Zwei Medikamente für die Libido

Viagra für Frauen: Mehr Lust auf Sex mit Tabletten?

"Pink Viagra" oder "Viagra für Frauen": Medikamente mit den Wirkstoffen Flibanserin oder Buspiron sollen die sexuelle Lust bei Frauen fördern. Manche Präparate sind allerdings wegen ihrer Nebenwirkungen umstritten. Warum libidosteigernde Arzneimittel wie Addyi in den USA trotzdem zugelassen sind und weitere Antworten auf die häufigsten Fragen zur Lustpille für die Frau.

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Viagra für die Frau: In den USA zugelassene Lustpillen versprechen mehr Spaß am Sex.
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Keine Lust auf Sex nach einem stressigen Arbeitstag – ganz normal. "Man muss davon ausgehen, dass 30 bis 40 Prozent der Frauen von sexueller Unlust betroffen sind", sagt Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte. Häufiger treffe es Frauen in langen Beziehungen. "Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, warum Frauen keine Lust mehr auf Sex haben." Dazu gehörten Stress, Überlastung, Gewohnheit und körperliche Leiden. Einige Frauen leiden unter chronischer Lustlosigkeit, die die Partnerschaft gefährdet. Diese krankhafte Form der sexuellen Unlust wird als HSDD – kurz für Hypoactive Sexual Desire Disorder (hypoaktive Sexualfunktionsstörung) – bezeichnet. Sie kann weitreichende psychische Erkrankungen wie Depressionen nach sich ziehen.

Für Männer mit Potenzproblemen gibt es Präparate mit dem Wirkstoff Sildenafil, bekannt als die blaue Pille Viagra, sowie Tadalafil (Cialis), Avanafil (Spedra) oder Vardenafil (Levitra). Seit kurzem gibt es auch Arzneimittel speziell für Frauen, die mehr Spaß am Sex versprechen.

Mehr Lust auf Sex durch gut durchblutete Vagina?

Potenzmittel für Männer wie Viagra, Cialis oder Vardenafil erhöhen die Blutzufuhr im Penis und rufen auf diese Weise eine Erektion hervor, weshalb sie bei erektiler Dysfunktion und Impotenz meistens gut helfen. Bei Frauen reicht die lokale Durchblutungssteigerung in Klitoris und Vagina jedoch nicht aus, um die Libido anzufachen – zusätzlich müssen Gehirnreize gesetzt werden. Emotionen spielen dabei eine große Rolle. So sind etwa Ängste und Stress eine massive Lustbremse.

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Die Wirkstoffe in der Lustpille

Auf der Suche nach Wirkstoffen, die die sexuelle Lust bei Frauen steigern, konnten Wissenschaftler bei Präparaten mit Flibanserin, Testosteron oder Buspiron luststeigernde Wirkung nachweisen – jedoch teilweise mit beträchtlichen Nebenwirkungen. "Pink Viagra", Lybrido und Lybridos – eine Übersicht:

1. Lustpille mit dem Wirkstoff Flibanserin

Die Begriffe "Pink Viagra" oder "Viagra für Frauen" für Medikamente mit dem Wirkstoff Flibanserin führen in die Irre, denn mit dem herkömmlichen Viagra haben die Präparate wenig zu tun. Während der Viagra-Wirkstoff Sildenafil den Blutfluss im Bereich der Genitalien erhöht, hat Flibanserin Einfluss auf verschiedene Botenstoffe im Gehirn. Zum einen senkt die Substanz die Konzentration des Hormons Serotonin, das als Lustkiller gilt. Zum anderen wird die Freisetzung von Dopamin und Noradrenalin gefördert, dem ein libidosteigernder Effekt nachgesagt wird. Als "Pink Viagra" wird es bezeichnet, weil es sich um rosa Tabletten handelt.

Die Nebenwirkungen von Flibanserin, das einmal täglich eingenommen wird und nach vier Wochen seine Wirkung entfalten soll, haben es in sich. In Kombination mit anderen Medikamenten kann es zu gefährlichen Blutdruckabfällen oder Ohnmachtsanfällen kommen. Auch Müdigkeit, Kreislaufprobleme, Schwindel, Übelkeit, Verstopfung, Schlaflosigkeit und Angstgefühle werden als mögliche Nebenwirkungen genannt. Alkohol ist während der Einnahme gänzlich untersagt. Patientinnen mit eingeschränkter Leberfunktion dürfen das Präparat nicht einnehmen.

"Pink Viagra": Lustpille für Frauen in Amerika zugelassen

Im Jahr 2015 wurde das Präparat Addyi – umgangssprachlich auch "Pink Viagra" – von der Arzneimittelbehörde FDA (Food and Drug Administration) in den USA zugelassen. In Deutschland ist kein derartiges Präparat gegen sexuelle Unlust der Frau auf dem Markt. Jedoch ist die Zulassung eines neuen Medikaments in den USA häufig auch richtungsweisend für die Entscheidung der Arzneimittelbehörden in Europa.

Für welche Frauen ist Flibanserin geeignet?

