Lebensbedrohliche Infektionskrankheit

Pocken – droht heute noch Infektionsgefahr?

Die Pocken, eine der schlimmsten Krankheiten der Menschheitsgeschichte, gelten heute als ausgerottet. Wie hoch die Gefahr eines erneuten Ausbruchs wäre, was das Pockenvirus so gefährlich macht und woran man eine Infektion erkennt.

Pockenviren
Hochgradig ansteckend: Das Pockenvirus gehört zu den gefährlichsten Erregern überhaupt und darf nur in Speziallabors untersucht werden.
© Kateryna Kon/Shutterstock

Wer vor dem Jahr 1970 geboren wurde, kennt sie: die kleine, runde Narbe von der Pockenimpfung, typischerweise am Oberarm oder an der Schulter. Die hochansteckende und lebensbedrohliche Infektionskrankheit ist dank flächendeckender Impfungen inzwischen ausgerottet. 1980 wurde die Welt offiziell für "pockenfrei" erklärt. Stämme des Pockenvirus existieren heute nur noch in wenigen Forschungslaboratorien. Alles über die einst gefürchtete Infektionskrankheit, wie groß die Gefahr eines erneuten Ausbruchs ist und wer heute noch geschützt ist.

Artikelinhalte im Überblick:

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Die Pocken, oder auch Blattern, gehören zu den ältesten bekannten Infektionskrankheiten und wurden als eine der biblischen Plagen bereits im Alten Testament erwähnt. Die medizinisch korrekte Bezeichnung lautet Variola, nach dem Variolavirus benannt. Im Englischen werden Pocken als "Small Pox" bezeichnet.

Neben der Pest und Syphilis gelten die Pocken als eine der großen Geißeln der Menschheit, die über Jahrtausende bis zur Einführung einer Schutzimpfung in den 1960er Jahren unzählige Menschenleben gekostet hat. Pockenviren waren weltweit verbreitet. Insbesondere Kleinkinder erkrankten und verstarben daran.

Was sind Pocken?

Die Pocken sind eine hochansteckende und ausgesprochen gefährliche Virusinfektion. Verursacht werden sie durch das Pockenvirus, auch Variolavirus genannt, das zur Gruppe der Orthopoxviren gehört. Das Virus wird ausschließlich von Mensch zu Mensch weitergegeben (humanpathogen). Lediglich Unterformen wie Kuh- oder Affenpocken können auch über Tiere auf den Menschen übertragen werden.

Betroffene entwickeln ein schweres Krankheitsbild mit hohem Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen und sehr schlechtem Allgemeinzustand. Nach ein paar Tagen tritt ein bläschenförmiger Hautausschlag (Exanthem) auf. Die Bläschen wachsen über mehrere Stadien hinweg zu flüssigkeitsgefüllten Pusteln an, die beim Aufplatzen extrem ansteckend sind.

Pocken sind hochgradig infektiös

Der Kontagionsindex – das ist die Zahl der Infektionen von nichtimmunen Personen – ist mit 0,95 sehr hoch. Das bedeutet, 95 Prozent der direkten Kontaktpersonen stecken sich an. Diese Zahl wird nur noch von der Ansteckungsfähigkeit (Kontagiosität) der Masern übertroffen.

Pockenvirus ausgerottet durch erfolgreiche Impfung

Der letzte natürliche Erkrankungsfall der Pocken wurde 1977 aus Somalia gemeldet. Danach traten ausschließlich und nur sehr vereinzelt Infektionen aufgrund von Laborunfällen auf. Im Mai 1980 wurden die Pockenviren von der Weltgesundheitsorganisation WHO für ausgerottet erklärt – als erste Infektionskrankheit überhaupt. Die erfolgreiche Ausrottung des Virus ist direkt auf die konsequente, weltweite Immunisierung zurückzuführen und gilt somit als Musterbeispiel für die Erfolgsgeschichte der Schutzimpfung.

Angst vor Terroranschlag: Ist eine erneute Pockenepidemie möglich?

Ein erneuter Ausbruch der Erkrankung beziehungsweise eine Pockenepidemie könnte heute theoretisch durch den Einsatz von Pockenviren als biologische Waffe ausgelöst werden. Allerdings wird das Virus nur noch in zwei Speziallaboratorien, einem in den USA und einem in Russland, zu Forschungszwecken aufbewahrt und ist dort hochgradig gesichert. Eine Vernichtung dieser letzten Viren aus Sicherheitsgründen wird diskutiert.

