HWS-Distorsion

Schleudertrauma – Gefahr für die Wirbelsäule

Ein Schleudertrauma ist eine Weichteilverletzung im Bereich der Halswirbelsäule, die häufig durch einen Verkehrsunfall verursacht wird. Typisch sind Symptome wie ein steifer Hals, Kopf- und Nackenschmerzen. Welche Behandlung bei einer HWS-Distorsion hilft, ob das Tragen einer Halskrause sinnvoll ist und was man tun kann, damit die Schmerzen nicht chronisch werden.

Schleudertrauma
Steifer Hals und Nackenschmerzen? Gerade nach Auffahrunfällen kommt es häufig zu solchen Beschwerden.
© iStock.com/monkeybusinessimages

Ein Schleudertrauma ist die häufigste Folge von Verkehrsunfällen in Deutschland. Der Hintermann passt einen kurzen Moment nicht auf und fährt dem vorausfahrenden Auto auf. Die Insassen des vorderen Wagens werden mit voller Wucht nach vorne geschleudert. Durch diese peitschenartige Bewegung des Kopfes kommt es dabei schnell zu einer Verletzung der Weichteile im Bereich der Halswirbelsäule (HWS). Mediziner sprechen von einer Distorsion (Verrenkung) der Halswirbelsäule, kurz HWS-Distorsion, oder eben vom HWS-Schleudertrauma. Meist werden durch die starke Überdehnung "nur" Muskeln, Sehnen und Bänder verletzt, manchmal sind auch die knöchernen Strukturen der Wirbel betroffen.

Was ist ein Schleudertrauma?

Bei seitlichen oder frontalen Aufprällen – etwa durch Zusammenstöße beim Sport oder einen Auffahrunfall – wirken erhebliche Beschleunigungskräfte auf den Kopf und die Halswirbelsäule (HWS) ein, gefolgt von enormen Bremskräften. Der Kopf wird durch den Stoß von hinten zuerst überstreckt und dann regelrecht nach vorne katapultiert, was die Halswirbelsäule extrem belastet und überdehnt und deshalb schädigt.

Schleudertrauma: viele Namen für die gleichen Symptome

Ein Schleudertrauma ist keine Krankheit im eigentlichen Sinn, sondern umfasst mehrere Symptome, die durch äußere Krafteinwirkung entstehen. Weitere Bezeichnungen sind:

  • Halswirbelsäulendistorsion, HWS-Distorsion
  • HWS-Trauma
  • HWS-Beschleunigungstrauma, HWS-BT
  • HWS-Zerrung
  • Beschleunigungstrauma der Halswirbelsäule
  • Peitschenschlagsyndrom
  • im Englischen: Whiplash Injury
  • posttraumatisches HWS-Syndrom

HWS-Syndrom: mögliche Folge des Schleudertraumas

Häufig wird für ein Schleudertrauma auch die Bezeichnung HWS-Syndrom verwendet, obwohl die Begriffe nicht gleichzusetzen sind. Ein HWS-Syndrom beschreibt den Symptomenkomplex von Schmerzen und neurologischen Störungen im Schulter-Arm-Bereich, der sowohl durch Verschleiß und Fehlbelastung als auch durch einen Unfall verursacht werden kann. In letzterem Fall spricht man vom posttraumatischen HWS-Syndrom. Es ist also genaugenommen eine mögliche Folge eines Schleudertraumas.

Verspannungen und Schmerzen nach Autounfall

Ein Schleudertrauma geht mit Zerrungen, Überdehnungen, Rissen oder Stauchungen von Muskeln, Sehnen, Bändern oder Bandscheiben in der Region der Halswirbelsäule einher. Selten werden bei einer HWS-Distorsion auch die Knochen, Gelenke, Gefäße oder Nerven verletzt. Betroffene verspüren Nackenschmerzen, die in Schulter oder Rücken ausstrahlen können, muskelkaterartige Verspannungen und häufig auch Kopfschmerzen. Die Symptome sind meist nicht direkt nach dem Unfall zu spüren, sondern entwickeln sich mit zeitlicher Verzögerung einige Stunden später.

