Experten-Interview

Sport bei Diabetes: Wie viel ist gesund?

Sport ist für Menschen mit Diabetes besonders wichtig. So hilft Bewegung, den Blutzuckerspiegel zu senken und Übergewicht abzubauen. Manche Diabetiker schaffen es durch regelmäßige Aktivität sogar, dass das lästige Insulinspritzen wegfällt. Wieso Bewegung bei Diabetes gleich sechsfach hilft und worauf es dabei ankommt, erklärt ein renommierter Diabetes-Experte.

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Sport wirkt sich auf den Diabetes in vielerlei Hinsicht positiv aus: So bessert Bewegung die Blutzuckerwerte und lindert die Insulinresistenz.
© iStock.com/blyjak

Bewegung und Blutzuckerspiegel hängen untrennbar zusammen. Ein gesunder Lebensstil mit Sport kann die Werte von Diabetikern entscheidend verbessern. Diabetologe Professor Hellmut Mehnert erklärt im Lifeline-Interview, worauf aktive Zuckerkranke achten sollten.

Wie viel Sport dürfen und sollten Diabetiker treiben?

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Professor Hellmut Mehnert: Die bekannten positiven Auswirkungen von Sport auf die Muskulatur und das Gefäßsystem gelten gerade auch für Menschen mit Diabetes. Diese Patienten haben einen mehrfachen Nutzen von körperlicher Bewegung bis hin zum Leistungssport: Einmal hilft die Muskelarbeit bei der Glukoseverbrennung und damit bei der Einstellung der Diabetes-Parameter.

Zum zweiten gibt es viele Daten von Sportmedizinern, die auf die Bedeutung sportlicher Betätigung zur Prävention vaskulärer Schäden hinweisen. Grundsätzlich gilt, dass bei der Muskelarbeit beim Sport der Blutzucker mit weniger Insulin oder Tabletten gesenkt wird, dass die Insulinempfindlichkeit steigt, dass langfristig auch günstige Auswirkungen auf das Körpergewicht, den Fettstoffwechsel und den Blutdruck zu erkennen sind und dass man Durchblutungsstörungen und Folgekrankheiten von Diabetes vorbeugen kann.

Wie viel Sport ist bei Diabetes zu empfehlen?

H. M.: Wenigstens zwei- bis dreimal wöchentlich soll der Sport über mindestens 20 bis 30 Minuten durchgeführt werden. Die Anstrengungen sind bei Diabetes nur allmählich zu steigern. Allerdings kann die Muskelarbeit fehlendes Insulin für den Blutzucker-Spiegel nicht völlig ersetzen. Im Gegenteil: Bei extremem Insulinmangel und Ketoazidose wirkt – scheinbar paradox – Muskelarbeit sogar Stoffwechsel-verschlechternd.

Welche Sportarten sind geeignet?

H. M.: Geeignet ist bei Diabetes vor allem Sport, der das Herz-Kreislauf-System sowie die Lungen in Anspruch nimmt. Dafür ist Jogging ein gutes Beispiel. Für alte Patienten genügen auch beschleunigte Spaziergänge, die zu einer gewissen Erhöhung des Pulses führen. Als Faustregel gilt ein Pulsschlag von 180 minus das Lebensalter in Jahren.

Worauf sollte man Patienten besonders hinweisen?

H. M.: Grundsätzlich sollten Diabetes-Patienten vor der sportlichen Tätigkeit eine gewissen Menge an Kohlenhydraten (zwei bis drei Broteinheiten oder Kohlenhydrat-Einheiten) zusätzlich zuführen. Zudem sollten sie auch Traubenzucker dabei haben, der im Falle einer Hypoglykämie rasch zur Blutzucker-Regulierung beiträgt.

Sie sollten die Insulindosis reduzieren, wenn der Sport innerhalb der nächsten drei Stunden stattfindet. Bei besonders kurz wirkenden Analoga ist dies erforderlich, wenn die Aktivität innerhalb von zwei Stunden beginnt. Um die Nachwirkungen der Glukose verbrennenden Muskelarbeit auszugleichen, sollten die Patienten das Verzögerungsinsulin zur Nacht um 25 bis 30 Prozent vermindern.

Werden mehr Blutzuckerkontrollen nötig?

H. M.: Ja, wichtig ist – und das ist immer wieder bei den nötigen Korrekturen zu betonen – dass die Diabetes-Patienten lernen, mit Blutzucker-Selbstkontrollen ihre Situation bei regelmäßigem Sport zu überwachen und in den Griff zu bekommen. Alles in allem gilt, dass die Patienten ihren Blutzucker nicht vorschnell korrigieren, sondern mit Blutzuckertestungen kontrollieren sollten.

Zur Person: Professor Hellmut Mehnert

Diabetologie, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten: Diesen Themen widmet sich Professor Hellmut Mehnert seit über 60 Jahren. 1967 hat Mehnert die weltweit größte Diabetes-Früherfassungsaktion durchgeführt. Er hat auch das erste und größte Schulungszentrum für Diabetiker in Deutschland ins Leben gerufen.

Hellmut Mehnert ist Träger der Paracelsus-Medaille - der höchsten Auszeichnung der Deutschen Ärzteschaft - sowie zahlreicher weiterer Medaillen. Zudem ist er Vorsitzender des deutschen Dachverbandes Endokrinologie/Diabetologie und Ehrenpräsident der Deutschen Diabetes-Union.

Mehr über Diabetes lesen Sie im großen Lifeline-Ratgeber rund um die Zuckerkrankheit.

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