Um bei einem eventuellen Angriff die Bevölkerung schützen zu können, steht seit einigen Jahren ein Impfstoff in ausreichenden Mengen für eine Massenimpfung zur Verfügung. Ein Ausbruch der Pocken könnte damit im Keim erstickt werden. Eine Pockenepidemie gilt entsprechend nach heutigem Stand als praktisch ausgeschlossen.

Pocken: Formen und Verlauf

Auslöser der Pocken ist das Variolavirus aus der Familie der Orthopoxviren. Das Virus ist vergleichsweise groß und komplex aufgebaut und zeigt unter dem Elektronenmikroskop eine ovale, backsteinartige Form.

Unterschieden werden drei Untergruppen (Subtypen) des Virus:

  • Die sogenannten echten Pocken werden durch die Variola major Viren ausgelöst. Diese Erreger war am weitesten verbreitet und führt zum typischen Krankheitsbild.

  • Eine mildere Form, die weißen Pocken, wird durch das Variola minor Virus verursacht und verläuft seltener tödlich.

  • Die schwarzen Pocken, auch hämorrhagische Pocken, sind die gefährlichste Form. Auslöser ist der Erreger Variola haemorrhagica. Schwarze Pocken verlaufen zu 90 Prozent und meist innerhalb von wenigen Tagen tödlich.

Verlauf der Pocken in mehreren Stadien

Typischerweise verläuft eine Pockeninfektion in drei Phasen:

  • Die Krankheit beginnt mit unspezifischen Allgemeinsymptomen wie hohem Fieber und zunehmend starken Kopf- und Rückenschmerzen. Dieses Initialstadium dauert etwa zwei bis vier Tage. Mund- und Rachenschleimhaut erscheinen geschwollen und gerötet. Dort treten die ersten Pusteln auf. Die Viren gelangen in den Speichel und der Patient ist nun ansteckend.

  • Während der folgenden Phase (Eruptionsstadium) kommt es zum treppenförmigen Fieberabfall und es entwickelt sich über ein bis drei Wochen ein typischer Hautauschlag. Er beginnt mit insektenstichartigen roten Flecken, die Ähnlichkeit mit Masern oder Scharlach haben können. Daraus entwickeln sich Knötchen (Papeln), die sich mit Flüssigkeit füllen. Die Bläschen weisen oft in der Mitte eine Delle auf. Die Pusteln können am ganzen Körper auftreten, hauptsächlich sind sie jedoch im Gesicht, am behaarten Kopf, an den Unterarmen und Handflächen zu finden. Nur die Innenseiten der Oberschenkel und die Achseln bleiben typischerweise frei.

  • Nach etwa drei Wochen beginnt die Abheilung. Die Bläschen verkrusten und es kommt teilweise zu sehr starkem Juckreiz. Sehr häufig bleiben nach der Abheilung Narben zurück, vor allem im Gesicht.

Ansteckung und Inkubationszeit

Die Infektion wird in den meisten Fällen durch Tröpfcheninfektion über infektiösen Speichel weitergegeben. Möglich sind auch Infektionen über Kleidung, Bettwäsche oder andere von Kranken kontaminierte Gegenstände (Schmierinfektion). Des Weiteren kann sich das Virus über die Luft, beispielsweise über Klimaanlagen oder Lüftungen, verbreiten.

Die Zeit von der Ansteckung bis zum Ausbruch der Krankheit (Inkubationszeit) kann zwischen sieben und 19 Tagen liegen, in den meisten Fällen beträgt sie 12 bis 14 Tage. Die Krankheit dauert insgesamt drei bis sechs Wochen. Erst mit dem Abheilen der letzten Krusten ist die Ansteckungsgefahr gebannt.

Nach überstandener Pockeninfektion ist der Betroffene lebenslang vor einer erneuten Erkrankung geschützt.


Symptome und Anzeichen: Wie erkennt man eine Pockeninfektion?

