HWS oder LWS

Bandscheibenvorfall: Trotz heftiger Symptome nur selten Operation nötig

Bei einem Bandscheibenvorfall durchbricht der Gallertkern der Bandscheibe die umgebende Hülle und rutscht aus seiner ursprünglichen Position. Das Gewebe kann auf die Nerven drücken und Schmerzen verursachen. Oft bleibt der Bandscheibenprolaps aber auch unbemerkt. Nur in schweren Fällen ist eine Operation notwendig. Meist genügen nicht-operative Behandlungen, um die Beschwerden zu lindern. Rückenschule, Bewegung und der Abbau von Übergewicht helfen, einem Bandscheibenvorfall vorzubeugen.

Bandscheibenvorfall (Bandscheibenprolaps)
Ein Bandscheibenvorfall kann an HWS oder LWS auftreten, muss trotz manchmal heftiger Schmerzen nur in schweren Fällen operiert werden.
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Ein Bandscheibenvorfall ist eine Erkrankung der Bandscheiben, die als elastischer Puffer oder Stoßdämpfer zwischen den Wirbelkörpern der Wirbelsäule liegen. Der Gallertkern der Bandscheibe durchbricht die umgebende Faserhülle und rutscht aus seiner ursprünglichen Position. Das ausgetretene Gewebe drückt auf die Nerven und kann Schmerzen sowie Nervenstörungen verursachen. Mediziner nennen den Bandscheibenvorfall auch Bandscheibenprolaps oder Diskusprolaps (griech. diskos = Scheibe).

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Die Bandscheiben bestehen aus einem inneren Gallertkern und einem äußeren Faserring, der die Bandscheibe stabilisiert und in Form hält. Der Bandscheibenkern ist mit elastischem Gewebe gefüllt. Belastungen wie Gehen oder Stehen üben Druck auf den Gallertkern aus und pressen ihn wie ein Kissen zusammen. Die Bandscheiben federn also Stöße und Erschütterungen ab – ähnlich wie die Stoßdämpfer bei einem Auto – und schützen die Wirbelsäule vor Überlastungen. Im Liegen erholen sich die Bandscheiben wieder und nehmen Flüssigkeit aus dem umliegenden Gewebe auf. So kehren sie  zu ihrer normalen Form zurück.

Wie häufig ist ein Bandscheibenvorfall?

Etwa ein bis zwei Prozent aller Menschen erleiden  im Leben einmal Rückenschmerzen aufgrund eines Bandscheibenvorfalls. Männer sind doppelt so häufig betroffen wie Frauen. Menschen nach dem 30. Lebensjahr haben deutlich öfter Probleme mit ihren Bandscheiben. Ein Bandscheibenvorfall bei Kindern und Jugendlichen ist dagegen sehr selten.

Symptome eines Bandscheibenvorfalls

Ein Bandscheibenvorfall verursacht nicht immer Beschwerden und bleibt in vielen Fällen unbemerkt. Untersuchungen ergaben, dass 50 von 100 Untersuchten eine Bandscheibenvorwölbung (Diskusprotrusion) hatten, ohne dass der Faserring beschädigt war. Weil der Faserring dehnbar ist, zerreißt er nicht gleich, wenn sich die Bandscheibe vorwölbt. Bei etwa 20 von 100 untersuchten Patienten hatte der Bandscheibenkern die Hülle teilweise durchbrochen oder war sogar ins umliegende Gewebe gerutscht, ohne Beschwerden zu verursachen.

Erstes Anzeichen für Bandscheibenvorfall sind Rückenschmerzen

Ein Bandscheibenvorfall kann aber auch sehr unangenehm werden. Die ersten Symptome sind in der Regel starke Rückenschmerzen und Einschränkungen der Beweglichkeit. Das ausgetretene Gewebe drückt oft auf den Spinalnerv, der dem Rückenmark entspringt, sowie auf das Rückenmark. Seltener treten Gefühlsstörungen oder Lähmungserscheinungen auf – Zeichen einer Nervenschädigung. Bei diesen Symptomen müssen Sie sofort einen Arzt aufsuchen.

