Interview mit Ann-Marlene Henning

Vaginaler Orgasmus – gibt es ihn wirklich?

Den Höhepunkt erreichen ohne Stimulation der Klitoris, einfach nur durch Penetration – an den vaginalen Orgasmus glauben vor allem Männer. Frauen dagegen bezweifeln häufig, dass es ihn überhaupt gibt. Lifeline fragte die Sexologin Ann-Marlene Henning, ob der vaginale Orgasmus ein Mythos ist oder ob ihn tatsächlich jede Frau erleben kann.

Vaginaler Orgasmus
Die Reiterstellung ist für Frauen ideal, um über die Vagina die G-Zone zu reizen und damit einen Orgasmus zu erreichen.
© iStock.com/Wisky

Der vaginale Orgasmus ohne die Stimulation der Klitoris gilt seit Sigmund Freud als "reifer" Orgasmus. Unerfahrene, junge Frauen müssen sich demnach mit dem klitoralen zufrieden geben. Erst durch sexuelle Erfahrungen mit dem Mann erreichen sie dann den wahrhaften Höhenpunkt, den vaginalen Orgasmus.

Nur vier Prozent der Frauen hatten bereits einen vaginalen Orgasmus

Doch die meisten Frauen kennen ihn gar nicht, trotz großer sexueller Erfahrung. Nur 14 Prozent der Frauen erleben beim Sex mit einem Mann überhaupt einen Orgasmus, nur vier Prozent sollen allein durch Penetration, ohne zusätzliche Stimulation der Klitoris, den Höhepunkt erreichen. 90 Prozent spielen einen Orgasmus vor, um dem Partner zufriedenzustellen.

Gibt es den unterschiedlichen Orgasmus bei Frauen tatsächlich, ist vaginal besser als klitoral oder ist das nicht egal? Lifeline sprach mit der Hamburger Sexologin Ann-Marlene Henning, die aktuell neue Folgen für ihre TV-Serie "Make Love – Liebe machen kann man lernen" dreht.

Die wichtigsten Fragen rund um den vaginalen Orgasmus

Lifeline: Die Vagina hat im Gegensatz zur Klitoris sehr wenige Nerven, ist also weniger empfindlich für Reize. Ist ein vaginaler Orgasmus dann überhaupt möglich?

Ann-Marlene Henning: Wissenschaftler trennen vaginalen und klitoralen Orgasmus heute nicht mehr, mittlerweile ist klar, dass die Klitoris aus mehr als der „Perle“ besteht und einiges größer ist als vermutet, demnach auch "der Klitoral-Komplex" genannt wird. Sie berührt allein durch ihre Größe Teile der Vagina. Diese Zusammenhänge sind wichtig.

Mythen und Fakten über die Vagina

 

Die meisten Paare gehen doch aber davon aus, dass die Klitoris vor allem der Kitzler ist, also die Klitoriseichel am oberen Ende der Schamlippen, der bei Erregung anschwillt und hart wird. Welchen Einfluss hat das auf die Vagina?

A.-M. H.: Die Klitoris besteht aus mehreren Bereichen: Am Schaft, der direkt von der Perle ins Innere des Körpers führt und sich dort in zwei Beinchen teilt, hängen, gleich hinter den äußeren Geschlechtslippen, zwei wie Pluderhöschen geformte Tütchen. Das alles ist erektiles Gewebe und schwillt bei Erregung auf doppelte Größe an, genau wie beim Penis. Die Perle betrifft davon nur zehn Prozent. Durch das Anschwellen des ganzen Bereiches aber verengt sich die Vagina, die als solche viel weniger sensible Nerven hat als die Perle. Die Neuronen in der Vagina sind langsam und reagieren vor allem auf Druck. Mit entsprechender Stimulation kann also auch die Vagina einen Orgasmus auslösen.

So lässt sich der vaginale Orgasmus trainieren

Vaginal und klitoral lässt sich also kaum trennen. Trotzdem kommen die meisten Frauen nur dann zum Höhepunkt, wenn – wie Sie es so schön ausdrücken – ihre Perle direkt stimuliert wird. Warum?

A.-M. H.: Das ist eine Übungssache – Liebe kann man lernen. Um in der Vagina diese Reize wahrzunehmen, muss im Gehirn erst das Gespür für die Innenwahrnehmung der Vagina angelegt werden. Das gelingt sehr gut mit Selbstbefriedigung. Frauen sollten den eigenen Körper erkunden und dann den Partner heranführen, wie sie fühlen und was sie bei welchen Reizen empfinden.

Damit lässt sich der Orgasmus steigern?

