Testosteron schwächt Immunsystem

Mythos Männergrippe? Viren für Männer tatsächlich gefährlicher

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Die Männergrippe ist kein Mythos. Dass Männer bei Schnupfen, Husten und Halsschmerzen mehr leiden als Frauen, hat einen medizinischen Hintergrund. Doch warum setzen virale Atemwegserkrankungen wie COVID-19, Grippe oder Erkältung Männern mehr zu als Frauen?

Männergrippe
Das Phänomen Männergrippe ist kein Mythos, wie Studien zeigen.
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Artikelinhalte im Überblick:

Die Schwachstellen des starken Geschlechts

Lifeline / Wochit

"Männergrippe", "Männerschnupfen", "Männerhusten": Diese Begriffe werden vorrangig von Frauen oft mit einem Augenzwinkern verwendet, um auf eine angeblich höhere Wehleidigkeit von Männern bei Symptomen wie Schnupfen, Husten oder Fieber anzuspielen. Studien haben längst bewiesen, dass die Männergrippe kein Mythos ist. Das starke Geschlecht leidet tatsächlich stärker bei Atemwegsinfekten wie der Grippe.

Studien zeigen: Männergrippe ist kein Mythos

Kyle Sue, Professor für Allgemeinmedizin an der Memorial University of Newfoundland in Canada, beschäftigte sich eingehend mit dem Phänomen Männergrippe. Er erklärt, dass die Hauptursache für die Männergrippe in geschlechterspezifischen Unterschieden des Immunsystems liegt. Denn bei Männern ist die Immunantwort auf virale Atemwegserkrankungen tendenziell geringer als bei Frauen. Damit ist das "starke Geschlecht" gegen Erkältung oder Grippe weniger gut gewappnet als Frauen.

Das führt zu wesentlichen Unterschieden in Erkrankungsverlauf und -schwere:

  • Symptome: Bei Männern sind die Symptome von COVID-19, Erkältung und Grippe vergleichsweise stärker ausgeprägt.

  • Dauer: Die Beschwerden halten zudem oft länger an als bei Frauen. Eine Studie kam zum Ergebnis, dass Männer im Schnitt sogar doppelt so lange brauchen, um sich von viralen Atemwegserkrankungen wie einer Grippe zu erholen.

  • Verlauf: Bei Männern verlaufen virale Infekte der Atemwege zudem häufig schwerer als bei Frauen. Beim männlichen Geschlecht treten zum Beispiel häufiger Lungenentzündungen auf. So müssen Männer bei COVID-19, Erkältung und Grippe im Vergleich zu Frauen auch häufiger im Krankenhaus behandelt werden.

Dass Männer mehr leiden als Frauen, liegt also nicht daran, dass sie wehleidiger sind. Die Männergrippe ist damit zu begründen, dass sich virale Atemwegserkrankungen bei ihnen in schwerwiegenderen und länger anhaltenden Symptomen und manchmal auch komplizierteren Verläufen manifestieren.

Männer sterben häufiger an Grippe und Erkältung

Zudem gibt es zwischen Mann und Frau Unterschiede in der Sterberate: Neben zahlreichen anderen Fachpublikationen zeigte zum Beispiel eine im US-amerikanischen Fachjournal "American Journal of Epidemiology" 2014 veröffentlichte Studie, dass Männer im Schnitt häufiger an Grippe sterben als Frauen. Die groß angelegte Analyse wertete dafür Gesundheitsdaten von über zehn Jahren (1997-2007) aus.

Ursache der Männergrippe: Testosteron schwächt Immunsystem

Die Männergrippe lässt sich medizinisch erklären: Bei viralen Atemwegserkrankungen bilden Männer weniger Immunmarker aus als das weibliche Geschlecht. Deshalb ist bei Männern die körpereigene Abwehrfunktion gegen Grippe-, Corona- oder Erkältungsviren auch weniger stark als bei Frauen.

