Angst vor peinlichen Situationen

Soziale Phobie: Mehr als nur schüchtern

Soziale Phobie gehört zu den häufigsten Angststörungen in der westlichen Welt. Durchschnittlich erkranken 13 Prozent der Menschen im Laufe ihres Lebens daran. Häufig werden die zahlreichen Symptome unterschätzt, denn hinter der sozialen Phobie steckt mehr als nur extreme Schüchternheit.

Frau schämt sich
Betroffene von sozialer Phobie haben panische Angst, sich zu blamieren.
Getty Images

Soziale Phobien, auch als Anthropophobien bezeichnet, werden häufig übersehen – vermutlich deshalb, weil ihre Symptomatik vorschnell als extreme Schüchternheit abgetan beziehungsweise von körperlichen Störungen überlagert wird. Meist ziehen sich die Betroffenen bereits im Jugendalter von Sozialkontakten zurück. Sie haben geradezu panische Angst davor, schlecht beurteilt zu werden oder in peinliche Situationen zu geraten.

Soziale Phobie nicht als Schüchternheit missverstehen

Bezüglich der Häufigkeit (Prävalenz) der sozialen Phobie in Deutschland gibt es keine genauen Angaben. Laut der "National Comorbity Survey", in der Daten von 8.000 US-Bürgern ausgewertet wurden, erkranken 15,5 Prozent der Frauen und 11,1 Prozent der Männer im Laufe ihres Lebens an der sozialen Phobie.

Sozialphobiker fallen kaum auf, sind nett, freundlich, aber oft zurückgezogen aund meiden es, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Jene, die am schlimmsten betroffen sind, sieht man gar nicht: Sie verkriechen sich, meiden jeden Kontakt zu Fremden.

Da das Krankheitsbild noch nicht so bekannt ist, denken viele, sie litten lediglich an extremer Schüchternheit. Wenn diese Schüchternheit allerdings so weit geht, dass die Betroffenen glauben, sich vor vermeintlichen Bedrohungen mit Vermeidungsstrategien schützen zu müssen, sollten sie sich professioneller Hilfe nicht verschließen. Die Chancen, neues Selbstvertrauen zu gewinnen und wieder am Leben teilzuhaben, stehen gut.

Was soziale Phobie von normaler Angst unterscheidet

Angst ist ein grundlegendes Gefühl, das bei jedem Menschen genauso auftritt, genau wie Freude, Trauer und Wut. Sie gehört zu den alltäglichen Erfahrungen jedes Menschen und kann als positive Herausforderung erlebt werden. Bei einer sozialen Phobie dagegen steht und fällt die eigene Existenz mit dem, was Fremde oder Vorgesetzte von einem denken. "Soziale Phobie fängt dort an, wo ich die Angst nicht mehr überwinden kann und sie mich in meiner Lebensführung einschränkt", sagt Christa Roth-Sackenheim, Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Psychiater.

Im Vordergrund steht immer die Angst, sich vor anderen zu blamieren und von ihnen verurteilt zu werden. Charakteristisch für Sozialphobiker ist eine massive, irrationale Furcht vor dem Kontakt zu Menschen beziehungsweise vor Situationen, in denen sie prüfend beobachtet, kritisch bewertet und negativ beurteilt werden könnten. Keine Frage: Für die meisten Menschen sind anstehende Konfrontationen oder Situationen, die als ungewiss eingeschätzt werden, mit Aufregung, Angst oder zumindest Unwohlsein verbunden. Die Existenz wird dadurch aber nicht wirklich gefährdet.

Symptome der sozialen Phobie

Eine soziale Phobie äußert sich auf verschiedene Weise. Die unbewusst ständig präsente Frage "Was denkt der andere über mich?" führt bei einer sozialen Phobie zu dem inneren Druck, vermeintlich hohe Ansprüche erfüllen zu wollen. Das gilt besonders bei Kontakt und Gesprächen mit Fremden, Autoritätspersonen oder mit Leuten, von denen man annimmt, sie seien etwas Besonderes oder Besseres.