Pocken beginnen mit grippeähnlichen Symptomen und einem stark eingeschränkten Allgemeinzustand. Dabei können auftreten:

Nach einem treppenförmigen Temperaturabfall kommt es zum erneuten Fieberanstieg und zum Hautausschlag. Er entwickelt sich synchron über mehrere Stadien in der typischen Reihenfolge:

  • Flecken
  • Knötchen
  • Blasen
  • Pusteln
  • Schorf
  • Abheilung unter Narbenbildung

Symptome der hämorrhagischen Pocken (schwarze Pocken)

Die schwarzen Pocken verlaufen wesentlich schneller und bedrohlicher die echten Pocken. Nach einer kurzen Inkubationszeit kommt es innerhalb weniger Tage zu ausgedehnten Blutungen (Hämorrhagien) der Haut und der Schleimhäute, außerdem an den inneren Organen.

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Sonderformen: Affenpocken, Kuhpocken

Mit den Pocken (Variola) eng verwandt sind die Affen- und die Kuhpocken. Während Variolaviren ausschließlich den Menschen zum Wirt haben, befallen andere Pockenarten primär Säugetiere. Die Viren können von ihnen aber auf den Menschen übertragen werden. Dies wird als Zoonose bezeichnet. Tierpocken verlaufen beim Menschen milder. Eine Infektion verursacht auch eine Immunität gegen andere Pockenarten. Diese Tatsache wurde bei der Entwicklung des ersten Pockenimpfstoffes aus dem Kuhpockenvirus genutzt.

Milder Verlauf bei Kuhpocken

Das Virus kann direkt vom ursprünglichen Wirt, dem Rind, oder auch über Katzen an den Menschen weitergegeben werden. Man spricht deshalb auch von Katzenpocken. Der Erreger Orthopoxvirus bovis kam früher überall in Europa vor, die Erkrankung gilt aber ebenso wie die echten Pocken durch die Impfungen als so gut wie ausgerottet.

Affenpocken-Ausbruch in Westafrika

Die Affenpocken kommen heute noch in West- und Zentralafrika vor und werden von Affen und Nagetieren übertragen. Auslöser ist das Virus Orthopox simiae. Eine direkte Übertragung der Viren auf den Menschen ist selten, dennoch kommt es immer wieder zu Epidemien durch den Verzehr von infiziertem Affenfleisch, zuletzt 2017 in Nigeria. Auch hier bietet die Pockenimpfung einen relativ sicheren Schutz (zu etwa 80 Prozent).

Die Affenpocken verlaufen beim Menschen in der Regel milder als eine echte Variolainfektion. Dennoch ist die Sterblichkeit gerade in Afrika mit bis zu zehn Prozent relativ hoch aufgrund der vielen HIV-Infizierten. Nach einer Reise nach Afrika oder einem Biss durch einen Affen oder ein Nagetier sollte die Möglichkeit einer Ansteckung mit Affenpocken grundsätzlich in Betracht gezogen werden.

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Windpocken und Pocken – so kann man sie unterscheiden

Pocken und Windpocken haben außer dem Namen und der optischen Ähnlichkeit der flüssigkeitsgefüllten Bläschen wenig gemeinsam. Bei Windpocken zeigen sich aber immer Bläschen in unterschiedlichen Stadien – von frischen Pickelchen bis hin zu abgeheilten, verkrusteten Pusteln. Bei den echten Pocken treten die Pusteln hingegen immer überall im gleichen Stadium auf. Ein weiterer Unterschied: Bei den Windpocken sind in erster Linie Kopf und Rumpf befallen. Bei Variola sitzen die Bläschen schwerpunktmäßig im Gesicht und an den Extremitäten.

Diagnose der Pocken

Die Diagnose der verschiedenen Pockenarten ist nicht einfach. Zum einen, weil Ärzte keine Erfahrung mehr damit haben, zum anderen wegen der Verwechslungsgefahr mit anderen Ausschlagerkrankungen wie Masern oder Windpocken. Bei Vorliegen eines Verdachtes auf Pocken oder Affenpocken ist es deshalb ratsam, sich an ein Tropeninstitut zu wenden.

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Erregernachweis: Vorsicht Ansteckung!

Der Erregernachweis erfolgt durch Blutentnahme oder einen Abstrich an befallenen Hautarealen. Einen raschen Nachweis ergibt eine Untersuchung mit dem Elektronenmikroskop, wo Orthopoxviren aufgrund ihrer typischen Form gut erkennbar sind. Allerdings lässt sich so nicht zwischen Variolaviren und anderen Pockenarten unterscheiden. Eine Virenkultur oder ein Antikörpernachweis geben hier Sicherheit.

Therapie: Wie werden Pocken behandelt?

