinson leidet unter Halluzinationen, meist optischen Halluzinationen.

  • Schwerhörigkeit: Auslösung akustischer Halluzinationen

  • Augenkrankheiten, zum Beispiel Schädigung des Sehnervs oder Netzhautablösung

  • Charles-Bonnet-Syndrom: Auslösung visueller Halluzinationen bei älteren, sehbehinderten Menschen; die Ursache ist unklar.

  • pedunkuläre Halluzinationen: Die Unterdrückung der Traumaktivität im Wachzustand ist gestört.

  • postoperatives Delir: Besonders bei älteren Menschen kann nach einer Operation mit Vollnarkose ein Durchgangssyndrom auftreten. Dabei handelt es sich um einen kurzzeitig auftretenden Verwirrtheitszustand, der mit Orientierungslosigkeit, Halluzinationen und Angst einhergeht.

  • Lewy-Körperchen-Demenz: Ähnelt der Alzheimer-Erkrankung und geht mit optischen Halluzinationen einher. Auch bei anderen Arten von Demenz können Halluzinationen auftreten.

Bei Halluzinationen jeglicher Art sollte immer ein Arzt aufgesucht werden, um die Ursache für die Sinnestäuschungen abzuklären.

Wie erfolgt die Diagnose?

In einem Anamnesegespräch befragt der Arzt den Betroffenen oder seine Angehörigen nach den aktuellen Beschwerden und der Krankengeschichte.

Wichtig sind beispielsweise folgende Fragen:

  • Welcher Art sind die Sinneseindrücke? Zum Beispiel optisch, akustisch, taktil?
  • Zu welcher Tageszeit treten die Halluzinationen bevorzugt auf?
  • Wie häufig erleben Sie solche Trugbilder? Mehrmals täglich, täglich, wöchentlich?
  • Als wie stark und eindrücklich empfinden Sie die Halluzinationen?
  • Gibt es Situationen, die das Auftreten der Halluzinationen fördern oder mildern?
  • Wie stark fühlen Sie sich durch die Sinneseindrücke beeinträchtigt?
  • Gibt es weitere Symptome neben den Halluzinationen, zum Beispiel Ängste, Schweißausbrüche?
  • Leiden Sie derzeit unter einer körperlichen (Parkinson, Epilepsie) oder psychischen Erkrankung (Schizophrenie) oder wurde früher eine solche bei Ihnen diagnostiziert?
  • Nehmen Sie Medikamente ein? Welche?
  • Konsumieren Sie regelmäßig Alkohol und in welchen Mengen?
  • Konsumieren Sie halluzinogene Drogen? Seit wann, wie häufig und in welchen Mengen?
  • Sind körperliche und psychische Erkrankungen in Ihrer Familie bekannt?

Diese Untersuchungen sind bei Halluzinationen üblich

Danach führt der Arzt eine gründliche körperliche Untersuchung durch, bei der er unter anderem die Funktion der verschiedenen Sinne testet. Eine Blutuntersuchung liefert Hinweise darauf, ob die Halluzinationen auf Alkoholmissbrauch, Drogenkonsum oder eine Stoffwechselstörung zurückzuführen sind. Je nach vermuteter Ursache schließen sich weitere Untersuchungen an. Dazu gehören unter anderem:

  • neurologische Untersuchung: Test des Zustandes von Gehirn und Nervensystem, Prüfung der Reflexe, Kraft, Sensibilität, Koordination oder Beweglichkeit
  • Augenuntersuchung beim Augenarzt: zum Beispiel Schäden am Sehnerv, Netzhautablösung
  • Ohruntersuchung beim HNO-Arzt: zum Beispiel Schwerhörigkeit, Tinnitus
  • psychiatrische Untersuchung: Hinweise auf Schizophrenie, Depression
  • Untersuchung des Gehirns mit bildgebenden Verfahren, etwa der Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT, Kernspintomographie): Hinweise auf Tumoren, Schlaganfall, Gehirnentzündung
  • Elektroenzephalographie (EEG): Messung der Gehirnströme

Behandlung der Halluzinationen

Welche Therapie zur Behandlung der Halluzinationen eingesetzt wird, hängt von der jeweiligen Ursache ab. So genügt es beispielsweise beim Charles-Bonnet-Syndrom – bei älteren, sehbehinderten Menschen – oft schon, die Senioren über die Harmlosigkeit der auftretenden visuellen Halluzinationen aufzuklären und ihnen einfache Bewältigungsstrategien an die Hand zu geben. Beispiele sind, die Augen zu schließen, auf die Erscheinung zuzugehen, wegzuschauen oder hin- und herzuschauen. Diese Tricks mildern die Sinnestäuschungen und nehmen den Betroffenen die Angst, sie könnten "verrückt" geworden sein.

Liegt eine körperliche Ursache zugrunde, behandeln Ärzte diese entsprechend. Geeignete Therapien sind unter anderem:

  • Schwerhörigkeit: Das regelmäßige Tragen eines Hörgeräts lässt die akustischen Halluzinationen verschwinden.

  • Tumoren: Hier bietet sich eine Operation an, durch die auch die Halluzinationen abklingen sollten.

  • Epilepsie: Einsatz von krampflösenden Medikamenten, sogenannten Antikonvulsiva

  • psychische Erkrankung, etwa bei paranoider Schizophrenie oder einer anderen Form der Psychose: antipsychotisch wirkende Medikamente (Neuroleptika) und gegebenenfalls Psychotherapie

  • Halluzinationen als Nebenwirkung eines Medikaments: Wenn möglich Wechsel auf ein alternatives Präparat oder Absetzen des Medikaments

Sind die Halluzinationen auf erheblichen Schlafmangel, Flüssigkeitsverlust und Austrocknung sowie Alkohol- und Drogenkonsum zurückzuführen, können Betroffene mit entsprechenden Maßnahmen selbst gegensteuern.

Kann Halluzinationen vorgebeugt werden?

Direkt vorgebeugt werden kann den meisten Arten von Halluzinationen nicht. Bei einer Schizophrenie beispielsweise können nur frühzeitig Symptome ernst genommen werden. Insgesamt gilt, dass eine gesunde Lebensführung mit ausreichend Schlaf, Bewegung sowie geistiger Anstrengung und ohne Alkoholmissbrauch und Drogenkonsum empfehlenswert ist. Vorhandene Krankheiten sollten ausreichend behandelt und medikamentös eingestellt werden.

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