Wenn die Welt schwankt

Gleichgewichtsstörungen: Warum der Körper aus der Balance gerät

Gleichgewichtsstörungen lassen die Welt rotieren oder schwanken. Es gibt viele Gründe, warum ein Mensch unsicher wird beim Gehen, Stehen oder Sitzen und aus dem Gleichgewicht gerät: Die Reisekrankheit durch Autofahren in kurvigem Gelände oder Schifffahrten in unruhigen Gewässern sind oft schuld. Aber auch, wer zu viel Alkohol getrunken hat, steht auf unsicheren Beinen. Manchmal stecken ernste Erkrankungen wie ein Schlaganfall, Bluthochdruck oder die seltene Krankheit Morbus Menière dahinter. Was hilft bei Schwindel und Gleichgewichtsstörungen? Alle Behandlungen im Überblick!

Schwindel
Vermutlich leidet knapp ein Drittel der Bevölkerung mindestens einmal im Leben an Gleichgewichtsproblemen wie Schwindel.
(c) GlowImages.de

Gleichgewichtsstörungen sind keine Seltenheit. Jeder, der schon einmal zu viel Alkohol getrunken hat, kennt das Gefühl, dass die Welt um ihn herum schwankt. Allerdings verbergen sich hinter den Unsicherheiten beim Gehen, Stehen oder Sitzen, die zu Stolpern oder gar Stürzen führen können, mitunter Erkrankungen.

Oft sind Gleichgewichtsstörungen mit Schwindel verbunden. Die Koordination und Wahrnehmung sind gestört und mehrere Sinne beeinträchtigt, allen voran das Sehen und Hören. Dadurch verlieren Betroffene die Orientierung im Raum, ihre Sicherheit und schließlich das Gleichgewicht. Ärzte vermuten, dass knapp ein Drittel der Bevölkerung mindestens einmal im Leben an einer Gleichgewichtsstörung in Form von Schwindel leidet. Hinzu gesellen sich weitere Symptome wie Übelkeit, Erbrechen, Blässe, Schweißausbrüche oder Sehstörungen.

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Welche Ursachen hinter einer Gleichgewichtsstörung stecken können

Die Ursachen für Gleichgewichtsstörungen und Schwindel sind vielfältig. Auslöser können beispielsweise ungewöhnliche Sinnesreize sein: beim Höhenschwindel ist es die luftige Höhe, bei der Reisekrankheit der hohe Wellengang auf einem Schiff oder die kurvige Strecke beim Autofahren. Die Gründe können aber auch in den Sinnesorganen (Augen, Ohr), im Gleichgewichtsorgan des Innenohrs oder im Gehirn liegen.

Die Ursachen im Überblick:

  • Reisekrankheit (Bewegungskrankheit, Kinetose): Als Auslöser für die Gleichgewichtsstörungen und die Schwindelattacken vermuten Ärzte eine Reaktion des Körpers auf widersprüchliche Bewegungsmeldungen einzelner Sinnesorgane. So entsteht ein Missverhältnis zwischen den erwarteten und tatsächlichen Sinnesreizungen. Beim Autofahren zum Beispiel gelingt es reisekranken Menschen nicht, die im Seitenfenster schnell vorbeihuschende Welt mit den im Körper verspürten Bewegungen des fahrenden Autos in Übereinstimmung zu bringen. Dasselbe Phänomen verursacht die Seekrankheit – auch hier stehen die Schiffsbewegungen im Widerspruch zu den Bewegungen des Körpers. Die Reisekrankheit hält oft noch an, wenn die auslösende Fahrt längst vorbei ist. Viele berichten, dass ihre Welt nach einer Schifffahrt noch Stunden später auf dem Festland schwankt.
  • plötzlicher Blutdruckabfall, etwa unmittelbar nach dem Aufstehen, oder niedriger Blutdruck (Hypotonie), beispielsweise aufgrund von Flüssigkeitsmangel
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen, etwa Bluthochdruck, Gefäßverkalkung (Arteriosklerose) oder Herzrhythmusstörungen
  • Durchblutungsstörungen im Gehirn, etwa bei einem Schlaganfall durch Gefäßverschluss (ischämischer Hirninfarkt)
  • Entzündung der Gleichgewichtsnerven (Neuritis vestibularis)
  • beidseitiger Ausfall des Gleichgewichtsorgans im Innenohr (bilaterale Vestibulopathie)
  • Morbus Menière: heftige Drehschwindelattacken, Ohrgeräusche (Tinnitus) und Hörstörungen durch krankhafte Ansammlung von Lymphe in den Bogengängen des Innenohres, die Hörsinneszellen werden beeinträchtigt.
  • gutartiger Lagerungsschwindel (benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel): Diese Form des Schwindels tritt auf, wenn Betroffene den Kopf bewegen, etwa beim Hinlegen, Aufrichten, Umdrehen im Bett, Bücken oder dem Beugen des Kopfs nach hinten.
  • Tumoren im Ohr, zum Beispiel Akustikusneurinom, oder im Gehirn
  • Krampfanfälle (Epilepsie)
  • Multiple Sklerose (MS), wenn das Kleinhirn betroffen ist, das für die Bewegungskoordination zuständig ist
  • Parkinson-Krankheit (Morbus Parkinson)
  • Migräne
  • Augenerkrankungen
  • Erkrankungen des Kleinhirns, zum Beispiel die Friedreich-Ataxie
  • somatoformer Schwindel: Gleichgewichtsstörungen und Schwindel, die sich nicht oder nicht hinreichend auf eine körperliche Erkrankung zurückführen lassen; ein Beispiel ist der phobische Schwankschwindel, der bei Patienten mit Angststörungen in typischen Situationen auftritt: auf einer Brücke, beim Autofahren oder bei großen Menschenansammlungen.
  • Nebenwirkung von Medikamenten, beispielsweise Antibiotika und Antidepressiva
  • Konsum von Alkohol und anderen Rauschmitteln

Suchen Sie bei Gleichgewichtsstörungen und Schwindel immer einen Arzt auf, der die Ursache abklärt. In Deutschland gibt es heute auch Schwindelambulanzen, die sich auf solche Patienten spezialisiert haben.