Nach dem Motto "Nur nicht auffallen" betreiben die einen Graue-Maus-Politik: sitzen in der letzten Reihe, lehnen Verantwortung ab, sind introvertiert, angepasst, fleißig, arbeiten und leben zurückgezogen. Andere erheben Perfektionismus zur Strategie: beherrschen die sozialen Spielregeln, können kommunizieren, sich auf andere einstellen, wirken kontaktfreudig und sind beruflich erfolgreich. Die Fassade ist perfekt, doch die Angst spielt immer mit.

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Lifeline/Dr. Heart

Gedanken, Gefühle und Glaubenssätze von Sozialphobikern

Der Kernaspekt besteht in der Angst vor seelischer Verletzung durch andere. Der Zwang zur positiven Selbstdarstellung – und der Zweifel, es zu schaffen – führt Sozialphobiker zur Überzeugung, dass die sie ängstigenden Situationen in Peinlichkeit, Zurückweisung, Demütigung, Konflikten und Statusverlust enden müssen. Sie fürchten zum Beispiel

  • Blickkontakte
  • inkompetent, dumm und tolpatschig zu wirken
  • nicht gemocht, für sonderbar gehalten zu werden
  • Unsinn zu reden, nichts Interessantes zu sagen zu haben; zu viel und zu lange zu reden
  • dass andere die eingebildeten oder tatsächlichen Schwächen entdecken könnten
  • dass andere genauso minderwertig über sie denken könnten wie sie über sich selbst
  • den eigenen Standards nicht zu genügen (Sozialphobiker sind oft selbst die eigenen schärfsten Kritiker)
  • die eigenen körperlichen Reaktionen ("Ich zittere, also bin ich unfähig")
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    Kaum jemand ist gegen Krisen gefeit. Doch während die einen an einem Schicksalsschlag zu zerbrechen drohen, gehen die anderen gestärkt daraus hervor. Ihr Geheimnis heißt Resilienz.

Vor dem Hintergrund verwundert es nicht, dass Sozialphobiker häufig auch Symptome einer Zwangsstörung aufweisen, zum Beispiel Ordnungs-, Putz-, Kontroll-, Gedankenzwänge (im Sinne der Vorwegnahme der negativen Reaktionen anderer, wodurch Handlungsunfähigkeit gegeben ist).

Nicht wenige Sozialphobiker versuchen auch, ihre Ängste durch Ausreden zu verschleiern, zum Beispiel "Ich finde Partys öde", "Ich mag die Leute nicht", "Ich versinke in Arbeit".

Körperliche Anzeichen einer sozialen Phobie

Physiologische Reaktionen, die mit einer sozialen Phobie einhergehen, treten häufig schon Tage vor bedrohlichen Situationen auf:

  • Erröten
  • Herzrasen
  • trockener Mund
  • Schwitzen
  • Zittern
  • angespannte Muskulatur
  • Muskelzucken meist im Gesicht
  • Stammeln beim Sprechen
  • beklemmende Gefühle in der Brust
  • Erstarren
  • Blackouts
  • Schwierigkeiten, einem Gespräch zu folgen
  • schneller Atem
  • das Gefühl, keine Luft zu bekommen
  • Harndrang
  • Übelkeit
  • Schwindel
  • Ohnmachtsgefühle
  • Hitze- oder Kälte-Empfindungen

Die Symptomatik kann sich so stark steigern, dass sie den Charakter von Panikattacken annimmt.

Sexuelle Funktionsstörungen

Soziale Phobien äußern sich auch in Form sexueller Funktionsstörungen. Bei der Frau zum Beispiel in Lustverlust, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, Scheidenkrämpfen; beim Mann mitunter in fehlender oder gestörter Erektion, vorzeitiger oder verzögerter Ejakulation. Die Angst, sexuell zu versagen oder nicht attraktiv genug zu sein, verhindert zudem echte Nähe zum anderen. Die Betroffenen brechen eine beginnende Beziehung nicht selten von sich aus ab, um dem frustrierenden Gefühl zuvorzukommen, vom anderen abgelehnt zu werden. Sozialphobiker sind oft unverheiratet oder leben ohne festen Partner.

Wenn Angstsymptome gemeinsam mit depressiven Symptomen und/oder häufigem Alkohol-/Medikamentenkonsum auftreten, sollten Sie unbedingt Kontakt mit Ihrem Arzt oder einem Psychiater aufnehmen.

