Heuschnupfen mit 60
Alter schützt nicht vor Allergie und Asthma
Heuschnupfen und Asthma gelten mittlerweile als Volkskrankheiten. Sie beginnen meist in jüngeren Jahren. Doch wer denkt, mit 50 oder 60 Jahren gefeit zu sein, der irrt gewaltig. Wie Experten berichten, gibt es immer mehr Menschen, die in diesem Alter oder gar noch später erstmals betroffen sind.
Seit Jahr und Tag konnte es Dr. Dieter Leithäuser, selbst HNO-Arzt und damit ein Mann vom Fach, genießen, im Frühjahr oder Sommer auf seiner Terrasse zu sitzen und den Blick über den Garten schweifen zu lassen. Doch seit einem Freitag Ende April, im Alter von gut 63 Jahren, war es damit erst einmal vorbei. Brennende Augen, ein unangenehmes Gefühl im Gaumen und später eine laufende Nase verleiteten ihm die liebgewordene Angewohnheit. Die Diagnose: Pollenallergie.
So wie Dr. Leithäuser ergeht es vielen älteren Menschen. Die Zahl der älteren Allergiker steigt, wie auch der Allergologe und Internist Dr. Hartwig Lauter in einem Interview gegenüber der Ärzte Zeitung bestätigte. In seiner Ambulanz kommen viele Patienten, bei denen sich die Krankheit nach dem 40. oder 50. Lebensjahr erstmals zeigt. Dr. Leithäuser selbst berichtete von einer Patientin, bei der im Alter von 82 Jahren erstmalig eine massive Frühblüherallergie aufgetreten war.
Gibt es Gründe für ein spätes Auftreten einer Pollenallergie?
Bei einer Allergie kommt es zu einer überschießenden und unerwünschten heftigen Abwehrreaktion des Immunsystems auf bestimmte, normalerweise harmlose Umweltstoffe (Allergene), auf die der Körper mit Entzündungszeichen reagiert. Bei der Pollenallergie, die im Volksmund auch als Heuschnupfen bekannt ist, sind Pollen von Blüten, Bäumen oder Sträuchern die Auslöser. Reaktionen zeigen sich vorwiegend an der Bindehaut der Augen und den Schleimhäuten der oberen Atemwege. Die Ursachen der übersprießenden Immunreaktion sind noch nicht genau bekannt. Für den enormen Anstieg der Fälle in den letzten Jahrzehnten ist wahrscheinlich die zunehmende Luftverschmutzung mitverantwortlich. Warum die Krankheit jedoch immer später auftritt, ist noch unklar.
Auch ein spätes Asthma ist möglich
Aber nicht nur Heuschnupfen, sondern auch Asthma kann im höheren Lebensalter (über 60 Jahre) plötzlich und zum ersten Mal auftreten. Auch hier sind oftmals Allergene (z.B. Pollen, Tierhaare oder auch Umweltschadstoffe) die Auslöser. Ähnlich wie beim Heuschnupfen verursachen die eingeatmeten Fremdstoffe" eine Entzündung und Schwellung, hier der Bronchialschleimaut. Doch ist Asthma weitaus gefährlicher, da sich zusätzlich ein zweiter Effekt einstellt die Verkrampfung der Muskulatur der Bronchien, die zu einer weiteren Verengung der Atemwege und damit zu Luftnot und einer pfeifenden Atmung führt.
Für das Entstehen der gefährlichen Atemwegserkrankung spielt die genetische Veranlagung für eine Überempfindlichkeit des Bronchialsystems die entscheidende Rolle. Unter dieser Voraussetzung kann etwa beim Auftreten eines neuen Umweltstoffes oder bei einer anderen Veränderung der Umwelt (ein neues Haustier, eine klimatische Veränderung) ein bis dahin gesunder Mensch Asthma ausbilden, auch wenn all die Jahre zuvor keine Beschwerden auftraten. Allerdings kann auch ein unbehandelter Heuschnupfen über kurz oder lang zu Asthma führen. Man spricht dann von einem Etagenwechsel, weil sich die Symptomatik von den oberen in die unteren Atemwege, sprich in die Lunge, verlagert.
Gibt es besondere Behandlungsstrategie bei älteren Menschen?
Eine besondere Behandlungsstrategie bei älteren Menschen gibt es nicht. Bei Heuschnupfen erfolgt die Behandlung neben der Anwendung von Hausmitteln (z.B. Spülen von Augen und Nase mit Leitungswasser) hauptsächlich mit Antihistaminika und in schwereren Fällen mit Kortikoiden. Beide Medikamentenklassen bewirken, dass die Entzündungssymptome zurückgehen, allerdings auf unterschiedliche Weise. Auch die spezifische Immuntherapie (SIT) kann bei älteren Patienten angewendet werden. Sie sorgt dafür, dass das körpereigene Abwehrsystem die Überreaktion" auf die eigentlich harmlosen, und fälschlicherweise als gefährlich eingestuften Umweltstoffe einstellt und wieder normal reagiert.
Zur Behandlung von Asthma empfiehlt sich die regelmäßige Inhalation von bronchialerweiternden sowie entzündungshemmenden Medikamenten. Bekannte Allergene sollten gemieden werden. Manchmal reicht letzteres bereits aus, um eine vollständige Beschwerdefreiheit zu erzielen.



