Degenerative Gehirnerkrankung

CTE: Krankheit des Gehirns durch Kopfverletzungen

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Wiederholte Stürze und Schläge auf den Kopf können auf Dauer zu schweren Schäden im Gehirn führen. Gedächtnisverlust und Depressionen sind mögliche Folgen. Fachleute bezeichnen das Krankheitsbild als chronisch traumatische Enzephalopathie (CTE), umgangssprachlich ist auch von der Boxerkrankheit die Rede.

CTE: Häufige Kopfverletzungen als Ursache
© Getty Images/Andersen Ross Photography Inc

Durch den Kinofilm "Erschütternde Wahrheit" (2015) erlangte das Thema chronisch traumatische Enzephalopathie (kurz CTE) breite mediale Aufmerksamkeit. Der Film beruht auf wahren Ereignissen und zeigt die Spätfolgen, unter denen amerikanische Footballspieler aufgrund wiederholter Schädelhirntraumata leiden. Im Mittelpunkt der Handlung steht der amerikanische Rechtsmediziner Bennet Omalu, dessen Forschung maßgeblich zum Verständnis der neurodegenerativen Erkrankung beitrug. Blockiert wurden seine Forschung und die Publikation der Ergebnisse maßgeblich von der Amerikanischen Football-Liga (NFL). Der Skandal um die Gefahren von American Football ist zentral für die Handlung des Films.

Artikelinhalte im Überblick:

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CTE: Was ist eine chronisch traumatische Enzephalopathie?

Die CTE wurde 1954 erstmals bei einem ehemaligen Profiboxer diagnostiziert, der an einer Hirnblutung verstorben war. Entsprechend war die CTE lange bekannt als Boxerkrankheit, Boxerenzephalopathie oder auch als Dementia pugilistica, was wörtlich übersetzt "faustkämpferischer Wahnsinn" bedeutet. Inzwischen hat sich allgemein die Abkürzung CTE durchgesetzt.

Die chronisch traumatische Enzephalopathie ist eine fortschreitende degenerative Gehirnerkrankung, die CTE geht also mit abbauenden Verschleißerscheinungen des Gehirns und seiner Funktion einher. Ausgelöst wird die Krankheit durch wiederholte schwere Verletzungen des Gehirns. Die CTE zeigt sich durch neurologische Ausfälle, ähnlich wie bei Parkinson oder Alzheimer.

Deshalb wird vermutet, dass die Parkinson-Erkrankung des weltberühmten Boxers Muhammad Ali auf Kopfverletzungen aus seiner Profikarriere zurückzuführen ist. Doch auch aus anderen Sportarten werden Fälle von CTE gemeldet: So haben die Ergebnisse verschiedener Studien bestätigt, dass sogar leichte Gehirnerschütterungen, wie sie durch Kopfbälle und Zusammenstöße beim Fußball passieren, langfristig zum neuropathologischen Krankheitsbild der CTE führen können. Erhärtet wurde der Verdacht unter anderem durch eine Untersuchung in Wales, bei der 14 ehemalige Fußballprofis mit Demenz über mehrere Jahre bis zum Tod begleitet wurden.

Ursache der CTE: wiederholte Gehirnerschütterungen

Als Ursache für die CTE gelten wiederholte Erschütterungen des Kopfes, sogenannte Schädelhirntraumata (kurz SHT), wie sie typischerweise bei Kontaktsportarten und im Kampfsport vorkommen. Obwohl theoretisch auch eine einzelne Gehirnerschütterung (Commotio cerebri) zur Entwicklung einer CTE führen kann, lagen den bisher bekannten Fällen stets mehrere Schädelhirntraumata zugrunde. Die meisten untersuchten Sportler*innen mit CTE hatten in ihrer Karriere 20 oder mehr SHT erlitten.

Je nach Stärke des Stoßes kommt es bei einem Schädeltrauma zu kleineren oder größeren Einblutungen im Gehirn und in der Folge zu Nervenschädigungen. Dabei wird ein Transporteiweiß, das sogenannte Tau-Protein, freigesetzt. Es lagert sich in den betroffenen Gehirnarealen ab und führt dort langfristig zu Funktionsausfällen. Fachleute sprechen deshalb von einer Tauopathie. Neben starken Erschütterungen können auch andere Ursachen zur Ablagerung des Tau-Proteins führen. Alzheimer ist die bekannteste Form einer Tauopathie.

