Erika Berger im Interview zu den Wechseljahren

Eine reife Frau hat eine große erotische Ausstrahlung

Mit 50 und noch älter lässt es sich genauso angenehm leben wie vorher, sagt die Fernsehmoderatorin Erika Berger und ermutigt Frauen, sich den Wechseljahren zu stellen. Wie dies gut gelingt, verrät sie im Lifeline-Interview.

Frau in den Wechseljahren
"Eine große Sorge viele Frauen in den Wechseljahren ist, dass man plötzlich zum alten Eisen gehört."
© Juanmonino/Getty Images

Frau Berger, Sie haben ein Buch über die Wechseljahre der Frau geschrieben. Was hat Sie an dem Thema gereizt?

Erika Berger: Ich selbst habe die Wechseljahre relativ gut überstanden, aber ich habe mit wahnsinnig vielen Frauen gesprochen, die Mitte 40 waren und sich fragten, was passieren wird und mit Frauen, die mittendrin waren und nicht wussten, was sie machen sollen. Da habe ich gedacht: Mensch, ich muss einfach sagen, dass man auch ohne Depression und Frustration richtig angenehm durch diese Zeit kommen kann.

Haben Sie das Gefühl, dass Sie ein Tabu berühren?

Ja, aber es nützt nichts. Man muss irgendwann begreifen, dass man nicht mehr 20 ist. Doch man kann im Alter von 50Plus genauso angenehm weiterleben wie vorher, man muss nur einige Punkte beachten. Erstens, dass man auf sich selber aufpasst und sich behandeln lässt, indem man entweder Hormone oder Alternativmedizin nimmt und - das ist ganz wichtig - dass man mit seinem Partner darüber spricht. Wie soll ein Mann sonst wissen, dass man Hitzewallungen hat?

Was sind die größten Sorgen und Probleme von Frauen in den Wechseljahren?

Das allergrößte Problem ist, dass Frauen nicht dick werden wollen. Hinzu kommt der Verlust der äußeren Attraktivität: Die Haut ist nicht mehr schön, die Haare gehen aus, die Nägel brechen ab, man hat eine trockene Scheide und hat deshalb auch ganz, ganz wenig Lust auf Sex. Eine große Sorge ist, dass man plötzlich zum alten Eisen gehört. Dann haben viele Frauen Angst vor Hormonen oder sie glauben, Alternativmedizin nutzt nichts. Was ja nicht stimmt.

Viele ältere Frauen beklagen, dass sie für ihre Umwelt unsichtbar werden.

Man glaubt nicht mehr wahrgenommen zu werden, weil man jetzt eine alte Frau ist. Was überhaupt nicht stimmt. Man ist bestenfalls eine reife Frau und eine reife Frau hat eine genauso große erotische Ausstrahlung wie eine junge Frau, vielleicht sogar eine größere, weil sie aus ihrem bisherigen Leben gelernt hat und weil sie weiß, wie sie mit sich umgehen kann.

Haben Sie ein paar praktische Tipps, was Frauen tun können, um sichtbar zu bleiben?

Das Wichtigste ist, dass eine Frau sich pflegt. Sie sollte nicht unbedingt mit einem grauen Haarschopf durch die Gegend laufen. Man kann sich die Haare färben, wenn man nicht weiß werden will. Zweitens: Eine Frau sollte auf ihre Figur achten. Sie muss unbedingt in Bewegung bleiben und sich sportlich betätigen. Allerdings sollte man im Alter nicht mit Extremsport anfangen. Man kann Gymnastik machen, joggen, schwimmen, Rad fahren. Frische Luft ist ganz wichtig. Drittens: Eine Frau sollte sich auch ihrem Alter entsprechend kleiden. Ein Minirock und dazu ein Gesicht voller Falten - das ist nicht schön. Damit macht man sich lächerlich. Viertens: Eine Frau muss sich vom Arzt beraten lassen, was sie tun kann, damit sie nicht in Depressionslöcher fällt, keine Hitzewallungen und Schlafstörungen hat. Denn all das macht blass und schlechte Laune. Und eine Frau muss immer daran denken, was sie schon alles geleistet hat in ihrem Leben: Sie hat Kinder geboren, hat die Kinder groß gezogen, hat sich um den Mann gekümmert, hat ihn bei der Karriere unterstützt, hat ihr eigenes Leben hinten angestellt und sich letztendlich für die Familie aufgeopfert. Jetzt sind die Kinder aus dem Haus, es wird alles ein bisschen ruhiger und sie kann das Leben genießen. Dazu muss man nicht wahnsinnig viel Geld haben. Man muss nur den Willen haben, etwas für sich selbst zu tun.

