Schwindelform

Morbus Menière: Was hilft bei anfallsartigem Drehschwindel?

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Bei Morbus Menière kommt es zu plötzlich auftretenden Drehschwindelattacken, die von einseitigem Hörverlust und Tinnitus begleitet werden. Die genauen Ursachen der Erkrankung sind noch ungeklärt. Was können Betroffene im Akutfall tun und wie lässt sich erneuten Anfällen vorbeugen?

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© Getty Images/Tunatura

Kurzübersicht: Morbus Menière

Ursachen: Die Ursache der Menière-Krankheit ist noch unbekannt. Allerdings sammelt sich übermäßig viel Flüssigkeit im Innenohr, das den Schwindel auslöst.

Symptome: Plötzlich einsetzender Drehschwindel, Übelkeit und Hörstörungen sind typische Anzeichen für Morbus Menière.

Diagnose: Es werden verschiedene Hör- und Gleichgewichtstests durchgeführt. Zudem müssen andere Erkrankungen wie Migräne ausgeschlossen werden.

Therapie: Bei akuten Attacken helfen Medikamente gegen Schwindel oder Erbrechen. Um weiteren Anfällen vorzubeugen, werden Medikamente wie Betahistin verabreicht oder Mittel wie Gentamicin oder Glukokortikoide direkt ins Mittelohr gespritzt. Im Einzelfall wird gestaute Flüssigkeit im Ohr operativ entfernt.

Artikelinhalte auf einen Blick:

Schwindel: Erste-Hilfe-Tipps

Was ist Morbus Menière?

Bei Morbus Menière handelt es sich um eine Störung des Innenohrs, die nach dem Arzt Prosper Menière (1799-1862) benannt ist. Er beschrieb erstmals die anfallsartig auftretenden Krankheitszeichen einer Innenohrerkrankung mit

  • heftigem Drehschwindel,
  • plötzlicher Hörminderung und
  • Ohrgeräuschen im betroffenen Ohr.

Begleitet werden die Schwindelanfälle von allgemeinem Unwohlsein, Übelkeit, Erbrechen und erhöhter Fallneigung.

Die Anfälle können Minuten oder Stunden andauern. Im Gegensatz zum Lagerungsschwindel treten die Beschwerden unabhängig von bestimmten Kopfbewegungen auf. Meist entsteht diese auch als Attackenschwindel bezeichnete Schwindelform im Alter zwischen 40 und 60 Jahren, wobei Frauen etwas häufiger betroffen sind als Männer.

Symptome bei Morbus Menière

Typisch für die Menière-Krankheit ist ein plötzlich einsetzender Schwindel, der von Betroffenen wie eine Fahrt auf dem Karussell oder in der Achterbahn beschrieben wird.

Die Symptome des anfallsartigen Drehschwindels treten in der Regel nur auf einer Seite auf. Vorboten der Erkrankung sind oft ein schlagartig einsetzendes Druckgefühl im betroffenen Ohr – bedingt durch den einseitigen Ausfall der Gleichgewichtsfunktion – und das subjektive Empfinden, dass ein Anfall unmittelbar bevorsteht (Aura). Betroffene verspüren eine Fallneigung zur erkrankten Seite.

Während eines Anfalls kommt es zudem zu einer einseitigen Schwerhörigkeit sowie tiefklingenden Ohrgeräuschen (Tinnitus). Die Drehschwindelattacke dauert mindestens 20 Minuten bis maximal 12 Stunden. Die Anfälle können sich innerhalb von Tagen, häufiger aber im Abstand von Wochen oder Monaten wiederholen. Begleitend treten oft Schwindel, Erbrechen sowie unkontrollierte Augenbewegungen (Nystagmus) auf.

Tinnitus-Symptome: So unterschiedlich äußern sich die Ohrgeräusche

Morbus Menière: Was sind die Ursachen?

Der Mechanismus der Entstehung bei der Menière-Erkrankung ist gut erforscht. Unbekannt ist jedoch, welche Ursachen diesen Mechanismus auslösen können.