Wie entsteht eine soziale Phobie? Ursachen

Wer die soziale Phobie verstehen will, muss die engen biologischen, psychologischen und biografischen Verflechtungen entwirren. Wie so oft entsteht das Gewirr auch in diesem Fall in der Kindheit. Psychologen warnen deshalb davor, seelische Probleme bei Kindern und Jugendlichen leichtfertig auf die Entwicklung und Pubertät zurückzuführen und nicht ernst zu nehmen. So können

  • eine überbehütete Kindheit,

  • eine an liebevoller Zuwendung, Wertschätzung und Unterstützung fehlende Erziehung,

  • traumatische Erfahrungen (körperliche, psychische Misshandlungen),

  • ein Erziehungsstil, der selbstsicheres und unabhängiges Verhalten wenig fördert,

  • Eltern, die Sozialkontakte mit anderen Familien wenig unterstützten, die übermäßigen Wert auf die Meinung anderer legten und eher Scham als Disziplinierungsmethode einsetzen,

  • in der Erziehung (Eltern, Kindergarten, Schule) erzeugte Schuldgefühle als Disziplinierungsmethode bei Abweichungen von allgemeingültigen Normen

früh wichtige Hirnareale verändern. Die entstehenden biologischen Narben prägen die Persönlichkeit. Experten sprechen von erhöhter Angstbereitschaft beziehungsweise Vulnerabilität (Verletzlichkeit) gegenüber sozialen Situationen, die als bedrohlich erlebt werden.

Die Anfälligkeit allein führt aber nicht zwingend in die Erkrankung. Für Menschen ist es extrem wichtig, in eine soziale Gemeinschaft integriert zu sein und dabei auch ein gewisses Maß an sozialer Kontrolle ausüben zu können. Zu Angst und Unterwürfigkeit kommt es besonders dann, wenn Stresssituationen, zum Beispiel belastende Lebensbedingungen oder schmerzliche Ereignisse, als unkontrollierbar erlebt werden. Man spricht deshalb vom Vulnerabilitäts-Stress-Modell. Dieses Modell integriert verschiedene derzeit gültige Erklärungsansätze, die bei jeder Angststörung wichtig sind.

Innerer und äußerer Stress führen zu Angstattacken

Wer im Verlauf seiner Entwicklung immer wieder Derartiges verkraften muss, stößt früher oder später an seine Grenzen. Heranwachsende haben grundsätzlich weniger Möglichkeiten, Belastungen seelisch abzuwehren und zu bewältigen.

Massiver innerer Stress (zum Beispiel Veränderungen im Gleichgewicht der Botenstoffe des Gehirns, vermutlich besonders im System der Botenstoffe Serotonin und Dopamin) führen dann im Zusammenspiel mit Stress von außen (zum Beispiel Trennungen, Verluste, Erschöpfung) in eine überwältigende Angstreaktion, die wiederum selbst Angst erzeugt.

Ein Teufelskreis spielt sich ein, wenn die gesamte Aufmerksamkeit auf die Angst erzeugenden Umstände gerichtet ist und die Spannung aufgrund der ängstlichen Erwartung steigt. Der Körper unterscheidet dabei nicht, ob es sich um eine wirklich existierende Gefahr handelt oder um Erwartungsangst. Er aktiviert das Alarmprogramm bereits beim bloßen Gedanken an die Situation. Abnehmendes Selbstvertrauen und verzerrte Selbstbewertung führen schließlich in ein Vermeidungsverhalten. Dieses reduziert kurzfristig die Angst, langfristig wird sie jedoch durch fehlende andersartige Erfahrungen aufrecht erhalten.

Soziale Phobie spät oder gar nicht diagnostiziert

Patienten mit einer sozialen Phobie suchen meist erst dann einen Arzt auf, wenn körperliche Komplikationen überhandnehmen und ein normales Leben nicht mehr möglich ist. Schließlich scheuen sie sich ja, Kontakt zu Fremden aufzunehmen.

Dabei versprechen Behandlungen der sozialen Phobie gute Erfolge – wenn sich Betroffene überwinden und sich dem Hausarzt oder einem Psychiater anvertrauen (ein verantwortungsbewusster Hausarzt wird Sie nach Klärung der Diagnose ohnehin überweisen).