Besonders häufig: Bandscheibenvorfall im Lendenwirbel-Bereich

Am häufigsten tritt der Bandscheibenvorfall im Bereich der Lendenwirbelsäule auf (lumbaler Bandscheibenvorfall). Patienten verspüren Schmerzen, die akut einschießen und bis in die Beine oder Zehen ausstrahlen können. Die Schmerzen verstärken sich bei Belastung oder Druckerhöhung, etwa beim Niesen. Empfindungsstörungen in den betroffenen Bereichen und Taubheitsgefühle sind ebenfalls Anzeichen für einen Bandscheibenvorfall. Je nach Schwere kann es zu neurologischen Ausfällen und Störungen von Blase und Darm kommen. Diese äußern sich im schlimmsten Fall als Harn- oder Stuhlinkontinenz.

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Seltener betrifft ein Bandscheibenvorfall den Bereich der Halswirbelsäule. Auch hier leiden die Patienten unter Schmerzen und manchmal Lähmungserscheinungen. Die Schmerzen können auch in andere Bereiche ausstrahlen, beispielsweise in Schulter, Arm oder Nacken.

Ursache eines Bandscheibenvorfalls ist oft Altersverschleiß

Zu einem Bandscheibenvorfall kommt es durch Veränderungen des Faserrings, der die Bandscheiben umhüllt. Wird dieser Ring rissig oder durchlässig, kann Gallertgewebe aus dem Bandscheibenkern austreten. Dieses drückt auf die umliegenden Regionen und verursacht Beschwerden, zum Beispiel Schmerzen oder Gefühlsstörungen in der Extremität, die nahe des Bandscheibenvorfalls liegt.

Alter als Risikofaktor

Die Bandscheiben unterliegen einem natürlichen Alterungsprozess. Mit zunehmenden Lebensjahren verschleißen die Stoßdämpfer zwischen den Wirbelkörpern. Sie verlieren Wasser sowie ihre Elastizität und werden spröde, brüchig und rissig.

Bandscheibenvorfall durch Fehlbelastungen und falsche Haltung

Fehlbelastungen der Wirbelsäule, zum Beispiel durch das Heben schwerer Gegenstände in falscher Haltung, können einen Bandscheibenvorfall begünstigen. Aber auch dauerndes Sitzen in ungünstiger Haltung, etwa im Büro oder beim Autofahren, kann die Bandscheiben schädigen und einen Prolaps hervorrufen. Eine nicht trainierte Rückenmuskulatur ist ebenfalls ungünstig. Seltener liegen die Ursachen für einen Bandscheibenvorfall in Verletzungen der Wirbelsäule, etwa durch einen Unfall oder Sturz.

Übergewicht strapaziert die Bandscheiben

Neben der falschen Haltung beim Heben oder Sitzen ist starkes Übergewicht ein Risikofaktor für einen Bandscheibenvorfall. Übergewicht belastet die Gelenke und Knochen erheblich und fördert den Verschleiß der Bandscheiben.

Diagnose des Bandscheibenvorfalls: So geht der Arzt vor

Bei der Diagnose eines Bandscheibenprolapses wird Ihr Arzt Sie  zunächst ausführlich zu Beschwerden, Ihrer Krankengeschichte oder der beruflichen Tätigkeit befragen (Anamnese). Eine körperliche Untersuchung hilft, den Ort und die Intensität der Rückenschmerzen besser einzugrenzen.

Bildgebende Verfahren sind nur selten nötig

Eine Röntgenuntersuchung eignet sich wenig zur Diagnose eines Bandscheibenvorfalls, weil sie nur knöcherne Strukturen abbilden kann. Die Computertomographie und Magnetresonanztomographie (MRT = Kernspintomographie) können dagegen weiche Strukturen wie Bandscheiben- oder Nervengewebe sichtbar machen. Ärzte bevorzugen meist die Magnetresonanztomographie, setzen sie aber nicht routinemäßig, sondern nur in folgenden Fällen ein:

  • Lähmungserscheinungen in einem oder beiden Beinen

  • Störungen der Darm- oder Blasenfunktion

  • heftige Schmerzen über längere Zeit, trotz Behandlung

  • Verdacht auf eine andere Erkrankung als Ursache der Schmerzen, beispielweise einen Tumor, der auf die Nerven drückt

Zu beachten ist, dass bildgebende Verfahren zwar einen Bandscheibenvorfall aufdecken können, dieser aber nicht zwangsläufig Auslöser der Beschwerden sein muss. Oft verursacht ein Bandscheibenvorfall nämlich keine Symptome. Möglicherweise liegt die Ursache der Rückenschmerzen an einer anderen Stelle des Körpers. Auch kann das Wissen eines Patienten um die lädierte Wirbelsäule seine Schmerzen sogar verstärken. Wie man aus Untersuchungen schließt, wirkt sich der Blick auf das eigene ramponierte Skelett negativ auf die Psyche aus und verstärkt die Schmerzen mitunter. Ärzte setzen bildgebende Methoden deshalb meist zurückhaltend ein.