Soforthilfe bei Nackenschmerzen mit natürlichen Hausmitteln

Schleudertrauma ist meist harmlos

Die Stärke des Traumas hängt nicht zwangsläufig mit der Schwere des Auffahrunfalls zusammen. So kann schon ein leichter Aufprall schwere Störungen verursachen, während andere Personen selbst nach schweren Unfälle nicht immer Beschwerden entwickeln. Meist ist das HWS-Beschleunigungstrauma harmlos und klingt innerhalb von vier Wochen wieder ab. Es gibt aber einige Faktoren, die das Risiko für einen chronischen Verlauf erhöhen, zum Beispiel anfängliche heftige Kopfschmerzen oder die psychische Verfassung des Betroffenen. Mit Hilfe von Schmerzmitteln oder physikalischen Therapien, etwa Wärme und Kälte, können Betroffene die Unfallfolgen meistens gut in den Griff bekommen.

Schwere Komplikationen sind bei HWS-Distorsion selten

Es kann auch zu Verletzungen der knöchernen Wirbelstrukturen oder der Nerven im Wirbelkanal kommen. Diese sind allerdings beim klassischen Auffahrunfall außerordentlich selten, was der verbesserten Sicherheit in Autos mit Airbags, Sicherheitsgurten und vor allem Kopfstützen zuzuschreiben ist. Auch Komplikationen wie Gehirnerschütterungen oder Schädel-Hirn-Traumata sind eher selten.

Ursachen: Wie kommt es zu einem Schleudertrauma?

Auslöser einer HWS-Distorsion ist eine Beschleunigung über das normale, physiologisch kompensierbare Maß hinaus, die plötzlich und unerwartet von außen einwirkt. Innerhalb kürzester Zeit kommt es nach der extremen Beschleunigung (Akzeleration) zur Negativbeschleunigung (Dezeleration). Auf Kopf und Halswirbelsäule wirken dabei erhebliche Kräfte ein, welche die Muskeln vor allem der oberen Halswirbelsäule, die Bänder und in schweren Fällen auch die Halswirbel und Bandscheiben schädigen können.

Am stärksten sind die Beschleunigungskräfte bei einem Auffahrunfall von hinten auf das Heck eines Fahrzeugs. Ein zusätzlicher Beschleunigungsgrad von zehn Stundenkilometern und mehr durch den Aufprall genügt, um die Hals-Nacken-Muskulatur und den Halteapparat wie Sehnen und Bänder in Mitleidenschaft zu ziehen. Dagegen reichen Beschleunigungen, wie sie beim schnellen Anfahren oder einer Vollbremsung einwirken, normalerweise nicht aus, um eine Distorsion der Halswirbelsäule hervorzurufen.

Schleudertrauma nach Sturz und Sportunfall

Auch bei Sport- und Freizeitunfällen oder Stürzen kann es zu einem Schleudertrauma kommen. Kampfsportarten wie Kick-Boxen, Ringen, Yudo, Karate oder Thai-Boxen können durch die schnellen, beschleunigten Bewegungen Kopf, Hals und Wirbelsäule ebenfalls erheblich strapazieren. Außerdem kommt es bei Freizeitbeschäftigungen wie Autoscooter- oder bei Achterbahnfahrten immer wieder zu Verletzungen der Halswirbelsäule. Auch Stürze führen häufig zum Schleudertrauma, beispielsweise beim Klettern, Skifahren oder Reiten.

Risikofaktoren: Vorschädigungen erhöhen die Gefahr

Wer unter Vorerkrankungen wie schweren Verschleißerscheinungen der Halswirbelsäule, Instabilität von Wirbeln (Gleitwirbel), Morbus Bechterew (chronisch-entzündliche Erkrankung der Gelenke) oder einer Entzündung mehrerer Gelenke (Polyarthritis) leidet, hat ein erhöhtes Risiko für ein HWS-Syndrom. Darüber hinaus gelten Vorschädigungen durch eventuell vorausgegangene Verletzungen der Halswirbelsäule als Risikofaktoren, ebenso wie eine allgemein schlechte Konstitution und Muskelschwäche.

Nackenschmerzen und Verspannungen: Symptome beim Schleudertrauma

Bei einer HWS-Distorsion können verschiedene Symptome, welche Halswirbelsäule, Kopf und Nacken betreffen, in individuell unterschiedlicher Stärke auftreten.

