(K)ein Tabuthema

Sex im Alter: Zeit für Zärtlichkeit!

Die Lust ES zu tun, hört mit dem Älterwerden nicht einfach auf – das belegen Studien. Allerdings verändert sich Sex im Alter: für manche wird er besser, für andere eine Herausforderung und für viele leider ein Tabuthema. Die Sexualtherapeutin wünscht sich mehr Mut zu Intimität!

Sex im Alter: Kein Privileg für die Jungen
Sex im Alter ist kein Tabu: Trauen Sie sich darüber zu sprechen.
© iStock.com/Squaredpixels

Typische Witze über Sex im Alter gibt es viele, sogar einen eigenen Namen hat er bekommen – das Liebesleben älterer Menschen wird als "Silver Sex" bezeichnet. Doch ist Sex im Alter wirklich anders? Gibt es für Sexualität ein Verfallsdatum? Wir haben bei Andrea Bräu nachgefragt, einer Sexualtherapeutin aus München, Buchautorin und Bloggerin zum Thema Sexualität und Beziehung.

Artikelinhalte auf einen Blick:

Studien zeigen, dass die sexuelle Aktivität im Alter zwar abnimmt, die Lust aber bleibttrotz körperlicher und hormoneller Veränderungen. Denn der Austausch von Intimitäten ist keineswegs nur auf den Fortpflanzungsprozess beschränkt. "Wer sein Leben lang Interesse an Sex hatte, wird dies auch im Alter beibehalten", sagt Andrea Bräu. Laut einer jüngsten Umfrage der University of Michigan sind 54 Prozent der rund 1.000 befragten Menschen zwischen 65 und 80 Jahren, die in einer Partnerschaft leben, sexuell aktiv. Ein Drittel der Befragten in den späten Sechzigern gibt an, äußerst interessiert an Sex zu sein, in den späten Siebzigern war es noch rund ein Fünftel.

Natürliche Mittel für den besten Sex im Alter

Weniger Sex im Alter – warum eigentlich?

Ist das steigende Alter also schuld daran, dass Menschen nicht mehr so häufig Sex haben? "Nicht unbedingt", sagt die Sexualtherapeutin aus München. "Dafür kann es zahlreiche Gründe geben: körperliche und seelische oder auch die Veränderungen der Lebensumstände."

  • Langjährige Beziehungen: Betrachten wir zum Beispiel die Dauer der Beziehungen, in denen sich die Menschen befinden, kann dies ein entscheidender Faktor sein. Frisch verliebte ältere Pärchen, die gerade ihren "zweiten Frühling" erleben, sieht man oft Händchen haltendend und küssend wie Turteltäubchen durch den Alltag schweben. "Warum sollten solche Paare nicht auch ein reges Sexleben haben? Schließlich hört Sexualität im Alter nicht einfach auf", so Bräu. Laut Bundeszentrale für politische Bildung kommt es aber etwa nach drei bis fünf Jahren Beziehungsdauer zu einer deutlichen Abnahme der Frequenz des Geschlechtsverkehrs. Zum Vergleich heißt es hier: "Eine 60-jährige Frau, die seit zwei Jahren mit ihrem Partner zusammen ist, ist – gemessen an der Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs – sexuell aktiver als ein 30-Jähriger, der zehn Jahre lang liiert ist.

  • Bestehende Probleme in der Partnerschaft: Die Sexualtherapeutin erlebt, dass Paare eigentlich schon seit Jahren Schwierigkeiten in der Beziehung haben, nicht mehr miteinander reden und deshalb eben auch nicht mehr miteinander schlafen. "In solchen Fällen schieben Männer und Frauen oft das Alter vor, um sich nicht mit den wahren Ursachen ihrer Entfremdung auseinanderzusetzen."

  • Verstorbene Partner: Ein anderer Fall tritt ein, wenn einer der Partner verstirbt – dies kann zum Beispiel eine Ursache dafür sein, dass ältere Männer rein statistisch betrachtet mehr Sex haben als ältere Frauen. Denn die Lebenserwartung von Frauen ist deutlich höher: Mehr als die Hälfte der über 80-jährigen Männer hat noch eine Partnerin, bei Frauen im gleichen Alter ist es nicht einmal jede Zehnte. Sich nach dem Tod eines geliebten Menschen auf eine neue Person einzulassen, fällt meist schwer.

