Kinderrheuma: Juvenile idiopathische Arthritis

Die juvenile idiopathische Arthritis ist die häufigste Form von Kinderrheuma. Sie befällt bevorzugt Gelenke, kann sich aber auch auf verschiedene Organe ausbreiten. Abhängig vom Beschwerdebild zu Beginn der Erkrankung wird sie in verschiedene Formen unterteilt.

Kinderrheuma- Was ist das
Rheuma bei Kindern kann heutzutage sehr gut behandelt werden. Eine Behandlung sollte bei einem Kinder-Rheumatologen erfolgen.
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Kinderrheuma oder entzündliche rheumatische Erkrankungen bei Kindern beginnen manchmal ganz harmlos: eine Schwellung am Knie, Schmerzen in den Gelenken und Fieber. Weitere Hinweise auf Kinderrheuma können Morgensteifigkeit und Überwärmung der Gelenke, Einnahme von Schonhaltungen und eine Augenentzündung liefern. Derartige Gelenkbeschwerden sollten von den Eltern immer ernst genommen und durch spezialisierte Kinderärzte abgeklärt werden.

Kinderrheuma unterscheidet sich deutlich von den rheumatischen Erkrankungen bei Erwachsenen. Und zum anderen tritt das Kinderrheuma zwar häufig nach einer Infektion auf und lässt sich dann gut behandeln, so dass es ohne Folgen wieder abklingt. Doch es gibt auch schwerere kindliche Rheuma-Erkrankungen, bei denen eine frühe Therapie wichtig ist.

Zu den häufigsten kindlichen rheumatischen Erkrankungen gehört die juvenile idiopathische Arthritis (JIA). Der Begriff fasst die wesentlichen Aspekte der Erkrankung zusammen: juvenile = Auftreten in Kindheit und Jugend, idiopathische = keine Ursache bekannt, Arthritis = Gelenkentzündung. Doch auch die Bezeichnungen "juvenile chronische Arthritis", "juvenile rheumatoide Arthritis" und "juvenile Arthritis" beschreiben das gleiche Krankheitsbild.

An einer Gelenkentzündung erkranken durchschnittlich etwa 30 von 10.000 Kindern unter 16 Jahren. Eines dieser Kinder entwickelt eine der chronischen Erkrankungsformen, zu denen auch die juvenile idiopathische Arthritis gezählt wird. In Deutschland gibt es pro Jahr etwa 1.000 Neuerkrankungen im Alter unter 16 Jahren.

Formen von Kinderrheuma

Je nach Krankheitsverlauf im ersten halben Jahr wird die juvenile idiopathische Arthritis in verschiedene Formen unterteilt:

Oligoarthritis (mehr als 50 Prozent):

  • weniger als fünf Gelenke sind entzündet (zu Beginn nicht selten nur das Knie)
  • geht häufig mit einer Augenentzündung einher
  • kann in eine Polyarthritis übergehen
  • Beginn bevorzugt im Kleinkindalter

Rheumafaktor-negative Polyarthritis (etwa 15 Prozent):

  • mindestens fünf Gelenke sind entzündet
  • kein Nachweis von Rheumafaktoren im Blut
  • Beginn häufig im Vorschulalter

Rheumafaktor-positive Polyarthritis (weniger als fünf Prozent):

  • mindestens fünf Gelenke sind entzündet
  • Nachweis von Rheumafaktoren im Blut
  • bei Kindern sehr selten
  • typischerweise bei jugendlichen Mädchen
  • ähnelt der rheumatoiden Arthritis bei Erwachsenen

systemische Arthritis (weniger als zehn Prozent):

  • Beginn mit hohem Fieber
  • Entzündungen der Gelenke und inneren Organe
  • Hautausschlag

Psoriasis-Arthritis

  • Entzündungen meist weniger Gelenke
  • kann den Hautveränderungen bei einer Schuppenflechte  (Psoriasis) vorausgehen
  • Hinweise liefern Auffälligkeiten an den Nägeln, Fingern und Zehen sowie Verwandte ersten Grades mit Psoriasis

Arthritis mit Neigung zur Enthesitis

  • Entzündungen der Gelenke (vor allem Knie- und Sprunggelenke) sowie der Sehnenansätze (Enthesitis) zum Beispiel an der Ferse
  • typischerweise bei Jungen im Schulalter

andere Arthritis

  • oben vorgenannten Formen nicht sicher zuzuordnen

Symptome und typische Beschwerden bei Kinderrheuma

Je nach Krankheitsform und -verlauf reichen die Beschwerden bei Kinderrheuma von Schwellungen und Schmerzen im Bereich der Gelenke bis hin zur Beteiligung von Organen (Herz, Lymphknotenschwellungen, Augen, Niere). Typisch ist eine Gelenksteifigkeit, die in der Regel nach einer längeren Ruhephase auftritt, beispielsweise am Morgen nach dem Schlafen ("Morgensteifigkeit").