Erste Beschwerden bei einem Schleudertrauma sind häufig:

  • Kopfschmerzen
  • Nackenschmerzen
  • Muskelschmerzen (Myalgien)
  • Muskelverspannungen (Myogelosen), Muskelhartspann
  • Nackensteifigkeit (steifer Hals)
  • Bewegungseinschränkungen
  • Ausstrahlungschmerzen in Hinterkopf, Schultern und Armen

Am häufigsten kommt es dabei zu einem typischen Symptomenkomplex, bestehend aus Nackenschmerzen, die in Schulter oder auch Rücken ausstrahlen, muskelkaterartigen Verspannungen und einem steifen Nacken. Ausgelöst werden die Schmerzen und Bewegungseinschränkungen durch das entzündete Bindegewebe und kleinste Faserrisse in Muskeln und Bändern. Kopfschmerzen, die häufig begleitend auftreten, entstehen meist aufgrund der Muskelverspannungen im Nacken. Sie können aber auch ein Hinweis auf eine Gehirnerschütterung sein, vor allem wenn sie direkt nach dem Unfall auftreten, sehr heftig sind und von Übelkeit und Erbrechen begleitet werden. In diesem Fall sollte unbedingt eine möglichst schnelle neurologische Abklärung erfolgen.

HWS-Syndrom: Symptome setzen später ein

Meist vergehen nach dem Unfall einige Stunden, selten bis zu drei Tage, bis sich die Symptome in ihrer vollen Ausprägung zeigen. Die Ursache für das verzögerte Einsetzen der Beschwerden, Latenz genannt, vermuten Mediziner darin, dass der Unfall das Gewebe mechanisch schädigt und langsam eine Entzündung hervorruft. In den meisten Fällen dauern die Beschwerden wie muskelkaterartige Nackenschmerzen oder die Nackensteife einige Tage bis wenige Wochen an. Beim größten Teil der Betroffenen sind die Symptome nach etwa vier Wochen vollständig abgeklungen.

Komplikationen beim Schleudertrauma: Verletzung von Knochen oder Nerven

Je nach Schweregrad der Verletzung können folgende weitere Symptome und Störungen hinzukommen:

Diesen Symptomen schenken Ärzte besondere Aufmerksamkeit, weil sie möglicherweise auf ein besonders schweres Schleudertrauma mit Schäden an Nerven, Bandscheiben oder sogar Knochenbrüchen (Frakturen) an Halswirbeln hindeuten können.

Grundsätzlich können knöcherne Verletzungen wie Wirbelabsprengungen, Verengungen des Wirbelkanals oder sogenanntes Wirbelgleiten – verursacht durch eine Instabilität der Wirbelsäule – in Verbindung mit einem Schleudertrauma auftreten. Diese Folgen sind aber eher selten, ebenso wie Verletzungen des Nervengewebes (nervale Läsionen) wie Zerrungen, Quetschungen oder Einengungen von Nerven.

Chronisches Schleudertrauma: die Psyche ist beteiligt

Sind die Schmerzen und Beschwerden nach etwa sechs Monaten nicht vollständig abgeklungen, sprechen Ärzte von einer Chronifizierung. Ausschlaggebend für einen chronischen Verlauf ist weniger die Schwere der Verletzung, sondern Faktoren wie die psychische Verarbeitung des Unfallgeschehens, die individuelle Angst vor bleibenden Schäden oder auch die Betreuungssituation durch den begleitenden Arzt eine Rolle.

Diagnose des Schleudertraumas und Einteilung in Schweregrade

Treten nach einem Auto- oder Sportunfall Nackenschmerzen und andere Störungen auf, ist es ratsam. die Unfallfolgen von einem Arzt abklären zu lassen. Der Arzt wird sich genau erkundigen nach:

  • dem Unfallhergang,
  • den Beschwerden und
  • bestehenden Vorerkrankungen.

Daraus lässt sich meist schon die Diagnose Halswirbelsäulendistorsion stellen. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung der Verletzungen ist wichtig, um die Gefahr zu vermindern, dass das Schleudertrauma chronisch wird. Dabei hilft die Einteilung in verschiedene Schweregrade.