  • "Double standard of aging" (Altersstereotypen): "Es gibt Frauen, die durch den Alterungsprozess Probleme mit dem eigenen Körper entwickeln, sich weniger wertvoll fühlen, schämen und sich aus diesem Grund sexuell zurückziehen", sagt Sexualtherapeutin Bräu. Eigentlich kein Wunder, denn der Druck für alternde Frauen ist in unserer Gesellschaft hoch: Während Männer mit dem Alter angeblich attraktiver werden, färben sich Frauen eher von Beginn an die und sagen Fältchen mit Anti-Aging-Mitteln den Kampf an. "Haben Sie im Alter noch nicht gelernt, sich und Ihren Körper so zu akzeptieren, wie er ist, sollten Sie das nun schleunigst nachholen", so Bräu. Immerhin ist Attraktivität viel mehr als straffe Haut: Charme, Humor, Zufriedenheit, Verständnis – all das sind Dinge, die vollkommen altersunabhängig sexy machen.

  • Krankheiten: Unbestritten gehen mit dem Älterwerden körperliche Veränderungen einher, die sich auf das Liebesleben auswirken können: Die körperliche Leistungsfähigkeit lässt nach, Hüfte und Knie schmerzen durch Arthrose, die Prostata bereitet Probleme, der Blutdruck ist zu hoch, depressive Verstimmungen treten auf. "Irgendwann setzen altersbedingte Wehwehchen oder ernst zu nehmende Erkrankungen ein. Dann ist Sex gar nicht mehr so wichtig", sagt die Expertin. Bestimmte Krankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes oder Fettstoffwechselstörungen verengen zum Beispiel die Gefäße und erschweren so etwa die Blutversorgung des Glieds. Andere Leiden, wie rheumatische Erkrankungen, können den Geschlechtsverkehr aufgrund von Schmerzen unangenehm werden lassen. Mit der Frage, ob Geschlechtsverkehr gesund oder gefährlich fürs Herz ist, beschäftigen sich viele Betroffene eines Herzinfarkts. Gibt der behandelnde Arzt im individuellen Fall grünes Licht, steht dem Sex nichts im Wege.

  • Operationen und Medikamente: Medizinische Eingriffe können das Sexleben direkt beeinflussen, indem zum Beispiel Nerven geschädigt werden – wie bei der Entfernung von Krebstumoren. Auch Prostataoperationen können den Samenerguss beeinträchtigen. Außerdem gibt es einige Medikamente, zum Beispiel Blutdrucksenker, die unter Umständen die Lust auf Sex vermindern. Nehmen Sie regelmäßig Medikamente ein, sollten Sie mit dem Arzt darüber sprechen, ob dies für sexuelle Unlust verantwortlich sein könnte.

  • Wechseljahre: Nach der Menopause ist es vorbei mit der Lust am Sex – so lautet das gängige Klischee. "Aber ich halte nichts von Klischees und kenne genügend Fälle, in denen die Wechseljahre nicht zum Verlust der Libido geführt haben", kontert die Expertin. Und tatsächlich scheint das genau so zu sein: Es kann passieren, dass das sexuelle Verlangen durch den sinkenden Östrogenspiegel nachlässt, muss es aber nicht! Bei vielen Frauen ist dies zum Beispiel nur in der Umstellungsphase der Fall und danach erleben sie ein befreiendes Gefühl. Die Menstruationsblutung bleibt aus, die entsprechenden Hygienemaßnahmen fallen weg und die Sorge um die Verhütung ist Schnee von gestern – das kann die Sexualität beflügeln. Kommt es durch den Hormonmangel zu einer Erregungsstörung, gibt es Hilfsmittel: Damit die Scheide trotzdem feucht wird und der Geschlechtsverkehr keine Schmerzen verursacht, kann ein Gleitmittel verwendet werden.

