Traurig oder depressiv?

Traurigkeit – wann eine Depression dahinter steckt

Traurig ist jeder einmal. Meist gelingt es, das trübe Gefühl mit positiven Erlebnissen zu verscheuchen und die Grundstimmung wieder zu verbessern. Was aber, wenn das nicht klappt und die Traurigkeit bleibt? Sind wir dann schon depressiv?

Traurigkeit Mann sieht traurig aus dem Fenster
Wenn Traurigkeit ohne einen bestimmten Anlass immer wieder auftritt, kann das Ausdruck einer Depression sein.
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Traurigkeit ist wie Freude, Angst oder Wut ein normales Gefühl, das jeder Mensch kennt. Hin und wieder macht es sich im Alltag bemerkbar. Eine traurige Stimmung entsteht meist, wenn ein Mensch ein negatives, schlimmes Erlebnis hat. Zum Beispiel einen Todesfall oder Verlust im näheren sozialen Umfeld sowie private oder berufliche Misserfolge. Auch hormonelle Schwankungen, wie etwa im Rahmen des weiblichen Zyklus, können eine negative Grundstimmung fördern. Typisch für die "normale" Niedergeschlagenheit ist, dass das Gefühl nur vorübergehend besteht und es mit der Zeit wieder nachlässt. Ein gutes Gespräch zum Beispiel mit Freunden oder Verwandten lenkt möglicherweise ab und sorgt dafür, dass Ihre Stimmung wieder heiterer wird.

Chronische Krankheiten können Depression auslösen

Daneben können schwerwiegende chronische Krankheiten, etwa Krebs, Multiple Sklerose oder ein Schlaganfall, eine anhaltende Traurigkeit, Niedergeschlagenheit und sogar eine Depression auslösen. Sie bedeuten meist einen tiefen Einschnitt in das Leben, nach dem nichts mehr so ist, wie es zuvor war. Falls Sie unter einer andauernden, lähmenden, traurigen Stimmung leiden, suchen Sie am besten rechtzeitig den Arzt Ihres Vertrauens auf – möglichst, bevor eine depressive Störung Ihren Alltag und Ihre Lebensqualität zu stark beeinträchtigt. Depressionen sind heute gut mit Medikamenten und anderen Therapien behandelbar.

Traurigkeit: Symptome, die auf eine Depression hindeuten

Ein typisches Anzeichen für eine Depression ist es, wenn die Traurigkeit über längere Zeit bestehen bleibt oder immer wieder ohne einen Anlass in bestimmten Abständen auftritt. Meist fühlen Sie sich dann nicht nur tieftraurig, sondern verlieren auch das Interesse an Dingen, die Ihnen früher Spaß gemacht haben. Sie sind antriebslos, müde und ohne Energie. Diese negative Grundstimmung lässt sich auch nicht durch positive Einflüsse oder Tätigkeiten mildern oder vertreiben.

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Menschen mit Depressionen leiden zudem unter Konzentrationsstörungen, gesteigertem Schlafbedürfnis, vermindertem Selbstwertgefühl, Schuldgefühlen, Zukunftsängsten oder Schlaf- und Essstörungen. Mediziner unterscheiden zwischen leichten, mittelschweren und schweren depressiven Störungen. Manchmal leiden Betroffene auch unter körperlichen Beschwerden, für die Ärzte keine körperliche Ursache finden.

Die Ursachen von Traurigkeit sind vielfältig

Eine vorübergehende Traurigkeit ist normal und hat in der Regel keinen Krankheitswert. Sie kann viele Ursachen haben. Die meisten Menschen reagieren auf negative Ereignisse mit dem Gefühl von Traurigkeit.

Beispiele sind:

  • Trennung vom Partner
  • Auszug der Kinder
  • Tod einer nahestehenden Person
  • Jobverlust
  • Umzug an einen anderen Wohnort und Verlust des sozialen Umfelds
  • Verlust von Freunden
  • Konflikte und Streit in Beruf und Familie
  • Mangelnde soziale und berufliche Anerkennung

Ursachen einer Depression

Selten gibt es einen konkreten Auslöser oder eine unmittelbare Ursache für eine Depression. Meist spielen mehrere Faktoren und Einflüsse zusammen. Manchmal gelingt es Ärzten auch gar nicht, die Ursachen für die langanhaltende traurige Stimmung aufzuspüren. Einige Risikofaktoren begünstigen jedoch die Entwicklung einer Depression. Dazu zählen unter anderem:

  • Psychosoziale und persönliche Faktoren: schwere Schicksalsschläge, traumatische Erfahrungen in der Kindheit (Missbrauch, Vernachlässigung), ungünstige Lebenssituationen

  • Neurobiologische Faktoren: Ungleichgewicht bestimmter Botenstoffe im Gehirn, genetische Faktoren (Vererbung)

  • Anhaltender beruflicher oder privater Stress, chronische Überlastung

  • Alkohol- und Medikamentenmissbrauch

  • Drogenkonsum

  • Einnahme bestimmter Medikamente: Betablocker, hormonelle Verhütungsmittel (Pille), Beruhigungs- und Schlafmittel

    • Zum Ratgeber Wechseljahre

      Die Wechseljahre sind eine Phase des Umbruchs. Doch wie kündigen sich die Wechseljahre  eigentlich an? Welche Beschwerden können auftreten? Und was kann helfen? Hier erfahren Sie alles rund um die Menopause.