Einteilung nach möglichen Störungen: vier Schweregrade bei HWS-Distorsion

Mediziner teilen das Schleudertrauma je nach Anzahl und Ausprägung der Beschwerden in vier verschiedene Grade ein (Schleudertrauma Schweregrad 0 bis IV). Als Grundlage für die Einstufung dient die Klassifikation der Quebec Task Force (QTF):

Schweregrad Symptome
0 Keine Beschwerden der Halswirbelsäule, keine Ausfallerscheinungen
I

Nur Beschwerden der Halswirbelsäule, zum Beispiel:

- Schmerzen

- Steifheitsgefühl im Nacken

- Überempfindlichkeit bei Berührung

- Keine Ausfallerscheinungen

II

Beschwerden der Halswirbelsäule wie bei Schweregrad I plus:

- Beeinträchtigungen von Muskeln und Skelett, etwa Bewegungseinschränkungen

- Überempfindlichkeit bei Berührungen

III

Beschwerden der Halswirbelsäule wie bei Schweregrad I plus:

- Neurologische Beeinträchtigungen wie schwache oder nicht vorhandene Muskelreflexe

- Lähmungserscheinungen

- Empfindungsstörungen

IV

Beschwerden der Halswirbelsäule wie bei Schweregrad I plus:

- Bruch oder Verdrehung/Verschiebung der Halswirbelsäule

Die Mehrzahl aller Schleudertraumata (90 bis 95 Prozent) entsprechen den Schweregraden 0 bis II.

Diagnosemethoden beim Schleudertrauma

Folgende Untersuchungen helfen dem Arzt bei der Diagnose eines HWS-Traumas:

  • Körperliche Untersuchung: Der Arzt testet unter anderem die Beweglichkeit, Koordination, Reflexe, Funktion von Knochen, Muskeln und Gelenken, das Gleichgewicht, Empfindungsvermögen, die Orientierung und das Gedächtnis. Zudem prüft er, ob es akute psychische Belastungsreaktionen auf den Unfall gibt.

  • Röntgenuntersuchung: Sie zeigt zum Beispiel, ob Brüche vorliegen.

  • Magnetresonanztomographie (MRT) oder Computertomographie (CT) der Wirbelsäule bei Verdacht auf eine schwerere Verletzung der Wirbelsäule, Nervenschädigungen oder Weichteilverletzung (Muskeln, Sehnen, Bänder). Ein MRT führen Ärzte auch durch, wenn die Schmerzen über einen Zeitraum von vier Wochen anhalten und unerklärlich sind.

    • zum Lexikon

      Im Lifeline-Lexikon sind Diagnosen von A wie Angiographie bis Z wie Zystoskopie ausführlich und auch für medizinische Laien verständlich beschrieben.

  • Psychische Belastungen und Stresssymptome erfragt der Arzt eventuell anhand eines standardisierten Fragenbogens.

Weitere Untersuchungen beim HWS-Trauma

Bei Verdacht auf Verletzungen des Nervensystems und Gleichgewichtsorgans im Innenohr folgen weitere Untersuchungen:

  • Ableitung von somatosensibel evozierten Potenzialen (SEP): Sie zeigen eine Schädigung des peripheren oder zentralen sensiblen Systems.
  • Ableitung von magnetisch evozierten motorischen Potenzialen (MEP): Nachweis einer Schädigung des peripheren oder zentralen motorischen Systems.
  • Elektromyogramm (EMG): Nachweis einer Schädigung des peripheren motorischen Systems. Die Untersuchung ist zwei bis drei Wochen nach der Verletzung sinnvoll.
  • Messung der Nervenleitgeschwindigkeit (NLG): Nachweis von Nervenschädigungen.
  • Otoskopie und thermische Labyrinthprüfung: Schäden am Gleichgewichtsorgan können nachgewiesen werden.

In speziellen Fällen führen Ärzte weitere Untersuchungen durch, um mögliche Schäden durch das Schleudertrauma zu diagnostizieren. Dazu zählen beispielsweise:

  • Untersuchung der Gehirn- und Rückenmarksflüssigkeit (Liquoruntersuchung) bei Verdacht auf entzündliche Erkrankungen.
  • Ultraschall der großen Halsarterien
  • CT oder MRT des Schädels bei begründetem Verdacht auf eine Hirnverletzung, etwa eine Gehirnprellung.