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Therapie des Bandscheibenvorfalls mit oder ohne OP

Die Behandlung eines Bandscheibenvorfalls hängt von der Art und Stärke der Beschwerden ab. Oft bessern sich die Symptome wie Schmerzen auch von selbst innerhalb weniger Wochen wieder. Bis dahin lassen sie sich zumindest indern und die Beweglichkeit verbessern.

Prinzipiell gibt es zwei Möglichkeiten der Behandlung:

  • konservative Behandlung: Dazu gehören Bewegung, Entspannung, Entlastung, Medikamente sowie manuelle und physikalische Therapien. Meist kombinieren Ärzte mehrere Therapieformen miteinander.

  • Operation: Sie ist in schweren Fällen angezeigt.

Manuelle und physikalische Therapien

Die Beschwerden bei einem Bandscheibenvorfall lassen sich oft schon durch eine konsequente Physiotherapie lindern. Diese besteht aus verschiedenen Anwendungen, die auch kombiniert werden. Dazu gehören:

  • Wärmetherapie: Wärme tut den verspannten Muskeln gut. Sie wird in Form von Bädern, Wärmepflastern oder Wärmepackungen zugeführt.

  • Krankengymnastik

  • Massagen lockern die Muskulatur und entspannen.

  • Bewegungstherapie

Der frühere Ratschlag zur Bettruhe bei Rückenschmerzen ist heute überholt. Vielmehr sollten Patienten sich bewegen, soweit es die Schmerzen zulassen. Auch Entspannungstechniken wie Autogenes Training oder Progressive Muskelentspannung können die Schmerzwahrnehmung positiv beeinflussen.

Stufenbett zur Entlastung der Wirbel

Das Stufenbett empfinden viele Menschen als angenehm bei starken Rückenschmerzen, weil diese Position die Wirbelsäule ruhiggestellt. Patienten lagern ihre Beine auf einem würfelförmigen Polster so, dass sich Unterschenkel und Oberschenkel in einem 90-Grad-Winkel befinden. Die Wirbelsäule wird entlastet und der gereizte Nerv kann sich beruhigen. Das ausgetretene Material an der Bandscheibe trocknet langsam aus und drückt so nicht weiter auf den Nerv. Bleiben Sie aber nicht zu lange inaktiv im Stufenbett, sondern versuchen Sie es zwischendurch wieder mit Bewegung.

Medikamente

Es gibt verschiedene Medikamente, welche die Schmerzen bei einem Bandscheibenvorfall lindern, entkrampfend wirken und Entzündungen hemmen. Häufig eingesetzte Wirkstoffgruppen sind:

  • Nicht-Steroidale Antirheumatika (NSAR): In diese Gruppe gehören die Wirkstoffe Acetylsalicylsäure (ASS), Ibuprofen, Naproxen oder Diclofenac.

  • Nichtopioid-Analgetika wie Paracetamol wirken schmerzstillend und sind eine Alternative für Patienten, die NSAR nicht vertragen.

  • Muskelrelaxantien entspannen die Muskulatur.

  • Opioide wie Morphin oder Tramadol sind sehr starke Schmerzmittel, die Sie nur unter ärztlicher Kontrolle anwenden dürfen.

  • Antikonvulsiva sind eigentlich Medikamente gegen Epilepsie, helfen aber auch gegen Nervenschmerzen.

  • Einige Antidepressiva sind auch für die Schmerzbehandlung zugelassen.

Wann ist eine Bandscheibenoperation nötig?

Eine OP kann notwendig sein, wenn die konservative Therapie nicht ausreichend angeschlagen hat oder ein Notfall vorliegt, zum Beispiel bei Lähmungserscheinungen oder Blasen- und Darmstörungen. Es gibt verschiedenen operative Verfahren, bei denen Ärzte das ausgetretene Bandscheibengewebe entfernen, die gereizten Nerven entlasten, Entzündungen abklingen lassen und die Schmerzen lindern. Eine Bandscheibenoperation birgt aber auch Risiken. Arzt und Patient sollen immer gemeinsam das Für und Wider gegeneinander abwägen.

  • Bei der Diskotomie wird der ausgetretene Gallertkern unter Vollnarkose entfernt. Bei diesem Verfahren besteht ein vergleichsweise hohes Risiko für Komplikationen. Es kann zu schmerzhaften Narbenwucherungen kommen, die unter Umständen eine erneute Operation erforderlich machen.

