Emotionales Bindemittel

Oxytocin: Wirkung des Kuschelhormons

Oxytocin wird oft als Kuschel- oder Bindungshormon bezeichnet, es wird unter anderem für die Mutter-Kind-Bindung verantwortlich gemacht. Der Botenstoff Oxytocin kann allerdings viel mehr, als ihm bisher zugetraut wurde. Wie wirkt das Hormon im Körper und wofür kann es in der Medizin eingesetzt werden?

Oxytocin
© Getty Images/Halfpoint Images

Kurzübersicht: Oxytocin

Was ist Oxytocin? Bei dem Botenstoff handelt es sich um ein im Gehirn gebildetes Hormon, das zudem als Neurotransmitter wirkt.

Was bewirkt Oxytocin? Oxytocin löst unter anderem den Milchfluss und Wehen bei schwangeren Frauen aus. Zudem steigert es das Wohlbefinden und nimmt Einfluss auf die Bindung in sozialen Beziehungen.

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Was ist Oxytocin?

Oxytocin ist ein körpereigener Botenstoff, der in spezialisierten Nervenzellen im Gehirn gebildet wird und zu den Glückshormonen zählt. Das Neuropeptid spielt bei Schwangerschaft und Geburt eine große Rolle: Im Körper wirkt Oxytocin als Hormon, regt die Gebärmutter zu Kontraktionen an und sorgt dafür, dass die Muttermilch beim Stillen fließt.

Seinen Spitznamen "Kuschelhormon" trägt es, weil das Hormon auch als soziales Bindemittel funktioniert. Im Gehirn wirkt Oxytocin als Neurotransmitter an Nervenzellen. So stärkt es das Vertrauen und fördert auf diese Weise etwa die Mutter-Kind-Bindung.

Weil der Botenstoff das menschliche Sozialverhalten beeinflussen kann, lässt er sich zukünftig möglicherweise zur Linderung von Symptomen psychischer Erkrankungen wie Angststörungen oder Autismus nutzen. Auch wird ein gestörtes Zusammenspiel zwischen dem Hormon und seinen Rezeptoren im Gehirn als Auslöser bestimmter Störungen vermutet. Hier ist jedoch noch weitere Forschung nötig.

Oxytocin: Wirkung auf Schwangerschaft, Geburt und Psyche

Der körpereigene Botenstoff wird in der Schaltzentrale des Körpers gebildet – dem Gehirn. Genauer gesagt im Hypothalamus. Die Hypophyse, also die Hirnanhangsdrüse, schüttet es aus und verteilt den Stoff über das Blut dorthin, wo er benötigt wird – zum Beispiel zur Gebärmutter oder der weiblichen Brust.

In der Schwangerschaft wird vermehrt Oxytocin gebildet, weshalb das Hormon in der Frauenheilkunde schon lange bekannt ist. Es spielt bei der Geburt und beim Stillen eine große Rolle, weil es die Gebärmutter zu Kontraktionen anregt und in der Brustdrüse eine Milchentleerung bewirkt.

Der Spitzname "Kuschelhormon" kommt nicht von ungefähr: Das Hormon unterstützt die Kontaktaufnahme mit anderen Menschen. "Oxytocin lässt Nähe zu und fördert auf diese Weise, dass Mütter mit ihren Babys eine Bindung aufbauen. Im Wochenbett ist der Oxytocinspiegel bei Frauen deshalb besonders hoch", erklärt Prof. Dr. Sabine Christiane Herpertz, ärztliche Direktorin der Klinik für allgemeine Psychiatrie am Universitätsklinikum Heidelberg.

"Bei Oxytocin handelt es sich um eine äußerst interessante Substanz", sagt Herpertz. Gemeinsam mit ihrem Team erforscht sie, wie Oxytocin bei sozialer Ängstlichkeit, in der Schmerzforschung und als Therapie für die Interaktion psychisch kranker Eltern mit ihren Kindern zum Einsatz kommen könnte.

Keine reine Frauensache: Oxytocin auch für Männer wichtig

Zwar produzieren Frauen mehr Oxytocin als Männer, aber auch beim männlichen Geschlecht ist der Botenstoff von Bedeutung und beeinflusst sein Sozialverhalten. "Wenn Väter zum Beispiel mit ihren Kindern spielen, führt das sowohl beim Mann als auch beim Kind zu einer vermehrten Ausschüttung von Oxytocin, die ihre Bindung stärkt", so Herpertz.

