Psychisches Leiden

Zwangsstörung: Ursachen, Symptome und Behandlung

Eine Zwangsstörung zeichnet sich durch eine extreme Steigerung von Handlungen und Gedanken aus. Sie ragen in viele Lebensbereiche hinein, sind zeitraubend, mit großem Leidensdruck und oft auch körperlichen Beschwerden verbunden. Alles zu Ursachen, Symptomen und Therapie von Zwangsstörungen.

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Zur Therapie einer Zwangsstörung eignet sich die Psychotherapie sehr gut.
© iStock.com/PavelIvanov

Der Begriff Zwangsstörung bezeichnet ein großes Spektrum von Verhaltensweisen. Es können harmlose Angewohnheiten sein oder intensive und dauerhafte Gewohnheiten, die den Alltag beeinträchtigen.

Was ist eine Zwangsstörung?

Eine Zwangsstörung (auch Zwangsneurose) liegt vor, sobald bestimmte Handlungsmuster mindestens zwei Wochen lang an den meisten Tagen das Berufs- und Privatleben stören, da sie in Intensität und Zeitaufwand stark von der Norm abweichen. Ein wichtiger Unterschied zwischen einer normalen Marotte und einer Zwangsstörung ist: Der Zwang beherrscht das Verhalten gegen den Willen des Betroffenen. Er kann nicht anders, obwohl er sich der Sinnlosigkeit seiner Aktionen bewusst ist.

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Formen der Zwangsstörung

Eine Zwangsstörung kann in vielen verschiedenen Formen auftreten:

  • Reinigungs- und Waschzwang
  • Kontrollzwang
  • Ordnungszwang
  • Wiederholungs- und Zählzwang
  • Sammelzwang
  • zwanghafte Langsamkeit
  • Zwangsgedanken (ohne Zwangshandlungen)

Meist treten Zwangsstörungen kombiniert auf und bleiben oft unerkannt. Viele Zwänge werden als Übereifer oder Macke belächelt. Die Betroffenen verdrängen ihr Problem, entwickeln Kontrollmechanismen oder leben in Isolation – aus Furcht, als verrückt zu gelten.

Somit lässt sich die Zahl der Betroffenen in Deutschland mit eineinhalb bis über zwei Millionen nur schätzen. Menschen mit Zwangsstörungen kommen aus allen sozialen Schichten und Altersklassen. Sichtbar werden die meisten Zwänge jedoch im Jugend- oder frühen Erwachsenenalter, bei 85 Prozent sind sie vor dem 35. Lebensjahr voll ausgeprägt.

Symptome: So zeigt sich eine Zwangsstörung

Bei einer Zwangsstörung erreichen die Handlungen und/oder Gedanken ein Ausmaß, das bei den Betroffenen zu einer erheblichen Einschränkung im Alltag führt.

Gern wiederholte Gewohnheiten, Bräuche und Rituale gehören zum ganz normalen Alltag. Im täglichen Verhalten der meisten Menschen finden sich viele Beispiele, die zwanghaftem Verhalten gar nicht so unähnlich, aber noch nicht krankhaft, sind. Die Übergänge von der Normalität zur Krankheit sind fließend und deshalb oft schwer festzustellen. Selbst eine eindeutig übersteigerte Gründlichkeit wird häufig nicht als pathologisch, sondern als Macke interpretiert.

Zwangshandlungen und/oder -gedanken wiederholen sich immer wieder, in manchen Fällen benötigen die Betroffenen mehrere Stunden täglich. Besonders der Partner beziehungsweise die Familie ist oft stark eingebunden.

Test: Habe ich eine Zwangsstörung?

Um zu testen, ob Sie eine Zwangststörung haben, reichen diese fünf Fragen:

  1. Waschen und putzen Sie sehr viel?
  2. Kontrollieren Sie sehr viel?
  3. Haben Sie quälende Gedanken, die Sie loswerden möchten, aber nicht können?
  4. Brauchen Sie für Alltagstätigkeiten sehr lange?
  5. Machen Sie sich Gedanken um Ordnung und Symmetrie?

Wird eine dieser Fragen mit JA beantwortet und wird dabei eine Beeinträchtigung empfunden, könnte eine Zwangsstörung vorliegen. Wenden Sie sich bitte an Ihren Hausarzt oder einen Facharzt für Psychiatrie.

Zwangsstörung bei Kindern und Jugendlichen

Etwa drei bis fünf Prozent aller Jugendlichen zeigen meist vorübergehende harmlose Formen von Zwangsverhalten. Zwangssyndrome mit Krankheitswert sind eher selten. Die Häufigkeit liegt bei etwa ein bis drei Prozent. Der Häufigkeitsgipfel liegt um das zwölfte bis 13. Lebensjahr.

Vorübergehende, harmlose Zwangshandlungen äußern sich zum Beispiel in ritualisierten Ess- und Waschgewohnheiten oder in An- und Auskleidezeremonien. Viele Kinder hüten sich vor vermeintlichen Unglückszahlen oder betreten eine bestimmte Treppenstufe nicht gern, weil sie fürchten, sonst könne möglicherweise ein Unglück geschehen.

