Soziale und kommunikative Schwäche

Autismus: Symptome, Diagnose und Therapie

Zornige Gesichtszüge nicht als solche erkennen, sich nicht in andere hineinversetzen können oder Beharren auf bestimmten Tagesabläufen: Symptome, die auf Autismus hindeuten. Autistische Störungen werden unterteilt in frühkindlichen Autismus, das Asperger-Syndrom und den atypischen Autismus. Welche Ursachen dahinter stecken, wie man Anzeichen richtig deutet und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt, lesen Sie hier.

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Kinder mit Autismus gehen Gleichaltrigen oft aus dem Weg und beschäftigen sich lieber alleine. Auch Erwachsene können von einer Autismus-Spektrum-Störung betroffen sein.
© iStock.com/tatyana_tomsickova

Albert Einstein war wahrscheinlich Asperger-Autist. Darauf deutet nicht nur sein spezielles Interesse an Astrophysik hin, sondern zudem sein Problem, emotionale Nähe zuzulassen. Auch, dass er das Sprechen erst mit etwa fünf Jahren begonnen haben soll und sensorische Besonderheiten wie der Unwille, Socken zu tragen, weisen auf Asperger-Autismus hin.

Ein weiterer hochintelligenter und berühmter – allerdings frei erfundener – Charakter aus der Serie "The Big Bang Theory" zeigt ebenfalls stark autistische Züge: Für den Physiker Sheldon Cooper sind Emotionen wie eine Fremdsprache, er hasst Veränderungen und hat große Schwierigkeiten damit, Sarkasmus und Ironie zu verstehen.

Verhältnismäßig viele Autisten haben besondere Interessen und entsprechend viel Wissen in ihrem Spezialgebiet. Doch Fähigkeiten wie von Dustin Hoffman in der Rolle des Autisten Raymond im Film "Rain Man", der hochkomplexe Rechenaufgaben in sehr kurzer Zeit lösen kann, sind sehr selten. Man spricht hier von Inselbegabungen oder dem Savant-Syndrom.

Autismus-Störungen zählen zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen, die Betroffene in vielen Bereichen ihres Lebens einschränken. Der Begriff stammt aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie "Selbst" und beschreibt das Zurückweichen in die eigene Gedankenwelt, den sozialen Rückzug. Kennzeichnend für die Störung ist nämlich vor allem die fehlende Fähigkeit, emotionale Beziehungen aufzubauen und sich in andere hineinzuversetzen. Die Medizin unterscheidet drei verschiedene Formen des Autismus, auch Autismus-Spektrum-Störungen genannt:

  • frühkindlicher Autismus

  • Asperger-Syndrom: Im Gegensatz zum frühkindlichen Autismus ist es beim Asperger-Syndrom bis zum dritten Lebensjahr zu keinen Auffälligkeiten in der Entwicklung gekommen, auch das Sprechen wurde erlernt.

  • atypischer Autismus: Dies ist eine Restkategorie für ungewöhnliche Fälle. Betroffene sind im Gegensatz zu Asperger-Patienten oft sehr schwer beeinträchtigt unter anderem durch eine starke Intelligenzminderung. Oftmals kommen beim atypischen Autismus auch Symptome hinzu, die nicht dem Autismus, sondern ADHS oder anderen Störungen zugeordnet werden.

Auf Grundlage der meisten Studien seit dem Jahr 2000 gehen Mediziner davon aus, dass mindestens eines von 160 Kindern von einer Autismus-Spektrum-Störung betroffen ist. Dabei kommt auf zwei bis drei Jungen mit Autismus ein Mädchen. Nach neuesten Zahlen des Center for Disease Control in den USA ist sogar eines von 68 Kindern betroffen.

Anzeichen für eine autistische Störung

Je nach Form können die Symptome zwar variieren, einige Anzeichen sind jedoch typisch: Menschen mit Autismus haben nicht nur Probleme damit, angemessen auf bestimmtes Verhalten zu reagieren und Beziehungen zu Menschen aufzubauen, sondern zeigen auch häufig Verhaltensauffälligkeiten in Sprache und Kommunikation. So klingt die Aussprache oft monoton und Wortspiele wie "Sie geht gleich in die Luft" werden wörtlich verstanden.