Einen relativ sicheren Schutz bietet nur die nachträgliche Impfung bei Kontakt mit Pockenviren oder infektiösen Personen. Diese Postexpositionsprophylaxe muss aber innerhalb von vier Tagen erfolgen, um wirksam zu sein.

Ist es bereits zum Ausbruch der Krankheit gekommen, kann nur noch symptomatisch behandelt werden. Virostatika können eventuell helfen, die Virulenz der Erreger einzudämmen und dem Immunsystem die Bekämpfung zu erleichtern. Ob sie wirken, ist allerdings ungewiss. Weitere Maßnahmen sind:

  • fiebersenkende Medikamente
  • körperliche Schonung und strenge Bettruhe
  • hochkalorische Ernährung
  • ausreichende Flüssigkeitszufuhr

Wichtigste Maßnahme: Quarantäne bei Pockeninfektion

Die wichtigste Maßnahme bei Verdacht auf eine Ansteckung ist die Quarantäne. Erkrankte Personen werden auf spezialisierten Quarantänestationen behandelt und bis zum Ende der Ansteckungsfähigkeit streng isoliert. Kleidung, Bettwäsche oder auch Möbel des Betroffenen müssen sorgfältig desinfiziert werden.

Komplikationen, Prognose und Heilungschancen

Eine Pockeninfektion kann auch bei nicht tödlichem Verlauf schwerwiegende Komplikationen nach sich ziehen. Am häufigsten sind Lungenentzündung (Pneumonie), Schäden am Gehirn oder Erblinden.

Die Sterblichkeitsrate ist je nach Erreger unterschiedlich:

  • Echte Pocken (Variola major): zu etwa 30 Prozent
  • Weiße Pocken (Variola minor): ein bis fünf Prozent
  • Schwarze Pocken: über 90 Prozent
  • Kuh- und Affenpocken: selten tödlich. Todesfälle in erster Linie bei geschwächtem Immunsystem.

Sehr häufig behalten Betroffene nach der Abheilung der Pusteln Narben zurück, vor allem im Gesicht.

Vorbeugen: Wie kann man sich gegen Pocken schützen?

Moderne Impfstoffe bieten einen wirksamen Schutz gegen alle Arten von Pockenviren, einschließlich der Affenpocken. Allerdings wird die Pockenimpfung nach wie vor nur nach vermuteter Ansteckung empfohlen. Eine Impfempfehlung für Reisen gibt es ebensowenig wie eine allgemeine Impfempfehlung durch das Robert-Koch-Institut, nachdem die Infektionskrankheit als ausgerottet gilt und der Impfstoff einige Gefahren und Nebenwirkungen mit sich bringt.

Impfung mit dem Vaccinavirus

Geimpft wird mit dem Vaccina-Impfstoff, der aus den Kuhpocken entwickelt wurde. Es handelt sich um einen Lebendimpfstoff, deshalb dürfen Impfungen nicht bei Schwangeren, Kindern unter einem Jahr und Menschen mit angeborener oder erworbener Abwehrschwäche erfolgen. Der Geimpfte entwickelt nach drei bis vier Tagen an der Impfstelle eine Hautreaktion in Form einer einzelnen Pocke, die nach etwa drei Wochen unter Schorfbildung abheilt. Das Bläschen kann stark jucken, meist bleibt eine Narbe zurück. Bis zur vollständigen Abheilung ist die Impfstelle potentiell ansteckend. Die Impfstelle muss abgedeckt werden und darf nicht berührt werden, insbesondere darf kein Kontakt mit den Augen erfolgen wegen einer möglichen Infektion und der Gefahr des Erblindens.

Darüber hinaus steht seit einiger Zeit ein Wirkstoff mit einem abgeschwächten Virenstamm zur Verfügung (MVA-Impfstoff). Er erzielt nicht die gleiche Schutzwirkung wie der Lebendimpfstoff, ist aber nicht infektiös und könnte auch bei immungeschwächten Personen angewandt werden.

Wer ist heute noch gegen die Pocken geschützt?

Obwohl ein sicherer Krankheitsschutz nur für etwa zehn Jahre nach der Pockenimpfung besteht, ist davon auszugehen, dass ältere Personen, die noch gegen Pocken geimpft wurden, auch heute noch eine gewisse Immunität aufweisen. Bei ihnen würde die Krankheit vermutlich sehr milde verlaufen.

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