Ein Überblick

Zielgerichtete Therapien

Neben den klassischen Säulen Operation, Strahlen-, Chemo- und Hormontherapie gewinnen bei der Behandlung von Krebs die sogenannten zielgerichteten Therapien zunehmend an Bedeutung.

Unser Expertenteam
Zielgerichtete Therapien: Erfolgreicher bei fortgeschrittenem Stadium.
© iStock.com/gilaxia

Warum zielgerichtete Therapien?

Die klassischen Verfahren bei der Behandlung von Krebs Operation, Strahlen-, Chemo- und Hormontherapie sind zwar in vielen Fällen wirksam, bleiben aber insbesondere bei fortgeschrittenen Erkrankungen in ihren Möglichkeiten eingeschränkt. So wirken die Operation und Strahlentherapie nur lokal, also unmittelbar am Ort des Tumors. Durch die systemisch wirkende Chemo- und Hormontherapie lassen sich gestreute Krebszellen zwar bekämpfen, beide Therapien haben jedoch erhebliche Auswirkungen auf gesundes Gewebe und können deshalb wie die Strahlentherapie auch zu teilweise schweren und langwierigen Nebenwirkungen führen.

Das Interesse der medizinischen Krebsforschung richtet sich deshalb zunehmend auf die Entwicklung von Therapien, die spezifisch gegen den Krebs wirken. Gemeint sind sogenannte zielgerichtete Therapien („targeted therapies“). Sie zielen auf Eigenschaften von Krebszellen, die gesunde Zellen nur wenig oder gar nicht betreffen. Auf diese Weise können Nebenwirkungen deutlich reduziert werden.

Welche Prinzipien kommen zur Anwendung?

Grundsätzlich sind zielgerichtete Therapien darauf ausgerichtet, die Teilung und das Wachstum von Krebszellen zu verhindern. Dabei kommen verschiedene Prinzipien zur Anwendung:

Unterdrückung der Signalübertragung

Krebszellen teilen und vermehren sich nur dann, wenn sie aus der Umgebung bestimmte Signale erhalten und diese Signale in das Innere der Zellen geleitet werden. Ein Angriffspunkt der zielgerichteten Therapien ist deshalb die Störung der Signalübertragungswege an und in den Krebszellen. Beispiele für entsprechende Wirkstoffe sind Tyrosinkinasehemmer und Antikörper.

  • Tyrosinkinasehemmer: Tyrosinkinasehemmer können nur dann auf die Krebszelle wirken, wenn diese den sogenannten „epidermalen Wachstumsfaktor-Rezeptor“ EGFR ausbilden. Hierbei handelt es sich um eine Bindungsstelle für den Wachstumsfaktor EGF, der, wenn er an der Zelle andockt, ihr Wachstum fördert. Binden sich statt EGF Tyrosinkinasehemmer an den Rezeptor, werden die Wachstumssignale nicht mehr weiter an die Krebszelle geleitet und deren Wachstum bleibt aus. Tumoren, die verstärkt den EGF-Rezeptor ausbilden, sodass Tyrosinkinasehemmer wirken können, sind z.B. nicht-kleinzelliger Lungenkrebs (Tyrosinkinasehemmer Erlotinib) oder Brustkrebs (Tyrosinkinasehemmer Lapatinib).
  • Antikörpertherapie mit monoklonalen Antikörpern: Auch monoklonale Antikörper können die Signalübertragung zwischen oder innerhalb von Krebszellen stören. Hierbei handelt es sich um Eiweißstoffe, die sich gezielt an eine bestimmte Struktur der Krebszellen binden können. Trastuzumab beispielsweise richtet sich gegen das HER-2/neu Eiweiß, das in einem Viertel aller Brustkrebsfälle vermehrt vorkommt. Unterbindet Trastuzumab das Andocken von Wachstumsfaktoren an HER-2/neu, bleibt weiteres Zellwachstum aus. Cetuximab ist ein Antikörper, der sich gegen Bindungsstellen des sogenannten epidermalen Wachstumsfaktors EGF richtet. Bei Tumoren im Kopf-Halsbereich etwa kommen diese Bindungsstellen oft vermehrt vor.

Dem Tumor Nährstoffe entziehen

Tumorzellen benötigen wie gesunde Körperzellen auch Sauerstoff und Nährstoffe, damit sie wachsen und sich teilen können. Da die im normalen Gewebe vorhandenen Blutgefäße nicht ausreichen, um die Tumorversorgung zu gewährleisten, regen Krebszellen die Bildung neuer Blutgefäße bzw. das Wachsen vorhandener Blutgefäße zum Tumorgewebe hin an. Wirkstoffe, die diesen Prozess der sogenannten Angiogenese unterbinden können (Angiogenesehemmer), sorgen für eine mangelhafte Durchblutung und damit Unterversorgung des Tumors mit Sauerstoff und Nährstoffen. Beispiele sind der monoklonale Antikörper Bevacizumab, der die Wirkung des Blutgefäß-Wachstumsfaktors VEGF (vascular endothelial growth factor) hemmt und beispielsweise bei Darmkrebs eingesetzt wird, sowie der Tyrosinkinasehemmer Sunitinib, der bei Nierenkrebs Anwendung findet.

Das körpereigene Immunsystem aktivieren

Monoklonale Antikörper können sich an bestimmte Strukturen auf Krebszellen binden und dadurch das körpereigene Immunsystem aktivieren. Die Immunzellen erkennen die Krebszellen dann als krank und bekämpfen sie. Ein Beispiel für einen auf diese Weise gegen Tumorzellen wirkenden Antikörper ist Rituximab, der bei chronisch-lymphatischer Leukämie eingesetzt wird.

Für wen kommen zielgerichtete Therapien infrage?

Grundsätzlich können zielgerichtete Therapien nur dann ihre Wirkung entfalten, wenn die jeweilige Zielstruktur im Tumorgewebe auch tatsächlich vorhanden ist. Aus diesem Grund werden bei vielen Krebsarten, bei denen zielgerichtete Therapien infrage kommen könnten, umfangreiche molekulare Untersuchungen des Tumorgewebes vorgenommen. Anhand der Ergebnisse dieser Tests kann dann eine individuelle Strategie mit zielgerichteten Therapien festgelegt werden. Bei vielen Krebsarten sind zielgerichtete Therapien zudem bislang nur in fortgeschrittenen Stadien zugelassen. Die Forschungsbemühungen richten sich allerdings zunehmend darauf, auch entsprechende Therapien für Tumoren in früheren Stadien zu entwickeln, bei denen beispielsweise ein hohes Rückfallrisiko besteht.

Nebenwirkungen der zielgerichteten Therapien

Da auch gesunde Zellen in gewissem Umfang die von den zielgerichteten Therapien anvisierten Zielstrukturen ausbilden, kann die Behandlung Nebenwirkungen verursachen. Teilweise sind diese Nebenwirkungen sogar „erwünscht“, da sie Ausdruck für ein besseres Ansprechen der Therapie sind (z.B. Hautausschlag bei Erlotinib). Die Art und der Umfang der Nebenwirkungen sind bei den jeweiligen Wirkstoffen unterschiedlich.

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