Unkontrolliertes Verhalten

Tourette-Syndrom: Leben mit Tics

Beim Tourette-Syndrom blinzeln Betroffene unvermittelt, schneiden Grimassen und geben ungewöhnliche Laute oder Schimpfwörter von sich, ohne das steuern zu können. Die neuropsychiatrische Krankheit trifft Kinder. Mehr über Ursachen, Diagnose, Behandlung und Verlauf bei Tourette lesen Sie hier.

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Das Tourette-Syndrom beginnt immer im Kindes- oder Jugendalter.
© iStock.com/123ducu

Sie schnauben, grunzen, hüsteln, verziehen das Gesicht, stoßen obszöne Begriffe oder Schimpfwörter aus – Menschen mit Tourette-Syndrom stoßen in ihrer Umwelt oft auf Unverständnis und Verwunderung. Dabei ist ihr Verhalten keine unschöne Angewohnheit oder schlechtes Benehmen. Es handelt sich vielmehr um eine neuropsychiatrische Erkrankung, die zu den Ticstörungen zählt. Der Name geht auf den französischen Neurologen George Gilles de la Tourette zurück, der die Erkrankung 1885 erstmals beschrieb.

Die chronisch verlaufende Erkrankung beginnt meist schon im Alter von sieben bis acht Jahren, manchmal erst in der Jugend, aber immer vor dem 21. Lebensjahr. Etwa ein Prozent aller Kinder sind betroffen. Jungen entwickeln die Störung häufiger als Mädchen.

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Ursachen der Ticstörung

Die genaue Ursache des Tourette-Syndroms ist bis heute nicht geklärt. Der genetische Einfluss scheint eine große Rollle zu spielen, denn Kinder von Menschen mit Tourette haben ein zehn- bis hundertmal höheres Risiko, auch am Tourette-Syndrom zu erkranken. Allerdings müssen weitere, auslösende Faktoren hinzukommen. Zu den Risikofaktoren zählen:

  • psychosozialer Stress in der Schwangerschaft
  • Sauerstoffmangel bei der Geburt
  • Frühgeburt
  • Rauchen, Alkohol, Drogen oder Medikamentenmissbrauch in der Schwangerschaft
  • bakterielle Infektionen mit Streptokokken der Gruppe A (beispielsweise Mittelohrentzündung, Angina, Scharlach)

Symptome des Tourette-Syndroms

Menschen mit Tourette-Syndrom haben eine gewisse Eigenkontrolle über ihre Tics. Sie spüren den bevorstehenden Ausbruch der Symptome und können ihn zeitlich hinausschieben. Irgendwann entladen sich die Tics dann aber heftig. Unterdrücken lassen sie sich nur sehr selten, weil der innere Drang zu groß wird, ähnlich wie beim Niesen oder Schluckauf. Die motorischen und vokalen Tics kommen in den akuten Phasen mehrmals am Tag vor. Es werden einfache und komplexe motorische und vokale Tics unterschieden. Komplexe Tics treten in der Regel nur bei schwerer Ausprägung des Tourette-Syndroms auf. Diese starke Form, bei der obszöne Schimpfwörter und ähnliches ausgestoßen werden, liegt nur in zehn bis 20 Prozent der Fälle vor.

Einfache motorische und vokale Tics

Einfache motorische Tics Einfache vokale Tics
Augenblinzeln Husten
Augenbewegungen Schnüffeln
Nasenbewegungen Räuspern
Mundbewegungen Grunzen
Gesichtsgrimassen Pfeifen
Kopfschleudern Tierlaute, Vogellaute
Schulterziehen  
Armbewegungen  
Handbewegungen  
Zuckungen am Bauch  
Beinbewegungen  
Fuß- oder Zehenbewegungen  

Komplexe motorische und vokale Tics

Komplexe motorische Tics Komplexe vokale Tics
Gesten oder Bewegungen der Augen Silben
Gesten/Bewegungen mit dem Kopf Wörter
Gesten mit Arm oder Hand Ungewolltes Aussprechen aggressiver oder obszöner Worte (Schimpfwörter)
Mundbewegungen Ein- oder mehrmaliges zwanghaftes Nachsprechen von Wörtern oder Sätzen
Gesten mit der Schulter Häufiges Wiederholen von selbstgesprochenen Worten
Beugen oder sich winden Blockierungen
Rotieren um die eigene Achse Atypische Sprachanwendungen
Zeigen unwillkürlicher, obszöner Gesten Enthemmte Sprache
Selbstverletzendes Verhalten  
Imitieren/Nachahmen von Tics  

Faktoren, die Tics verstärken

In einer vertrauten Umgebung, zum Beispiel in der Familie oder unter Freunden, lassen Betroffene ihren Tics freien Lauf und unterdrücken sie nicht, wie im Job oder in der Schule. Wenn Patienten entspannt oder auf etwas konzentriert sind, lassen die Tics nach. So kommen die Tics von Kindern in der Schule seltener zum Vorschein als zu Hause. Ärger, Freude, Anspannung und Stress hingegen können sie verstärken.

Betroffene mit Tourette-Syndrom leiden in den allermeisten Fällen (80 bis 90 Prozent) auch an anderen psychischen Symptomen oder Erkrankungen wie Depressionen, Zwangsstörungen oder Schlafstörungen. 80 bis 90 Prozent aller Kinder mit Tourette-Syndrom leiden zusätzlich an ADHS.

