Was hinter pochenden Kopfschmerzen steckt

Ursachen für Migräne

Was genau bei einer Migräneattacke passiert, war Wissenschaftlern lange ein Rätsel und ist bis heute nicht abschließend geklärt. Moderne Diagnoseverfahren bringen allmählich Licht ins Dunkel.

Ursachen für Migräne
Durchblutungsstörungen im Gehirn spielen als mögliche Ursache für Migräne eine Rolle.
(c) Getty Images / iStockphoto.com/ Sebastian Kaulitzki

Die Migräne gehört zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen. Umso erstaunlicher ist es, dass es zwar verschiedene Theorien zur Ursache der Migräneattacken gibt und verschiedene Auslöser identifiziert wurden, aber die Vorgänge im Gehirn während eines Anfalls sind noch nicht abschließend geklärt. Was sich im Gehirn von Migränepatienten abspielt, wie Migräne entsteht und warum der eine damit geplagt ist, der andere jedoch nicht – damit beschäftigt sich die Wissenschaft seit langem.

Neurogene Entzündung für Schmerzen verantwortlich

Vermutet wird, dass verschiedene Faktoren bei der Entstehung eines Migräneanfalls eine Rolle spielen. Dazu gehören Entzündungsreaktionen aufgrund von überaktiven Nervenzellen im Hirnstamm. Darauf weisen Untersuchungen mit einem speziellen bildgebenden Verfahren hin, der Positronenemissions-Tomografie. Durch die Überaktivität der Nervenzellen, so die Theorie, werden Entzündungsbotenstoffe freigesetzt. Diese lösen eine Dehnung der Blutgefäße aus und machen die Gefäßwände durchlässiger für Blutflüssigkeit. Es werden unter anderem entzündliche Eiweißstoffe freigesetzt. Diese Vorgänge führen zu einer Art Entzündung der Hirnhäute und des Hirngewebes, der so genannten neurogenen Entzündung. Diese wiederum löst Schmerzimpulse aus und macht die Blutgefäße im Gehirn derart schmerzempfindlich, dass jede Pulsschlagwelle des Blutes als pulsierender Schmerz empfunden wird.

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Migräne durch Durchblutungsstörungen?

Eine weitere Theorie macht Durchblutungsstörungen für Migräne verantwortlich: Äußerliche Einflüsse wie Stress, ein Wetterumschwung oder Veränderungen des Hormonspiegels, so die These, führen zu einer kurzzeitigen Verengung der Blutgefäße im Gehirn. Die nachfolgende Gefäßerweiterung mit erhöhter Durchblutung soll dann den pulsierenden Kopfschmerz auslösen. Allerdings bietet diese Theorie keine Erklärung dafür, dass der Migräne-Kopfschmerz oft einseitig auftritt und von einer Aura eingeleitet werden kann.

Untersuchungen, bei denen die Hirnströme der Probanden per EEG gemessen wurden, während sie bestimmte Reaktionstests wiederholten, weisen auf ein weiteres Phänomen hin: Migräne-Patienten reagierten mit einer höheren Anspannung auf die Tests als Probanden ohne Migräne. Außerdem blieben Migräne-Patienten bei den Tests angespannt, während sich andere Probanden während der Test-Wiederholungen zunehmend entspannten.

Arteriennetz mit Anomalien

Experten der Perelman School of Medicine an der Universität von Pennsylvania unter der Leitung von Brett Cucchiara haben jetzt einen weiteren, wichtigen Baustein zur Ursachenforschung über Migräne beigetragen. Die Wissenschaftler untersuchten mit bildgebenden Verfahren (Magnetresonanz-Angiographie) die Gehirnarterien von 170 Migränepatienten und die von gesunden Menschen. Dabei stellten sie etwas Auffälliges fest: Das Netz der Arterien, der sogenannte „Willis-Kreis“ war bei den Migränikern verändert, es fehlten bestimmte Komponenten. Diese Anomalien sind angeboren. Zum besseren Verständnis: Die arterielle Blutversorgung des Gehirns wird durch eine Reihe von Verbindungen zwischen den großen Arterien unterstützt. Medizinisch heißt dieses Netzwerk „Willis-Kreis“, nach dem englischen Arzt, der es im 17. Jahrhundert als erster beschrieb.

Bei Migränepatienten, die unter Migräne mit Aura litten, befanden sich die Gefäßanomalien in der Nähe des sogenannten visuellen Cortex (Sehrinde), also des Gehirnteils, der das Sehen mitbestimmt. Das erklärt, warum bei den Betroffenen die für Aura typischen Sehstörungen wie Blitze, Splitterblick und Flecken auftreten.

Ererbte Reizanfälligkeit bei Migräne

Daraus ergibt sich, dass Migräne-Patienten über eine andere, möglicherweise angeborene Art der Reizverarbeitung verfügen. Sie können eine Reizüberflutung nicht so gut verarbeiten wie andere Menschen. Für die ererbte Reizanfälligkeit spricht, dass Migräne in manchen Familien gehäuft auftritt. Obgleich ein "Gen für Migräne" bislang nicht entdeckt wurde.