Symptomatik der CTE ähnelt Alzheimer und Parkinson

Anzeichen einer chronisch traumatischen Enzephalopathie zeigen sich meist erst zehn bis 20 Jahre nach Beendigung der aktiven sportlichen Laufbahn. Anfängliche Symptome können eine verlangsamte Sprache, Gangunsicherheiten oder Koordinationsschwierigkeiten sein. Im Verlauf kommen parkinsonähnliche Krankheitszeichen wie Zittern oder Muskelkrämpfe hinzu sowie die Symptome einer beginnenden Demenz.

Das klinische Bild kann dabei sehr unterschiedlich ausfallen: Während einige Betroffene vor allem unter körperlichen Symptomen leiden, kommt es bei anderen eher zu Verhaltensauffälligkeiten oder Persönlichkeitsveränderungen. Letztendlich sind alle Begleiterscheinungen anderer neurodegenerativer Erkrankungen wie bei Parkinson, Alzheimer oder Amyotropher Lateralsklerose (ALS) möglich. Typischerweise verschlechtern sich die Symptome im Laufe der Zeit und führen letztendlich zum Tode.

Anzeichen, die für eine CTE sprechen, werden in motorische, kognitive und psychische Symptome unterteilt.

Motorische Funktionseinschränkungen:

  • Bewegungseinschränkungen
  • Koordinationsschwierigkeiten (Ataxie)
  • Stand- und Gangunsicherheiten
  • Parkinsonsymptome wie Zittern (Tremor), Muskelsteifigkeit (Rigor) und Krämpfe (Spastik)

Kognitive Veränderungen bei CTE:

  • verminderte Gedächtnisleistung und Erinnerungsprobleme (Brain Fog)
  • fortschreitender Gedächtnisverlust bis zur Demenz
  • nachlassende Aufmerksamkeit
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • verwaschene Sprache, Sprachstörungen
  • Probleme beim räumlichen Sehen

Verhaltensauffälligkeiten bei CTE:

  • Apathie
  • Persönlichkeitsveränderungen
  • aggressives Verhalten
  • impulsives Verhalten
  • Stimmungsschwankungen
  • Depressionen bis hin zu Suizid
  • Wahnvorstellungen (Paranoia)
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Diagnose mit bildgebenden Verfahren

Wichtige Kriterien für die Diagnose der CTE sind neurologische Symptome sowie zurückliegende Kopfverletzungen. Diese werden während der Anamnese erhoben. Betroffene sollten die gesamte Symptomatik sowie die Dauer der bestehenden Beschwerden genau berichten.

Der sicherste Nachweis einer CTE ist erst nach dem Tod im Rahmen einer Autopsie möglich. Dafür muss das Gehirn obduziert werden. Inzwischen gibt es aber ein bildgebendes Verfahren, die sogenannte Positronen-Emissions-Tomografie (PTE), die den Verdacht krankhafter Veränderungen am Gehirn frühzeitig bestätigen kann. Hierbei werden mithilfe radioaktiv markierter Substanzen die Tau-Ablagerungen in den geschädigten Gehirnregionen hervorgehoben und sichtbar gemacht. Das hat den Vorteil, dass Therapien möglichst früh eingeleitet werden können. Daneben kann eine Untersuchung der Rückenmarksflüssigkeit auf bestimmte Proteine einen Hinweis auf die Erkrankung geben.

Therapie zur Verbesserung der Lebensqualität bei CTE

Nach heutigem Kenntnisstand lassen sich die Schädigungen am zentralen Nervensystem, die zu den Symptomen führen, nicht rückgängig machen. Die Krankheit schreitet unaufhaltsam fort. Trotzdem lässt sich die Lebensqualität Betroffener auf vielfältige Weise verbessern. Außerdem kann, ähnlich wie bei Alzheimer, der Gedächtnisverlust bei frühzeitiger Behandlung zumindest deutlich verlangsamt werden.

In manchen Fällen können neurologische Ausfälle durch die richtige Therapie aufgehalten oder verlorene Fähigkeiten sogar wiederhergestellt werden. Dem liegt ein Phänomen zugrunde, das man bei Menschen nach einem Schlaganfall beobachtet: Das umliegende Nervengewebe ist in der Lage, die Funktion der abgestorbenen Nervenzellen zu übernehmen. Damit das gelingt, ist eine rechtzeitige Diagnose und Behandlung sowie viel Geduld und Training wichtig.