    Hormonelle Veränderungen, die mit einer veränderten Lebenssituation verknüpft sind, zum Beispiel: Schwangerschaft (Schwangerschaftsdepression), Geburt (nachgeburtliche beziehungsweise postnatale oder postpartale Depression), Wechseljahre (Wechseljahresdepression), zyklusbedingte hormonelle Veränderungen (Verstimmungen/Depressionen durch das prämenstruelle Syndrom, PMS, oder die prämenstruelle dysphorische Störung, PMDS)

  • Jahreszeitlich bedingte Verstimmungen/Depressionen aufgrund des Lichtmangels (Winterdepression, Saisonale Affektive Störung, SAD)

Traurigkeit und Depression durch schwere Krankheiten

Daneben gelten schwere Krankheiten, die dauerhaft und tief ins Leben der Betroffenen einschneiden, als Ursache von Traurigkeit oder sogar einer depressiven Störung. Bekannt ist, dass Patienten mit folgenden Erkrankungen ein erhöhtes Risiko für eine Depression haben:

Grundsätzlich kann jeder Mensch an einer depressiven Störung erkranken. In manchen Familien kommt diese Krankheit aber gehäuft vor. Ärzte gehen davon aus, dass auch die Gene und Vererbung eine Rolle spielen.

Tipps gegen Depressionen

Traurigkeit: Die Diagnose kann nur ein Arzt stellen!

Suchen Sie immer einen Arzt auf, wenn Sie grundlos über einen Zeitraum von mehreren Wochen traurig sind und sich das Gefühl nicht durch positive Erlebnisse und aus eigener Kraft bessert. Nur ein Arzt kann feststellen, welche Ursachen der Traurigkeit zugrunde liegen, ob das Gefühl eine normale Reaktion auf belastende Ereignisse ist oder ob Sie unter einer behandlungsbedürftigen Depression leiden.

Diagnose "Depression": Das fragt der Arzt im Gespräch

Das Arzt-Patienten-Gespräch, bei dem der Arzt Ihnen einige Fragen zu Ihren Beschwerden und Ihrer Krankengeschichte stellen wird (Anamnese), ist das wichtigste Instrument, um einer Depression auf die Spur zu kommen. Auch Ihre Antworten liefern bereits Hinweise auf die Ursachen und den Schweregrad der depressiven Störungen. Ärzte nutzen oft standardisierte Fragebögen, um alle Aussagen möglichst gründlich zu erfassen.

Folgende Fragen könnte Ihnen Ihr Arzt stellen:

  • Seit wann besteht das Gefühl der Traurigkeit?

  • Können Sie einen Auslöser benennen, zum Beispiel Konflikte, Trennung oder Jobverlust?

  • Wie intensiv ist die Traurigkeit?

  • Sind Sie permanent oder nur in bestimmten Situationen traurig?

  • Wie verlief die Traurigkeit in den letzten Wochen: Hat sie sich gebessert oder verschlechtert?

  • Gibt es positive Erlebnisse und Tätigkeiten, welche die Traurigkeit bessern oder vertreiben?

  • Leiden Sie unter weiteren Symptomen, zum Beispiel Antriebslosigkeit, Wertlosigkeit, Interessensverlust, Niedergeschlagenheit, Müdigkeit, erhöhtem Schlafbedürfnis (auch am Tag) oder Konzentrationsstörungen? Diese Symptome deuten auf eine Depression hin.

  • Wird die Traurigkeit auch von euphorischen Phasen unterbrochen? Das ist ein Hinweis auf eine bipolare Störung (manisch-depressive Störung).

  • Gab es kürzlich oder in der Kindheit traumatische Erlebnisse?

  • Wie viel Alkohol und andere Drogen konsumieren Sie?

  • Leiden Sie unter einer schweren chronischen Krankheit, zum Beispiel Krebs, Multiple Sklerose, einer chronischen Schmerzkrankheit oder einer schweren Allergie?

  • Nehmen Sie regelmäßig Medikamente ein? Wenn ja: Welche?

  • zum Test

    Sie haben den Verdacht, an einer Depression zu leiden? Oder Sie machen sich Sorgen um einen Angehörigen? Der Selbsttest bringt mehr Klarheit.

Ist der Befund unklar oder gibt es Hinweise darauf, dass der Traurigkeit eine körperliche Ursache zugrunde liegt, folgen weitere Untersuchungen, zum Beispiel eine Blutuntersuchung und/oder Computertomographie (CT) des Gehirns.

Eine Therapie hellt das Gemüt auf

Bei "normaler" Traurigkeit und seelischen Verstimmungen hellt häufig schon ein gutes, konstruktives Gespräch mit Freunden die trübe Stimmung auf. Den meisten geht es viel besser, wenn Sie anderen mitteilen, was ihnen auf dem Herzen liegt. Hilfreich ist es auch, wenn Sie gemeinsam Lösungen für das Problem erarbeiten, welches zu der traurigen Stimmung führt. Auch sportliche Betätigung wie Schwimmen, Wandern, Joggen oder ein Besuch im Fitnessstudio sind gut fürs Gemüt und vertreiben die dunklen Wolken.  