Therapiemöglichkeiten: Was tun bei Schleudertrauma?

Ein HWS-Schleudertrauma lässt sich fast immer konservativ, also ohne Operation, behandeln. Wichtig für den Therapieerfolg ist, dass der Patient an den Entscheidungen für oder gegen eine Behandlung beteiligt ist und aktiv mitmacht.

Schmerzmittel gegen Beschwerden des Schleudertraumas

Gegen die Schmerzen und Entzündungen helfen nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR), zum Beispiel Ibuprofen, Naproxen oder Diclofenac. Auch Paracetamol wirkt schmerzlindernd. Die Schmerzmittel sollten aber nicht länger als vier Wochen eingenommen werden. Bei chronischen Schmerzen setzen Ärzte Lidocain ein. Das örtliche Betäubungsmittel wird in den Muskel injiziert. Daneben kommen muskelentspannende Medikamente (Muskelrelaxantien) zum Einsatz, beispielsweise Tetrazepam; diese sollten Betroffene aber nicht länger als zwei Wochen anwenden. Auch einige Antidepressiva wirken schmerzlindernd, zum Beispiel Amitriptylin.

Physikalische Therapien

Folgende physikalische Therapien können die Schmerzen bei einem Schleudertrauma lindern:

  • Wärmebehandlung, Fangopackungen
  • Kältetherapie
  • Massagen fördern die Durchblutung
  • Elektrotherapie: Transkutane Elektrische Nervenstimulation (TENS)
  • Bewegungstherapie
  • Dehnungs- und Lockerungsübungen
  • gezielte Physiotherapie (früher Krankengymnastik) bei neurologischen Ausfällen
  • Leichte Bewegungsübungen und Gymnastik
Blackroll-Übungen zum Nachmachen

Schleudertrauma Hausmittel – das kann man selber tun

In der akuten Phase der Schmerzen kann man mit einfachen Hausmitteln oft eine gute Schmerzreduktion und damit Entspannung bewirken, beispielsweise mit:

  • Auflagen mit Wärmflasche oder warmem Kirschkernkissen
  • Wärmepflaster
  • Kälteanwendungen (Cold-Pack)
  • Salben mit durchblutungsförderndem und wärmendem Capsaicin

Psychotherapie bei Schleudertrauma

Bei Patienten mit länger andauernden Beschwerden kann eine Psychotherapie helfen, zum Beispiel eine Verhaltenstherapie. Dabei versuchen Therapeuten, negative Denkmuster und Verhaltensweisen abzubauen und durch positive zu ersetzen. Die richtigen Ansprechpartner sind Fachärzte für Psychosomatische Medizin, Psychotherapie oder Psychiatrie.

Krankschreibung bei Schleudertrauma: nicht länger als nötig

Eine Krankschreibung über drei Wochen oder länger ist bei einem Schleudertrauma normalerweise nicht nötig. Eine Ausnahme stellen selbstverständlich Verletzungen der Nerven, Bandscheiben oder Halswirbelknochen dar. Studien haben gezeigt, dass eine möglichst baldige Rückkehr in den Alltag und eine schnelle Wiederaufnahme der normalen Lebensgewohnheiten die Heilung beschleunigt und einer Chronifizierung entgegenwirkt. 

Therapien, die nicht helfen

Folgende Therapiemaßnahmen empfehlen Ärzte heute nicht mehr:

  • Halsmanschette: Die früher häufig eingesetzten "Halskrausen" (Schanz-Kragen) oder andere Hilfsmittel, welche den Kopf und die Halswirbelsäule ruhigstellen, gelten heute als überflüssig. Eine Ausnahme ist, wenn Patienten massive Schmerzen bei Bewegung haben und der Kopf-Hals-Bereich sehr instabil ist. Eine längere Ruhigstellung (Immobilisation) durch eine Halskrause verursacht auf lange Sicht stärkere Beschwerden und kann ebenfalls zur Chronifizierung des Schleudertraumas beitragen. Nur bei schweren Verletzungen am Knochen ist es ratsam, die Halswirbelsäule ruhigzustellen.

