Verhasstes Kauen und Schlürfen

Misophonie: Wenn Geräusche aggressiv machen

Wir kennen es alle: Manchmal nervt es extrem, wenn jemand Suppe schlürft oder mit dem Kugelschreiber klickert. Für manche sind solche Geräusche aber unerträglich. Misophonie bezeichnet den Hass auf Geräusche. Das Phänomen gilt nicht als Krankheit, kann aber so weit gehen, dass Betroffene die Öffentlichkeit meiden.

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Kau- und Trinkgeräusche sind unerträglich für Menschen mit Misophonie. Eine Frau, die Misosuppe schlürft, kann bei ihnen sogar Wut und Ekel auslösen.
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Babygeschrei, eine Mikrophon-Rückkoppelung und Erbrechen: Das sind die drei schlimmsten Geräusche der Welt. Zu dem Ergebnis kam zumindest Akustik-Forscher Trevor Cox von der englischen Universität Salford. Menschen, die unter Misophonie leiden, empfinden bereits weitaus harmlosere Geräusche wie Kauen oder gar Atmen als akustische Folter. Misophonie bezeichnet den Hass auf Geräusche, also eine verminderte Geräuschtoleranz. Der Begriff kommt aus dem Griechischen: missein bedeutet hassen und phone steht für Ton, Klang oder Stimme.

Ab und an mal genervt vom Schmatzen oder Suppe-Schlürfen des Kollegen? Noch lange keine Misophonie. Krankhaft wird es dann, wenn alltägliche Geräusche wie Kauen, Trinken, Fingertrommeln, Räuspern, Schniefen, Pfeifen, Husten oder sogar Atmen als so unangenehm empfunden werden, dass Betroffene die Situation verlassen müssen. Das kann zum Beispiel ein Restaurantbesuch sein, der nicht ertragen wird, weil zu viele Kau- und Trinkgeräusche den Raum erfüllen.

In Online-Foren berichten Betroffene außerdem, dass sie das Kaugummi-Kauen ihrer Mitschüler wahnsinnig macht oder aber das gemeinsame Abendessen mit der Familie Wut oder Ekel in ihnen auslöst. Die als belastend empfundenen Geräusche kommen dabei meist von Mitmenschen, technische Geräusche wie das Surren einer Klimaanlage oder Motorengeräusche werden seltener als Auslöser beschrieben.

Was steckt hinter dem Hass auf Geräusche?

"Manche Menschen reagieren anlagebedingt sehr empfindlich auf Geräusche", sagt Uwe Landwehr, Diplom-Psychologe mit eigener Praxis in Grevenbroich in Nordrhein-Westfalen: "Hinter der Misophonie stecken allerdings psychologische Gründe wie Ängste, extreme berufliche Belastung oder Konflikte in der Partnerschaft." Das ist beispielsweise dann der Fall, wenn hinter dem Hass auf das Schnarchen des Ehemannes eigentlich anderer Frust steckt, beispielsweise seine langen Arbeitszeiten und damit fehlende Zeit für die Beziehung. Auch bei Menschen mit Zwangserkrankungen ei die Misophonie wahrscheinlicher als bei psychisch Gesunden.

Ganz neu ist das Phänomen nicht: Erstmals beschrieben haben den Ekel vor und die Wut auf Geräusche die amerikanischen Neurowissenschaftler Pawel und Margaret Jastreboff in den 90er-Jahren. Die Jastreboffs vermuten, dass der Misophonie eine selektive Geräusch-Intoleranz zugrunde liegt, die nichts mit dem Ton an sich zu tun hat. Die individuellen Erfahrungen sollen es sein, die irgendwann einmal Frust, Ekel oder Wut ausgelöst haben. Diese tiefsitzenden Gefühle werden der Theorie zufolge durch bestimmte Geräusche wieder hervorgerufen. Das kann beispielsweise das Räuspern der Kollegin sein, das einen an die verhasste Tante erinnert.

Wut bis hin zu Gewaltfantasien

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    Die Geräusche um einen herum, unangenehme Gerüche, der Umgang mit den Mitmenschen: Hochsensible Menschen fühlen sich davon schneller überfordert als andere. Sind Sie hochsensibel?

