Folge des Corona-Lockdowns

RS-Virus: Vermehrte Atemwegserkrankungen bei Kindern

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Bei RS-Viren handelt es sich um Erreger, die zum Teil schwere Atemwegsinfekte auslösen können. Vor allem die Anzahl der Krankenhauseinweisungen bei Babys und Kindern ist zum Ende des Corona-Lockdowns ungewöhnlich stark angestiegen. Was sind die Gründe und wie können Eltern vorbeugen?

Mutter schneuzt ihr Kind mit Schnupfen
Häufig sind Babys und Kinder von einer Infektion mit dem RS-Virus betroffen.
© iStock.com/filadendron

Das Respiratorische Synzytial-Virus (Respiratory Syncytial Virus, RSV) ist neben Influenza- und Rhinoviren weltweit einer der häufigsten viralen Erreger von Infektionen der oberen und unteren Atemwege. Besonders häufig leiden Babys und Kinder unter zwei Jahren an viralen Atemwegsinfekten durch RSV, da ihr Immunsystem noch nicht vollständig entwickelt ist. Schätzungsweise treten im ersten Lebensjahr 48,5 Fälle von RSV-Infektionen pro 1.000 Kinder weltweit auf. Dabei handelt es sich in 5,6 Prozent der Fälle um schwere Infektionen.

Die RSV-Saison erstreckt sich normalerweise von November bis März. Nach dem Corona-Lockdown 2021 wurde jedoch schon in den Sommermonaten ein untypischer Anstieg an Krankenhausaufnahmen von Babys und Kindern mit RSV bedingten Erkrankungen registriert – etwa in England, der Schweiz, USA und Australien. Aber auch in Deutschland nahmen im September 2021 schwere Atemwegsinfekte bei Kindern auffällig zu.

Artikelinhalte im Überblick:

Welche Symptome können auf das Coronavirus hindeuten?

Was versteht man unter RS-Virus?

Beim RS-Virus (RSV) handelt es sich um ein weltweit vorkommendes RNA-Virus, dessen Erbmaterial als RNA mit einer hohen Mutationsrate vorliegt. Dadurch können sich die Viren schneller an ihren jeweiligen Wirt anpassen und seiner Immunantwort auf eine Infektion leichter entgehen. Zur Gruppe der RNA-Viren zählen beispielsweise auch manche Influenzaviren sowie die Erreger von SARS, Ebola und Tollwut.

Zunächst vermehren sich die RS-Viren nach einer Infektion im Nasenrachenraum (Nasopharynx). Durch Bewegung der Nasenhärchen können die Viren in die Schleimhäute der unteren Atemwege transportiert werden. Bei gesunden Menschen bleibt die Vermehrung des RS-Virus auf die Atemwege begrenzt, bei Immungeschwächten können sich die Viren dagegen im gesamten Körper ausbreiten. Typisch für eine Infektion mit dem RS-Virus ist, dass benachbarte Zellen zu einem sogenannten Synzytium (Plural: Synzytien) verschmelzen.

RSV: Infektionsanstieg nach Corona-Lockdown

Kita-Schließungen, Mund-Nasen-Schutz, Abstand halten – durch diese Maßnahmen konnte die Ansteckung mit Coronaviren weitgehend eingedämmt werden. Die meisten Menschen kamen dadurch aber auch mit anderen Viren weniger in Kontakt. Das hat nun anscheinend vor allem für Kleinkinder Konsequenzen, da ihre Abwehrkräfte während des Lockdowns weniger trainiert wurden. Normalerweise muss sich das kindliche Immunsystem spätestens in der Kita oder dem Kindergarten mit einer Vielzahl verschiedener Erreger auseinandersetzen. Das Durchmachen verschiedener Infektionen ist wichtig, damit anschließend ein Schutz gegen diese Viren besteht.

Dies blieb während der Kontaktbeschränkungen aus, was zur Folge hat, dass viele Kinder nach dem Corona-Lockdown zum ersten Mal mit RV-Viren und anderen Erregern konfrontiert wurden. Dadurch kam es zu einer Verschiebung und ungewöhnlich vielen Erkrankungen bereits vor der Wintersaison. Im September 2021 erkrankten laut RKI doppelt so viele Kinder an schweren Atemwegsinfekten wie in den Jahren zuvor.