Dass von dem Hormon eine besondere Wirkung für beide Geschlechter ausgeht, konnte ein Experiment von Psychologin Prof. Dr. Beate Ditzen beweisen: Sie bat Paare darum, sich über ein typisches Konfliktthema zu streiten. Vor der Diskussion wurde ihnen entweder ein Placebo oder Oxytocin als Nasenspray verabreicht. Das Ergebnis: Die Paare, die Oxytocin erhalten hatten, diskutierten konstruktiver und bei ihnen waren niedrigere Werte des Stresshormons Cortisol zu finden.

Könnte Oxytocin also die Lösung für Paarprobleme sein? "Noch nicht", so die Expertin. "Denn die Forschung befindet sich hier erst auf dem Weg. Zukünftig könnte Oxytocin aber durchaus als ergänzender Zusatz bei einer Paartherapie zum Einsatz kommen."

Durchbruch in der Forschung: Oxytocin bei psychischen Erkrankungen hilfreich

Ähnlich sieht es auch bei dem Einsatz von Oxytocin in Verbindung mit psychischen Erkrankungen aus: Noch wird es nicht zur Linderung von Symptomen eingesetzt, aber in Zukunft ist das durchaus denkbar. Denn die Forschung gelangte auf diesem Gebiet bereits zu bahnbrechenden Erkenntnissen: Studien haben gezeigt, dass Oxytocin soziale Kompetenzen und Vertrauen steigern und Stress dämpfen kann.

Der Grund: Oxytocin verändert die Reaktion des Mandelkernkomplexes (Amygdala), der für Emotionen wie Wut oder Angst zuständig ist und dies erstaunlicherweise in die Richtung, wie es für das Individuum zuträglich ist. "Es kann die Aufmerksamkeit für bestimmte Reize erhöhen oder vermindern", erklärt Herpertz.

Bei Menschen mit Autismus habe man zum Beispiel herausgefunden, dass soziale Reize unter Oxytocingabe für sie interessanter werden und die Reaktion des Mandelkernkomplexes zunimmt. Bei Menschen mit sozialer Ängstlichkeit dagegen nahm die Reaktion der Amygdala bei Konfrontation mit Gesichtern ab – ihr Verhalten ließ auf weniger Ängstlichkeit schließen. Patient*innen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung schienen ärgerliche Gesichter weniger bedrohlich zu erleben.

Anwendung in der Psychotherapie – noch Zukunftsmusik

"Bisher sind die nachgewiesenen Effekte allerdings noch nicht so groß, dass daraus eine konkrete Behandlung abgeleitet werden kann", so die Klinikdirektorin. "Dazu müssen wir erst herausfinden, welche Dosen erforderlich sind und wie wir sie am besten verabreichen". Doch genau das ist leider gar nicht so einfach, denn die Dosierung hängt von Geschlecht, Kontext und individuellen Persönlichkeitsmerkmalen ab. Die Forschung dazu läuft weltweit bereits auf Hochtouren. "Erst, wenn wir uns über alle Faktoren im Klaren sind, kann daraus eine ärztliche Verschreibung von Oxytocin erfolgen."

Eine solche Behandlung mit Oxytocin könnte dann in Zukunft in Verbindung mit einer Psychotherapie erfolgen und etwa dazu eingesetzt werden, in der Anfangsphase überhaupt erst den Aufbau einer therapeutischen Beziehung zu ermöglichen. Eine wirkliche Hilfe sieht die Expertin auch für traumatisierte Mütter, die Schwierigkeiten haben, eine Bindung zu ihrem Baby aufzubauen: "Denn bei ihnen wurde festgestellt, dass sie bei der Interaktion mit ihrem Kind weniger Oxytocin ausschütten. Die Verabreichung des Stoffs könnte den Hormonmangel ausgleichen."

Oxytocin als Nasenspray oder Parfüm – eine gute Idee?

Wenn Forscher*innen mit Oxytocin experimentieren, verabreichen sie es ihren Testpersonen als Nasenspray. "Hier wissen wir mittlerweile, dass die Substanz auch wirklich im Gehirn ankommt", sagt Herpertz. Rund 45 Minuten dauert es, bis die erwünschte Wirkung eintritt, der Wirkungshöhepunkt hält etwa eineinhalb Stunden an. In dieser Zeit wird versucht, die wichtigsten Untersuchungen durchzuführen.