Was war für Sie persönlich am schwierigsten in den Wechseljahren?

Für mich war das Schwierigste, dass ich mich nicht mit meinen Falten auseinandersetzen wollte. Ich hatte ganz wenig Probleme, weil mir meine Ärztin sofort das richtige Medikament verschrieben hat. Aber die Falten und die ersten grauen Haare haben mich an den Rand des Wahnsinns getrieben. Wenn man beim Fernsehen arbeitet, ist man halt ausgesprochen eitel. Ich habe dann angefangen, mich ganz intensiv zu pflegen. Und ich muss sagen: Ich bin heute 68 Jahre alt und ich lebe mit meinen Falten ganz wunderbar.

Sie wirken stets fröhlich. Sie schreiben aber, dass Sie in den Wechseljahren sehr gereizt waren, auch jähzornig reagiert haben und oft in Tränen ausgebrochen sind.

Ja, natürlich. Als es losging, konnte ich nicht richtig schlafen, mir war heiß wie blöd und ich hatte Wutausbrüche. Mein Mann meinte zu mir: Was bist du denn so unausstehlich? Ich dachte, es sei eine Grippe. Die Apothekerin sagte dann: Nein, Frau Berger, das ist keine Grippe, das ist das Klimakterium. Da war es ein einziges Mal in der Öffentlichkeit ausgesprochen und mir wurde schlagartig klar, dass sie natürlich recht hat. Sie hat mir ein homöopathisches Mittelchen gegeben. Das habe ich in mich hineingeschüttet und mir war sofort besser. Als ich meinem Mann erzählt habe, dass es die Wechseljahre sind, sagte er nur: Ja, und was regst Du Dich jetzt so auf? Ich fand das eine superklasse Reaktion. Es ist halt wirklich wichtig, dass Frauen das Thema mit ihrem Mann besprechen. Man muss es nicht bis ins Allerkleinste auswalzen, das begreifen Männer sowieso nicht. Außerdem haben Männer auch ein bisschen Angst, weil sie gleich an ihr eigenes Altern denken und sich fragen: Um Gottes Willen, wer passt denn auf mich auf oder wer versorgt mich, wenn es meiner Frau so schlecht geht.

Stichwort Erotik: Was ändert sich im Alter?

Alles geht ein bisschen langsamer. Liebe, Lust und Leidenschaft sterben aber niemals. Man ist nicht mehr so wild aufeinander, weil man sich ja schließlich kennt. Doch wenn man tatsächlich miteinander schläft, ist das etwas sehr, sehr Inniges. Es ist nicht mehr die Sexualität wichtig, sondern die Zärtlichkeit. In den Arm genommen zu werden und das Gefühl zu haben, zu lieben und wieder geliebt zu werden: Das ist etwas sehr, sehr Schönes.

Was machen Frauen, die allein leben?

Gute Frage, mein Mann lebt ja inzwischen auch nicht mehr. Das ist auf Deutsch gesagt eine Scheißsituation. Aber man muss damit umgehen lernen, indem man sich selbst verwöhnt. Ich versuche, Spaß an meinem Leben zu haben. Und für Singlefrauen ist natürlich besonders wichtig, dass sie ein Netz aus guten Freunden haben und eine Freundin, mit der sie über alles sprechen können.