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Triggerfaktoren für Migräne

Bei manchen Patienten kommt die Migräneattacke wie aus heiterem Himmel, ein konkreter Auslöser kann nicht identifiziert werden. Relativ häufig allerdings gehen den Anfällen bestimmte Auslöser voraus, die auch als Triggerfaktoren bezeichnet werden. Folgende Triggerfaktoren werden relativ häufig als Auslöser von Migräneattacken genannt:

  • Stress und Psyche: Migräneattacken treten typischerweise nicht dann auf, wenn der Stress am größten, sondern wenn nach einer stressigen Phase Entspannung angesagt ist. Dies erklärt die so genannte Wochenendmigräne nach einer nervenaufreibenden Woche. Auch Depressionen, Angst und Ärger oder die Erwartung von Stress können Anfälle auslösen.

  • Hormonelle Einflüsse: Bei Frauen zeigt sich häufig ein Zusammenhang mit der hormonellen Situation. So findet man eine Häufung von Migräneattacken während der Menstruation oder auch bei der Ersteinnahme von Hormonpräparaten zur Empfängnisverhütung. In der Schwangerschaft geht die Häufigkeit der Anfälle aufgrund der veränderten, hormonellen Situation meist zurück. Anders verhält es sich in den Wechseljahren. Eine Studie der Universität Cincinnati zeigte, dass Migräne in den Wechseljahren bei Frauen, die Migräne bereits seit längerem immer wieder haben, um bis zu 60 Prozent zunimmt. Allgemein nimmt das Risiko, Migräne zu bekommen, mit den Wechseljahren zu. Die Studie belegt, dass vor der Menopause rund acht Prozent der Frauen Migräne haben, danach zwölf Prozent.

  • Veränderter Schlaf-Wach-Rhythmus: Ein stark verkürzter Nachtschlaf, ein längeres Ausschlafen am Wochenende oder sogar ein ungewohntes Mittagsschläfchen können bei Patienten mit entsprechender Veranlagung Migräneattacken auslösen.

  • Genussmittel: Alkohol (insbesondere Rotwein) und Nikotin können Migräneattacken auslösen und sollten entsprechend gemieden werden.

  • Nahrungsmittel: Als Auslöser werden häufig bestimmte Käsesorten (reifer Käse, Schimmelkäse), Geschmacksverstärker (Glutamat), nitrithaltige Nahrungsmittel zum Beispiel Speck, Fischkonserven, Räucherlachs, Hot Dogs) genannt. Hier scheint die individuelle Verträglichkeit eine entscheidende Rolle zu spielen. Auch Süßigkeiten und Schokolade stehen in Verdacht, Migräneattacken auszulösen oder zu verschlimmern - jedoch ist dies nicht bei jedem Migränebetroffenen der Fall. Migränepatienten sollten wissen, dass Nahrungsmittel nur dann eine Migräne auslösen können, wenn sie regelhaft sind und im direkten zeitlichen Zusammenhang mit den Essattacken stehen. Es gibt Fachleuten zufolge kaum ein Lebensmittel, das bei Migräne grundsätzlich vermieden werden sollte. Übermäßiger Kaffeegenuss kann genauso wie der Verzicht auf die gewohnte Koffeindosis Attacken auslösen. Auch unregelmäßige Mahlzeiten können Anfälle auslösen, ebenso wie eine zu geringe Flüssigkeitszufuhr.

  • Wetter, vor allem Hitze: Ein plötzlicher Wetterumschwung, Luftdruckabfall oder Föhn wird häufig als Auslöser angegeben. Mit einem Temperaturanstieg um fünf Grad Celsius steigt das Risiko, am darauffolgenden Tag eine Migräne zu entwickeln, um satte 7,5 Prozent an. Das ist das Ergebnis einer in der Fachzeitschrift "Neurology" veröffentlichten Studie. Dasselbe trifft laut der Studie zudem auf Menschen zu, die unter Kopfschmerzen litten, die nicht einer Migräne zugeordnet werden können. Betroffene sollten daher die Wetternachrichten aufmerksam verfolgen und entsprechende Medikamente einnehmen, um Migräneattacken vorzubeugen, lautet die Empfehlung der Autoren. Ein erhöhter Luftdruck könne ebenfalls das Risiko einer Migräne erhöhen. Luftverschmutzung, sagen die Forscher, sei allerdings kein Auslöser für eine Migräne.

  • Umweltfaktoren: Hierzu gehören zum Beispiel Flackerlicht, Lärm, Aufenthalt in großen Höhen, in Kälte oder in Räumen, in denen viel geraucht wird.

  • Medikamente: Auch von verschiedenen Medikamenten wie zum Beispiel der Antibabypille, Mitteln gegen Bluthochdruck oder Nitropräparaten ist bekannt, dass sie Migräneanfälle auslösen können.

Sieben überraschende Migräne-Helfer

Migränetagebuch zeichnet Muster der Attacken

Um ihren individuellen Auslösern für Migräneanfälle auf die Spur zu kommen, sollten Betroffene daher ein Migränetagebuch führen. Dort wird jede Migräneattacke mit Angaben zur Dauer, Intensität und den Begleitumständen sowie vorausgegangene besondere Ereignisse, Nahrungs- und Genussmittel oder Abweichungen vom normalen Alltag eingetragen. Auf diese ergibt sich ein Muster für das Auftreten der Migräne, das für vorbeugende Maßnahmen eine entscheidende Rolle spielt.

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