Risiko: Wer ist am häufigsten von RSV betroffen?

Infektionen mit dem RS-Virus treten in allen Altersgruppen auf, eine Häufung findet sich jedoch unter Babys und Kleinkindern. Mindestens einmal haben sich im ersten Lebensjahr bis zu 70 Prozent und bis zum zweiten Lebensjahr fast alle Kinder mit dem RS-Virus infiziert. Eine durchgestandene Erkrankung führt jedoch nicht zur dauerhaften Immunität gegenüber RS-Viren. Vielmehr kommt es häufig zu erneuten Infektionen (Reinfektionen).

Laut aktueller Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) zählen zu den Risikofaktoren für eine Infektion mit RSV:

  • Alter unter 6 Monaten
  • Mehrlingsgeburten
  • männliches Geschlecht
  • Geschwisterkinder im Kleinkindalter
  • Besuch der Krippe/U3-Kindergarten
  • Eltern, die rauchen
  • Unterernährung
  • Familienangehörige mit atopischen Erkrankungen wie Neurodermitis oder Asthma

Kinder mit hohem Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf:

  • Frühgeburten
  • chronische Lungenerkrankung
  • angeborener Herzfehler
  • neuromuskuläre Erkrankungen wie Muskelschwäche oder Muskelatrophie
  • Immundefekte
  • Chromosomenanomalien (zum Beispiel Trisomie 21)

Wie lange überleben die RS-Viren?

Übertragen wird das RS-Virus vorrangig über eine Tröpfcheninfektion. Indirekt können sich Menschen auch über mit Viren kontaminierte Hände, Oberflächen oder Gegenstände anstecken: In Sekret aus den oberen Atemwegen kann das Virus 20 Minuten auf Händen, 45 Minuten auf Papiertaschentüchern und mehrere Stunden auf Gegenständen überleben. Die Inkubationszeit liegt zwischen zwei bis acht Tagen, durchschnittlich erkranken infizierte Menschen nach fünf Tagen.

Kinder und Erwachsene: Symptome unterscheiden sich

Bei Infektionen mit dem RS-Virus reicht das Spektrum an Symptomen von einfachen Atemwegsinfekten bis zu schweren Erkrankungen der unteren Atemwege wie einer Lungenentzündung. Typisch für eine RSV-Infektion sind erkältungsähnliche Symptome. Infizierte Menschen sind bereits vor Ausbruch der Symptome infektiös – die Ansteckungsfähigkeit bleibt zwischen drei und acht Tage nach der Infektion bestehen.


Symptome bei Kindern:

  • Schnupfen
  • Abgeschlagenheit
  • Fieber
  • Entzündung der Luftröhren- und Bronchialschleimhaut (Tracheobronchitis) mit Husten und hörbaren Atemgeräuschen (Giemen)

In schweren Fällen tritt eine Entzündung der Bronchiolen (Bronchiolitis) oder eine Lungenentzündung (Pneumonie) auf.

Symptome bei Erwachsenen:

Erkältung bei Kindern: Die besten Tipps

Diagnose bei Verdacht auf RSV

Die*der Ärztin*Arzt geben zunächst die vorhandenen Symptome und das Alter von Infizierten einen Anhaltspunkt für eine Infektion mit dem RS-Virus. Vor allem bei Kindern unter zwei Jahren sollte an eine RSV-Infektion gedacht werden. Um die Diagnose zu sichern, führt die*der Ärztin*Arzt einen Erregernachweis mithilfe eines Nasen-Rachen-Abstrichs oder Rachenspülwassers durch. Die Untersuchung sollte rasch erfolgen, damit sich die Infektion nicht weiter in den Atemwegen ausbreitet und eine adäquate Behandlung rasch beginnen kann. In Deutschland gilt eine Ansteckung mit dem RS-Virus als nicht meldepflichtig.

