Amnestisches Syndrom

Korsakow-Syndrom: chronischer Alkoholismus ist Hauptursache

Verwirrung, Orientierungslosigkeit und Gedächtnisverlust sind die Anzeichen des amnestischen Syndroms, auch Korsakow-Syndrom genannt. Häufig ist schwerer Alkoholmissbrauch der Auslöser, es kommen aber auch andere Ursachen infrage.

Alkoholiker
Alkohol ist ein Nervengift. Schwerer Alkoholismus kann deshalb nicht nur die Leber, sondern auch das Gehirn zerstören.
@ iStock.com/D-Keine

Das Korsakow-Syndrom ist ein Symptomenkomplex, bei dem es zu einer ausgeprägten und anhaltenden Störung des Kurzzeitgedächtnisses kommt. Weil das Hauptsymptom Gedächtnisverlust (Amnesie) ist, sprechen Ärzte auch vom amnestischen Psychosyndrom. Andere Bezeichnungen für das Korsakow-Syndrom sind Morbus Korsakow oder Korsakow-Psychose. Betroffene leiden unter einem Verlust der Merkfähigkeit sowie unter Orientierungslosigkeit. Gedächtnislücken füllen sie typischerweise durch Phantasiegeschichten, sogenannte Konfabulationen, auf. Ausgelöst wird die Amnesie durch eine Zerstörung von Nervenzellen im Gehirn, die weitgehend irreversibel ist.

Artikelinhalte im Überblick:

Vorsicht! Versteckter Alkohol in Lebensmitteln

Das Korsakow-Syndrom tritt überwiegend bei schweren Alkoholikern auf. Männer sind etwas häufiger betroffen als Frauen. Am häufigsten tritt das Korsakow-Syndrom in der Altersgruppe zwischen 45 und 65 Jahren auf. In den meisten Fällen steckt ein Mangel an Vitamin B1 (Thiamin) dahinter, der die Schäden am Gehirn und Nervensystem verursacht. Unter Umständen können auch Entzündungen des Gehirns oder Kopfverletzungen eine amnestische Störungen auslösen.

Was ist das Korsakow-Syndrom?

Beschrieben wurde der Symptomenkomplex bereits 1887 von dem russischen Nervenarzt und Psychiater Sergei S. Korsakow. Er hatte beobachtete, dass einige seiner alkoholkranken Patienten unter starken Gedächtnis- und Orientierungsstörungen litten und zum Konfabulieren neigten. Konfabulieren bezeichnet das Erfinden von Dingen, Personen oder Ereignissen ohne bewusste Täuschungsabsicht. Das heißt, das Gedächtnis des Patienten füllt die Lücken, ohne dass er sich dessen bewusst ist und der Betroffene glaubt meist selbst, was er sagt. Was manche also für das typische Verhalten eines Alkoholikers oder für Halluzinationen unter Alkoholeinfluss halten, kann bereits Anzeichen einer Schädigung des Gehirns sein.

Beim Korsakow-Syndrom kommt es zu einer irreversiblen Zerstörung von Nervenzellen. Betroffen sind typischerweise die Mamillarkörper, eine paarige Erhebung im Zwischenhirn, die für die Gedächtnisbildung und das Lernen eine wichtige Rolle spielt, sowie teilweise auch Thalamus und Hypothalamus.

Ursachen des Korsakow-Syndroms

Ursache für das Korsakow-Syndrom ist meistens ein anhaltender Mangel an Vitamin B1. Thiamin ist ein wasserlösliches Vitamin und hat eine wichtige Funktion beim Bau von Nervenzellen. Da es im Körper nur für wenige Wochen gespeichert werden kann, kommt es bei Mangelernährung relativ schnell zur Unterversorgung.

Selbsttest
Vitamin-B1-Test: Thiamin - für starke Nerven

Vitamin B1 oder Thiamin ist wichtig für den Abbau von Kohlenhydraten in Muskeln, Gehirn und anderen Organen. Es stärkt Konzentration, Gedächtnis und auch die körperliche Konstitution. Fehlt Vitamin B1, leidet zuerst das Nervensystem. Konzentrationsschwäche, Reizbarkeit, Depressionen und Angstzustände können auftreten. Erste Symptome sind oft auch ein Kribbeln in Armen, Beinen und Füßen. Ein schwerer Vitamin-B1-Mangel führt zu Lähmungen in den Beinen, steifen Gelenken und schweren Nervenentzündungen. Testen Sie selbst, ob Ihr Körper ausreichend mit Vitamin B1 versorgt ist. Beantworten Sie folgende Fragen mit Ja oder Nein durch Anklicken:

Alkoholismus als Auslöser für amnestische Störung

Die weitaus häufigste Ursache für einen Vitamin-B1-Mangel ist chronischer Alkoholmissbrauch. Schwere Alkoholiker tendieren dazu, sich mangelhaft und einseitig zu ernähren oder "ersetzen" häufig ganze Mahlzeiten durch Alkohol. Das Ergebnis sind Nährstoffmängel, in erster Linie an B-Vitaminen und Folsäure. Etwa die Hälfte aller Alkoholkranken entwickelt im Lauf der Zeit einen Vitamin-B1-Mangel. Darüber hinaus kann auch ein ausgeprägtes Alkoholentzugsdelir eine Korsakow-Psychose verursachen.

