Was tun gegen Dermatillomanie?

Skin Picking: Wenn Knibbeln und Kratzen zum Zwang wird

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Skin Picking ist eine psychische Erkrankung, die zu den Zwangsstörungen zählt. Betroffene zupfen, quetschen, drücken oder kratzen an Pickeln, Mitessern oder Hautunebenheiten solange herum, bis es blutet und Entzündungen entstehen. Was hilft bei Skin Picking?

Frau kratzt sich am Arm
© Getty Images/nensuria

Die psychische Erkrankung Skin Picking ist eine Zwangsstörung. Weitere Namen sind Skin Picking Disorder, Dermatillomanie, Neurotic Excoriation oder Acné excoriée. Betroffene bearbeiten störende Pickel, Mitesser, Hautunebenheiten oder Schorf mit Fingernägeln, Zähnen, Pinzetten und scharfen Gegenständen. Bevorzugte Stellen für Skin Picking sind das Gesicht, Dekolleté, der obere Teil des Rückens, die Schultern, Arme oder Unterschenkel. Ihrer Haut fügen sie schweren Schaden zu. Oft heilen die Wunden nicht, weil Betroffene sie nicht in Ruhe lassen und immer wieder neu bearbeiten.

Artikelinhalte im Überblick:

Hautausschlag: Welche Krankheit steckt dahinter?

Skin Picking ist Zwang, keine bloße Angewohnheit

Die Besonderheit beim Skin Picking ist, dass Patient*innen einen starken inneren Drang verspüren, ihre Haut zu bearbeiten. Sie können mit ihrem Verhalten nicht freiwillig aufhören und es kontrollieren. Das soziale Umfeld hat dafür meist kein Verständnis. Aber anders als viele glauben, ist das Kratzen und Pulen an der Haut nicht einfach nur eine schlechte Angewohnheit: Seit 2013 ist die Dermatillomanie eine anerkannte psychiatrische Erkrankung, die aber noch wenig erforscht und unter Ärzt*innen relativ unbekannt ist.

Kennzeichen von Zwangsstörungen sind zwanghafte Gedanken und Handlungen, die zu immer gleichen, ritualisierten Denk- oder Verhaltensweisen führen. Verbreitet sind der Waschzwang, bei dem sich Betroffene ständig die Hände waschen müssen, und der Ordnungszwang, bei dem Patient*innen etwa ihre Kleidung im Schrank nach Farben und einem genauen Plan sortieren.

Wen betrifft Skin Picking?

Genaue Zahlen über die Häufigkeit von Skin Picking gibt es nicht. Die Dunkelziffer ist hoch, weil viele Betroffene keine ärztliche Hilfe suchen und die Zwangsstörung lange nicht erkannt und behandelt wird. Fachleute schätzen, dass etwa fünf Prozent der Allgemeinbevölkerung von der Störung betroffen sind. Darunter finden sich etwa achtmal mehr Frauen als Männer. Oft leiden Menschen nicht nur unter Skin Picking, sondern unter weiteren psychischen Erkrankungen.

Prinzipiell kann Skin Picking in jedem Alter beginnen, hat aber meist in der Pubertät oder im jungen Erwachsenenalter seinen Ursprung. Die Krankheit kann auch später im Leben ausbrechen, das ist dann meist zwischen dem 35. und 45. Lebensjahr der Fall.

Skin Picking: Was sind die Ursachen?

Die Ursachen von Skin Picking sind noch nicht genau bekannt. Fachleute wissen aber, dass es nicht "die eine" Ursache der Dermatillomanie gibt. Vielmehr müssen mehrere Risikofaktoren zusammenkommen, die Skin Picking auslösen. Meist beginnt die Erkrankung schleichend.

  • Makellose Haut als Ideal: Der gesellschaftliche Druck zum perfekten Äußeren ist mutmaßlich ein Grund, warum viele Frauen ihre Haut genau unter die Lupe nehmen. Gerade in der Pubertät sind die Haut und Schönheit für Jugendliche sehr wichtig und oft Zielscheibe abfälliger Bemerkungen.

  • Persönliche Eigenschaften wie ein ausgeprägter Perfektionismus und ein geringes Selbstbewusstsein können Ursache für Skin Picking sein.

  • Stress und innerer Druck: Für manche Menschen scheint das Kratzen, Knibbeln und Drücken wie ein Ventil zu wirken und den inneren Druck zu lindern, unter dem sie leiden.