  • Passive Mobilisierung während akuter Schmerzphasen, zum Beispiel Chiropraktik oder Osteopathie, sollte zunächst unterbleiben. Sie erhöht die Gefahr einer erneuten Verletzung, kann aber später bei chronischen Beschwerden hilfreich sein.

  • Neuropsychologische Therapie ("Hirnleistungstraining") hat sich bei unkomplizierten Schleudertraumata ebenfalls als unwirksam erwiesen.

Gute Aufklärung begünstigt die Heilung

Einen entscheidenden Einfluss zur baldigen Genesung haben das Verhalten und die Einstellung des behandelnden Arztes. Er sollte seinen Patienten nicht vor bleibenden Spätschäden warnen oder früh eine ungünstige Prognose stellen. Denn das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass das HWS-Syndrom chronisch wird.

Der Arzt sollte vielmehr darauf eingehen, dass ein Schleudertrauma meist harmlos ist und den Patienten beruhigen, dass die Schmerzen, auch wenn sie sehr heftig sind, völlig normal sind und von ganz alleine wieder vergehen.

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Verlauf, Heilungschancen und Dauer eines Schleudertraumas

Das Schleudertrauma verläuft in den meisten Fällen harmlos und die Symptome klingen innerhalb von vier Wochen ab – und zwar weitgehend unabhängig vom anfänglichen Schweregrad und der Stärke der Beschwerden. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Verhalten des behandelnden Arztes, sowie auch die Eigeninitiative des Patienten.

Als positiv für eine schnelle Heilung haben sich erwiesen:

  • gute Aufklärung von Seiten des Arztes darüber, dass die Symptome normalerweise ohne Komplikationen vollständig ausheilen
  • kurze Krankschreibung, nicht länger als maximal drei Wochen
  • baldige Mobilisation
  • frühzeitige konservative aktivierende Behandlung, beispielweise mit Physiotherapie

Häufigste Komplikation: die chronische Schleudertrauma-Krankheit

Das HWS-Syndrom kann aber auch eine chronische Entwicklung nehmen. Wenn Symptome wie Nackenschmerzen, Myalgien oder Kopfschmerzen länger anhalten, sprechen Ärzte von einer Chronifizierung. Bei etwa zwölf Prozent der Patienten dauern die Beschwerden länger als sechs Monate an. Teilweise bleiben auch begleitende Beschwerden wie Schwindel, Konzentrationsstörungen oder Tinnitus über längere Zeit bestehen. Mediziner haben einige Risikofaktoren ausgemacht, die ein chronisches Schleudertrauma begünstigen:

  • weibliches Geschlecht
  • höheres Alter
  • große Schmerzen zu Beginn
  • frühe Störungen von Schlaf, Aufmerksamkeit und Merkfähigkeit
  • frühe starke Kopfschmerzen nach dem Unfall
  • Taubheit und Schmerzen, die vom Nacken in die Arme ausstrahlen
  • psychische Erkrankungen wie Ängste und Depressionen vor dem Unfall
  • Stressbelastung durch Konflikte in der Familie und im Beruf
  • individuelles Krankheitserleben, Krankheitsverarbeitung, persönliche Schmerzempfindlichkeit und Fähigkeit zur Schmerzbewältigung

Chronisches Schleudertrauma: die Psyche spielt eine Rolle

Psychische Faktoren spielen offenbar eine große Rolle, wenn die Symptome des Schleudertraumas chronisch werden. Viele durchleben das Ereignis immer wieder in ihrer Erinnerung oder stellen es sich neu vor. In Studien, bei denen Forscher einen fiktiven Heckaufprall simulierten, berichteten anschließend rund 20 Prozent der Studienteilnehmer von Beschwerden, obwohl weder ein Zusammenstoß noch eine Verletzung stattgefunden hatte. Der Unfall alleine erklärt also nicht immer ausreichend, warum das Schleudertrauma chronisch wird und ein Mensch über längere Zeit erheblich unter den Folgen leidet.