Wie lassen sich Infektion mit RS-Viren behandeln?

Bei einer Infektion mit RSV behandelt die*der Ärztin*Arzt die auftretenden Symptome der Atemwegserkrankung – eine gegen das RS-Virus gerichtete Therapie gibt es bislang nicht. Antibiotika eignen sich bei dieser Erkrankung nicht, da es sich um eine virale und nicht um eine bakterielle Infektion handelt. Zur Behandlung kann ein Antibiotikum höchstens dann in Betracht gezogen werden, wenn eine bakterielle Koinfektion besteht.

Um den Schnupfen zu lindern, sollten erkrankte Menschen viel trinken, wodurch das Nasensekret verflüssigt wird und leichter abfließen kann. Auch Nasenspülungen mit geeigneten Salzlösungen helfen bei Schnupfen – diese können auch Kinder anwenden. Weitere Medikamente und Hausmittel bei leichten Infektionen der oberen Atemwege sind:

  • warme Kräutertees oder Tee mit Ingwer und Honig gegen Halsschmerzen
  • Inhalieren oder Gurgeln mit Salzlösung
  • Wadenwickel oder fiebersenkende Mittel bei leichtem Fieber
  • warme Halswickel

Da bei Babys und Kleinkindern RSV-Infektionen zu den häufigsten Auslösern von unteren Atemwegsinfekten mit Einweisung ins Krankenhaus gehören, sollten Eltern frühzeitig ärztlichen Rat suchen und besser keine Hausmittel bei ihren Kindern anwenden.

Je nach Gesundheitszustand kann bei Patient*innen mit unteren Atemwegsinfekten die Gabe von Sauerstoff oder eine externe Unterstützung der Atmung (Beatmung) erforderlich sein. Bei Atemnot kann das Inhalieren von Bronchodilatatoren wie Adrenalin die Atmung erleichtern.

Verlauf und Komplikationen bei RSV-Infektion

Häufig infizieren sich Menschen mit RSV-Infektion auch mit anderen Viren, die Atemwegsinfekte verursachen. Eine Koinfektion mit Bakterien tritt dagegen selten auf. Unter Kindern besteht oft parallel eine akute Mittelohrentzündung als Komplikation der Infektion mit RSV. Besonders bei Menschen mit chronischen Herz- und Lungenkrankheiten oder neurologischen Erkrankungen können sich diese infolge einer RSV-Infektion verschlimmern. Diese und Menschen mit einem abgeschwächten Immunsystem laufen Gefahr, an einer schweren, durch RSV-verursachten Lungenentzündung zu erkranken.

Wie kann einer RSV-Infektion vorgebeugt werden?

Bislang gibt es keinen verlässlichen Impfstoff gegen RS-Viren. Kinder, die zur Risikogruppe zählen, können prophylaktisch mit einem Antikörper behandelt werden, der sich gegen das RS-Virus richtet. Dazu erhalten sie den Antikörper während der Saison von November bis April einmal pro Monat intramuskulär gespritzt. Für wen genau die Prophylaxe empfohlen wird, hat die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie in ihrer Leitlinie festgelegt. Fragen dazu beantwortet der der*die Kinderarzt*Kinderärztin.

Grundsätzlich kann das Risiko für RSV-Infektionen reduziert werden, indem bestimmte Hygieneregeln im Alltag eingehalten werden:

  • regelmäßig Händewaschen
  • in die Armbeuge husten und niesen
  • verunreinigtes Spielzeug reinigen
  • kein Besuch von Krabbelgruppen, Krippen oder KiTas, wenn ein Kind infiziert ist
  • in der Umgebung von Kindern nicht rauchen
  • Babys nach Möglichkeit in den ersten Monaten stillen

Kinder- und Jugendärzt*innen empfehlen jedoch den Alltag für Kinder nach den Monaten der Kontaktbeschränkungen während der Corona-Pandemie wieder so normal wie möglich zu gestalten und – sofern sie gesund sind – auch wieder den Besuch in Kita, Kindergarten oder Schule zu ermöglichen.

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