Angststörung

Agoraphobie: Wenn öffentliche Plätze zum Albtraum werden

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Menschen mit Agoraphobie leiden an panischer Angst vor öffentlichen Orten und großen Menschenmengen. Sie meiden Situationen wie Busfahren oder große Einkaufszentren und können im Extremfall nicht mehr ihre Wohnung verlassen. Welche Symptome sind typisch und welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Junge Frau mit Agoraphobie schaut traurig nach Außen
© Getty Images/martin-dm

Die Agoraphobie beschreibt die Furcht vor weiten Plätzen wie überfüllte Fußgängerzonen. Damit unterscheidet sie sich von der Klaustrophobie, die umgangssprachlich häufig als Platzangst bezeichnet wird, jedoch die Angst vor engen Räumen wie Aufzügen meint.

Schätzungsweise 4 von 100 Deutschen erkranken im Laufe ihres Lebens an einer Agoraphobie, etwa 30 bis 50 Prozent davon leiden zudem an einer Panikstörung. Meist tritt die Angststörung erstmals zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr auf, Frauen sind häufiger betroffen als Männer.

Artikelinhalte im Überblick:

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Was ist eine Agoraphobie?

Der Begriff Agoraphobie stammt aus dem Altgriechischen und setzt sich aus den Wörtern "agora" (= zentraler Versammlungspunkt) und "phobie" (= Furcht) zusammen. Gemeint ist damit also die Angst vor öffentlichen Plätzen und großen Menschenansammlungen. Eine gewisse Angst vor ungewohnten Situationen ist grundsätzlich wichtig: Sie schützt Menschen vor leichtsinnigen Entscheidungen. Bei einer Agoraphobie ist der Gefühlszustand aber krankhaft übersteigert und objektiv nicht mehr nachvollziehbar.

Dies geht so weit, dass Betroffene systematisch Situationen wie Essen gehen oder Busfahren meiden. Sie befürchten, dass sie an diesen Orten in Panik geraten könnten, keine Hilfe bekommen und keine Fluchtmöglichkeit besteht. Dabei sind sie durchaus in der Lage zu erkennen, dass ihre Angst unverhältnismäßig ist. In manchen Fällen ist die Agoraphobie so stark ausgeprägt, dass Erkrankte ihre eigenen vier Wände kaum mehr verlassen.

Wie entsteht eine Agoraphobie?

Eine Agoraphobie ist meist nicht auf eine bestimmte Ursache zurückzuführen, vermutlich kommt es zum Zusammenspiel verschiedener Einflüsse:

  • Erbliche Veranlagung: Kinder, deren Eltern an der Angststörung leiden, haben ein erhöhtes Risiko, ebenfalls zu erkranken.

  • Körperliche Faktoren: Ein Ungleichgewicht von bestimmten Botenstoffen (Serotonin, Noradrenalin, Gamma-Aminobuttersäure) im Gehirn kann ebenfalls dazu beitragen, dass sich eine Agoraphobie entwickelt.

  • Persönliche Erfahrungen: Einschneidende Lebensereignisse in der Vergangenheit (beispielsweise der Tod eines Elternteils, sexueller Missbrauch) können ebenfalls eine Rolle spielen.

  • Verhaltensweise: Insbesondere negative Lernprozesse (zum Beispiel eine Trennungsangst in der Kindheit) können zur Entwicklung einer erhöhten Angstsensitivität führen.

Agoraphobie und Corona

Fachleute befürchten, die Coronavirus-Pandemie könne Angststörungen wie die Agoraphobie noch verschlimmern. Der Lockdown hat die ohnehin wenigen Kontakte vieler Betroffener noch weiter reduziert. Dazu kommt die Angst vor einer Ansteckung mit dem Virus, wodurch viele Angstpatient*innen unter Umständen noch weniger die Sicherheit der eigenen vier Wände verlassen wollen und sich abschotten.

Symptome: Wie äußert sich eine Agoraphobie?

Typisch für eine Agoraphobie ist das Meiden folgender Situationen:

  • Aufhalten in großen Menschenmengen (zum Beispiel in Kinos, Einkaufszentren, Restaurants, Hörsälen in der Universität)
  • Aufsuchen von öffentlichen Plätzen wie Parks
  • Reisen (vor allem weit weg von zu Hause)
  • Fahren mit öffentlichem Verkehrsmittel wie Flugzeug, Bus oder Bahn

Ein wichtiger Auslöser ist die Entfernung vom "sicheren" zu Hause und das Fehlen von Fluchtwegen. Angstpatient*innen fühlen sich in bestimmten Situationen gefangen und anderen Menschen "ausgeliefert". Sie können zwar manchmal öffentliche Transportmittel benutzen oder Restaurants besuchen, es ist ihnen aber wichtig, sich nahe der Tür aufhalten zu können.

Je nach Schweregrad und Lebenssituation kann die Erkrankung die Lebensqualität von Betroffenen unterschiedlich stark beeinträchtigen. Müssen Betroffene beispielsweise beruflich viel reisen oder Messen besuchen, kann eine Agoraphobie sogar zur Arbeitsunfähigkeit führen.