Auch manipulative Fähigkeiten wie das sogenannte soziale Lügen sind für Menschen mit Autismus schwer möglich: "Die Ehefrau eines Autisten wird nach dem Friseurbesuch nie 'Schatz, die Frisur sieht super aus' zu hören bekommen, wenn es der Mann nicht wirklich so meint", sagt Ludger Tebartz van Elst, leitender Oberarzt in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg: "Autistische Menschen haben Probleme damit, sozial erwünscht zu agieren, sie schmieren einem die Wahrheit lupenrein aufs Butterbrot und stoßen dadurch viele Menschen vor den Kopf."

Ebenfalls typisch für eine autistische Störung ist das Bestehen auf bestimmten Ritualen. So gestalten sich Betroffene ihren Tag mit immer gleichen Routinen, stehen um dieselbe Uhrzeit auf, gehen um dieselbe Uhrzeit ins Bett und auch sonst herrschen strenge Regeln vor, die den Tag strukturieren. Auch greifen Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen häufig immer zu denselben Speisen oder Kleidungsstücken.

Weitere Symptome, die für eine Autismus-Spektrum-Störung sprechen:

  • Änderung der Lebensumstände führt zu enormem Stress, der sich häufig in Wutausbrüchen aber auch selbstverletzendem Verhalten entlädt; Sich schaukeln wirkt dann beruhigend auf viele Autisten

  • eingeschränkte Interessen und Aktivitäten

  • oftmals Spezialinteressen bis hin zu Inselbegabungen wie einem fotografischem Gedächtnis

  • selbstgenügsames und zurückgezogenes Verhalten

  • stereotype, also sich immer wiederholende Verhaltensweisen

  • Schwierigkeiten, Beziehungen zu pflegen und aufrechtzuerhalten ob in Familie, Partnerschaft oder Freundschaft

  • Zeigen von ungewöhnlichen zwischenmenschlichen Verhaltensmustern

  • Probleme damit, Emotionen anderer zu deuten, sich in andere hineinzuversetzen, fehlendes Einfühlungsvermögen

  • Gestik und Mimik von anderen werden falsch gedeutet (ein trauriger oder zorniger Gesichtsausdruck wird beispielsweise nicht als solcher erkannt und verwirrt die Betroffenen)

  • Die Sprachmelodie wir nicht richtig eingeordnet (Langeweile, Frust, Zorn kann nicht herausgehört werden); Humor und Ironie werden nicht als solche erkannt

  • Gruppengesprächen können Autisten nur schwer folgen, weshalb sie sie meiden

  • wortkarge Art, nur Sprechen, um Informationen zu geben und nicht aus Geselligkeit, oftmals sehr sachliche und monotone Art zu Reden

  • Anfälligkeit für Reizüberflutung (auch sehr leise Geräusche werden wahrgenommen, hohe Empfindlichkeit für helle und grelle Farben und starke Gerüche)

  • Schwierigkeiten in Grob- und Feinmotorik

  • Abneigung gegen unerwartete Berührungen

  • Begleiterkrankungen wie ADHS, Tourette-Syndrom oder Depressionen, Angststörungen, Zwangsstörungen oder Stottern treten gehäuft auf

Weitere Symptome bei Babies und Kindern:

  • fehlender Augenkontakt
  • kein Lächeln als Reaktion auf Gesichter
  • oftmals Intelligenzminderung
  • verzögerte Sprachentwicklung, oftmals dem Alter unangemessener Sprachstil (wirkt zum Beispiel sehr erwachsen)
  • verzögerte motorische Entwicklung
  • Kinder machen kaum Angebote, etwas zu teilen und gehen kaum auf andere zu
  • wenig Interesse an Rollenspielen oder generell gemeinsamen Spielen mit Gleichaltrigen; bevorzugt Beschäftigung alleine

Oftmals geht Autismus auch mit einem verminderten Intelligenzquotienten (IQ) einher: In der medizinischen Leitlinie gehen die Verfasser davon aus, dass etwa die Hälfte aller Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung mit einem IQ unterhalb von 70 intellektuell behindert sind.

Wie diagnostizieren Mediziner eine Autismus-Spektrum-Störung?

Der Weg zur Diagnose “Autismus-Spektrum-Störung” kann einige Zeit in Anspruch nehmen. Manche kindliche Verhaltensweisen, die an Autismus denken lassen, können von den Eltern und Betreuern im Kindergarten auch als vorübergehende Phase fehlinterpretiert werden. Oder aber die Symptome sind wenig auffällig und es kommt zu Fehldiagnosen.