Sind das die Wechseljahre? Symptome im Überblick

  • Erektionsstörungen: Viele ältere Männer betrachten Erektionsstörungen als "Verlust der Männlichkeit" und fürchten sich deshalb davor. Ein Teufelskreis! Denn schon die Sorge, eine Erektion nicht zu erreichen oder aufrechtzuerhalten, könnte eben genau dies hervorrufen. Eine Erektile Dysfunktion (ED) kann sowohl seelische als auch körperliche Ursachen haben und sollte ärztlich abgeklärt werden. Ebenfalls als Erektionsstörung wird das PADAM (Partielles Androgen-Defizit des alternden Mannes) bezeichnet: Es tritt auf, wenn Männer an Testosteronmangel leiden. Im Vergleich zu ihren Dreißigern produzieren Betroffene nach dem 60. Lebensjahr dann nur ein Drittel des Testosterons. Dies kann zufolge haben, dass sie auf Erregung nicht mehr so schnell mit einer Erektion reagieren, für den Orgasmus mehr Stimulation nötig ist, die Spermamenge abnimmt und es nach einem Samenerguss länger dauert, bis eine erneute Erektion möglich ist.

  • Harninkontinenz: Den Ursachen einer Harninkontinenz sollte zu allererst durch einen Arzt auf den Grund gegangen werden. Vielen Betroffenen ist das Thema peinlich und sie lehnen Geschlechtsverkehr aus diesem Grunde ab. Dabei stellt eine altersbedingte Inkontinenz rein medizinisch betrachtet kein Hindernis für ein erfülltes Sexualleben dar. Sprechen Sie mit Ihrem Partner über Ihre Sorgen und lassen Sie sich von einem Arzt über Hilfen beraten. Die Deutsche Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung e.V. (profamilia) rät zum Beispiel dazu, einige Zeit vor dem Sex nichts zu trinken und die Blase kurz davor zu entleeren.

Silver Sex: Wie verändert sich Sex im Alter?

Oft wird Sex im Alter mit einem langweiligen, ungelenkigen Akt assoziiert: Zwar mögen akrobatische Stellungen je nach Fitnesslevel nicht unbedingt möglich sein, deshalb kann der Austausch von Intimitäten trotz aller Vorurteile aber ein Leben lang spannend bleiben. "Jetzt geht es darum, gemeinsam neue Wege der Sexualität zu entdecken. Das ist wie eine Energiequelle – etwas Tolles und Aufregendes, das erneut zusammenschweißt!", meint Sexualtherapeutin Andrea Bräu. "Im Alter haben Menschen oft sogar den besten Sex, denn in jungen Jahren fehlt es an nötiger Reife und Erfahrung". Selbst körperliche Einschränkungen stellen kein Hindernis dar, sondern machen eher erfinderisch: Tut beiden Partnern der Rücken weh, eignet sich die Seitenlage als Sexstellung. Soll es hier und da gemütlicher sein, kommen Kissen als Stützen zum Einsatz.

Besserer Sex im Alter – mit Potenzmitteln & Co.?

Experten raten davon ab, einfach unbekümmert zu frei verkäuflichen Mitteln zugreifen. Bei einer Erektionsstörung können Potenzmittel wie Viagra nach einer Diagnose vom Arzt verschrieben werden oder es kann nach einer fachlichen Beratung eine Penispumpe zum Einsatz kommen. Sowohl Frauen als Männern hilft außerdem gezieltes Beckenbodentraining, damit Funktionsfähigkeit und Lust gesteigert werden. Um die Fantasie anzuregen, können die Partner natürlich tun, was immer ihnen gefällt – zum Beispiel das Vorlesen erotischer Literatur. Auch Sexspielzeug ist im Alter keineswegs tabu! Es dient nicht nur dem gemeinsamen Liebesspiel, sondern darf bei alleinstehenden Menschen selbstverständlich auch zur Selbstbefriedigung eingesetzt werden.

Den Sex mit irgendwelchen Hilfsmitteln "aufzupimpen", hält die Sexualtherapeutin aber nicht zwingend für notwendig. Ihr Tipp: "Trauen Sie sich mit Ihrem Partner über Ihre Bedürfnisse zu reden. Wenn nicht jetzt, wann dann!" Schließlich könnte es genauso gut sein, dass die bessere Hälfte insgeheim den gleichen Wunsch hegt. "Werden Sie mutiger, denn was soll schon passieren? Im besten Fall werden Sie Ihre Beziehung durch das Gespräch bereichern." Genau das sei eben auch ein großer Vorteil des Älterseins: Endlich kein Blatt mehr vor den Mund nehmen.