Schrittweise Diagnose

Die professionelle Fahndung nach einer Sozialphobie erfolgt daher sinnvollerweise in verschiedenen Schritten.

1. Gespräch

Das A und O beim Erstgespräch und allen weiteren Gesprächen ist Zeit. Entsprechend dauert das Erstgespräch relativ lang. Eine denkbare Einstiegsfrage ist: "Haben Sie eine unbegründet starke Angst vor der Gegenwart und der negativen Bewertung anderer Menschen, so dass sie solche Situationen meiden oder sie nur unter großer Angst durchstehen?" Eine positive Beantwortung legt den Verdacht auf eine Sozialphobie nahe.

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Viel Raum nimmt die Biografie ein. Der Arzt stellt gezielte Fragen zur familiären und partnerschaftlichen Situation, zu seelischen Erkrankungen in der Familie. Und: Er lässt dem Patienten ausreichend Zeit, sich zu öffnen.

2. Erhebung verschiedener Begleitsymptome

Um die Diagnostik zu vertiefen, werden verschiedene Begleitsymptome erfasst und mögliche zusätzliche psychische Erkrankungen wie Depression, Alkohol- oder Drogenmissbrauch abgeklärt. Die Beurteilung erfolgt anhand der Diagnosekriterien im ICD-10 (International Classification of Diseases) und DSM-V (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders).

3. Körperliche und orientierende neurologische Untersuchungen

Dazu gehören:

  • EKG

  • Abnahme von Blut, das im Labor vor allem auf hormonelle Störungen (zum Beispiel Schilddrüsenüberfunktion) untersucht wird

  • EEG zum Ausschluss von Anfallsleiden.

In Zweifelsfällen werden zusätzlich ein Cerebrales Computertomogramm beziehungsweise ein Magnetresonanztomogramm angefertigt

5. Psychometrische Verfahren

Ergänzend zu den verschiedenen Untersuchungen gibt es eine ganze Reihe psychometrischer Verfahren. Das sind Tests zur Beurteilung der psychisch-geistigen Leistungsfähigkeit, die auf den Klassifikationssystemen DSM-V und/oder ICD-10 aufbauen. Mit deren Hilfe kann der Facharzt in relativ kurzer Zeit zuverlässig herausfinden, unter welcher Angststörung der Patient leidet. Einige Beispiele:

  • DIPS: Das Diagnostische Interview bei psychischen Störungen hat sich als zuverlässiges Diagnoseinstrument für verschiedene Angsterkrankungen etabliert. DIPS gibt es auch für Kinder und berücksichtigt sowohl Angaben der Eltern als auch des Kindes.

  • SPS: Die Social Phobia Scale (Sozialphobieskala) erforscht den Schweregrad der Angst vor Beobachtung anderer und ist wie alle folgenden Tests ein Fragebogen.

  • SIAS: Die Social Interaction Anxiety Scale (Angstskala der sozialen Interaktion) konzentriert sich auf die Fähigkeiten zur Interaktion.

  • FNE: Die Fear of Negative Evaluation Scale (Skala der Furch vor negativer Beurteilung) erfasst ein breites Ausmaß von Schüchternheit.

  • LSAS: Die Liebowitz Social Anxiety Scale (Sozialangstskala nach Liebowitz) erfasst den Schweregrad der sozialen Phobie und fragt nach dem Vermeidungsverhalten.

  • SPIN: Beim Social Phobia Inventory (Sozialphobiefragebogen) wird der Patient nach dem Schweregrad der Angst in verschiedenen sozialen Situationen der vergangenen Woche befragt.

Gute Behandlungsaussichten bei sozialer Phobie

Soziale Phobien lassen sich grundsätzlich gut behandeln. Ob Einzeltherapie oder in der Gruppe, mit Medikamenten oder ohne – es gibt verschiedene Therapiekonzepte, die dabei helfen, Ängste abzubauen. Welche Behandlung zum Einsatz kommt, hängt nicht nur von den persönlichen Rahmenbedingungen ab, sondern auch vom Institut beziehungsweise dem Psychiater oder Psychotherapeuten.