Bei Verdacht auf eine Autismus-Spektrum-Störung bei Kindern und Jugendlichen sollte ein Mediziner oder Therapeut aufgesucht werden, der sich auf dem Gebiet der Persönlichkeitsstörungen auskennt wie beispielsweise ein Kinder- oder Jugendpsychiater. Dieser wird die Eltern oder andere Sorgeberechtigte nach der Entwicklung des Kindes, aktuellen Symptomen, Komplikationen in der Schwangerschaft, Bildung, Hobbys und Freundschaften, Verhaltensauffälligkeiten und Begleiterkrankungen befragen. Ebenfalls wird er das Verhalten des Kindes beobachten und testen.

Diagnose im Erwachenenalter

Bei Erwachsenen ist die Diagnose schwieriger, da die Abgrenzung zu anderen psychiatrischen Erkrankungen oft nicht einfach ist. Im Anamnesegespräch wird der Mediziner den Patienten und gegebenenfalls auch seine Angehörigen befragen. Dabei fließen Informationen über die frühkindliche Entwicklung und Jugend mit ein. Geprüft wird auch, ob andere psychiatrische Erkrankungen vorliegen.

Das Asperger-Syndrom diagnostizieren Ärzte, wenn es erst nach dem dritten Lebensjahr zu eindeutigen Auffälligkeiten der psychomotorischen Entwicklung kommt. Zeigen Kleinkinder schon vor dem dritten Lebensjahr autistische Verhaltensweisen, spricht man von frühkindlichem Autismus.

"Es ist davon auszugehen, dass viele Erwachsene an einer Autismus-Spektrum-Störung leiden, die in der Kindheit nicht erkannt wurde", schätzt Psychiater Tebartz van Elst. Häufig handelt es sich dann um hochfunktionalen Autismus – eine Form des Asperger-Syndroms mit normalem beziehungsweise auch oftmals hohem IQ. Betroffene haben sich viele Strategien angeeignet, wie sie sich an ihre Umwelt anpassen können, ohne aufzufallen. Das ständige sich Verstellen kann unter Umständen allerdings zu Depressionen und Angststörungen führen, wenn die autistische Störung nicht diagnostiziert und therapiert wird.

Sekundärer und primärer Autismus: Die Ursachen der Persönlichkeitsstörung

Es wird zwischen dem sekundären und dem primären Autismus unterschieden:

Beim sekundären oder auch symptomatischen Autismus liegt eine Erkrankung zugrunde. Beispiele wären das Rett-Syndrom, an dem nur Mädchen erkranken, oder Menschen mit Fragilem-X-Syndrom. Mit diesen Formen des Autismus geht oft ein niedriger IQ einher.

Zu weiteren Krankheiten und Risikofaktoren, die Autismus begünstigen oder auslösen können, zählen:

  • Gehirnerkrankungen
  • eine intrauterine Rötelninfektion
  • virale Infektionen
  • Epilepsie
  • Alkohol und Contergan während der Schwangerschaft

Bei primärem Autismus (auch idiopathischer Autismus genannt) kann die Ursache nicht auf eine Krankheit zurückgeführt werden. Von dieser Form sind oftmals mehrere Familienangehörige betroffen, was auf eine genetische Veranlagung schließen lässt. So kommt es zu einer Extrementwicklung bestimmter Hirnareale, die zu ungewöhnlichen Funktionsmustern des zentralen Nervensystems führt. Wahrnehmungen und emotionale Prozesse können daher nicht auf die Art und Weise verarbeitet werden, wie es bei den meisten Menschen der Fall ist. Schwere Beziehungs- und Kommunikationsprobleme sind oft die Folge. Doch auch wenn die Entstehung des autistischen Syndroms biologisch bedingt ist, hat die Umwelt großen Einfluss auf den Verlauf.

Die Behandlungsmöglichkeiten bei autistischen Störungen

Kein Mensch ist wie der andere, jeder hat andere Eigenheiten und Charakterzüge. Weicht jemand von der gesellschaftlichen Norm ab durch eine besondere Persönlichkeit, ist das noch nicht als krankhaft einzustufen. Je nachdem wie stark ausgeprägt die autistischen Züge sind, muss also nicht unbedingt behandelt werden. So kann es bei sehr milden Formen – umgangssprachlich ist dann von autistischen Zügen die Rede – der Fall sein, dass der Betroffene nicht stark beeinträchtigt ist. "Wenn Ihr Kind allerdings relevante Schwierigkeiten hat, beispielsweise Außenseiter in der Schule ist, gehänselt und ausgegrenzt wird, sollte ein Kinder- oder Jugendpsychiater aufgesucht werden", so Psychiater Ludger Tebartz van Elst.