Beispiel für das Angstempfinden

Bereits eine Verabredung zum Essen stellt Agoraphobiker*innen oftmals vor große Herausforderungen. Schon lange vor dem geplanten Termin bestimmen Grübeleien und Nervosität die Zeit bis zum Ereignis. Vorstellungen wie

  • auf der Busfahrt dorthin in Panik zu geraten,
  • Blase oder Stuhlgang nicht kontrollieren zu können oder
  • sich peinlich zu verhalten,

quälen Betroffene. Gleichzeitig empfinden sie häufig Wut über sich selbst, Scham oder Traurigkeit. Einige berichten über ein Gefühl der Unwirklichkeit, als sei die Umgebung weit weg und alles herum "wie in einem Film".

Agoraphobie tritt häufig mit Panikstörung auf

Nicht selten steigert sich die Angst bis zur Panik und es treten Panikattacken auf, die mit körperlichen Symptomen einhergehen. Dazu gehören unter anderem

Kommt es zu körperlichen Symptomen wie Atemnot, können diese die Angst oft noch verstärken und erneute Panikattacken auslösen. Diese verschlimmern die körperlichen Symptome wiederum – ein Teufelskreis entsteht.

Welche Begleiterkrankungen können auftreten?

In etwa 80 Prozent der Fälle kommt es bei Menschen mit Agoraphobie im Laufe eines Jahres zu einer oder mehreren weiteren psychischen Erkrankungen. Etwa 43 von 100 Agoraphobiker*innen entwickeln eine depressive Erkrankung. Bei 36 Prozent der Betroffenen konnten somatoforme Störungen festgestellt werden. Hierbei handelt es sich um körperliche Beschwerden, bei denen keine organischen Ursachen gefunden werden können und bei denen man annimmt, dass sie seelisch verursacht sind.


Diagnose: So wird eine Agoraphobie festgestellt

Liegt der Verdacht auf eine Agoraphobie vor, sollte ein*eine Psychotherapeut*in aufgesucht werden. Zunächst findet ein Gespräch (Anamnese) statt, indem Patient*innen gebeten werden, von ihren Ängsten zu erzählen. Zudem sind für den*die Mediziner*in weitere psychische Erkrankungen, die Lebensumstände sowie die Faktoren, welche die Angstzustände auslösen, relevant. Mithilfe körperlicher Untersuchungen werden zudem Erkrankungen wie eine Schilddrüsenerkrankung ausgeschlossen.

Eine Agoraphobie wird diagnostiziert, wenn die Angstsymptome mindestens sechs Monate andauern und hauptsächlich in mindestens zwei der folgenden Situationen auftreten:

  • in Menschenmengen
  • auf öffentlichen Plätzen
  • beim Alleinreisen
  • bei Reisen mit weiter Entfernung von zu Hause

Wie lässt sich die Agoraphobie behandeln?

Die Therapie einer Agoraphobie zielt darauf ab, Angstsymptome zu lindern und Betroffenen dabei zu helfen, bestimmte Tätigkeiten und Aktivitäten wieder aufzunehmen und somit die soziale Integration zu verbessern. Um das zu erreichen, hat sich eine Behandlung mit Medikamenten (zum Beispiel Antidepressiva) oder eine Psychotherapie beziehungsweise eine Kombination aus beiden als sinnvoll erwiesen.

Kognitive Verhaltenstherapie

Ein bewährter psychotherapeutischer Ansatz ist die kognitive Verhaltenstherapie. Patient*innen lernen eigene Denkmuster, die ihre Angst verstärken, zu erkennen und umzudeuten. Statt harmloses Herzklopfen als Anzeichen der Angsterkrankung anzusehen, wird ihnen beigebracht, das Symptom als normale Reaktion körperlicher Anstrengung zu bewerten.

Expositionstherapie

Ebenso kann die Expositionstherapie, bei der Betroffene sich mit therapeutischer Unterstützung bewusst in angstauslösenden Situationen begeben, Teil der Behandlung sein.

Weitere Tipps für Betroffene

Ergänzend zur Standardtherapie profitieren einige Betroffene von Ausdauersport und Entspannungsverfahren wie Meditation oder Autogenem Training. Ebenso kann sich der Austausch mit Gleichgesinnten, zum Beispiel in Selbsthilfegruppen, positiv auswirken. Im besten Fall motiviert es Patient*innen auch, wieder aktiver zu werden und sich mit anderen Menschen zu treffen.

Leben mit einer Agoraphobie

Panikstörungen müssen nicht immer gleich stark ausgeprägt sein, sie können über einen längeren Zeitraum ausbleiben und dann wieder erneut auftreten. Ohne Behandlung verschwindet eine Agoraphobie aber meist nicht von allein. Bei vielen Agoraphobiker*innen steigert sich das Vermeidungsverhalten zudem mit der Zeit und sie ziehen sich immer mehr zurück. Um den Teufelskreis aus Angst und Vermeidungsverhalten zu durchbrechen, sollte eine Agoraphobie frühzeitig behandelt werden.

Eine Agoraphobie beeinflusst jedoch nicht nur den Alltag von Betroffenen. Auch für Angehörige ist die Erkrankung oftmals sehr belastend. Sie sollten sich am besten ebenfalls selbst Hilfe suchen. Es gibt viele Beratungsstellen, die über den richtigen Umgang bei Angststörungen informieren.

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