Die Misophonie kann extreme Ausmaße annehmen. "Vor allem bei meiner Mutter oder anderen Familienmitgliedern halte ich es kaum aus, wenn sie essen. Ich werde total aggressiv und irgendwann renne ich in mein Zimmer und fange an zu weinen" – solche oder ähnliche Erfahrungen schildern Betroffene. Das Umfeld reagiert oft mit Unverständnis, stempelt die Betroffenen als zu empfindlich, übersensibel oder im schlimmsten Fall als verrückt ab.

Misophoniker haben unterschiedliche Strategien entwickelt, um mit ihrem Problem umzugehen: Manche machen bewusst selbst Krach, indem sie zum Beispiel laut singen. Wird der Leidensdruck immer stärker, kann es zu selbstverletzendem Verhalten kommen. Oder Misophoniker vereinsamen, weil sie sich nicht mehr unter Menschen wagen. Auch Gewaltfantasien sind möglich, wenn die Wut auf den Geräuschauslöser zu groß wird. Spätestens dann sollte man einen Arzt oder Psychologen aufsuchen.

Die Misophonie behandeln mit Verhaltenstherapie

"Es gibt keine Programme zur Behandlung der Misophonie", erklärt Psychotherapeut Landwehr: "Im Rahmen der kognitiven Verhaltenstherapie gibt es die Möglichkeit der Gegenkonditionierung: Das als sehr unangenehm empfundene Geräusch und die damit verbundenen negativen Emotionen und Erfahrungen sollen mit neuen, positiven Eindrücken überschrieben werden." Der Betroffene wird beispielsweise mit seinem "Hass-Ton" konfrontiert, während er Entspannungstechniken ausübt.

Entspannungstechniken im Überblick

 

Wird im Gespräch deutlich, dass die Misophonie Ausdruck einer beruflichen Belastungsreaktion ist oder Beziehungsprobleme der eigentliche Verursacher sind, bringt eine Gegenkonditionierung nichts. In diesen Fällen wird der Psychotherapeut gemeinsam mit den Patienten Lösungen suchen, wie sie die eigentlichen Ursachen bewältigen können, beispielsweise durch eine Paartherapie.

Misophonie abgrenzen von anderen Störungen

Die Misophonie ist keine anerkannte Krankheit, in den offiziellen Klassifikationen für psychische Krankheiten, ICD-10 und DSM-5, ist sie nicht zu finden. Aktuell wird sie den neurologischen Störungen zugeordnet. Abzugrenzen ist die Misophonie von folgenden Erkrankungen:

  1. Die Phonophobie bezeichnet die Furcht vor bestimmten Geräuschen. Tiere, Personen, Objekte oder Situationen können Ängste verursachen, bei der Phonophobie sind es Geräusche. Diese können individuell ganz unterschiedlich sein. Eine Kindergärtnerin zum Beispiel reagiert nach einem anstrengenden Arbeitstag empfindlich auf laute Kinderstimmen. Eine Büroangestellte dagegen wird eher gegen den Klingelton des Telefons eine Phonophobie entwickeln. Wie bei der Misophonie geht man davon aus, dass nicht der Ton selbst das Problem ist. Vielmehr entwickelt sich eine Phonophobie, weil mit bestimmten Geräuschen eine negative Erfahrung verbunden ist.

  2. Ein weiteres Phänomen, das von der Misophonie abzugrenzen ist, ist die Hyperakusis: Eine Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen sämtlicher Frequenzen. Normale Umweltgeräusche werden bereits ab 50 Dezibel – das entspricht einer normalen Unterhaltung – als zu laut und unangenehm erlebt. Als Ursache kommen Hörschäden, neurologische Erkrankungen oder der Ausfall bestimmter Hirnnerven infrage. Eine Hyperakusis wird bei über 40 Prozent der Tinnitus-Patienten beobachtet.

  3. Auch die Hochsensibilität ist wie die Misophonie noch wenig erforscht. Sie wird ebenfalls nicht als Krankheit eingeordnet. Hochsensible Menschen reagieren verstärkt auf Reize. Menschenansammlungen, laute Musik, aber auch Hunger oder Schmerz überanstrengen oder stören sie schneller als andere Menschen. 

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