Bei leichten depressiven Verstimmungen und Niedergeschlagenheit helfen manchmal pflanzliche Mittel. Johanniskraut besitzt zum Beispiel einen stimmungsaufhellenden Effekt. Nehmen Sie pflanzliche Mittel aber nicht auf eigene Faust ein, sondern besprechen Sie sich mit Ihrem Arzt, vor allem zur Dosierung. Auch pflanzliche Medikamente können Nebenwirkungen haben.

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Behandlung von Depressionen

Eine Depression lässt sich mit verschiedenen Maßnahmen behandeln. Wichtig für die Wahl der richtigen Therapie sind die Dauer und der Schweregrad der Erkrankung. Leichte depressive Störungen bedürfen nicht zwangsläufig einer medizinischen Behandlung. Manchmal empfehlen Ärzte ein beobachtendes Abwarten ("watchful waiting"). Sie besuchen Ihren Arzt in bestimmten Abständen und er schätzt Ihre psychische Situation immer wieder neu ein.

Folgende Behandlungen helfen:

  • Medikamente (Antidepressiva): Es gibt verschiedene Arzneien mit unterschiedlichen Wirkprinzipien, die sich auch miteinander kombinieren lassen. Antidepressiva wirken gegen die gedrückte Stimmung und werden manchmal auch vorbeugend eingesetzt, um Rückfälle zu vermeiden und Patienten dauerhaft zu stabilisieren.

  • Psychotherapeutische Maßnahmen, etwa die Verhaltenstherapie oder Psychoanalyse: Sie zielen darauf ab, dass Betroffene die Auslöser der Depression erkennen und lernen, mit der Krankheit besser umzugehen. Auch entwickeln sie mit Hilfe Ihres Therapeuten Strategien und Verhaltensweisen, mit denen sie der Erkrankung selbst besser entgegensteuern können. Meist kombinieren Ärzte Antidepressiva und Psychotherapie miteinander.

  • Sport: Regelmäßige körperliche Aktivität hat sich in verschiedenen Studien als wirkungsvolles und kostenloses Medikament erwiesen. Geeignet sind beispielsweise Ausdauersportarten an der frischen Luft. Treiben Sie am besten mehrmals wöchentlich Sport, idealerweise bei Tageslicht und Sonnenschein – beides hebt die Stimmung zusätzlich.

  • Spezielle Behandlungen: Wachtherapie (Therapie durch Schlafentzug), Elektrokrampftherapie (Anwendung von Strom zur Behandlung von schweren Depressionen), Lichttherapie.

  • Grunderkrankung behandeln: Ist eine andere Krankheit die Ursache der depressiven Störung, behandeln Ärzte zunächst diese Krankheit.

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Letzte Aktualisierung: 27. Oktober 2017
Durch:
Quellen: S3-Leitlinie/Nationale VersorgungsLeitlinie „Unipolare Depression“. Kurzfassung, Version 1.2 - August 2011, basierend auf der Fassung von November 2009 AWMF-Register. URL: http://www.versorgungsleitlinien.de/themen/depression/pdf/s3_nvl_depression_kurz.pdf (Stand: 12.12.2011); PatientenLeitlinie zur Nationalen VersorgungsLeitlinie „Unipolare Depression“. Version 1.0 vom 24.08.2011. URL: http://www.versorgungsleitlinien.de/patienten/pdf/nvl-depression-patienten.pdf (Stand: 12.12.2011); Kapfhammer, H.-P.: Depressive Störungen - Eine diagnostische und therapeutische Herausforderung auch in der Primärversorgung. In: Der Internist (2) 2007, S. :173 - 188; Wittchen, H.-U.: Vorlesung am Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Technischen Universität Dresden: „Depression I: Diagnostik und Epidemiologie depressiver Störungen“. SS 2008. URL: http://www.psychologie.tu-dresden.de/i2/klinische/studium/ss08/wittchen2%20depression-aetiologie-therapie2.pdf (Stand: 12.12.2011); MayoClinic.com: Seasonal affective disorder (SAD). 22.09.2011. URL: http://www.mayoclinic.com/health/seasonal-affective-disorder/DS00195 (Stand: 12.12.2011); Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG), https://www.gesundheitsinformation.de/depression.2125.de.html (Abruf: 21.8.2017); Neurologen und Psychiater im Netz, https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/psychiatrie-psychosomatik-psychotherapie/erkrankungen/depressionen/was-ist-eine-depression/ (Abruf: 21.8.2017); S3-Leitlinie/Nationale Versorgungsleitlinie „Unipolare Depression“, http://www.leitlinien.de/mdb/downloads/nvl/depression/archiv/depression-1aufl-vers5-kurz.pdf, Stand: 2015; Stiftung Deutsche Depressions Hilfe, https://www.deutsche-depressionshilfe.de (Abruf: 21.8.2017)

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