Die anfängliche Stärke der Schmerzen, das subjektive Schmerzerleben, die Schmerz- und Stressverarbeitung, aber auch soziale Verstärkersysteme wie die Erwartung von Schmerzensgeld scheinen eine Rolle zu spielen. Gesichert ist, dass bestehende Ängste und Depressionen die Wahrscheinlichkeit von Beschwerden nach einer Verletzung erhöhen.

Schmerzensgeld nach Schleudertrauma – ein Fall für die Versicherung

Die HWS-Distorsion zählt zu den häufigsten Komplikationen nach Autounfällen und ist insgesamt ein eher umstrittenes Syndrom. Oft ist das Schleudertrauma ein Fall für Versicherungen und Juristen, weil es um Entschädigungen in Form von Schmerzensgeld geht. In den letzten 30 Jahren hat eine wachsende Zahl von Geschädigten ärztliche Hilfe wegen eines HWS-Beschleunigungstraumas in Anspruch genommen. Zwischen den einzelnen Ländern gibt es erhebliche Unterschiede, was die gesetzlichen Regelungen, kulturellen Besonderheiten und Erwartungshaltung der Betroffenen angeht. So ergaben Studien, dass Schleudertraumata in Ländern, in denen keine Entschädigung zu erwarten ist, fast unbekannt sind. In Deutschland sind hingegen jährlich etwa 400.000 Menschen betroffen.

Schmerzensgeld nach Schleudertrauma: Was steht einem zu?

Grundlage für die Bemessung des Schmerzensgeldes ist der Grad der Störung nach der Quebec Task Force-Klassifizierung. Außerdem werden Röntgenbilder und andere Belege der Verletzung zur Bewertung herangezogen. Als problematisch erweist sich dabei oft, dass eine Verletzung von Weichteilen wie Muskeln und Bändern im Gegensatz zu einem Knochenbruch schwer dokumentierbar ist.

Voraussetzung für eine möglicherweise erfolgreiche Klage auf Schmerzensgeld ist dabei:

  • Möglichst unverzüglich nach dem Schaden oder dem Auftreten von Schmerzen einen Arzt aufzusuchen.
  • Anschließend einen Anwalt zu kontaktieren.
  • Positiv kann sich bei einer Klage auf Schmerzensgeld möglicherweise auswirken, inwieweit der Geschädigte konsequent die verordneten Heilbehandlungen durchgeführt und aktiv an Reha-Maßnahmen teilgenommen hat.
  • Auch ein Schmerztagebuch zur Dokumentation von Beschwerden kann sich bei der Erteilung von Schmerzensgeld als hilfreich erweisen.

Diese Maßnahmen sind auch wichtig um mögliche Spätfolgen und entsprechende Regressansprüche zu beweisen.

Schleudertrauma vorbeugen mit Kopfstütze und Airbags

Einer der wichtigsten Aspekte zum Schutz vor HWS-Distorsionen ist eine korrekt eingestellte Kopfstütze im PKW. Viele Autofahrer schenken dieser Sicherheitseinrichtung wenig Aufmerksamkeit, doch Crashtests von Seiten der Automobilhersteller oder des ADAC haben ergeben, dass sie einen erheblichen Anteil bei der Vermeidung und Milderung von Schäden bei Auffahrunfällen hat. Nach Empfehlungen sollte die Kopfstütze nicht mehr als zwei bis vier Zentimeter vom Kopf entfernt sein. Wichtig ist auch, dass sie nicht zu hoch eingestellt ist, da der Kopf ansonsten bei einem Stoß von hinten weit zurückgeschleudert werden kann. Sicherheitsgurte, Airbags und Seitenairbags schwächen einwirkende Kräfte zusätzlich ab und verhindern, dass der Kopf hart aufprallt.

Kann man einem Schleudertrauma vorbeugen?

Allgemein bietet eine gut trainierte Rücken- und Nackenmuskulatur einen gewissen Schutz vor Verletzungen wie einem Schleudertrauma. Gerade bei Sportarten, die mit einem erhöhten Risiko für Verletzungen im Hals- und Nackenbereich einhergehen –etwa Klettern, Reiten oder Rennsport – sollte auf entsprechenden Muskelaufbau geachtet werden. Unnötige Belastungen für die Halswirbelsäule wie absichtliche Auffahrmanöver beim Autoscooter-Fahren sollten hingegen möglichst vermieden werden.

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