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So geht der Arzt bei der Diagnose von Gleichgewichtsstörungen vor

Die Ursachen sind äußerst unterschiedlich. Zunächst fragt Sie der Arzt in einem Anamnesegespräch nach Ihren aktuellen Beschwerden. Er möchte wissen, in welchen Situationen diese auftreten und welche Erkrankungen es in der Vorgeschichte gab. Wichtig ist zudem, ob und welche Medikamente Sie einnehmen, wie viel Alkohol Sie trinken und ob Sie Drogen konsumieren.

Anschließend testet der Arzt die Funktion des Gleichgewichtsorgans im Innenohr und Ihr Hörvermögen im Rahmen eines Hörtests; das Hör- und Gleichgewichtsorgan liegen unmittelbar benachbart im Ohr. Ihr Gleichgewichtssinn lässt sich überprüfen, indem Sie zum Beispiel auf einer Linie mit geschlossenen Augen geradeaus gehen (Seiltänzergang). Beim Romberg-Standversuch stehen Sie längere Zeit mit eng zusammengestellten Füßen still, zuerst mit offenen, dann mit geschlossenen Augen. Beim Tandem-Standversuch stehen beide Füße in einer Linie hintereinander und die Ferse des voran gesetzten Fußes berührt die Spitze des hinteren Fußes – so stehen Sie mehrere Sekunden lang still.

Weitere Untersuchungen bei Gleichgewichtsstörungen

Je nachdem, welche Anhaltspunkte sich aus der körperlichen Untersuchung ergeben, schließen sich weitere Diagnosemethoden an, zum Beispiel:

  • Bildgebende Verfahren wie die Computertomographie (CT), Magnetresonanztomographie (MRT, Kernspintomographie) oder Elektroenzephalographie (EEG) bei Verdacht auf Erkrankungen des Gehirns, zum Beispiel einen Schlaganfall durch Gefäßverschluss (ischämischer Hirninfarkt) oder Epilepsie

  • 24-Stunden-Blutdruckmessung: Sie liefert Hinweise auf Herz-Kreislauf-Krankheiten als Ursache für die Gleichgewichtsstörungen und den Schwindel, etwa einen zu niedrigen Blutdruck (Hypotonie) oder Bluthochdruck (Hypertonie)

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Medikamente und Physiotherapie: Behandlung von Gleichgewichtsstörungen

Die Behandlung hängt davon ab, welche Ursachen der Störung zugrunde liegen. Ärzte setzen Medikamente, Physiotherapie und operative Maßnahmen ein, zum Beispiel bei Tumoren im Hörorgan oder Gehirn. Eine Psychotherapie hilft, wenn Angststörungen die Auslöser der Gleichgewichtsstörungen und Schwindelattacken sind, etwa die Furcht vor Höhe oder Menschenansammlungen.

Medikamente

Einige Formen von Gleichgewichtsstörungen sind gut mit Medikamenten behandelbar. Es gibt verschiedene Arzneien:

  • Antivertiginosa: Medikamente, die den Schwindel bekämpfen. Hier sind auch pflanzliche Arzneimittel erhältlich, zum Beispiel auf Basis von Ginkgo oder Ingwer.

  • Antihistaminika, die normalerweise bei allergischen Reaktionen eingesetzt werden, eignen sich zur Behandlung der Reisekrankheit. Beispiele für Wirkstoffe sind Dimenhydrinat oder Cinnarizin.

  • Antiemetika: Bei akuten Störungen des Gleichgewichtsorgans, die mit Übelkeit und Erbrechen einhergehen, helfen Anti-Brech-Mittel, sogenannte Antiemetika. Sie wirken direkt auf das Brechzentrum im Gehirn, und Patienten nehmen sie nur für einen begrenzten Zeitraum ein. Beispiele für gängige Wirkstoffe sind Dimeticon, Domperidon oder Domperidol.

Physiotherapie

Mittels Physiotherapie lassen sich Gleichgewichtsstörungen oft nachhaltig bessern, etwa nach einem Schlaganfall. Physiotherapeuten provozieren zum Beispiel in speziellen Übungen Haltungsunsicherheiten bei den Patienten, die diese durch Ausgleichsbewegungen zu kompensieren lernen. Das Gleichgewicht, die Koordination sowie die Bewegungs- und Gangsicherheit lassen sich damit gut trainieren. Bei neurologischen Erkrankungen wie Schlaganfall, Morbus Parkinson oder Epilepsie kommen noch viele weitere Behandlungen zum Einsatz, zum Beispiel Medikamente oder die Ergotherapie, die Alltagsfähigkeiten trainiert. Alle Patienten benötigen eine spezifische Behandlung, die gezielt auf die Erkrankung ausgerichtet ist.

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Autor:
Letzte Aktualisierung: 08. November 2017
Quellen: Schwindel – Diagnostik. Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, AWMF-Leitlinien-Register Nr. 030/017 (Stand: 10/2008). In: Diener, H. C. & Putzki, N.: Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. 4. überarb. Auflage 2008, S. 654 ff., Georg Thieme Verlag Stuttgart

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