Der anfallartige Drehschwindel ist auf ein Ungleichgewicht zwischen Bildung und Abfluss der Innenohrflüssigkeit (Endolymphe) zurückzuführen. Fachleute gehen davon aus, dass zu viel Lymphflüssigkeit im Ohr produziert wird oder diese schlecht abfließen kann. Durch die übermäßige Ansammlung von Flüssigkeit, die auch als endolymphatischer Hydrops bezeichnet wird, kann ein Überdruck entstehen. In der Folge reißt die Membran im Innenohr und es kommt zu Verlagerungen der Flüssigkeiten, was Sinneszellen im Ohr reizt und zu Fehlmeldungen im Gehirn führt.

Warum dieser Überdruck mit den daraus folgenden Krankheitszeichen entsteht, ist noch nicht geklärt.

Als Ursachen der Erkrankung werden diskutiert:

  • Virusinfekte (etwa Influenza-A- und -B-Virus oder Herpes-simplex-Virus)
  • Autoimmunreaktionen (Bildung von Antikörpern gegen körpereigene Zellbestandteile)
  • ein abnormer Verlauf von Blutgefäßen
  • allergische Reaktionen
  • genetische Faktoren aufgrund familiärer Häufung von Morbus Menière

Diagnose: Untersuchungen bei Morbus Menière

Bei Verdacht auf Morbus Menière wird das Hör- und Gleichgewichtsorgan mit verschiedenen Testmethoden untersucht und der Gleichgewichtssinn kontrolliert. Meist erfolgt hierfür eine Zusammenarbeit von Hausärzt*innen und Fachleuten aus Hals-Nasen-Ohren-Praxen oder der Neurologie.

Neben der ausführlichen Erhebung der Krankengeschichte sind unter anderem folgende Testmethoden hilfreich:

  • Elektrocochleographie: Mithilfe dieser Untersuchung lässt sich die Funktion des Hörnervs überprüfen. Es wird eine Elektrode am Ohr angebracht, um die Reaktionen des Innenohrs auf akustische Reize zu messen.

  • Audiometrie: Das Verfahren dient der Überprüfung des Hörvermögens.

  • Klockhoff-Test: Die auch als Glyceroltest bekannte Untersuchungsmethode erfolgt zum Nachweis eines Flüssigkeitsstaus im Innenohr. Dafür müssen Patient*innen eine Glycerollösung trinken.

  • Weber-Test: Bei diesem Test wird eine Stimmgabel auf die Mitte des Kopfes gesetzt und ein Ton erzeugt, den Patient*innen beschreiben sollen.

  • Hirnstammaudiometrie oder Brainstem Evoked Response Audiometry (BERA): Die BERA-Messung gibt Aufschluss über die zeitgerechte Weiterleitung von Nervenimpulsen vom Ohr zum Gehirn.

  • Nystagmus-Prüfung: Da das Menière-Syndrom häufig mit zuckenden Augenbewegungen einhergeht, werden auch die Augen überprüft. Hierfür wird eine sogenannte Frenzelbrille verwendet. Das ist eine beleuchtete, stark vergrößernde Brille, die dem Untersuchenden das Erkennen der Augenbewegungen ermöglicht.

Zusätzliche Untersuchungen können erforderlich sein, um Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen auszuschließen. Ähnliche Beschwerden können etwa bei benignem paroxysmalem Lagerungsschwindel, vestibulärer Migräne oder einer Entzündung des Gleichgewichtsnervs (Neuritis vestibularis) auftreten.

Wie lässt sich Morbus Menière behandeln?

Im akuten Menière-Anfall stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung, die die Beschwerden lindern. Bei wiederkehrenden Anfällen, die sich medikamentös nicht bessern lassen, können operative Eingriffe an Mittel- und Innenohr den Schwindel reduzieren oder ganz beseitigen.