Wissenschaftler sehen das männlichen Geschlechtshormon Testosteron als Hauptursache für die geringere Immunantwort. In zahlreichen Studien wurde die immunsupprimierende Wirkung von Testosteron beobachtet. Je höher das Testosteron-Level, umso geringer ist meist auch die Immunantwort. Vereinfacht gesagt haben Erreger viraler Atemwegsinfekte bei Männern also ein leichteres Spiel, weil Testosteron das Immunsystem schwächt.

Dahingegen unterstützt das weibliche Geschlechtshormon Östrogen das Immunsystem bei der Abwehr von Grippe-, Erkältungs- und Coronaviren. Frauen haben deshalb bei viralen Atemwegserkrankungen tendenziell leichtere Symptome und genesen schneller als Männer.

Auch das Schmerzempfinden wird ein Stück weit durch den Testosteron-Spiegel beeinflusst. Das zeigt eine Studie der US-amerikanischen Akademie der Wissenschaften von 2013. Je niedriger die Konzentration des männlichen Sexualhormons, umso höher ist auch das Schmerzempfinden.

Neben den Geschlechtshormonen werden weitere Faktoren diskutiert, die das Phänomen der Männergrippe begünstigen könnten. Darunter zum Beispiel immunschwächende Lebensstilfaktoren. Männer rauchen zum Beispiel häufiger als Frauen, was die Lungengesundheit generell schwächt und somit auch Atemwegserkrankungen und schwere Verläufe von Grippe und Co begünstigt.

Neben Müdigkeit deuten weitere Symptome auf das Coronavirus hin

Auch Coronavirus für Männer gefährlicher

Die Unterschiede in der weiblichen und männlichen Immunantwort auf Erkältungs- und Grippeviren lässt sich nach derzeitigem Erkenntnisstand in vielerlei Hinsicht auch auf Infektionen mit dem Coronavirus übertragen: Wissenschaftler der Yale University konnten feststellen, dass die Immunreaktion auf Sars-CoV-2-Viren bei Frauen im Vergleich zu Männern durchschnittlich stärker ist. Das bleibt nicht ohne Folgen.

Männer erkranken nach bisherigen Erkenntnissen zwar nicht häufiger an COVID-19 als Frauen. Jedoch verlaufen Sars-CoV-2-Infektionen bei ihnen häufig schwerer. Für das männliche Geschlecht sind deshalb auch höhere Sterberaten durch das Coronavirus zu verzeichnen: Global gesehen sind insgesamt fast zwei Drittel der bisherigen Todesopfer männlich (Stand: 11/2020).

Weitere mögliche Gründe, weshalb das Coronavirus für Männer nach jetzigen Kenntnissen verhältnismäßig gefährlicher ist, werden diskutiert. Darunter zum Beispiel auch gesundheitsschädliche Lebensgewohnheiten wie Rauchen.

Coronavirus: Wer gehört zur Risikogruppe für einen schweren Verlauf?

Männer sprechen weniger gut auf Grippeschutz-Impfung an

Die immunsupprimierende Wirkung von Testosteron scheint auch der Grund dafür zu sein, dass Männer mit erhöhten Testosteron-Werten weniger gut auf die Grippeschutz-Impfung ansprechen – so das Resultat einer 2013 veröffentlichten Studie aus den USA.

Die Wissenschaftler analysierten im Rahmen der Studie die Antikörper-Antwort auf die Grippeschutz-Impfung bei 52 Frauen und 34 Männern verschiedener Altersgruppen.

Die Ergebnisse zeigen, dass bei Frauen im Vergleich zu Männern nach Verabreichung der Grippeschutz-Impfung die Ausbildung von Antikörpern sowie von Zytokinen höher war. Zytokine sind Botenstoffe, die im menschlichen Immunsystem ebenfalls eine Schlüsselrolle bei der Bekämpfung von Krankheitserregern haben.

Neben erhöhten Testosteron-Leveln wurden im Rahmen der Studie auch vermehrte Genexpressionen, die am Fett-Stoffwechsel beteiligt sind, als weiteren Faktor für eine geringere Antikörper-Antwort auf die Grippe-Impfung erkannt.

Im Umkehrschluss bedeutet das: Wenn die Grippe-Impfung tendenziell weniger gut bei Männern anschlägt, erkranken sie auch häufiger an der Männergrippe.

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