Gynäkologe Christian Albring geht davon aus, dass das Medikament nur für einen kleinen Teil der von Lustlosigkeit betroffenen Frauen infrage kommt. Mehr als 30 Prozent der Patientinnen könne dagegen mit Gesprächen im Rahmen der Sexual- oder Paartherapie geholfen werden. Erst wenn solche Maßnahmen nicht greifen, sollte man zum Medikament greifen. Allerdings könnte allein das Wissen um einen medikamentösen Ausweg einigen Frauen helfen, glaubt Albring. Nicht gedacht ist die Lustpille für junge Frauen, die der Meinung seien, sie müssten häufiger Sex haben – etwa, um ihrem Partner zu gefallen oder weil Freunde mit ihrem regen Sexleben prahlen.

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Was Studien über Flibanserin aussagen

Flibanserin wurde ursprünglich als Antidepressivum erforscht, bevor die luststeigernde Wirkung in den Mittelpunkt rückte. Drei von sieben Studien mit insgesamt 11.000 Probandinnen haben dem Hersteller zufolge gezeigt, dass sich die befriedigenden Sexualerlebnisse der mit Flibanserin behandelten Frauen im Schnitt um 1,7 pro Monat vermehrten (von knapp drei auf viereinhalb befriedigende Sexualkontakte).

Allerdings berichteten auch die Frauen in der Placebo-Gruppe, die keine Lustpille genommen hatten, von einer Luststeigerung. Ebenfalls auffällig: Bei den Studienteilnehmerinnen hatte zwar die Zahl der lustvollen Sexualkontakte zugenommen, nicht aber die Lust auf Sex an sich. Und auch die Reihe an Nebenwirkungen zählte zu den Gründen, warum die FDA die Zulassung des Mittels in der Vergangenheit mehrmals verweigert hatte und die Hersteller ihr Präparat nachbessern mussten. Eine Theorie, warum es trotz großer Kritik zur Zulassung kam: Frauenärzte und auch Frauenrechtsbewegungen übten Druck auf die FDA aus, indem sie ihr vorwarfen, die weibliche Sexualität nicht ernst genug zu nehmen – Es gibt rund 25 zugelassene Potenzmittel für Männern, aber keine Präparate gegen sexuelle Unlust für Frauen.

Lustpille für die Frau: Es geht um viel Geld

Das Patent auf den Pink-Viagra-Wirkstoff Flibanserin besaß zunächst der deutsche Pharmahersteller Boehringer-Ingelheim, der die Forschungstätigkeit aber 2010 – nach der ersten Abfuhr durch die FDA – einfror und die Rechte schließlich an die US-Pharmafirma Sprout Pharmaceuticals veräußerte. Auch Letztere holte sich 2013 zunächst einen negativen Bescheid ab, bevor es 2015 zur Zulassung kam. In der Zulassung schlummert ein gewaltiges finanzielles Potenzial: Der Pharma-Riese Pfizer erzielt mit dem von ihm entwickelten Präparat Viagra jährlich Milliardenumsätze.

2. Lybrido und Lybridos

Eine weitere Möglichkeit gegen sexuelle Unlust könnte eine Wirkstoffkombination bieten. Forscher aus den Niederlanden haben zwei Varianten einer Lustpille entwickelt: Die Medikamente Lybrido und Lybridos sollen die Libido der Frau steigern. Es handelt sich um keine innovativen Arzneistoffe, neu ist nur die Kombination. Die Medikamente befinden sich noch in der Testphase und sind auf dem europäischen und amerikanischen Markt nicht zugelassen.

  • Lybrido enthält Testosteron plus Sildenafil. Testosteron setzt Lustreize im Gehirn, Sildenafil regt die Durchblutung der Geschlechtsorgane an. Testosteron in niedriger Dosis wird bereits heute Frauen verschrieben, die unter sexueller Unlust leiden – etwa nach den Wechseljahren. Diese Variante eignet sich also für ältere Frauen, bei denen die Lust eher durch hormonelle Veränderungen nicht aufkommen will.

  • Lybridos setzt sich zusammen aus Testosteron und Buspiron, das gegen Ängste verschrieben wird. Zusätzlich unterdrückt Buspiron Botenstoffe im Gehirn, die den Sexualtrieb hemmen. Diese Kombination könnte für Frauen ideal sein, die unter Ängsten und Hemmungen – etwa aufgrund eines negativen Körperbilds – leiden.

Schon 2008 hat eine Studie gezeigt, dass Antidepressiva wie Buspiron die weibliche Lust anheizen. Sie nehmen Ängste und machen damit offener für sexuelle Reize. Ob die beiden neuen Lustpillen für die Frau sich bewähren und zugelassen werden, bleibt abzuwarten. Bekannte Nebenwirkungen gibt es bereits: Kopfschmerz und Schwindel beispielsweise.

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Letzte Aktualisierung:23. August 2016
Letzte Änderung durch:

Quellen: The Journal of Sexual Medicine; dpa-Material; Informationen von Sprout Pharmaceuticals: http://www.sproutpharma.com/sprout-pharmaceuticals-resubmits-flibanserin-new-drug-application-for-the-treatment-of-hypoactive-sexual-desire-disorder-in-premenopausal-women/; http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=59461; http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27287358; http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/12383030

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