Mögliche Behandlungsmethoden bei CTE sind:

  • Physiotherapie zur Behandlung motorischer Ausfälle
  • Massagen zur Entlastung der Krämpfe
  • Ergotherapie, um Spasmen und Zittern zu reduzieren
  • Logopädie bei Sprachstörungen
  • Schmerzmittel (Analgetika) gegen Muskel- und Nervenschmerzen
  • Psychopharmaka zur Behandlung möglicher Depressionen
  • unterstützende Psychotherapie

Risikofaktoren: Sportarten mit erhöhter CTE-Gefahr

Sportarten, die im Zusammenhang mit einem erhöhten Risiko für eine CTE stehen, sind meist körperbetont und bringen wiederholte Erschütterungen des Kopfes mit sich. Dazu gehören:

  • Boxen
  • Karate
  • Judo
  • Mixed Martial Arts (MMA)
  • Wrestling
  • Ringen
  • American Football
  • Rugby
  • Baseball
  • Handball
  • Lacrosse
  • Eishockey
  • Skifahren
  • Snowboarden
  • Reiten
  • Fallschirmspringen

Wie groß ist die Gefahr beim Fußball?

Fußball gehört in Deutschland zu den beliebtesten Freizeitaktivitäten. Inzwischen haben Studien bestätigt, dass auch Fußballspieler*innen beim Kopfballspiel gefährdet sind. Zwar sind die Erschütterungen nicht so stark wie beispielsweise beim Boxen, doch die Summe der Stöße führt letztendlich zum Schaden. Der US-Fußballverband (USSF) hat inzwischen Konsequenzen gezogen. Bis zum zehnten Lebensjahr dürfen Kinder in den USA überhaupt keine Kopfbälle spielen, bis zum dreizehnten Lebensjahr zumindest nicht im Training.

Außerdem gelten nach Schädel-Hirn-Verletzungen im Spiel gesonderte Regeln, um eine möglichst gute Schonung und Regeneration der Spieler*innen zu gewährleisten. Neurologische Fachleute weisen allerdings darauf hin, dass die meisten Schädelhirntraumata nicht beim Kopfball, sondern eher beim Zusammenprall mit anderen Spieler*innen oder mit dem Torpfosten entstehen. Diese Gefahren sind weder durch veränderte Trainingsbedingungen noch durch neue Spielregeln zu verhindern. Insofern sind in Deutschland bisher keine Konsequenzen geplant.

CTE vorbeugen: Gehirnerschütterungen sorgfältig auskurieren

Nicht nur beim Profisport, auch bei Freizeitaktivitäten kann es zu Kopfverletzungen mit Gehirnerschütterung kommen. Eine Gehirnerschütterung wird als leichtes Schädelhirntrauma der Stufe 1 (SHT1) eingestuft und ist erkennbar an folgenden Symptomen:

Bei Verdacht auf eine Gehirnerschütterung und bei Symptomen wie Bewusstlosigkeit, Amnesie oder anderen erkennbaren neurologischen Störungen sollte eine Einweisung in eine Klinik erfolgen. Patient*innen müssen meist ein paar Tage Bettruhe einhalten und für einige Zeit auf Sport verzichten. Eine leichte bis mittlere Gehirnerschütterung heilt jedoch normalerweise folgenlos aus und birgt nicht die Gefahr einer CTE als Spätfolge. Anders sieht es jedoch bei wiederholten SHT in Kontaktsportarten wie beispielsweise beim Fußball aus.

Helm tragen schützt vor CTE

Bei einigen Sportarten, die häufig zu Kopfverletzungen führen, können und sollten Athlet*innen sich mit einem Helm schützen. So sind ein Kopfschutz oder Sturzhelm beim

  • Boxen
  • Eishockey
  • Ski- und Snowboardfahren
  • Radfahren
  • Reiten

schon lange Gang und Gäbe. Besonders Eltern sollten darauf achten, dass ihre Kinder bei verletzungsträchtigen Sportarten einen Helm tragen und selbst mit gutem Beispiel vorangehen. Beim Fußball ist ein Kopfschutz allerdings schwer vorstellbar. Vorbeugend bleibt hier nur ein vernünftiger und verantwortungsvoller Umgang mit der Gesundheit, sowie eine strikte Sportpause, bis alle Symptome vollständig abgeklungen sind, falls es doch einmal zu einer Gehirnerschütterung gekommen ist.

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