Ohne Behandlung können dauerhafte Schäden entstehen: Zum einen nimmt das Kind mit dem betroffenen Gelenk automatisch eine Schon- oder Ruhestellung zwischen Beugung und Streckung ein, in der die Schmerzen am geringsten sind. Durch das häufige Verharren in dieser Position und durch die mangelnde Bewegung kann es auf Dauer zur Verkürzung von Bändern und Sehnen und zum Muskelabbau kommen. Das wiederum schränkt die Beweglichkeit ein.

Darüber hinaus wird die Gelenkinnenhaut teilweise sehr dick und bildet aggressives Bindegewebe: Die freigesetzten entzündlichen Substanzen tragen dann zur Verformung oder Zerstörung des Gelenkknorpels und des Knochens bei. Zudem können sie das Wachstum des Gelenks beeinflussen. Schließlich ist auch eine Beteiligung von Organen wie Nieren, Augen und Herz möglich.

Der Gesundheitszustand kann sich langsam fortschreitend, aber auch schubförmig verschlechtern. Bei etwa der Hälfte der erkrankten Kinder stellt sich vor dem Erwachsenenalter ein Stillstand ein.

Ursachen von Kinderrheuma

Die Ursachen der juvenilen idiopathischen Arthritis, der häufigsten Form von Kinderrheuma, sind bislang unbekannt. Erbfaktoren spielen zwar eine Rolle, doch es handelt sich nicht um eine "klassische" Erbkrankheit.

Letztendlich tragen verschiedene Faktoren dazu bei, dass es zu einer Fehlsteuerung des Immunsystems kommt. Bei der JIA spielt die genetische Bereitschaft (Disposition) eine wichtige Rolle.

Keine klassische Erbkrankheit

In einer Familie mit einem erkrankten Kind haben Eltern und Geschwister ein erhöhtes Risiko, eine rheumatoide Arthritis oder  eine juvenile idiophatische Arthritis zu entwickeln. Doch dieses Risiko liegt erheblich unter dem Risiko einer "klassischen" Erberkrankung. Mit anderen Worten: Bei keiner der JIA-Erkrankungsformen lässt sich nur ein klar abgrenzbares "Gen" nachweisen.

Es sind vielmehr mehrere genetische Faktoren beteiligt. Und selbst bei erblicher Vorbelastung müssen weitere Faktoren hinzukommen, damit die Erkrankung wirklich ausbricht - Mediziner sprechen von einer "multifaktoriellen" Krankheitsentstehung. Denn eine weitere wichtige Rolle spielen Umwelteinflüsse, die basierend auf dem erblichen Hintergrund zum Auftreten der Erkrankung beitragen.

Die genauen Krankheitsmechanismen sind zwar noch unklar, doch vermutlich liegt eine Fehlregulation des Immunsystems zu Grunde, die sich vor allem in den Gelenken bemerkbar macht. Dies führt, dazu dass das Abwehrsystem fälschlicherweise körpereigene Strukturen als fremd erkennt und bekämpft. Es werden bestimmte Botenstoffe freigesetzt, die dauerhaft Entzündungsreaktionen unterhalten und fördern.

Dadurch entzündet sich die Gelenkinnenhaut, schwillt an und Flüssigkeit sammelt sich - ein Gelenkerguss entsteht. In der Folge kommt es zu Schwellungen, Schmerzen und Bewegungseinschränkungen des betroffenen Gelenks.

So wird Kinderrheuma diagnostiziert

Da die Diagnose der juvenilen idiopathischen Arthritis schwierig sein kann, wird sie oft von einem spezialisierten Kinderarzt gestellt. Einige Laboruntersuchungen können ihm Hinweise liefern, aber einen "beweisenden" Rheuma-Test gibt es nicht.