Silver Sex: Die 18 besten Stellungen für Sex im Alter

"Hast du eigentlich noch?" Let’s talk about ... Sex im Alter!

So offen über Sex zu sprechen, scheint jedoch nicht überall gang und gäbe. Laut der amerikanischen Umfrage würde sich 62 Prozent der Befragten bei Belangen zur sexuellen Gesundheit medizinisch beraten lassen – tatsächlich getan hatte es innerhalb der letzten zwei Jahre vor der Befragung 17 Prozent. Die Paartherapeutin kennt das: "Für die aktuelle 60-Plus-Generation ist es nicht normal, sich Hilfe in Form einer Therapie zu suchen. Ich glaube, dass die neue Generation beim Älterwerden in Zukunft offener damit umgehen wird". Wer Hilfe sucht, kann und sollte sich jederzeit an seinen Arzt wenden. Er schließt körperliche Ursachen für sexuelle Unlust aus, überweist Sie an einen Facharzt oder leitet entsprechende Behandlungen ein. Eine professionelle Paar- oder Sexualtherapie sowie Beratungsstellen wie profamilia sind ebenfalls die richtigen Ansprechpartner.

Wie wichtig ist Sex im hohen Alter?

"Einerseits ist es gut, dass mehr über dieses Thema gesprochen wird, andererseits steigt der gesellschaftliche Druck, es tun zu müssen", sagt Bräu. "Dabei darf jeder Mensch individuell entscheiden, wie oft und ob er überhaupt Sex haben möchte." Hilfe müssten sich nur diejenigen suchen, die unzufrieden mit ihrem Sexleben sind. Wer mit sich im Reinen ist, darf auch ganz ohne sexuelle Aktivität glücklich altern. Denn gerade im Alter sind für eine zufriedene Partnerschaft andere Aspekte bedeutsam – das hat ein Forschungsteam der Universität Rostock und der Queen Mary University of London sogar bewiesen.

Die Wissenschaftler fanden heraus, dass ältere Paare vor allem der Zärtlichkeiten einen hohen Stellenwert in einer Partnerschaft beimessen. "So räumten im Alter von 74 Jahren 91 Prozent der Männer und 81 Prozent der Frauen Zärtlichkeit einen wichtigen Platz in ihren Partnerschaften ein", sagt Dr. Britta Müller von der Universitätsmedizin Rostock. Sexualität spielte laut Untersuchungen bei 61 Prozent der Männer und 21 Prozent der Frauen eine wichtige Rolle. Auch Sexualtherapeutin Bräu bestätigt dies: "Die meisten älteren Paare haben viele Jahre ihres Lebens gemeinsam verbracht und selbst schwierige Dinge durchgestanden. Sie finden Vertrautheit und Geborgenheit bei ihrem Partner und verspüren ein Nähebedürfnis, das sich in Umarmungen, Küssen oder Händehalten ausdrücken kann."

Sex im Alter – auch bei Pflegebedürftigkeit ein Thema

Asexuelles Altern gibt es also nicht! Der Mensch bleibt sein Leben lang ein sexuelles Wesen. Das gilt natürlich ebenfalls, wenn er aufgrund geistiger oder körperlicher Einschränkungen auf Hilfe angewiesen ist. Sexuelle Bedürfnisse von Menschen in Alten- oder Pflegeheimen werden allerdings oft totgeschwiegen. Sexualtherapeutin Bräu hofft hier auf mehr Aufklärung: "Fachkräfte werden in ihrem Alltag mit herausfordernden Situationen konfrontiert, deshalb wäre es wichtig, sie zu schulen, damit sie angemessen reagieren können." Erste Fortbildungsangebote für das Personal der ambulanten und stationären Pflege sind bereits entstanden oder befinden sich in der Pilotphase.

Sex: Liebestipps für die Wechseljahre

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