Mehr Unabhängigkeit für Blinde durch Echo-Ortung

Sehen wie die Fledermäuse

Die Klicksonar-Technik ist in Deutschland noch relativ neu. Das Prinzip, das der Orientierungstechnik von Fledermäusen ähnelt, kann den Alltag blinder Menschen revolutionieren. Denn es erlaubt Blinden, sich im wahrsten Sinne des Wortes ein Bild von ihrer Umgebung zu machen.

echo-ortung blinde können "sehen" wie fledermäuse
Fledermäuse sind bekannt dafür, ihre Umgebung per Echo-Ortung wahrzunehmen. Die Technik ist im Prinzip auch für Menschen erlernbar.
© iStock.com/Ivan Kuzmin

Dass Blinde akustische Signale aus ihrer Umgebung und deren Echos zur Orientierung nutzen, ist nicht neu. Wohl aber, dass der Erblindete selbst methodisch Klicklaute mit der Zunge produziert, auf das Echo lauscht, das diese hervorrufen und sich so ein Bild seiner Umgebung macht. Klicksonar nennt sich die Technik, die der Amerikaner Daniel Kish methodisiert und bekannt gemacht hat.

Der 1966 geborene US-Amerikaner ist seit frühester Kindheit blind. Schon als Kind begann er, anhand des Echos auf seine Schnalzlaute hin Objekte in seiner Umgebung zu unterscheiden.  Dabei machte er sich – damals noch unbewusst – den Umstand zunutze, dass unterschiedliche  Materialien einen Schall auf spezifische Weise reflektieren. Auf diese Weise können sie identifiziert werden.

Durch mehrmaliges Schnalzen oder Klicken lässt sich ein Objekt abtasten. So erhält der Blinde Informationen über Größe und Form eines Objekts. Die Entfernung zu Gegenständen und Hindernissen lässt sich für geübte Anwender der Technik aus der Verzögerung des Echos erschließen, und das mit großer Genauigkeit: Im Bereich von 50 Zentimetern bis zu zwölf Metern  können Entfernungsunterschiede von zehn Zentimetern erlauscht werden.

Mit Klicksonar nach Art der Fledermäuse "sehen"

Im Prinzip ähnelt die Klicksonar-Technik der Methode, mit der sich Fledermäuse in ihrer Umwelt orientieren. Der Unterschied: Die Fledermaus stößt dabei in schneller Folge Ultraschall-Laute aus, die für das menschliche Ohr nicht wahrnehmbar sind, aber offenbar noch weit differenziertere Echos erzeugen. Sie ermöglichen der Fledermaus, zielsicher zwischen Ästen und anderen Hindernissen hindurchzufliegen und dabei erfolgreich auf winzige Insekten Jagd zu machen.

Gehirn generiert aus Echos Bilder

Aber auch ohne Ultraschall verhilft die Klicksonar-Technik Blinden zu mehr Unabhängigkeit und einer neuen Wahrnehmung ihrer Umgebung. Forscher konnten bei Probanden eine erhöhte Aktivität im visuellen Cortex während der Echo-Ortung nachweisen, dem Bereich der Großhirnrinde, die für das Sehen zuständig ist. Im Hörzentrum, dem auditiven Cortex, konnten sie dagegen keine erhöhte Aktivität nachweisen. Aus den zurückfallenden Echos generiert das Gehirn offenbar ein ähnliches Bild, wie es das Gehirn Sehender aus Lichtsignalen tut. Allerdings ist dafür Übung nötig, ein besonderes Hörvermögen jedoch nicht. Auch das ist inzwischen wissenschaftlich belegt, zuletzt durch eine Studie der Universität Southampton, die im Mai 2013 veröffentlicht wurde.

Die Klicksonar-Technik kann jeder lernen

Die Methode kann sich also jeder aneignen. Sie steht seit 2011 auch den schätzungsweise 150.000 Blinden offen, die in Deutschland leben. Damals wurde der Verein "Anders Sehen" gegründet, der sich als Initiator der Klicksonar-Technik im deutschsprachigen Raum versteht. Auf der Website des Vereins ist auch eine Liste mit "empfohlenen Mobilitätstrainern" zu finden, die in Daniel Kishs Klicksonar-Technik weitergebildet sind.

"Schon Anfänger können im Bus leere Sitzplätze finden oder den Weg zwischen parkenden Autos und Häusern geradeaus laufen, ohne an Briefkästen oder Laternenpfähle zu stoßen", verspricht der Verein. Fortgeschrittene dagegen können ein sehr differenziertes Bild ihrer Umwelt wahrnehmen und beispielsweise Baumarten bestimmen.

Klicksonar ersetzt den Langstock nicht

Ein Ersatz für den Langstock, mit dem Blinde ihre nähere Umgebung und Unebenheiten des Bodens vor sich abtasten können, sei die Methode allerdings nicht. Aber mit Klicksonar lasse sich "in die Distanz sehen", sie biete Orientierung in Räumen, auf Plätzen, auf der Straße et cetera, ohne diese erkunden oder erwandern zu müssen.

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