Bei der juvenilen idiopathischen Arthritis (JIA) handelt es sich um eine so genannte Ausschlussdiagnose. Der Arzt kann sie nur stellen, indem er verschiedene Untersuchungsergebnisse wie Teile eines Puzzles zusammenträgt und andere mögliche Erkrankungen nach und nach ausschließt: Erst wenn alle Krankheiten mit ähnlichen Symptomen nicht in Frage kommen, kann von einer JIA ausgegangen werden.

Ärzte werden an eine JIA denken, wenn die Kinder jünger als 16 Jahre sind und seit mehr als sechs Wochen dauerhaft an einer Gelenkentzündung leiden. Auch die Krankengeschichte und die familiäre Vorbelastung können wichtige Hinweise liefern. Zudem erfolgt eine körperliche Untersuchung.

Laboruntersuchungen

Bei der Diagnose als auch bei der weiteren Kontrolle des Krankheitsverlaufs spielen verschiedene Laboruntersuchungen eine wichtige Rolle.

Eine erhöhte Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG) und erhöhte Blutwerte des C-reaktiven Proteins (CRP) sprechen für das Vorliegen von einer Entzündung im Körper.

Zu den kennzeichnenderen Laborparametern gehört der so genannte Rheumafaktor (RF). Bei dem RF handelt sich um einen Antikörper, der gegen körpereigene Strukturen gerichtet ist (Autoantikörper). Er lässt sich bei der Rheumafaktor-positiven Polyarthritis über einen längeren Zeitraum in hohen Konzentrationen nachweisen..

In weiteren Labortest  wird nach spezifische Antikörper gesucht, so nach antinukleären Antikörpern (ANA) und dem zellulärne Antigen HLA-B27

Neben den Labortests sind bildgebende Verfahren wie Ultraschall- oder Röntgenuntersuchungen wichtig. Sie können zwar zu Beginn der Erkrankung häufig noch keine typischen Veränderungen nachweisen, weil diese erst später auftreten, dienen jedoch dem Ausschluss anderer Erkrankungen. Zudem kann der Arzt mit ihnen den weiteren Krankheitsverlauf und den Therapieerfolg kontrollieren und seine Behandlung entsprechend anpassen.

Therapie bei Kinderrheuma

Da die juvenile idiopathische Arthritis sowohl das erkrankte Kind als auch seine Familie erheblich belasten kann, ist es wichtig, sie möglichst früh zu diagnostizieren und zu therapieren. Denn auf diese Weise lässt sich das Auftreten schwer wiegenderer Folgen wie dauerhafte Funktionseinschränkungen, Wachstumsstörungen oder vorzeitige Osteoporose hinauszögern oder sogar verhindern und der Krankheitsverlauf bei dieser speziellen Art von Kinderrheuma positiv beeinflussen.

Die Möglichkeiten zur Behandlung der juvenilen idiopathischen Arthritis (JIA) sind in den letzten zehn bis 15 Jahren erheblich gestiegen. Durch ein konsequentes Anwenden der derzeit verfügbaren Therapieoption lässt sich bei der Mehrheit ein günstiger Verlauf der Krankheit erreichen.

Die Behandlung von Kindern mit Rheuma (JIA) muss sehr individuell auf die jeweilige Krankheitsform und den Verlauf sowie die persönliche Situation des Kindes und seiner Familie abgestimmt sein. Der Behandlungsplan setzt sich in der Regel aus einer umfassenden Aufklärung der Eltern, Krankengymnastik sowie medikamentöser Therapie zusammen. Daher erfordert es eine enge Kooperation verschiedener Spezialisten, unter anderem Kinderarzt, kinderärztlichem Rheumatologen, Kinderorthopäden, Physio- und eventuell Ergotherapeuten sowie Augenarzt.

Medikamente spielen eine wichtige Rolle

Eine zentrale Rolle spielt die medikamentöse Therapie, bei der in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte erzielt werden konnten. Sie erfolgt heute nach einem Stufenplan, der sich für die verschiedenen Subtypen der juvenilen idiopathischen Arthritis unterscheidet. Die eingesetzten Wirkstoffe stammen in der Regel aus der "Erwachsenen-Rheumatologie" und gehören verschiedenen Substanzklassen an.

Vor allem sind die so genannten Basismedikamente auf Grund fehlender Untersuchungen mit Kindern für die juvenile idiopathische Arthritis zum Teil bisher nicht gut erforscht und nicht zugelassen. Daher sollte die Behandlung von einem Kinder- und Jugendrheumatologen durchgeführt werden, der über entsprechende Erfahrungen verfügt.