Eine echte Zwangsstörung bei Kindern kann stetig oder episodisch verlaufen, es kann auch zu einer spontanen Besserung kommen. Etwa 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit einer Zwangsstörung behalten diese ein Leben lang, die anderen weisen im späteren Leben mitunter leichte Erscheinungsformen von Zwangsmerkmalen auf. Mädchen und Jungen sind gleichermaßen betroffen, im Erwachsenenalter scheinen Menschen mit einer Zwangsstörung oft sozial isoliert zu sein. Viele leben noch bei den Eltern, wenige haben Partnerschaften, manche müssen soziale Unterstützung in Anspruch nehmen.

Ursachen einer Zwangsstörung

Für Zwangsstörungen gilt im Prinzip das gleiche Erklärungsmodell wie für alle psychischen Krankheiten: Wer sie verstehen will, muss die engen genetischen, psychologischen, biologischen und biographischen Verflechtungen entwirren. Vieles spricht dafür, dass eine erbliche Bereitschaft und massive psychische Überlastung zusammenwirken.

Von psychologischer Seite ist es unabdingbar, die Zwangssymptomatik im Zusammenhang mit der gesamten individuellen Persönlichkeitsentwicklung zu betrachten. In der frühen Lebensführung kann, muss aber keinesfalls, die Erziehung die Entwicklung einer Zwangsstörung mitbegünstigen.

So können folgende Faktoren früh wichtige Hirnareale verändern:


  • eine überbehütete Kindheit
  • besonders ordentliche, rigide Eltern
  • frühe belastende Lebensereignisse (Trennung, Tod, Scheidung, Partnerkonflikte)
  • eine an liebevoller Zuwendung, Wertschätzung und Unterstützung fehlende Erziehung durch einen oder beide Elternteile
  • elterliche Zuwendung, die nur auf besondere Leistung erfolgt (frühe Konditionierung in die Richtung "Nur durch Leistung bin ich jemand.")
  • ein Erziehungsstil, der selbstsicheres, unabhängiges und durchsetzungsfähiges Verhalten wenig fördert
  • Lerndefizite im Sozialverhalten

Die so entstehenden "biologischen Narben" prägen die Persönlichkeit. Unter solchen Voraussetzungen können neue Anforderungen (zum Beispiel Pubertät, Berufseinstieg, Heirat) oder (spätere) Lebenskrisen, Enttäuschungen und Frustrationen, die zu nicht mehr erträglicher Angst, Depression oder auch Aggression führen, die Narben aufbrechen lassen und die Zwangsgedanken oder Zwangshandlungen zurückbringen.

Diagnose von Zwangsstörungen

Zwei Merkmale, nach denen auch der Arzt fragen wird, kennzeichnen eine Zwangsstörung:

  • mindestens eine Stunde am Tag wird für die Zwangshandlung aufgebracht
  • es besteht ein Leidensdruck

Für die Diagnose ist noch interessant zu wissen, ob weitere psychische Erkrankungen, wie etwa Depressionen, bestehen. Auch sollten weitere neurologische und internistische Erkrankungen ausgeschlossen werden.

Therapie: Ist eine Zwangsstörung heilbar?

Eine Zwangsstörung kann mit Psychotherapie (Verhaltenstherapie) oft innerhalb weniger Monate gut behandelt werden. Auch Medikamenten sind eine zusätzliche Option. Allerdings ist eine alleinige medikamentöse Therapie nicht sinnvoll, da die Zwangsstörung nach Absetzen der Medikamente in der Regel wieder auftritt. Je länger mit einer Verhaltenstherapie gewartet wird, umso schwieriger wird die Behandlung. Mithilfe dieser Therapie lässt sich eine Zwangsstörung aber gut behandeln und manchmal auch ganz beseitigen.

Neben der Psychotherapie ist inzwischen auch die Psychoedukation wichtig zur Behandlung einer Zwangsstörung geworden. Dabei erfolgt eine gezielte Aufklärung zum Krankheitsbild, sodass der Betroffene seine Störung selber besser einordnen und ihr entgegenwirken kann.

Ergänzend können auch Entspannungsverfahren wie autogenes Training und Ergotherapie hilfreich sein.

Prognose und Verlauf bei einer Zwangsstörung

Mit einer Verhaltenstherapie und geeigneten Verhaltensmaßnahmen lässt sich eine Zwangsstörung gut behandeln. Für Betroffene ist es im Alltag wichtig, sich der Zwangsstörung bewusst zu sein. So kann die Zwangsstörung deutlich besser werden und phasenweise ganz verschwinden. Das Einbeziehen von Angehörigen in die Therapie ist sinnvoll, denn oft unterstützen diese unbewusst die Zwangsstörung.

Hilfreich kann für Betroffene auch der Austausch in Selbsthilfegruppen oder in speziellen Foren im Internet sein.

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