  • Biologische Faktoren zum Beispiel der Neurotransmitter Serotonin: Er ist für die Regulierung von Stimmungen sowie Angst und Aggression zuständig und gilt als "Glücksbotenstoff". Bei manchen Menschen mit Skin Picking scheint der Serotonin-Haushalt aus der Balance geraten zu sein.

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Skin Picking an typischen Symptomen erkennen

Menschen mit Skin Picking verspüren einen unkontrollierbaren Zwang, ihre Haut zu bearbeiten. Folgende Symptome gelten für Skin Picking:

  • Sichtbare Hautschäden: Es gibt zum Beispiel Wunden, Entzündungen oder Narben.

  • Innerer Drang: Betroffene können ihr hautschädigendes Verhalten nicht einfach sein lassen, obwohl sie es mehrmals versucht haben. Kurzfristig verspüren sie ein positive Wirkung (Stressabbau, Entspannung, Ablenkung), dann aber entwickeln sie Schuld- und Schamgefühle. Deshalb pflegen Betroffene ihre Haut anschließend, bis der innere Druck wieder zunimmt und ein neuer Anlass zum Skin Picking entsteht.

  • Bewusste oder unbewusste Handlung: Manche schädigen ihre Haut gedankenverloren wie in Trance, zum Beispiel bei Langeweile oder Stress, während sie lesen, fernsehen oder am PC arbeiten. Andere überlegen und vollziehen aufwändige, ausgeklügelte Rituale zur Hautschädigung.

  • Individuelle Dauer: Wie lange jemand kratzt und knibbelt ist ganz verschieden. Die einen verbringen mehrere Minuten, andere mehrere Stunden täglich mit der Bearbeitung ihrer Haut.

  • Häufigkeit: Wie oft die "Kratz-Episoden" auftreten, unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. Meist gibt es eine bis mehrere Episoden pro Tag, in denen sich Betroffene ihrer Haut widmen.

  • Lebensqualität leidet: Betroffene fühlen sich wertlos, hässlich und schämen sich. Der Leidensdruck ist hoch und die Lebensqualität deutlich beeinträchtigt.

Wer solche Anzeichen an sich feststellt, sollte sich einer*m Ärztin*Arzt anvertrauen. Viele scheuen sich davor, weil sie befürchten, nicht ernst genommen zu werden. So bleibt Skin Picking oft lange Zeit unentdeckt und unbehandelt. Ohne Behandlung steigt aber das Risiko, dass die Störung in einen chronischen Zustand übergeht.


Wie erfolgt die Diagnose bei Skin Picking?

Erste Anlaufstelle bei einer Skin-Picking-Störung ist die hausärztliche Praxis, die Betroffene im Verdachtsfall weiterleiten wird – an eine hautärztliche Praxis, Psychiater*innen oder Psychotherapeut*innen. Am Anfang steht die Anamnese, um Beschwerden und die individuelle Krankengeschichte zu klären. Wichtig ist herauszufinden, warum aus welchen Gründen und in welchem Ausmaß Patient*innen Skin Picking betreiben. Denn nicht jede Handlungsweise besitzt Krankheitswert: Die meisten Menschen zupfen oder quetschen ab und zu an ihrer Haut herum.

Außerdem muss sichergestellt werden, dass hinter den Symptomen keine andere körperliche oder seelische Erkrankung steckt. Bei jüngeren Menschen können die Eltern oder andere enge Vertraute der Jugendlichen weiterhelfen.

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Behandlung – die wichtigsten Bausteine gegen Skin Picking

Es gibt verschiedene Ansätze, um eine Dermatillomanie zu behandeln. Die Verhaltenstherapie zielt auf eine Veränderung des Denkens und der Verhaltensweisen ab. Einerseits konzentrieren sich Psychotherapeut*innen auf das Symptom der Hautbearbeitung. Betroffene erlernen bestimmte Techniken, um die Bedingungen zu kontrollieren, unter denen sie ihre Haut aufkratzen. Eingesetzt wird beispielsweise die Strategie der Gewohnheitsumkehr mit der Verhaltensweisen erlernt werden, die mit dem Skin Picking unvereinbar sind. Betroffene setzen sich beispielsweise auf die Hände, ballen sie zur Faust oder falten diese. Auch Ersatzhandlungen wie Stricken oder Kugeln in der Hand halten, können zunächst hilfreich sein und Stress abbauen.