Regelmäßige Kontrollen sind wichtig

Wie lange die Basistherapie fortgeführt werden sollte, ist nicht abschließend geklärt. Die meisten Kinderrheumatologen beenden sie (bei guter Verträglichkeit) frühestens ein bis zwei Jahre nach Eintritt eines Krankheitsstillstandes schrittweise, um ein Wiederauftreten der Arthritis zu vermeiden.

In der gesamten Zeit sind regelmäßige Kontrollen notwendig, damit zum einen eine mangelnde Verträglichkeit frühzeitig erkannt und zum anderen die Therapie bei fehlendem Ansprechen oder zunehmender Krankheitsaktivität entsprechend intensiviert werden kann.

Da wichtige Medikamente das Immunsystem schwächen, sollten Schutzimpfungen während einer Rheuma-Behandlung nur unter Abwägung aller Vor- und Nachteile durchgeführt werden. Im Krankheitsschub oder während der Einnahme bestimmter Medikamente sollte auf Lebendimpfstoffe verzichtet werden.

Begleitende Therapien

Krankengymnastik und Ergotherapie sind wichtige Therapiemöglichkeiten auch bei an Rheuma erkrankten Kindern. Mit ihrer Hilfe kann man die Funktionalität der Gelenke und die Muskelkraft wiederherstellen. Beim Auftreten von dauerhaften Schäden kann man zudem ergotherapeutische Hilfsmittel anbieten, die zu einer Verbesserung der Lebensqualität führen.

Bei all diesen Therapieansätzen ist gleichzeitig aber auch die Motivation der Eltern und Patienten sehr wichtig, da Übungsprogramme oder zum Beispiel die Anwendung von Nachtschienen bei der Therapie der Beugehaltung in den Knien nur bei regelmäßiger Anwendung wirksam sind.

Sport kann Kindern mit Rheuma gut tun

Sport hilft, die Beweglichkeit der Gelenke zu erhalten. Außerdem tut er dem Selbstbewusstsein der Kinder gut. Voraussetzung für alle sportlichen Aktivitäten bei Rheuma ist, dass die Entzündungen an den Gelenken und mögliche Gelenkschwellungen zurückgegangen sind und das an Rheuma leidende Kind aktuell keine Schmerzen hat.

Empfehlenswert sind klassischen Sportarten, bei denen die Gelenke relativ wenig beansprucht werden, wie Schwimmen und Radfahren. Aber selbst auf Fußball, Handball oder Fechten müssen die Kinder nicht zwangsläufig verzichten, nur weil sie Rheuma haben. Wichtig ist, dass sie gemeinsam mit dem Arzt besprechen, was sie machen wollen.

Kinder mit Rheuma müssen wegen ihrer Krankheit zudem nicht auf den Sportunterricht in der Schule verzichten. Der Arzt kann ihnen zum Beispiel eine Bescheinigung mit dem langen Titel „Teilnahme am Sportunterricht im Rahmen der selbstbestimmten Leistungsfähigkeit“ ausstellen. Damit haben die Kinder die Möglichkeit, am Unterricht teilzunehmen, wenn sie keine Schmerzen haben, und auszusetzen, wenn sie in einer akuten Rheuma-Phase stecken. Auf eine Note verzichtet der Lehrer dann meist.

Die richtige Ernährung bei Kinderrheuma

Spezielle spezielle Diäten oder Nahrungsergänzungsmittel sind  bei Kindern mit juvenilen idiopathischen Arthritis nicht nötig. Empfohlen wird eine optimierte Mischkost wie für gesunde Kinder, die jedoch vor allem fettreiche Fleischmahlzeiten etwas reduziert und den Fischkonsum etwas erhöht. Auch die Zubereitung der Speisen mit Raps-, Lein-, Weizenkeim- und Sojaöl ist ratsam. Denn Fleisch – vor allem wenn es fettreich ist – enthält viel Arachidonsäure, die entzündliche Prozesse im Körper fördert. Fisch und Omega-3-Fettsäuren (aus den genannten Ölen) gelten als Gegenspieler von Arachidonsäure und unterdrücken die entzündlichen Prozesse eher.

Die richtige Ernährung bei Rheuma

 

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Letzte Aktualisierung: 03. Februar 2017

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