Autismus ist als Persönlichkeitsstörung zwar nicht heilbar, jedoch kann durch eine frühzeitige Diagnose und entsprechende Förderung die Lebensqualität enorm erhöht werden, indem Sprechen und soziale Fähigkeiten wie das Reagieren auf bestimmte Gesichtsausdrücke trainiert werden. In die Verhaltenstherapie werden auch die Angehörigen einbezogen. Je nach Alter und Schweregrad der Störung können auch andere psychotherapeutische Maßnahmen und Medikamente (Psychopharmaka) eingesetzt werden.

In Kleingruppen den Umgang miteinander lernen

Studien zeigen gute Effekte einer frühen intensiven Verhaltenstherapie: So verbessern sie die kognitiven Fähigkeiten, zum Beispiel Lernen, Kreativität, Problemlösen und Aufmerksamkeit und auch sprachliche Fertigkeiten. In Kleingruppen lernen Kinder außerdem im Rahmen der Verhaltenstherapie spielerisch die soziale Interaktion mit Gleichaltrigen.

Logopädie kann in vielen Fällen hilfreich sein, um Handicaps in der Sprachentwicklung zu lindern. Um die Feinmotorik zu schulen, wird Ergotherapie eingesetzt. Gegebenenfalls ist auch Musik- oder Kunsttherapie sinnvoll.

Je nachdem, wie schwerwiegend die autistische Störung ist, können auch der Gang zur Toilette oder andere alltäglich notwendige Verhaltensweisen eingeübt werden. Da Üben und Wiederholen sehr wichtig für einen Therapieerfolg ist, sollten Eltern, Erzieher und Lehrer in die Therapie einbezogen werden. Die Frühförderung beginnt in der Regel im Alter von zirka zwei Jahren und endet mit der Einschulung. Dann sollte weitere pädagogische Förderung in der Schule greifen. 

"Schwächen in Stärken umwandeln"

Bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zeigen autismus-spezifische Gruppentherapien, sogenannte soziale Kompetenztrainings, positive Effekte: Hier wird soziale Interaktion trainiert, Alltagssituationen und das Reflektieren eigener Reaktionen erprobt. "Je weiter das Verhalten und Erleben eines Menschen von der durchschnittlichen Norm entfernt ist, desto mehr Probleme wird er in unserer Gesellschaft haben", so Tebartz van Elst: "In der Gruppentherapie lernen Betroffene, wie sie richtig mit ihren Schwächen umgehen – und wie sie sie sogar zu Stärken umwandeln können."

Dass autistische Kinder und Erwachsene große Probleme damit haben, wenn sich ihr gewohnter Tagesablauf ändert, muss auch in der Therapie berücksichtigt werden. Autismus-Therapie-Zentren haben sich auf die Bedürfnisse von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen spezialisiert. Adressen finden Sie weiter unten.

Tipps für Angehörige

Autismus kann sich auf ganz unterschiedliche Art und Weise äußern, weshalb es keine allgemeingültigen Regeln für den Umgang mit autistischen Menschen gibt. Wichtig ist vor allem, dass alle wichtigen Mitmenschen wie Verwandte, Schulkameraden, Betreuer in Schule und Kindergarten und Freunde über die Besonderheiten des Autismus informiert werden. "Wer Autisten versteht, kann richtig mit ihnen umgehen, weshalb eine frühe Diagnose sehr wichtig ist", sagt Psychiater Tebartz van Elst: "Missverständnisse aufgrund von fehlendem Wissen über das Syndrom ziehen sich sonst oftmals wie ein roter Faden durchs Leben der Betroffenen."

Je nachdem, wie sich der Autismus äußert, sollte man beispielsweise lernen, die direkte Art autistischer Menschen nicht persönlich zu nehmen. Auch ihre Abneigung gegen Berührungen sollte akzeptiert werden. In Stresssituationen beruhigen sich viele Autisten mit schaukelnden Bewegungen, sie ziehen sich dann zurück und lassen keine Nähe zu. Das heißt für die Angehörigen: sich fernhalten und dieses Bedürfnis akzeptieren, auch wenn es schwerfällt und man den Betroffenen gern in den Arm nehmen würde.

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