Favismus: Wenn ein Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel vorliegt

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Bei Favismus handelt es sich um eine vererbte Stoffwechselerkrankung, bei der ein Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel vorliegt. Die Erbkrankheit führt unter bestimmten Bedingungen zu einem vorzeitigen Zerfall roter Blutkörperchen und stört so den Sauerstofftransport drastisch. Worauf Betroffene achten müssen.

Favismus: Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel
© Getty Images/Jonathan Kitchen

Favismus (auch Bohnenkrankheit genannt) ist eine erblich bedingte Stoffwechselerkrankung, bei der es zu einem Enzymmangel kommt. Die Krankheit gehört zu den häufigsten genetischen Krankheiten. Fachleute gehen von etwa 500 Millionen Fällen weltweit aus. Ihren Namen hat die Erkrankung der Favabohne zu verdanken: Der Verzehr der Hülsenfrüchte kann bei Favismus eine gefährliche hämolytische Krise auslösen.

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Favismus: Erbkrankheit der Blutzellen

Favismus ist eine angeborene Stoffwechselerkrankung der roten Blutkörperchen (Erythrozyten). Fachsprachlich wird der Stoffwechseldefekt auch als Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel (G6PD-Mangel) oder Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Defizienz bezeichnet, da es im Zuge der Erberkrankung zu einem Mangel des Enzyms Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase kommt.

Das Enzym G6PD ist an einer Vielzahl von Stoffwechselprozessen beteiligt, unter anderem an der Bildung von NADPH, welches zur Herstellung des antioxidativ wirkenden Glutathions benötigt wird. Das Protein schützt die Erythrozyten vor schädlichen Sauerstoffverbindungen und erhält deren Funktion, sodass weiterhin Sauerstoff aus der Atemluft zu den Zellen transportiert werden kann.

Folge des erblich bedingten Enzymmangels ist demnach eine reduzierte Bildung von NADPH und damit einhergehend von Glutathions. Ein Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel sorgt somit für einen reduzierten Schutz der roten Blutkörperchen vor oxidativem Stress: Sie reagieren empfindlich auf verschiedene Substanzen und es kommt leicht zum Zerfall dieser (Hämolyse). Daraus kann etwa eine chronische oder auch akute Blutarmut (Anämie) resultieren.

Vererbung und Ausprägungen von Favismus

Favismus ist eine Erbkrankheit, die X-chromosomal-rezessiv vererbt wird. Das X-Chromosom ist eines der Geschlechtschromosomen, Männer haben nur ein X-Chromosom, während Frauen zwei aufweisen. Deshalb kommt die Krankheit bei Männern häufiger vor als bei Frauen, da das zweite X-Chromosom bei ihnen den Gendefekt in der Regel ausgleicht. Eine Ausnahme besteht, wenn beide X-Chromosomen von einer entsprechenden Genmutation betroffen sind.

Für den Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel ist nicht eine einzige Mutation des X-Chromosoms verantwortlich, viele Defekte können die Stoffwechselstörung zur Folge haben: Bislang sind über 230 verschiedene Mutationen bekannt. Je nach zugrunde liegendem Gendefekt gibt es verschiedene Ausprägungen und Schweregrade von Favismus, nicht jede Mutation muss die Enzymaktivität zwangsläufig beeinträchtigen. Der Schweregrad der Erkrankung ist abhängig von der Restaktivität des Enzyms. Ein vollständiges Fehlen des Enzyms ist tödlich.

WHO-Einteilung Enzymaktivität Schweregrad Klinisches Bild
I < 1 Prozent schwer chronische hämolytische Anämie
II < 10 Prozent schwer gelegentliche akute hämolytische Anämie
III 10- 60 Prozent leicht seltene akute hämolytische Anämie etwa durch Substanzen und Nahrungsmittel
IV 60- 90 Prozent Kein Favismus keines
V 110 Prozent (erhöht Enzymaktivität) Kein Favismus keines

Favismus kommt in manchen Teilen der Welt gehäuft vor, insbesondere im Mittelmeerraum sowie in Afrika und Asien. Wie die Sichelzellanämie hat der Enzymdefekt einen gewissen Selektionsvorteil in Malariagebieten, denn die Erreger können sich in den Blutzellen von Menschen mit einem Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel schlechter vermehren. Menschen mit Favismus versterben somit seltener an Malaria als Menschen ohne den Gendefekt, wodurch sich die Erkrankung in diesen Teilen der Welt leichter ausbreiten kann.

Favismus: Symptome eines Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangels

Erstes Anzeichen für Favismus kann eine Neugeborenengelbsucht (Neugeborenenikterus) sein. Je nach Ausprägung des Mangels zeigen viele Betroffenen keine Symptome und leben beschwerdefrei. Bei Menschen mit einem sehr starken Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel kann es zu einer vergrößerten Milz (Splenomegalie) kommen. Sie gibt Hinweis auf die Erkrankung und chronische Blutarmut.

