Antibiotikaresistente Keime

Gefährlich: Masse statt Klasse bei Geflügel

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Mit Antibiotika-resistenten Keimen belastetes Hähnchenfleisch ist laut Bundesinstitut für Risikobewertung "nichts Neues".
Getty Images/iStockphoto

Unappetitliches hat der BUND den Verbrauchern zu Jahresbeginn aufgetischt: Hähnchenfleisch aus deutschen Supermärkten sei zu großen Teilen mit antibiotikaresistenten Keimen belastet, meldete die Organisation. "Nichts Neues", winkt man im Bundesinstitut für Risikobewertung ab. Welche Konsequenzen ergeben sich für Verbraucher?

"Jede zweite Hähnchenfleisch-Probe aus deutschen Supermärkten ist mit antibiotikaresistenten Keimen belastet", schloss Hubert Weger, Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz in Deutschland (BUND) aus einer Stichprobenuntersuchung seines Verbandes. Der BUND hatte im Dezember 2011 in Berlin, Hamburg, Köln, Nürnberg und der Region Stuttgart die Geflügelfleischproben für die Analyse in einem Fachlabor gekauft. Laut Angaben des BUND waren zehn der Proben mit ESBL-produzierenden Keimen belastet, zwei mit MRSA-Erregern.

ESBL steht für "Extended Spectrum Beta-Lactamase". Das sind  keine Keime, wie oft fälschlicherweise behauptet wird, sondern Enzyme. Sie werden von genetisch veränderten Darmbakterien gebildet und können bestimmte Antibiotika unwirksam machen. Sie können insbesondere Menschen mit einem geschwächten Immunsystem gefährlich werden.

MRSA ist die Abkürzung für Methicillin resistentes Staphylococcus aureus. Das Staphylococcus aureus siedelt sich beim Menschen bevorzugt an der Schleimhaut des Nasenvorhofs an und macht in der Regel bei Gesunden keine Probleme. Nur bei Menschen mit (Operations-)Wunden oder geschwächtem Immunsystem kann es zu schweren Infektionen kommen. Handelt es sich um MRSA, ist das Antibiotikum Methicillin und weitere Antibiotika wirkungslos; das kann die Infektion lebensgefährlich machen.

Gefahr für Menschen mit schwachem Immunsystem

Die vom BUND festgestellte Belastung des Hähnchenfleisches ist also für bestimmte Personenkreise, zum Beispiel ältere und chronisch Menschen, deren Immunsystem angegriffen ist, durchaus ernst zu nehmen. Das Problem ist allerdings bekannt: "Der Fund von derartigen resistenten Keimen auf Hähnchenfleisch ist keine neue Erkenntnis", bestätigt Prof. Dr. Dr. Andreas Hensel. Der Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) verweist auf das Zoonose-Monitoring seines Instituts 2009, bei dem auf Fleischproben verschiedener Nutztierarten resistente Keime nachgewiesen worden waren. Am meisten betroffen war dabei Putenfleisch mit 42,2 Prozent, gefolgt von Hähnchenfleisch (22,3 Prozent), Schweinefleisch (15,8 Prozent) und Kalbfleisch (12,9 Prozent).

Für die resistenten Keime auf dem Fleisch wird der breite Einsatz von Antibiotika in Mastbetrieben, allen voran in der Geflügelmast verantwortlich gemacht - ein Vorwurf, den der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) vehement zurückweist. Nicht der Geflügelhalter, sondern der betreuende Tierarzt verordne Antibiotika, und dies nur im konkreten Krankheitsfall, heißt es in einer Stellungnahme des ZDG zu den vom BUND nachgewiesenen belasteten Hähnchenfleischproben. Ohnehin sage das bloße Vorkommen antibiotikaresistenter Keime auf Geflügelfleisch "rein gar nichts" über die gesundheitliche Gefährdung für den Verbraucher aus, versuchte ZDG-Geschäftsführer Dr. Thomas Janning zu beschwichtigen. So seien die meisten ESBL-produzierenden Bakterien harmlose Keime, die keine Erkrankungen verursachen, erklärte Janning und berief sich dabei auf Einschätzungen des BfR.