Korsakow-Syndrom nach Wernicke-Enzephalopathie

Bei etwa 80 Prozent der Betroffenen geht dem Gedächtnisverlust eine Wernicke-Enzephalopathie voraus. Es handelt sich um eine Erkrankung des Gehirns, die ebenfalls durch einen anhaltenden Mangel an Vitamin B1 verursacht wird und Störungen in denselben Hirnregionen hervorruft. Es kommt zu vegetativen Störungen, Augenmuskelstörungen und in der Folge Sehstörungen wie Doppeltbildern, Sprechstörungen, Koordinationsstörungen (Ataxie), Delirium und Psychosen.

Eine Wernicke-Enzephalopathie ist ein absoluter Notfall. Wird sie nicht rechtzeitig behandelt, führt sie fast immer zum Korsakow-Syndrom. Ärzte sprechen aufgrund der deutlichen Überschneidungen der Symptome vom Wernicke-Korsakow-Syndrom.

Weitere Ursachen für Vitamin-B1-Mangel

Neben Alkoholismus können auch andere Erkrankungen und Lebensumstände zu einem Mangel an Vitamin B1 führen. Mögliche Ursachen sind zum Beispiel:

  • Mangelernährung, beispielsweise bei langem Fasten oder bei Magersucht
  • einseitige Ernährung, häufig bei älteren, pflegebedürftigen Personen
  • Stoffwechselstörungen
  • chronische Magen-Darm-Erkrankungen
  • Aufnahmestörungen im Magen-Darm-Bereich (Resorptionsstörungen)

Hirnschäden können Korsakow-Syndrom auslösen

Ein amnestisches Syndrom kann auch durch andere Schäden im Gehirn verursacht werden, etwa:

  • Hirnblutung, Schlaganfall, geplatztes Aneurysma
  • Kopfverletzung, Schädel-Hirn-Trauma
  • Vergiftung (Intoxikation), vor allem Kohlenmonoxidvergiftung
  • Sauerstoffmangel im Gehirn (Hypoxie)
  • schwere Infektionen wie Enzephalitis, Meningitis, Borreliose
  • Hirnatrophie bei Alzheimer-Demenz

Außerdem kann ein Korsakow-Syndrom begleitend bei einer organisch bedingten Psychose auftreten. In diesem Fall ist es häufig reversibel.

15 Tipps gegen Demenz und Alzheimer

Symptome beim Korsakow-Syndrom

Ein Korsakow-Syndrom macht sich meist mit einer typischen Symptomen-Trias bemerkbar. Fast alle Betroffenen zeigen:

  • Gedächtnisstörungen
  • Desorientiertheit
  • Konfabulationen

Retrograde und anterograde Amnesie

Die Gedächtnisstörungen betreffen hauptsächlich die Merkfähigkeit und das Kurzzeitgedächtnis, seltener das Langzeitgedächtnis. Es kommt dabei sowohl zu retrograder wie auch zu anterograder Amnesie in unterschiedlicher Ausprägung. Betroffene haben Schwierigkeiten, sich an gerade Erlebtes zu erinnern (anterograde Amnesie). Sie vergessen manchmal auch Ereignisse, die vor Beginn der Erkrankung stattgefunden haben (retrograde Amnesie). Teilweise kommt es zur Störung des Zeitgefühls. Andere kognitive Funktionen sind normalerweise nicht betroffen.

Persönlichkeitsveränderungen

Zusätzlich können weitere Symptome in unterschiedlicher Ausprägung auftreten, etwa:

Viele Patienten zeigen Anzeichen einer Persönlichkeitsveränderung. Typisch sind Antriebsstörungen, die mit einem Verlust an Spontaneität und mit Abstumpfung einhergehen.


Diagnose des amnestischen Syndroms

Die Diagnose des Korsakow-Syndroms erfolgt mittels neurologischer Untersuchungen. Zunächst befragt der Arzt den Patienten, um die Funktion seines Kurzzeitgedächtnisses zu überprüfen. Eventuell werden auch Gespräche mit den Angehörigen herangezogen.

Ein CT (Computertomografie) zeigt meist eine Rückbildung (Atrophie) des Gehirns im Stirnbereich. Im MRT (Magnetresonanztomografie) kann man die Atrophie der Mamillarkörper erkennen.