Andererseits arbeiten Psychotherapeut*in und Patient*in am Selbstwertgefühl, Perfektionismus, den Gedanken und Bewertungen, die im Laufe des Lebens erworben wurden. Betroffene lernen, ihre innere Anspannung abzubauen. So dient das Kratzen irgendwann nicht mehr als Ventil, um den inneren Dampf abzulassen.

Medikamente und Behandlung der Haut

Für die Behandlung der Störung gibt es kein spezielles Medikament. Untersuchungen lassen vermuten, dass die Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) helfen kann. Sie bringen den Haushalt des Glücksbotenstoffs Serotonin wieder ins Gleichgewicht. Diese Medikamente zählen zu den Antidepressiva und werden auch bei Depressionen eingesetzt.

Da sich Betroffene erhebliche Hautverletzungen zufügen, ist eine Behandlung der geschädigten Hautregionen wichtig. Fachleute und Kosmetiker*innen bieten Rat und Unterstützung, wie man Wunden versorgt, Entzündungen abklingen lässt oder Narben kaschiert.

Was können Betroffene selbst gegen Skin Picking tun?

Es gibt einige Maßnahmen und Tipps, die bei der Skin-Picking-Störung helfen und die man selbst durchführen kann.

  • Selbstbeobachtung und Lebensgefühl verbessern: Betroffene sollten herausfinden, wann das Skin Picking schlimmer wird und wann besser. Auch Gegenmaßnahmen können helfen: Zum Beispiel Belastungen im Alltag reduzieren und für einen positiven Ausgleich sorgen.

  • Auslöser für Skin Picking beseitigen: Zum Beispiel die Spiegel abnehmen oder zuhängen oder dunkleres Licht einschalten, damit Betroffene weniger Gelegenheit haben, sich mit ihrer Haut zu beschäftigen.

  • Schutzfaktoren fördern: Betroffene können in öffentlichen Räumen lernen (etwa der Schul- oder Unibibliothek), viel Zeit mit anderen verbringen oder Fotos von sich an die Wand hängen, auf denen sie sich hübsch finden.

  • Gewohnheitsumkehr: Betroffene können üben, sich beispielsweise auf die Hände zu setzen oder diese zu falten, wenn sie den Drang zum Skin Picking verspüren.

  • Selbsthilfegrupen: Der Austausch mit anderen betroffenen Menschen kann hilfreich sein, um mit der eigenen Situation besser umgehen zu können.

Unbehandelt kann Skin Picking gravierende Folgen haben

Viele betroffene Frauen ziehen sich aufgrund ihres optischen Erscheinungsbilds zurück, verstecken sich vor Scham in den eigenen vier Wänden und pflegen keine Beziehungen mehr, vor allem nicht zu Männern. Sie empfinden es als höchst problematisch, auch nur angesehen zu werden und vermeiden jeden Kontakt, so gut es geht. Viele trauen sich mit den Hautentzündungen und Narben nicht mehr bei Tageslicht vor die Haustür. Orte, an denen die defekte Haut auffallen könnte, meiden sie, zum Beispiel das Fitnessstudio, Schwimmbad oder die Sauna.

Nicht immer können sie anderen Menschen aus dem Weg gehen – dann verspüren sie eine große Belastung. Sie schämen sich für ihre Erscheinung, überschminken die Haut mit viel Make-up, haben erhebliche Schuldgefühle und werten sich selbst ab. Auch ist das ständige Bearbeiten der Haut mit einem hohen Zeitaufwand verbunden. Manche kratzen sich mehrmals täglich über Stunden, und das viele Tage hintereinander. Einer Umfrage zufolge vermeiden viele Betroffene Herausforderungen im Job, bei denen sie in den Mittelpunkt rücken würden. So haben zwölf Prozent eine Beförderung abgelehnt und 20 Prozent sind schon einmal nicht an ihrem Arbeitsplatz erschienen, weil sie ihre Haut zu heftig verletzt hatten.

Daneben hat das Skin Picking auch Auswirkungen auf die Haut selbst: Das ständige Aufkratzen verursacht Gewebeschäden, Wunden, Entzündungen, Schmerzen und sichtbare Narben. Manchmal schließen sich Wunden über Wochen oder Monate nicht, weil Betroffene sie immer wieder bearbeiten. Offene Wunden können aber zu Infektionen führen.

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