Medikamentöse Behandlung bei sozialer Phobie

An der Angstreaktion im Gehirn sind mehrere Systeme des Hirnstoffwechsels beteiligt. Einige sind für die schnelle (akute) Angstreaktion verantwortlich, andere für die langfristige Bereitschaft, auf eine als bedrohlich erlebte Situation mit Angst zu antworten. Diese Prozesse so zu beeinflussen, dass Stress und Angst nicht mehr so überwältigend und unkontrollierbar über den Patienten hereinbrechen, ist Ziel einer medikamentösen Therapie. Von daher ist sie mehr als die bloße Einnahme von Arzneimitteln. Die Wirksamkeit und der damit verbundene Behandlungsfortschritt müssen regelmäßig überprüft werden.

Nur wenige Medikamente wurden speziell für die soziale Phobie auf mögliche Wirkung, Nebenwirkungen und Erfolgswahrscheinlichkeit untersucht. Medikamente, die zum Einsatz kommen können, sind Antidepressiva sowie Tranquilizer.

Kognitive Verhaltenstherapie

Ein zentraler Aspekt der Behandlung von Ängsten ist die umfassende Aufklärung über das Störungsbild sowie über den Ablauf und die Struktur der Therapie. Entsprechend beginnt sie mit ausführlichen Gesprächen mit dem Therapeuten, damit man die Angststörung zunächst verstehen lernt. Dann wird man gemeinsam ein adäquates Therapiepaket erarbeiten, das auch die Lebensqualität und psychosozialen Behinderungen berücksichtigt. Es gehört gewissermaßen zum Standard, sozial Ängstliche in der Gruppe zu therapieren. Für eine Gruppentherapie gibt es mehrere interessante Gründe, etwa, dass sich die Betroffenen nicht allein mit ihrer Angst fühlen. Selbstverständlich besteht auch die Möglichkeit zur Einzeltherapie.

Die meisten der modernen Methoden zum Abbau sozialer Ängste haben ihren Ursprung in der Verhaltens- oder kognitiven Verhaltenstherapie. Sie umfasst sowohl kognitive (betrifft Einstellungen, Gedanken, Selbstgespräche, bildhafte Vorstellungen, Interpretationen) als auch verhaltensbezogene Techniken. Grundannahme ist, dass Gefühle und Verhaltensweisen ein direkter Ausdruck von Gedanken sind. Daher wird daran gearbeitet, irrationale, ungesunde und problematische Denkweisen, die mit psychischen Problemen einhergehen, zu verändern.

Bei der sozialen Phobie wird ein psychotherapeutisches Behandlungsprogramm eingesetzt, das in mehreren aufeinanderfolgenden Schritten verläuft:

  • Expositionstherapie (beziehungsweise Konfrontationstherapie)
  • Entspannungstechniken
  • Systematische Desensibilisierung

Selbstsicherheitstraining

Ein zentrales Element der Psychotherapie ist das Training sozialer Kompetenz. Nicht wenige Sozialphobiker hatten in der Kindheit beziehungsweise Jugend keine Möglichkeiten, sich Fähigkeiten und Verhaltensweisen anzueignen, um sich in Gesellschaft angemessen zu bewegen. Diese Betroffenen brauchen zu Therapiebeginn zunächst ein spezielles Selbstsicherheits- und Kommunikationstrainings zum Erlernen sozialer Kompetenz und sozialer Fertigkeiten.

Kognitive Umstrukturierung

Mithilfe spezieller Übungen werden kognitive Muster überprüft und verändert. Eine verzerrte Selbstwahrnehmung – also auf sich selbst bezogene, negative Gedanken, Abwertung eigener Leistungen, Angst vor Abwertung durch andere Personen, das Vorab-Katastrophisieren sozialer Situationen – hat nach Ansicht vieler Experten einen wichtigen Stellenwert bei der Aufrechterhaltung der eigenen Unsicherheit. Diese regelrecht automatisch stattfindende Selbstentwertung hat wiederum mit der Informationsverarbeitung im Gehirn zu tun. Mithilfe spezieller Konfrontationsübungen, von Rollenspielen sowie Hausaufgaben werden diese kognitiven Muster überprüft und verändert. Die Patienten lernen, dass sie bisher ihren ängstlichen Phantasien mehr Gewicht beimessen als der Realität. Durch diesen Lernprozess und die damit verbundene Verhaltensänderung wird letztlich das Selbstbild verbessert. Die Techniken und Schwerpunkte sind unterschiedlich.