  • Bei der Mikrodiskotomie wird die ausgetretene Flüssigkeit über einen kleinen Zugang entfernt. Das Risiko von Narbenwucherungen ist dabei minimal. Die am häufigsten durchgeführte Form der Mikrodiskotomie ist die Chemonukleolyse. Bei dieser wird der Gallertkern durch eingespritzte Enzyme verflüssigt und anschließend abgesaugt. Sie kann nur bei einem intakten Faserring durchgeführt werden. Bei der perkutanautomatisierten Nukleotomie wird der ausgetretene Gallertring mithilfe von Zangen entfernt. Alle Verfahren der Mikrodiskotomie führen Chirurgen in der Regel ambulant und unter lokaler Betäubung durch.

Eine Operation ist kein Garant für Beschwerdefreiheit. Nach dem Eingriff können die Symptome weiterhin bestehen oder sich sogar verschlechtern.

Bandscheibenvorfall: Verlauf oft unkompliziert

Ein Bandscheibenvorfall verläuft meist ohne Komplikationen. Meist werden Sie auch ohne eine Operation wieder gesund. Mögliche Beschwerden nach einer Operation lassen sich durch Rehabilitationsmaßnahmen mindern (sogenannte Anschlussheilbehandlung). Ziel ist es, die Rückenmuskulatur zu stärken und die Stabilität der Wirbelsäule zu verbessern. Die Reha setzt meist auf die Rückenschule, Dehnübungen, Entspannungstechniken und Krafttraining. Sie hilft Patienten auch, schneller wieder mobil zu werden und in ihren Beruf und Alltag zurückzukehren.

Bandscheibenvorfall vorbeugen – so klappt es!

Der Verschleiß der Bandscheiben ist mit zunehmendem Alter zwar natürlich – die Bandscheiben trocknen sozusagen aus. Trotzdem lässt sich einem Bandscheibenvorfall mit verschiedenen Maßnahmen vorbeugen.

  • Achten Sie auf eine gesunde und rückenschonende Körperhaltung. Sitzen Sie aufrecht und wechseln häufiger die Sitzposition. Arbeiten Sie auch einmal im Stehen und laufen einige Schritte umher, zum Beispiel beim Telefonieren.

  • Stärken Sie Ihre Rücken- und Bauchmuskulatur mit Krafttraining! Muskeln stabilisieren die Wirbelsäule und schützen vor einem Bandscheibenvorfall.

  • Bewegung ist gut für den Rücken und die Bandscheiben, denn sie verbessert den Nährstoffaustausch mit dem umliegenden Gewebe. Rückenschonende Sportarten sind zum Beispiel Schwimmen, Wandern oder Gymnastik.

  • richtig Heben und Tragen: Stemmen Sie schwere Lasten wie zum Beispiel Einkaufstüten immer aus den Beinen heraus, nie aus dem Rücken (immer in die Knie gehen und die Wirbelsäule gestreckt lassen).

  • Wenn Sie übergewichtig sind, versuchen Sie einige Kilos abzunehmen. Weniger Pfunde entlastet nicht nur die Gelenke, sondern auch Ihre Bandscheiben.

  • Wenden Sie Entspannungstechniken an, etwa Yoga, Tai Chi oder Qigong. Sie stärken die Muskulatur und verbessern die Beweglichkeit und Koordination.

Besuchen Sie am besten eine Rückenschule. Dort lernen Sie, worauf Sie im Alltag achten sollten und wie Sie richtig heben, tragen und sitzen.

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Letzte Aktualisierung: 29. September 2017
Quellen: Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie: Lumbaler Bandscheibenvorfall. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 008/022 (Stand: März 2005); Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie und des Berufsverbandes der Ärzte für Orthopädie (BVO): Bandscheibenbedingte Ischialgie. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 033/022 (Stand: April 2002); Dobos, G., Deuse U., Michaelsen, A. (Hrsg.): Chronische Erkrankungen integrativ. Konventionelle und komplementäre Therapie. Urban & Fischer, München 2006; Krämer, R., Herdmann, J., Krämer, J.: Mikrochirurgie der Wirbelsäule. Lumbaler Bandscheibenvorfall und Spinalkanalstenose: Indikation, Technik, Nachbehandlung. Thieme, Stuttgart 2005; Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG), www.gesundheitsinformation.de (Abruf: 22.03.2017)

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