BfR geht von ESBL-Gefahr aus Tierställen aus

Das liest sich allerdings ein wenig anders in einer Stellungnahme des BfR vom 10. Januar: "Wie bedeutend der Beitrag der Infektionsquellen Lebensmittel, Nutz- und Haustiere sowie der Bereich Nutztierbestände in der Landwirtschaft für die ESBL-Problematik bei Erkrankungen des Menschen ist, lässt sich aus den bisher vorliegenden Daten nicht abschätzen", heißt es dort. Und weiter: "Aus den vorliegenden molekularbiologischen Erkenntnissen ist aber bereits jetzt abzuleiten, dass ein Gesundheitsrisiko für den Menschen von ESBL-bildenden Bakterien aus der Tierhaltung besteht." Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) in einer Veröffentlichung vom August 2011: Der Einsatz von Antibiotika bei Tieren, die zur Lebensmittelerzeugung genutzt werden, stelle einen Risikofaktor in Bezug auf die Ausbreitung von ESBL-produzierenden Bakterienstämmen dar, teilt die Behörde ihre Einschätzung mit und empfiehlt  mit Blick auf die gesundheitlichen Risiken, die von Resistenzenbildungen ausgehen, "eine Verringerung der Gesamtverwendung von Antibiotika bei zur Lebensmittelerzeugung genutzten Tiere in der Europäischen Union".

Dass Antibiotika in der Geflügelmast entgegen den Behauptungen des ZDG durchaus auch vorbeugend zum Einsatz kommen, legt eine Ende 2011 veröffentlichte, vom Verbraucherschutzministerium Nordrhein-Westfalen beim Landesamt für Verbraucherschutz in Auftrag gegebene Untersuchung nahe. Im Rahmen der Untersuchung waren die Stallbücher von 182 Hähnchenmastbetrieben im ersten Halbjahr 2011 geprüft und die Daten von annähernd 1.000 Mastdurchgängen vom Schlüpfen des Kükens bis zur Schlachtung analysiert worden. Die Studie ergab, dass bei 83 Prozent der Mastdurchgänge Antibiotika eingesetzt worden waren; teilweise hatten die Masthühner in ihrem 35 Tage kurzen Leben bis zu acht verschiedene Präparate verabreicht bekommen. Das lege den Verdacht nahe, so das Landesamt für Verbraucherschutz, dass die Medikamente auch als Wachstumsförderer eingesetzt würden.

Kleinbetriebe weniger betroffen

Die Studie zeigte auch, dass in Kleinbetrieben und bei einer längeren Mastdauer von mehr als 45 Tagen der Antibiotika-Einsatz geringer ausfiel. Ein Grund ist sicher, dass bei geringerer Besatzdichte der Infektionsdruck nicht so hoch ist. Also nur noch Geflügelfleisch aus Klein- oder Biobetrieben?

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Geringere Besatzdichte und Außenauslauf sind für "Bio-Hühner" vorgeschrieben.
Getty Images/BananaStock RF

Auch bei Biofleisch ließen sich die Krankheitserreger nicht zu 100 Prozent vermeiden, erklärt Sabine Klein von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. "Das liegt daran, dass diese Krankheitserreger weit verbreitet in der Umwelt sind, so dass es im Einzelfall sogar vorkommen kann, dass solche resistenten Keime auch bei Fleisch aus Betrieben vorkommen, die gar keine Antibiotika eingesetzt haben", erläutert die Ernährungswissenschaftlerin.

Klein rät Verbrauchern dennoch zu Biofleisch oder Fleisch von Anbietern, die nur geringfügig Medikamente einsetzen und die Hähnchen artgerechter halten, zum Beispiel mit Außenauslauf. Für die Produktion von Biofleisch ist beispielsweise Zugang zu einem Auslauf im Freien und eine verlängerte Mastdauer vorgeschrieben. Zwar dürften auch Biolandwirte Antibiotika als letztes Mittel einsetzen, wenn nichts anderes mehr wirkt, räumt Klein ein. Bekommen Biohähnchen wegen einer erneuten Krankheit zum zweiten Mal in ihrem Leben Antibiotika, dürfe das Fleisch aber nicht mehr als Biofleisch vermarktet werden. Durch den Kauf von Biofleisch könne man daher dazu beitragen, dass weniger Antibiotika eingesetzt werden in der Tierhaltung, schlussfolgert Klein. Das wiederum verhindere, dass sich in großem Maße Keime entwickeln, die unempfindlich gegenüber Antibiotika sind. In der konventionellen Tierhaltung sei der Antibiotikaeinsatz dagegen sehr häufig. Die Verbraucherschützerin wies auch darauf hin, dass Begriffe wie "aus tiergerechter Haltung"  im Gegensatz zu Biosiegeln nicht geschützt sind und entsprechende Aufdrucke oft nicht halten, was sie versprechen.