In weniger schweren Fällen von Favismus können bestimmte Nahrungsmittel, Medikamente sowie Infektionen eine Hämolyse und im schlimmsten Fall eine akute hämolytische Krise auslösen. Diese tritt allerdings nur sehr selten auf.

Diese geht mit einer Reihe von Symptomen einher, darunter:

In seltenen Fällen kommt es im Zuge der hämolytischen Krise zu akutem Nierenversagen.


Auslöser einer akuten Hämolytischen Krise bei Favismus

In vielen Fällen von Favismus besteht eine Restaktivität des Enzyms, Patient*innen sind dann in der Regel ohne Beschwerden. Bestimmte chemische Substanzen (sogenannte Noxen), etwa aus Lebensmitteln und Medikamenten, können aber den oxidativen Stress der roten Blutzellen erhöhen und somit deren Zerfall begünstigen. Erst dann drohen Symptome und ein hämolytischer Schub.

Zudem kommen Infektionen als Auslöser infrage, etwa mit

Medikamente, die eine hämolytische Krise auslösen können:

Daneben können manche Malariamittel wie Chloroquin, Primaquin und Chinin eine hämolytische Krise bei Menschen mit G6PD-Mangel zur Folge haben. Auch Vitamin-K-Antagonisten, wie Warfarin und Cumarin, die zur Blutverdünnung eingesetzt werden, könnten möglicherweise eine entsprechende Reaktion auslösen.

Vebotene Lebensmittel bei Favismus:

Neben Lebensmitteln und Medikamenten können auch Mottenkugeln die gefährlichen Beschwerden verursachen. Zudem gelten bestimmte blaue Farbstoffe wie Methylenblau und Toluidinblau als Auslöser.

Favismus: Diagnose eines Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangels

Je früher die Diagnose gestellt wird, desto besser lassen sich Beschwerden und eine gefährliche hämolytische Krise verhindern. Da viele Menschen mit dem Gendefekt allerdings beschwerdefrei leben, wird die Diagnose erst gestellt, wenn es zu einer hämolytischen Krise und entsprechenden Symptomen kommt. Ausnahme bilden Patient*innen, bei denen die Stoffwechselstörung bereits nach der Geburt im Rahmen der Abklärung einer Neugeborenengelbsucht gestellt wurde. Auch bei Kindern mit Gallensteinleiden, vergrößerter Milz und Anämie wird auf die Erbkrankheit getestet; ebenso, wenn Geschwister oder die Eltern bereits an dem Enzymmangel leiden.

Zur Diagnose führt der*die Arzt*Ärztin in der Regel eine Blutuntersuchung durch. Dafür werden die roten Blutkörperchen isoliert und die Enzymaktivität der G6PD gemessen. Außerdem kann ein Fluoreszenz-Schnelltest Gewissheit geben. Er reagiert auf NADPH im Blut, welches im Rahmen des Enzymmangels nicht ausreichend gebildet wird.

Darüber hinaus wird ein großes Blutbild angelegt, wodurch die Anämie bestätigt werden kann. Weitere relevante Laborwerte sind unter anderem:

Zudem können molekulargenetische Untersuchungen wie ein PCR-Test die Diagnose sichern.

Therapie: Favismus behandeln – Auslöser vermeiden

Eine gezielte Behandlung der Ursache von Favismus ist bislang nicht möglich. Ziel der Therapie ist es, die übermäßige Hämolyse und hämolytische Krisen zu verhindern. Deshalb ist der wichtigste Baustein der Behandlung das Meiden auslösender Lebensmittel und Medikamente. Je nach Schweregrad der Erkrankung und Restaktivität der Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase sind auch teilweise keine Maßnahmen zu treffen. Werden die Noxen konsequent gemieden, ist die Prognose in aller Regel gut. Die Lebenserwartung unterscheidet sich nicht von Menschen ohne den Gendefekt.

Kommt es doch zu einer hämolytischen Krise, ist diese symptomatisch zu therapieren. Dann wird etwa über mehrere Wochen hochdosierte Folsäure verabreicht, das Vitamin wird für die Bildung roter Blutkörperchen benötigt. In sehr schweren Fällen wird eine Bluttransfusion erforderlich, um die schwerwiegende Anämie zu beheben. Auch die Gabe von Erythropoetin, einem Hormon, das die Bildung von Erythrozyten anregt, ist manchmal eine sinnvolle Behandlungsmaßnahme.

Neugeborene mit starkem Neugeborenenikterus können mittels Phototherapie behandelt werden. Sie verhindert Folgeschäden und trägt zum Abbau des gelbfärbenden Farbstoffes (Bilirubin) bei.

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