Diagnose Tourette-Syndrom stellen

Es gibt keine spezielle Untersuchung, mit der sich das Tourette-Syndrom sicher diagnostizieren lässt. Die Diagnose stellt ein Arzt, indem er die auftretenden Symptome und vorherrschenden Tics beobachtet sowie den bisherigen Krankheitsverlauf für seine Einschätzung heranzieht. Liegt das Syndrom vor, müssen motorische Tics in Form von Muskelzuckungen sowie ein oder mehrere vokale Tics vorhanden sein. Fragebögen und Schätzskalen helfen Ärzten, die Art und den Schweregrad der Tic-Störung einzuschätzen. Es gibt spezielle Diagnosekriterien für Tic-Störungen auf Grundlage von ICD-10, nach denen folgende Kriterien vorliegen müssen, um von einem Tourette-Syndrom sprechen zu können:

  • mindestens zwei motorische und ein vokaler Tic
  • Beginn im Kindes- oder Jugendalter
  • Dauer von mindestens einem Jahr (mit möglicher Unterbrechung)
  • Schwanken (Fluktuationen) der Tics im Verlauf

Mittels verschiedener neurologischer Untersuchungen lassen sich andere Krankheiten als Ursache für die Tics ausschließen.

Therapie des Tourette-Syndroms

Die Behandlung des Tourette-Syndroms besteht wie bei allen psychischen Erkrankungen aus einer Mischung verschiedener Therapien. Eine gezielte Behandlung der Tics ist nötig, wenn es durch sie zu Schmerzen, Schlafstörungen oder Leistungsbeeinträchtigung kommt.

Wichtiger Baustein der Therapie ist die Psychoedukation, also das Wissen und die Aufklärung über die Erkrankung. Das gilt für den Betroffenen selbst, aber auch für sein Umfeld (Familie, Schule). Dadurch können aus der Erkrankung resultierende Folgen wie eine soziale Phobie vermieden werden.

Medikamentöse Behandlung

Je nach Ausprägung der Tics beim Tourette-Syndrom können sie medikamentös behandelt und abgemildert werden. Infrage kommen Risperidon, Tiaprid und Sulpirid (Benzamide) und Aripiprazol. Als klassiche Antipsychotika können auch Halperidol und Pimozid verordnet werden. Wenn diese Medikamente nicht gegen die Tics helfen oder aus anderen Gründen nicht eingesetzt werden können, kommen Tetrabenazin (Dopaminspeicherentleerer), Topiramat (Antiepileptikum) oder Tetrahydrocannabinol in Betracht.

Liegt gleichzeitig ADHS vor, sind infrage kommende Medikamente Clonidin, Guanfacin und Atomoxetin. Auch Cannabis-Arzneimittel werden inzwischen manchmal bei Tourette eingesetzt.

Nichtmedikamentöse Behandlung

Beim Tourette-Syndrom ist eine Psychotherapie sinnvoll. Besonders bewährt hat sich das Habit Reversal Training (HRT). Dabei wird die Selbstwahrnehmung gefördert und erlernt, automatisiert ablaufende Handlungen durch aktives Eingreifen zu unterbrechen. Mit dieser Technik können die Tics bis zu 30 Prozent reduziert werden. Allerdings ist sie in der Regel erst für Kinder ab zehn Jahren geeignet.

Als begleitende Behandlung ist das Erlernen der Entspannungstechnik Progressive Muskelrelaxation nach Jacobsen sinnvoll. Auch eine Selbsthilfegruppe kann Betroffenen helfen, mit der Erkrankung umzugehen.

Nur in sehr seltenen Fällen, wenn keine medikamentöse Behandlung hilft, ist eine Operation (Tiefe Hirnstimulation) notwendig, um schwerste Tics und Selbstverletzungen zu verhindern.

Prognose und Verlauf bei Tourette

Das Tourette-Syndrom lässt sich nicht heilen und verläuft normalerweise in verschiedenen Phasen, in denen die Tics unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Der Beginn der Erkrankung liegt meist vor dem zehnten Lebensjahr. Der Erkrankungsgipfel ist in der Regel im Alter von zwölf Jahren erreicht, ab dem Alter von 14 bis 15 Jahren nimmt die Ausprägung der Tics deutlich ab. Einige Betroffene werden vollkommen symptomfrei (Angaben schwanken zwischen 20 bis 70 Prozent). Meistens schränkt das Tourette-Syndrom Betroffene nicht deutlich ein, sie können einen Beruf ausüben und ein normales Leben führen.

Betroffene Kinder sollten von einem Kinder- und Jugendpsychologen betreut werden. Die meisten von ihnen entwickeln im Verlauf des Tourette-Syndroms weitere Erkrankungsbilder beziehungsweise Auffälligkeiten:

  • geringe Frustrationstoleranz und Lernprobleme

  • Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS)

  • Zwangsstörungen

  • Schlafstörungen

  • Depressionen

  • Angststörungen

  • Soziale Phobien

Kann man der Ticstörung vorbeugen?

Dem Tourette-Syndrom kann nicht vorgebeugt werden, da die Ursachen noch nicht eindeutig geklärt sind. Da sich die Symptome aber bei Stress meist verstärken, ist es für Menschen mit Tourette-Syndrom sinnvoll, diesen weitgehend zu vermeiden.

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