Therapie: Alkoholabstinenz und Vitamin-B1-Substitution

Erste Maßnahme bei einem durch Vitamin-B1-Mangel verursachten Korsakow-Syndrom ist die hochdosierte Gabe von Vitamin-B1-Infusionen über mehrere Tage. Gleichzeitig bekommen viele Betroffene Kochsalz-Infusionen, da ein Flüssigkeitsmangel gerade bei Alkoholikern häufig ist. Bei Mangelernährung wird ein allgemeiner Vitamin- und Nährstoffmangel ausgeglichen.

Im Anschluss sollte Vitamin B1 so lange wie nötig substituiert werden. Bei kooperationsbereiten, verlässlichen Patienten kann das später über Tabletten geschehen, ansonsten ist eine intravenöse Gabe vorzuziehen. Die konsequente Gabe von Thiamin führt bei vielen Betroffenen zu einer leichten Besserung der Symptome oder verhindert zumindest eine Verschlechterung.

Wichtigste Therapiemaßnahme bei einem alkoholbedingten Korsakow-Syndrom ist gleichzeitig der konsequente und anhaltende Verzicht auf Alkohol.

Verlauf und Lebenserwartung beim Korsakow-Syndrom

Während eine Wernicke-Enzephalopathie bei rechtzeitiger Therapie meist recht gut behandelbar ist, gilt für das Korsakow-Syndrom insgesamt eine schlechte Prognose. Bei konsequenter Alkoholabstinenz und Therapie mit Vitamin B1 lässt sich ein Fortschreiten der Symptomatik zwar meistens aufhalten, eine Heilung ist im Endstadium aber nicht möglich. Viele Patienten können ihren Alltag nicht mehr alleine bewerkstelligen und werden zum Pflegefall. Bei nicht kooperierenden, geistig schwer beeinträchtigen Patienten kann auch eine Zwangseinweisung in eine entsprechende Pflegeeinrichtung nötig sein. Durch eine gute Betreuung in einem spezialisierten Pflegeheim gelingt es teilweise, ein Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern.

Die Lebenserwartung hängt beim Korsakow-Syndrom sehr stark vom Ausmaß der Hirnschäden und vom Einhalten der Alkoholabstinenz ab. Grundsätzlich liegt die Lebenserwartung von Alkoholikern etwa 15 Prozent unter der durchschnittlichen Lebenserwartung.

Korsakow-Syndrom vorbeugen

Wichtigster Aspekt der Vorsorge ist der Verzicht auf übermäßigen Alkoholgenuss. Personen mit Alkoholproblemen sollten sich möglichst frühzeitig in eine geeignete Suchtbehandlung begeben. Ein erster Ansprechpartner kann hier der Hausarzt sein.

Bei bekannter Alkoholkrankheit sollte lebenslange strikte Alkoholabstinenz eingehalten werden.

Hilfe bieten die Anonymen Alkoholiker:

Maßnahmen zur Suchtprävention

Die Grenze zwischen regelmäßigem Alkoholgenuss und Alkoholismus ist oft fließend. Alle Maßnahmen zur Prävention von Alkoholabhängigkeit können als wichtige Vorsorgemaßnahmen für alkoholassoziierte Krankheiten gesehen werden. Dazu gehört vor allem die Aufklärung von Jugendlichen über mögliche Risiken des Alkohols.

Vitamin-B1-Mangel vermeiden

Grundsätzlich sollten alle Menschen auf eine vielseitige, vitaminreiche Ernährung achten. B-Vitamine stecken vor allem in Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten, Fleisch und Fisch.

Gute Vitamin-B1-Lieferanten sind:

Risikogruppen wie Alkoholkranke oder mangelernährte, alte Patienten sollten idealerweise regelmäßig Thiamin als Nahrungsergänzungsmittel bekommen.

14 Lebensmittel, um Demenz vorzubeugen
Haben Sie eine Frage?

Sie möchten Informationen zu bestimmten Krankheitssymptomen oder wollen medizinischen Rat? Hier können Sie Ihre Fragen an unsere Experten oder andere Lifeline-Nutzer stellen!

Artikel zum Thema
Experten-Foren

Mit Medizinern und anderen Experten online diskutieren.

Forum wählen
Stichwortsuche in den Fragen und Antworten unserer Community

Durchstöbern Sie anhand der für Sie interessanten Begriffe die Beiträge und Foren in der Lifeline-Community.

Newsletter-Leser wissen mehr über Gesundheit

Aktuelle Themen rund um Ihre Gesundheit kostenlos per Mail.

Abonnieren

Zum Seitenanfang

afgis-Qualitätslogo mit Ablauf 2012/Monat: Mit einem Klick auf das Logo öffnet sich ein neues Bildschirmfenster mit Informationen über Gong Verlag GmbH und sein/ihr Internet-Angebot: www.lifeline.de

Unser Angebot erfüllt die afgis-Transparenzkriterien.
Das afgis-Logo steht für hochwertige Gesundheitsinformationen im Internet.