Offene Aussprache hilft

Erfülltes Liebesleben trotz Krebs

Krebs kann weitreichende Konsequenzen auch für die Erotik und Intimität der Betroffenen haben. Das Thema mit dem Partner offen anzusprechen, kann für beide Seiten eine große Entlastung sein.

Glückliches älteres Paar im Portrait
Offen miteinander reden, das ist wohl das A und O in einer solchen Situtation.
(c) Stockbyte

Eine Krebserkrankung hat neben den unmittelbaren Auswirkungen auf die Gesundheit oft auch weitreichende Konsequenzen hinsichtlich der Sexualität der Betroffenen. Aus vielerlei Gründen können das sexuelle Erleben und Verhalten bei Krebs beeinträchtigt sein. So treten beispielsweise Störungen des sexuellen Verlangens sehr häufig als Begleiterscheinung von Krebs und seiner Behandlung auf: In Beobachtungsstudien bei Patientinnen etwa, die an Eierstockkrebs erkrankt waren, bei der Hälfte bis einem Drittel der Teilnehmerinnen. Doch längst nicht nur Patienten mit Krebserkrankungen der Sexualorgane sind betroffen.

Was heißt „Störung des sexuellen Verlangens“?

Erotik und sexuelles Lustempfinden sind individuell sehr verschieden und wird auf unterschiedliche Weise geäußert. Dennoch gibt es Kriterien für Störungen des sexuellen Verlangens, insbesondere dann, wenn sie sich zum Beispiel im Zusammenhang mit einer schweren körperlichen Erkrankung wie Krebs einstellen: der Mangel oder das Fehlen von Lust auf Sexualität, Fantasien und sexuellem Verlangen. Betroffene verspüren wenig Lust auf Sex, übernehmen in der Partnerschaft nur selten die Initiative und sind nicht enttäuscht darüber, wenn keine sexuellen Aktivitäten stattfinden. Die Lustlosigkeit kann sich bis zur Aversion steigern, bei der sexuellen Annäherungen des Partners nur noch widerwillig begegnet wird. Die Gründe müssen nicht in einer gestörten Partnerschaftsbeziehung liegen – die sexuelle Unlust kann aber die Partnerschaft erheblich belasten und auf Dauer sogar entzweien.

Verringertes Verlangen

Die möglichen Gründe für verringertes Verlangen im Zusammenhang mit Krebs sind vielfältig.

Veränderung des Körperbildes: So führen beispielsweise bestimmte Therapien wie die Brustentfernung bei Brustkrebs, die operative Anlage eines künstlichen Darmausgangs bei Darmkrebs oder der Haarausfall als Folge einer Chemotherapie zu einer Veränderung des Körperbildes. Die Betroffenen werden dadurch nicht selten in ihrem bisherigen Selbstverständnis erschüttert und müssen ihre Sicherheit im Umgang mit dem eigenen Körper ebenso wie im Umgang mit anderen Menschen zurückerobern. Gelingt ihnen dies nicht, droht oft der körperliche und damit auch sexuelle Rückzug, was mit einem Verlust der Lust auf Sexualität einhergeht. Dabei reichen mitunter auch schon kleine, für Außenstehende kaum sichtbare körperliche Veränderungen durch den Krebs aus, einen entsprechenden Leidensdruck verbunden mit Rückzugsverhalten auszulösen.

Hormonelle Veränderungen: Daneben können die Therapien gegen Krebs das Verlangen nach Sexualität unmittelbar beeinflussen. So führt beispielsweise eine Chemotherapie, insbesondere eine Hochdosischemotherapie, nicht selten zu Einschränkungen des sexuellen Erlebens und Verlangens, etwa aufgrund eines starken Abfalls des Testosteronspiegels im Blut. Hinzu kommen Müdigkeitserscheinungen und Antriebsstörungen. Eine Antihormontherapie gegen Brustkrebs, bei der die Bildung weiblicher Sexualhormone unterdrückt wird, oder auch die Entfernung der Eierstöcke bei Eierstockkrebs leitet die Wechseljahre vorzeitig ein, wodurch es neben Hitzewallungen und Schlafstörungen auch zur Abnahme des sexuellen Verlangens kommt.

Chronische Erschöpfung (Fatigue): Auch Fatigue, eine häufige Folge von Krebserkrankungen und ihren Therapien, kann die sexuelle Lust mindern. Sie geht mit anhaltender Erschöpfung, Müdigkeit und Antriebslosigkeit einher und ist auch durch angemessene Ruhepausen und Schlaf kaum zu verbessern.

Psychische Störungen:  Krebs und die Therapie sind für die Betroffenen und ihre Angehörigen auch eine Zeit großer emotionaler Belastung, die zu psychischen Störungen führen kann. Ein Fünftel bis ein Drittel aller Krebspatienten erlebt Schätzungen zufolge Zustände von Angst, Depression oder entwickelt unterschiedlich schwer verlaufende Belastungsreaktionen. Auch sie können Ursache für eine verminderte Lust auf Sexualität sein.

Anpassungsstörungen: Experten vermuten, dass sogenannte Anpassungsstörungen das Ausleben und Erleben von Sexualität beeinträchtigen können. Als Anpassungsstörungen werden beispielsweise die Vermeidung bestimmter Aktivitäten infolge von Angst vor einem Krankheitsrückfall („Ich muss mich schonen“) und eine übermäßige Selbstbeobachtung des Körpers verstanden.

Auch der Partner kann verunsichert sein

Nicht nur der Krebskranke selbst, sondern auch der Partner kann durch den Krebs und seine Folgen in Hinblick auf Sexualität verunsichert sein, etwa darüber, wie weit der Erkrankte geschont werden sollte, ob ihm bestimmte Berührungen Schmerzen bereiten oder ihn gar verletzen könnten oder ob er überhaupt berührt werden möchte. So mancher traut sich jedoch aus Rücksichtnahme oder Scham nicht, die entscheidenden Fragen offen zu stellen.

Probleme ansprechen

Eine gestörte Sexualität kann für die Partnerschaft schnell zur Belastungsprobe werden. Die Probleme zu verschweigen, sei es aus Scham oder Angst, verstärkt oft den gegenseitigen Rückzug. Oft kann schon ein Gespräch, in dem beide Seiten ihre Ängste und Sorgen vor dem Krebs und seinen Auswirkungen, aber auch ihre gegenseitige Wertschätzung zum Ausdruck bringen, die Partner einander wieder annähern. Ein wertvoller Ratgeber in dieser Situation kann auch der Arzt sein. Er kann zum Beispiel Tipps für den Umgang mit der Problematik oder für weiterführende Hilfsangebote wie eine Paarberatung geben. Patienten mit Krebs sollten sich deshalb nicht scheuen, im Gespräch mit ihrem Arzt Schwierigkeiten in puncto Sexualität zu thematisieren und ihn um Unterstützung zu bitten.

Autor:
Letzte Aktualisierung: 20. November 2010
Quellen: Zettl, S.: Schweigen überwinden. Sexualberatung in der Onkologie. In: Im Focus Onkologie 10, (2010), S. 62-67 Haselbacher, G.: Sexualität nach Krebserkrankungen. Darf ich überhaupt noch Lust haben? In: Der Hausarzt 14, (2004), S. 63-64

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