Auch außerhalb von Forschungslaboren hat sich das flüssige Vertrauen unter Bezeichnungen wie "Liquid Trust" bereits auf dem Markt eingeschlichen. Ein Sprühstoß Nasenspray hier, ein Tröpfchen Parfüm da – und schon gehen Sie entspannt ins erste Date oder kommen selbstsicher durch das Bewerbungsgespräch. Schön wäre das vielleicht, im Moment sind solche Effekte aber noch zu viel versprochen: "Die Datenlage reicht nicht aus, um zum jetzigen Zeitpunkt ein Produkt herzustellen, dass solche Hoffnungen erfüllen könnte", erklärt die Oxytocin-Forscherin.

Mögliche Nebenwirkungen von Oxytocin

Dauerhaft zu frei verkäuflichen Oxytocin-Präparaten zu greifen, davon rät die Expertin auf jeden Fall ab: "Auch wenn keine großen Nebenwirkungen bekannt sind, könnte eine längerfristige Einnahme zu einer Störung des Hormonsystems führen". Zum aktuellen Stand der Forschung wisse man nämlich nicht, wie sich eine chronische Einnahme von Oxytocin auswirkt. In der Schwangerschaft sei die Anwendung auf eigene Faust absolut ungeeignet. Als Medikament wird der Wirkstoff hier nur unter professioneller Aufsicht verabreicht, um Wehen einzuleiten oder zu unterstützen.

Dass Oxytocin nicht nur positive Gefühle verstärken, sondern auch eine gegenteilige Wirkung haben kann, zeigte sich in einer Untersuchung des niederländischen Psychologen Carsten de Dreu. Während Oxytocin normalerweise Aggressivität mindert, erhöhte sie sich seinen Experimenten zufolge gegenüber Mitgliedern, die nicht der sozialen Gruppe angehörten: Die Proband*innen bevorzugten das eigene Team und ihre Abwehrhaltung gegen Fremde nahm zu.

Welchen Rückschluss das nun auf das Hormon zulässt? Darüber diskutieren Wissenschaftler*innen kontrovers: Die eigene Gruppe zu bevorzugen, müsse nicht unbedingt als Aggression gewertet werden, sondern sei möglicherweise eher mit dem Verhalten von einem Muttertier vergleichbar, das seine Jungen beschützt.

Oxytocin erhöhen: Kuschelhormon bei Frauen und Männern auslösen

Noch braucht die Wissenschaft, bis sie das Hormon endgültig versteht. Doch bis dahin können alle Menschen selbst dafür sorgen, dass der Oxytocinspiegel erhöht wird – und zwar auf natürliche Weise mit Kleinigkeiten in der zwischenmenschlichen Interaktion.

Sechs natürliche Wege, Oxytocin auszuschütten:

  1. Streicheln: Engstehenden Personen durchs Haar fahren oder sanft die Wange streicheln – das sind Berührungen, die eine Oxytocinausschüttung fördern und ihre partnerschaftliche Bindung stärken. Wie beim Streicheln wird auch durch das Massieren die Freisetzung des Bindungshormons gefördert.

  2. Sex: Beim Geschlechtsverkehr – und gerade nach dem Orgasmus – wird sowohl beim Mann als auch bei der Frau Oxytocin freigesetzt. Das führt dazu, dass sich Menschen danach besonders zufrieden und miteinander verbunden fühlen.

  3. Umarmen: Eine Umarmung tut gut – egal, ob sie von Partner*innen, von einem Familienmitglied, Freund*innen oder von einer anderen Person kommt. Diese Form des Körperkontakts drückt Unterstützung aus, die vom Gehirn mit einem Plus an Oxytocin honoriert wird, um Angst oder Wut zu mindern.

  4. Stillen: Beim Stillen schütten frisch gebackene Mütter sehr viel Oxytocin aus, wodurch die Mutter-Kind-Bindung gestärkt wird. Auch der direkte Körperkontakt zwischen Mutter und Baby, aber auch zwischen Vater und Baby, kann eine Oxytocin-Ausschüttung bewirken.

  5. In die Augen schauen: Sogar der Blickkontakt setzt Oxytocin frei, weshalb der berühmte "Hundeblick" auch so effektvoll wirkt.

  6. Händchenhalten: Die Hand des anderen zu halten, stärkt nicht nur die Bindung zu Partner*innen in einer Liebesbeziehung. Auch andere Vertrauensverhältnisse können gefestigt werden, wenn man einander die Hand reicht.

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