Und im Punkte Sexualität? Selbstbefriedigung, One-Night-Stands?

Selbstbefriedigung ist etwas, was man nicht nur tun sollte, wenn man Single ist. Selbstbefriedigung ist die erste Form der Sexualität, die jeder Mensch erlebt. Wenn man keinen Partner hat, bleibt einem wahrscheinlich auch gar nichts anderes übrig. Man darf nicht sagen, ich verabschiede mich von meinem erotischen Leben. One-Night-Stands sind aber eher kein Thema. Eine Frau in meinem Alter geht sicher nicht in eine Disco und nimmt sich jemanden mit nach Hause. Aber zur Befriedigung der Lüste kann man sich doch mal einen Mann suchen. Es kann ja auch mal ein jüngerer Mann sein. Warum nicht?

Was lässt sich gegen sexuelle Lustlosigkeit tun?

Man muss den Ursachen auf den Grund gehen, warum man jetzt keine Lust hat. Gegen die körperlichen Beschwerden muss man etwas tun und man muss vor allem herunter von der Meinung, dass Menschen schön, knackig und jung sein müssen, um Spaß im Bett zu haben. Das ist falsch. Und auch ältere Männer sind ja nicht mehr mit einem Sixpack gesegnet.

In den 1970er und 1980er Jahren gründeten Frauen Selbsterfahrungsgruppen, um etwas über ihren Körper zu lernen. Was meinen Sie: Ist die Zeit reif für Selbsthilfegruppen zum Thema Wechseljahre?

Es wäre toll, wenn so was angeboten werden würde. Aus den Erfahrungen anderer Frauen kann man lernen, und gerade über das Gefühlsleben wird bislang wenig gesprochen. Zwar kann man heute per Internet in Verbindung treten und chatten, aber ich bin noch vom alten Schlag und spreche mit Leuten lieber persönlich.

Was hat Ihnen am meisten geholfen, durch die Wechseljahre zu kommen?

Um ehrlich zu sein: mein Mann. Er hat mich nie hängen lassen und er hat mir immer gesagt, dass er mich lieb hat und dass er mich schön findet. Das mag oberflächlich klingen, aber Frauen brauchen jemanden, der sie auffängt - in ganz vielen Situationen, in denen sie sich selber ekelhaft finden. Es ist toll, wenn der Partner dann sagt: Du bist einfach eine tolle Frau, egal, ob du in den Wechseljahren bist oder nicht.

Welche schönen Seiten haben die Wechseljahre?

Man muss endlich nicht mehr verhüten. Man muss nicht mehr so viel arbeiten und man kann unwahrscheinlich viele Sachen machen, die man früher nie gemacht hätte. Städtereisen sind in jungen Jahren zum Beispiel langweilig. Jetzt machen sie Spaß. Man ist einfach eine selbstständige Frau und braucht sich nicht mehr bestätigen zu lassen. Und eine Frau in den reifen Jahren braucht nicht mehr den Status einer Gattin: Sie steht im positiven Sinne für sich allein.

Zur Person: Erika Berger (Jahrgang 1939) ist Journalistin und wurde vor allem als Erotikexpertin und Sexberaterin im Fernsehen bekannt. 2007 verstarb ihr Mann, mit dem sie über 30 Jahre verheiratet war. Ihm widmete sie ihr Buch "Lust statt Frust", das sie im gleichen Jahr veröffentlichte. Darin beschäftigt sie sich mit dem Tor zum Altwerden: den Wechseljahren. Mit ihrem persönlich und unterhaltsam geschriebenen Ratgeber will Erika Berger Mut machen, sich der neuen Situation zu stellen und auf die positiven Seiten der Menopause zu schauen. Sie erklärt, welche Veränderungen die Wechseljahre in Körper und Seele auslösen und verrät ihre persönlichen Wohlfühlformeln.

Buchtipp:

Erika Berger: Lust statt Frust - Meine Wohlfühlformeln, MVG-Verlag 2007, 208 Seiten, Preis: 15,90 Euro.

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