Experteninterview

Hilfe bei Tinnitus: "Optimale Therapie wirkt dreifach"

Bereits jeder Vierte macht mindestens einmal im Leben die Erfahrung quälender Ohrgeräusche. Zwei Experten für die Volkskrankheit Tinnitus verraten im Interview: Wird man von dem Klingeln und Fiepen auf Dauer taub? Welche Behandlung hilft gegen Tinnitus und was können Betroffene selbst tun?

Tinnitus
Das störende Geräusch "verwässern", sich beruhigen und entspannen lernen: Diese drei Bestandteile der Tinnitus-Behandlung können dafür sorgen, dass Betroffene den Dauerton kaum noch wahrnehmen.
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Tinnitus ist kein unausweichliches Schicksal. Es gibt technische und psychotherapeutische Hilfen, die an verschiedenen Punkten ansetzen. Siegrid Meier, Dozentin an der Akademie für Hörgeräte-Akustik in Lübeck sowie Tinnitus-Expertin der Bundesinnung für Hörgeräteakustiker und Volker Albert, Vorsitzender der Deutschen Tinnitus-Liga und selbst Betroffener, verraten im Gespräch mit Lifeline aktuelle Informationen über die Volkskrankheit Tinnitus.

Tinnitus: 15 Fakten über Ohrgeräusche

Tinnitus, also Geräusche in einem Ohr oder in beiden, kann niemand sonst hören. Ist Tinnitus nur Einbildung?

Volker Albert: Nein, das ist leider keine Einbildung und kann einen bis an seine Grenzen treiben.

Siegrid Meier: Tinnitus lässt sich mit Phantomschmerz vergleichen. Es zeigt sich eine Aktivität auf den Hörbahnen im Gehirn, das ist auch mit Magnetresonanztomografie nachweisbar. Doch es gibt keine äußere Geräuschquelle dafür. Auslöser ist zum Beispiel eine neurologische Störung im Innenohr, die das Gehirn nicht herausfiltert. Für den Körper bedeutet das: Alarm. Dieser Stress setzt den gesamten Organismus unter Druck, er reagiert mit der Ausschüttung von Stresshormonen wie Kortisol.

Die Anzahl der Betroffenen nimmt zu. Was sind die Ursachen von Tinnitus?

V. A.: Es sind häufig zwei Auslöser: Lärm und Stress. Beides kann den Dauerton im Ohr auslösen.

Was sollte man tun, wenn Tinnitus akut auftritt?

  • Themenspecial Schwerhörigkeit

    Schwerhörigkeit - ganz gleich, ob sie altersbedingt oder etwa durch Lärm ausgelöst wird: Betroffene leben häufig wie unter einer "Käseglocke". Je nach Ursache können moderne Hörhilfen das Gehör verbessern.

S. M.: Am wichtigsten ist: Bleiben Sie ruhig. Vereinbaren Sie innerhalb der nächsten Tage einen Termin beim Hausarzt. Meist wird er Sie nach einer kurzen Untersuchung an einen Hals-Nasen-Ohrenarzt überweisen. Daneben bietet sich auch ein kurzfristiger Termin bei einem Hörgeräteakustiker an, der einen kostenfreien Hörtest durchführt. Damit wird festgestellt, ob ein Hörverlust mit dem Tinnitus einhergeht und in welcher Frequenz und Stärke sich der Tinnitus bewegt.

Um welche Frequenzen handelt es sich beim Tinnitus meistens?

V. A.: Meist sind das hohe Frequenzen, also auch hohe Töne. Es können auch mehrere Töne auftreten, auf einem oder beiden Ohren, oder auch ein Geräusch.

Warum sind diese Tests so wichtig? Warum sollte man wissen, in welchem Bereich sich das Ohrgeräusch bewegt?

S. M.: Dann kann die Hilfe gezielt ansetzen. Da gibt es etwa spezielle Hörgeräte, die mit individuell programmierten Geräuschen die Frequenz des Tinnitus sozusagen umspülen. Ich mache dazu mal einen Vergleich: Wenn Sie einen Punkt im Gesicht haben, fokussiert sich die Aufmerksamkeit voll auf diesen einen Punkt. Wenn mehrere Punkte da sind, verteilt sich die Aufmerksamkeit und die Ausprägung wird dann nicht mehr als so stark empfunden. Die Stärke der Wahrnehmung nimmt ab. Wird dazu noch der Hörverlust mit dem Hörsystem ausgeglichen, kommen zusätzliche Informationen aus der Umwelt hinzu, die den Tinnitus noch weiter verblassen lassen. Bei manchen Tinnitus-Betroffenen ist er dann gar nicht mehr wahrnehmbar.

Akuten und chronischen Tinnitus behandeln

Lifeline/Wochit

Zahlen diese Maßnahmen gegen Tinnitus die Krankenkassen?

S. M.: Ja. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten. Die Hörsysteme gibt es aber von einfachen Ausführungen, die im oder hinter dem Ohr zu tragen sind, bis hin zu Techniken, die über eine Fernbedienung verfügen, womit das Hörsystem gesteuert werden kann. Damit kann der Betroffene selbst auswählen, welches Hörprogramm in bestimmten Situationen am besten ist.

Welche Behandlung hilft Tinnitus-Betroffenen noch?

S. M.: Tinnitus beeinflusst das ganze Gehirn und den gesamten Körper. Im Hirnstamm mit den Hörbahnen gelangt der Tinnitus sozusagen hinein, im Kortex – der Hirnrinde – löst er Gedanken aus wie "Das macht mich verrückt", das limbische System wird aktiviert und Gefühle wie Stress und Panik machen sich im Körper breit. Das limbische System ist diejenige Gehirn-Einheit, welche Emotionen verarbeitet. An allen drei Stellen setzt die Behandlung von Ohrgeräuschen an.

Wie kann ich mir das vorstellen?

S. M.: Im Hirnstamm mit den Hörbahnen wirken die auf den Tinnitus abgestimmten Geräusche vom Hörgerät. Im Kortex helfen fundierte Informationen über das Symptom Tinnitus, die Gedanken in die richtigen Bahnen zu lenken ("Von Tinnitus wird man nicht verrückt") und mit gezielten Entspannungsübungen sowie Entspannungsmusik legt sich die körperliche Anspannung.

Das bedeutet, wer Tinnitus hat, sollte ein entsprechendes Hörgerät tragen?

V. A.: Ja, aber das muss individuell ausprobiert werden. Außerdem haben rund 70 bis 80 Prozent der Betroffenen auch einen beginnenden Hörverlust. Das kann mit dem Hörgerät zusätzlich verbessert werden. Das Fatale an Tinnitus plus Höreinschränkung: Häufig hört man die hohen Frequenzen schlechter, also genau die, die auch in den meisten Fällen den Tinnitus betreffen. Die Hörminderung veranlasst das Gehirn, noch mehr Konzentration auf diesen Bereich zu lenken, was wiederum den Tinnitus verstärkt.

Stimmt es, dass wer Tinnitus hat, schneller schwerhörig oder sogar taub wird?

S. M.: Nein, ein Zusammenhang ist nicht bekannt. Ebenso verhält es sich mit dem Hörsturz. Beide Krankheitsbilder, Tinnitus und Hörsturz, haben zunächst nichts miteinander zu tun. Allerdings kann nach einem Hörsturz ein Tinnitus zurückbleiben.

Tipps für gesunde Ohren

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Letzte Aktualisierung: 11. September 2017

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