A.-M. H.: Für die Stärke des Orgasmus ist wichtig, wie intensiv vorher der ganze Körper erregt wurde. Man kann sich das ganz einfach vorstellen: Je mehr Zellen am ganzen Körper stimuliert werden, desto mehr Nervenimpulse kommen im Gehirn an! Fazit: Wenn mehr als die Intimbereiche betroffen sind, wird der Höhepunkt besonders intensiv.

Auf welche Bewegungen kommt es bei der Penetration an?

A.-M. H.: Für die Neuronen der Vagina sind es langsame Stöße, die aber mit Druck ausgeführt sind. Zusätzlich sind die Beckenbewegungen der Frau wichtig. Der Beckenboden sollte nicht ständig angespannt sein, sondern Anspannung und Entspannung sollten sich abwechseln, ich vergleiche das mit einem Pumpen. Wichtig ist Lockerheit. Nur dann ist der gut durchblutet und alle Nerven optimal versorgt – gute Voraussetzungen für einen Orgasmus.

In Filmen, vor allem Pornos, stoßen Männer jedoch immer schnell, einfach ausgedrückt "rammeln" sie wie Hasen und andere Tiere.

A.-M. H.: Pornos sind für Männer gemacht. Männer kommen mit schnellem Stoßen schnell zum Höhepunkt. Männer lernen das früh. Sie übertragen "schnell ist besonders erregend" auf die Frau – weil sie meinen, das tue ihr ebenfalls gut. Frauen dagegen kennen ihren Körper, vor allem ihre Vagina weniger, wissen oft selber nicht, dass langsam für sie besser ist. Wenn sie deshalb beim ausschließlichen Penetrieren nicht so weit kommen, meinen sie "Das liegt bestimmt an mir, ich mache was falsch".

Manche Frauen sagen sogar, sobald der Penis eindringt, wird die Klitoris unempfindlich und gar nichts geht mehr?

A.-M. H.: Ja, weil dabei die Vorhaut um die Perle der Klitoris oft zu stramm in die Länge gezogen wird oder das Schambein des Mannes zu kräftig und reibend dagegen drückt. Dann sind die 8.000 feinfühligen Neuronen überfordert, die Perle quasi "überstimuliert". Was hilft, ist rechtzeitig vorher etwas Massage-Öl auf die Vulva zu geben oder eine Stellung zu finden, die verhindert, dass die Klitoris derart gezogen wird.

Welche Stellungen sind ideal für die Frau?

A.-M. H.: Die Reiterstellung, Löffelchen und seitliche Variationen der Missionarsstellung. Das wichtigste dabei: Alles soll entspannt sein, kein strenges "Du oben, ich unten".

Übung, Erfahrung, die richtige Stellung und langsame Bewegungen sind also die Voraussetzungen dafür, dass die Frau auch über die Vagina bis zum Orgasmus erregt wird – dann ist es tatsächlich der reifere Orgasmus, also die "hohe Schule"?

A.-M. H.: Das meinten auf jeden Fall Sigmund Freud, der darüber aber nur geredet hat, und Alfred Kinsey, der dagegen Studien dazu durchführte. Kinsey hat mit Wattestäbchen geprüft, ob die Vagina druckempfindlich ist. Er stellte fest, dass dem so ist – in seiner Publikation stand jedoch das Gegenteil. Schuld war ein Übertragungsfehler im Protokoll. Heute weiß man noch viel mehr über die Vagina und den Orgasmus. Von einem "reiferen" Höhepunkt in diesem Zusammenhang zu sprechen trifft demnach eigentlich nicht zu. Auch ein junges Mädchen, dass sich selbst gut erforscht hat, kann das erleben.

Letztendlich ist es also durchaus möglich, ausschließlich durch Penetration der Vagina einen Orgasmus zu bekommen?

A.-M. H.: Oh ja. Es gibt auch eine Erklärung hierfür. Man vermutet, dass direkt auf der Rückseite der Klitoris, im Inneren der Vagina, die meisten Nerven zusammenlaufen. Hier befindet sich auch die Harnröhre, auf der die weibliche Prostata liegt, die mittlerweile als G-Zone bekannt ist. Der berühmte G-Punkt hat also ausgedient! Es war nie ein Punkt, sondern schon immer eine Zone. Und genau dieser sensible Bereich kann einen Orgasmus auslösen. Das erklärt auch gut, warum es unsinnig ist, von klitoralem und vaginalem Orgasmus zu sprechen. Die Zusammenhänge zwischen den beiden Bereichen sind beim Thema Orgasmus zu eng.

Masturbation: Hartnäckige Mythen übers Onanieren
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