Behandlung bei akutem Drehschwindel

Im Akutfall steht die Behandlung mit Medikamenten gegen Übelkeit und Erbrechen sowie die Gabe von Infusionen zum Flüssigkeitsersatz im Vordergrund. Betroffene sollten während des Schwindelanfalls am besten Bettruhe einhalten, um Stürze zu vermeiden.

Prophylaktische Therapie

Zur Vorbeugung erneuter Schwindelattacken gelten Präparate mit Betahistin als Mittel der Wahl. Betahistin ist ein dem körpereigenen Botenstoff Histamin ähnlicher Wirkstoff, der vielfältige Aufgaben hat. Unter anderem unterdrückt er im Gleichgewichtszentrum die Reize, die den Schwindel auslösen. Alternativ werden häufig entwässernde Medikamente (sogenannte Diuretika), eingesetzt. Sie sollen die angesammelte Flüssigkeit im Innenohr reduzieren.

Ergänzend kann auch eine intratympanale Therapie sinnvoll sein. Dabei werden Medikamente (Gentamicin oder ein Glukokortikoid) direkt ins Mittelohr gespritzt. Bereits nach wenigen Tagen kommt es in den meisten Fällen zur Reduktion der Schwindelanfälle. Allerdings kann es insbesondere durch die Gentamicin-Therapie zu einem zusätzlichen Hörverlust kommen, weshalb der Einsatz dieser Therapie gut abgewogen werden muss.

Ein komplettes Ausschalten des Gleichgewichtsorgans durch eine chirurgische Zerstörung (Labyrinthektomie) oder eine Durchtrennung der Gleichgewichtsnerven wird mittlerweile nur noch selten durchgeführt.

Operative Möglichkeiten

Bei schweren Verläufen kommen zudem operative Methoden in Betracht. In der HNO-Klinik erfolgt nach Prüfung der Hör- und Gleichgewichtsfunktion der chirurgische Einsatz eines Paukenröhrchens in das Trommelfell. Dadurch soll der Mittelohrbereich besser entlüftet werden. Ebenso kann eine Sakkotomie, ein Eingriff im Bereich des Innenohrs, eine Druckentlastung bewirken.

Darüber hinaus bestehen noch weitere operative Möglichkeiten, die im Einzelfall mit dem*der HNO-Arzt*Ärztin besprochen werden können. Eine starke Minderung des Hörvermögens lässt sich in manchen Fällen beispielsweise mithilfe eines Cochlea-Implantats wiederherstellen.

Verlauf von Morbus Menière

Der Krankheitsverlauf ist bei Morbus Menière sehr unterschiedlich. Bei etwa der Hälfte der Betroffenen kommt es innerhalb von zwei Jahren zu einer spontanen Heilung, bei über 70 Prozent nach acht Jahren. Je nach Ausprägung der Erkrankung erzielen unterschiedliche Therapiemaßnahmen oft gute Ergebnisse. Eine medikamentöse Dauertherapie kann die Schwere der Anfälle deutlich mildern und sogar erneute Anfälle verhindern.

Bei einigen Patient*innen nehmen die Beschwerden im Verlauf allerdings kontinuierlich zu. Dies kann im fortgeschrittenen Stadium zu einem hochgradigen, bleibenden Hörverlust aller Frequenzen, zu anhaltenden Gleichgewichtsstörungen sowie dauerhaftem Ohrenrauschen führen.

Lässt sich Morbus Menière vorbeugen?

Da die Ursache der Erkrankung bislang unbekannt ist, können auch keine gezielten Maßnahmen zur Vorbeugung der Menière-Anfälle empfohlen werden.

Psychische Faktoren (Stress) können einen Anfall auslösen, sind jedoch nicht für die Entstehung der zugrunde liegenden Erkrankung verantwortlich. Die Angst vor einem neuen Anfall kann sich so verselbstständigen, dass aufgrund dieser Stress-Situation eine erneute Drehschwindelattacke ausgelöst wird.

Fachleute empfehlen eine gesunde Lebensweise mit Vermeidung von Nikotin, übermäßigem Alkohol- und Salzkonsum sowie psychischem Stress, um Schwindelattacken vorzubeugen.

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