Zehn Tipps zum Umgang mit Angst erhalten Sie in diesem Artikel.

Verlauf der sozialen Phobie

Eltern sollten aufmerksam werden, wenn ihre Kinder plötzlich vor jedem Schultag Bauchschmerzen bekommen oder nicht mehr mit Freunden spielen wollen. Denn soziale Phobie kann solche Probleme verursachen. Gerade Kinder und junge Erwachsene betrifft diese Angststörung, Studien schätzen ihre Häufigkeit in dieser Altersgruppe auf fünf bis zehn Prozent. In der Regel lassen sich extreme soziale Ängste aber erst ab dem achten Lebensjahr feststellen.

Bei günstigem Krankheitsverlauf geht die soziale Phobie mit Beginn des Erwachsenenalters zurück. Bei anderen bleibt sie ein Leben lang: Denn die soziale Phobie verläuft eher chronisch. Das Risiko für Rückfälle ist individuell dennoch unterschiedlich. Insofern sind neben der akuten Besserung auch die langfristige Wirksamkeit und Symptomlinderung wichtige Therapieziele.

Therapieziele auf das Leben des Sozialphobikers zurechtschneiden

Der klinischen oder ambulanten (Intensiv-)Therapie folgt der Transfer der Lernerfahrungen in Ihre Lebenswelt als Betroffener. Sie sollen die erreichten Veränderungen im Alltag überprüfen, stabilisieren und verstärken. Nach der Devise "Nur Übung macht den Meister" geht es bei einer sozialen Phobie darum,

  • das Erlernte konsequent und regelmäßig weiter einzusetzen.
  • das Angstverhalten auch unter belastenden Umständen zu normalisieren.
  • neben den neuen Handlungsweisen auch neue Sichtweisen zu entwickeln.

Erfolgreiches Selbstmanagement gegen die soziale Phobie

Sie werden zum Beispiel ermutigt, einen Rhetorikkurs an der Volkshochschule zu belegen, einem Club beizutreten, in einem Restaurant allein zu essen, auf der Straße nach der Uhrzeit, einem Weg et cetera zu fragen. Letztlich geht es um erfolgreiches Selbstmanagement, also darum, mit kleinen und großen Rückfällen fertig zu werden (normale Angst- und Stresserlebnisse sind häufig Auslöser für einen Rückfall), nicht den Mut zu verlieren, die Probleme aus eigener Kraft zu bewältigen und vor allem nicht zu vermeiden! Hierbei unterstützen die Selbsthilfeinstrumente, die vom Therapeuten vermittelt beziehungsweise mitgegeben wurden (zum Beispiel das Angsttagebuch, ein Therapiekalender, das Video mit den Entspannungstechniken) und gegebenenfalls die regelmäßige Einnahme des verordneten Medikaments.

Rückfälle sind Bewährungsproben für Sozialphobiker

Wann immer ein Mensch den wechselnden Situationen des Lebens nicht ausweicht, sondern sich stellt, gewinnt er zunehmend an innerer Freiheit. Sie werden die Erfahrung machen, dass Sie sich trauen können – und damit sich selbst treu sein können.

Wenngleich akute Krisen eher selten sind – Sozialphobiker wissen sie definitionsgemäß zu vermeiden – sollten Sie trotzdem mit Ihrem Therapeuten klären, ob (neben der laufenden Behandlung) bei Bedarf die Möglichkeit einer zwischenzeitlichen Auffrischtherapie besteht. Eine kurzfristige Zuspitzung der Problematik sollte nicht gesondert medikamentös behandelt werden, da das Risiko besteht, dass diese Krisenmedikation unter der positiv erlebten Wirkung nicht mehr abgesetzt wird. In vielen Fällen können beruhigende Zuwendung und gezieltes Krisenmanagement bei einer sozialen Phobie reichen.

Sanfte Hilfe für die Seele: Psychopharmaka aus der Natur

Autor:
Letzte Aktualisierung: 18. November 2016
Durch:
Quellen: Mitteilung zu sozialer Phobie: http://idw-online.de/de/news542083; dpa; soziale-angst.net

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