Gesetz soll Antiobiotika-Einsatz in der Tiermast reduzieren

Für weniger multiresistente Keime will Ilse Aigner (CSU),  Bundesministerin für gesunde Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, künftig auch bei Fleisch aus konventioneller Tierhaltung sorgen. Angesichts der wiederholten Meldungen über keimbelastetes Fleisch hat die Ministerin angekündigt, einen Gesetzentwurf vorzulegen, der die umstrittene Anwendung von Antibiotika in Mastbetrieben auf ein Minimum beschränken sowie Kontrollen verbessern soll. Eine Maßnahme, die laut BUND nicht ausreichen dürfte, um das Problem wirklich in den Griff zu bekommen. Eine immer größere Zahl von Nutztieren auf zu wenig Platz zu halten, sei nur unter Einsatz großer Mengen Antibiotika möglich, erklärte BUND-Agrarexpertin Reinhild Benning.

"Bundesagrarministerin Ilse Aigner muss handeln. Die industrielle Tierhaltung muss endlich zurückgedrängt werden", fordert sie. Das sieht man beim Deutschen Tierschutzbund ähnlich. Dessen Präsident Thomas Schröder begrüßte ausdrücklich die Ankündigung von Ministerin Aiigner. "Aber wenn sie sich nur auf Gesetze zur Begrenzung der Medikamentenbeigaben konzentriert, dann ignoriert sie die eigentliche Ursache", erkläre er. Ein grundlegender Systemwechsel in der Tierhaltung hin zu kleineren Beständen mit geringerer Besatzdichte und tiergerechter Ausgestaltung sei nötig. "Wer den Mut nicht hat, der doktert an Symptomen herum und riskiert auf Dauer weiteres Tierleid und erhebliche Gesundheitsgefahren für den Menschen."

Hygiene beim Umgang mit Fleisch schützt vor Infektion

Ob Fleisch mit Biosiegel oder nicht, Verbraucher tun in jedem Fall gut daran, Hygieneregeln bei der Zubereitung von rohem Fleisch einzuhalten, um sich vor einer möglichen Infektion zu schützen. So darf rohes Fleisch beziehungsweise Fleischsaft nicht mit anderen Lebensmitteln oder Gegenständen in Berührung kommen, die für das Zubereiten weiterer Speisen benützt werden. Das Brettchen etwa, auf dem rohes Geflügelfleisch geschnitten wurde, und das verwendete Messer dürfen beispielsweise nicht zum Schneiden der Salatgurke genommen werden, ohne vorher gründlich gereinigt worden zu sein. Nach dem Zubereiten von rohem Fleisch sollte gründliches Waschen der Hände selbstverständlich sein, bevor andere Lebensmittel angefasst werden. Wichtig ist auch, Geflügelfleisch immer durchzugaren. Durchgegart ist Hähnchen- und Putenfleisch dann, wenn der austretende Fleischsaft klar und nicht mehr rot ist.

Nach Auskunft des Robert-Koch-Instituts (RKI) kann eine Infektion mit multiresistenten Keimen nicht nur über die Nahrungsaufnahme erfolgen, sondern auch bei der Zubereitung von keimbelastetem Fleisch beispielsweise über Schnittverletzungen oder andere kleine Wunden an den Händen. Im schlimmsten Fall könnten über diese kleinen Wunden Keime in die Haut eindringen und tiefgehende Entzündungen auslösen. Wer auf Nummer sicher gehen will, dem rät das RKI daher zum Gebrauch von Einweg-Handschuhen bei der Geflügelfleisch-Zubereitung. Besondere Vorsicht ist bei aufgetautem Tiefkühlgeflügel geboten: So wurden Mitte vergangenen Jahres bei Laboruntersuchungen MRSA-Keime im Auftauwasser von gefrorenem Hähnchenfleisch nachgewiesen.

Autor: Ruth Sharp / lifeline Redaktion
Letzte Aktualisierung: 31. Januar 2012
Quellen: dpa; BUND-Information vom 09.01.2012: "Hähnchenfleisch in Supermärkten mit antibiotikaresistenten Krankheitskeimen belastet"; MRSA-net (http://www.mrsa-net.org/DE/faq.html#1); Mitteilung des BfR vom 10.01.2012: "Antibiotikaresistente Keine auf Hähnchenfleisch sind nichts Neues"; NDR-Beitrag "Antibiotika für Hühner: Masthilfe oder Medizin?", Stand 28.10.2011

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