Was tun gegen Dermatillomanie?

Skin Picking: Wenn Knibbeln und Kratzen zum Zwang wird

Skin Picking ist eine psychische Erkrankung, die zu den Zwangsstörungen zählt. Betroffene zupfen, quetschen, drücken oder kratzen an Pickeln, Mitessern oder Hautunebenheiten solange herum, bis es blutet. Die Haut schmerzt, entzündet sich und bildet Narben. Eine Verhaltenstherapie und Tipps für den Alltag können helfen.

skin picking
Betroffene von Skin Picking können nicht aufhören, an ihrer Haut zu rupfen.
© iStock.com/Tharakorn

Die psychische Erkrankung Skin Picking ist eine Zwangsstörungen. Weitere Namen sind Dermatillomanie, Neurotic Excoriation oder Acné excoriée. Betroffene bearbeiten störende Pickel, Mitesser, Hautunebenheiten oder Schorf mit Fingernägeln, Fingern, Zähnen oder scharfen Gegenständen. Bevorzugte Stellen für Skin Picking sind das Gesicht, Dekolleté, der obere Teil des Rückens, die Schultern, Arme oder Unterschenkel. Ihrer Haut fügen sie schweren Schaden zu: Sie blutet, rötet und entzündet sich, eitert, schmerzt, bekommt Narben. Oft heilen die Wunden Wochen oder Monate nicht, weil Betroffene sie nicht in Ruhe lassen und immer wieder neu bearbeiten.

Hautausschlag: Welche Krankheit steckt dahinter?

Skin Picking ist keine bloße Angewohnheit, sondern Zwang

Die Besonderheit beim Skin Picking ist, dass die Patienten einen starken inneren Drang oder Zwang verspüren, ihre Haut zu bearbeiten. Sie können mit ihrem Verhalten nicht freiwillig aufhören und es kontrollieren. Das soziale Umfeld hat dafür meist kein Verständnis. Aber anders als viele glauben, ist das Kratzen und Pulen an der Haut nicht einfach nur eine schlechte Angewohnheit: Seit 2013 ist die Dermatillomanie eine anerkannte psychiatrische Erkrankung, die aber noch wenig erforscht und unter Ärzten relativ unbekannt ist.

Kennzeichen von Zwangserkrankungen sind Zwangsgedanken und Zwangshandlungen, die zu immer gleichen, ritualisierten Denk- oder Verhaltensweisen führen. Verbreitet sind der Waschzwang, bei dem sich Betroffene ständig die Hände waschen müssen, und der Ordnungszwang, bei dem Patienten etwa ihre Kleidung im Schrank nach Farben und einem genauen Plan sortieren.

Wen betrifft das Skin Picking?

Genaue Zahlen über die Häufigkeit des Skin Pickings gibt es nicht. Die Dunkelziffer ist hoch, weil viele Betroffene keinen Arzt aufsuchen und die Zwangsstörung lange nicht erkannt und behandelt wird. Ärzte schätzen aber, dass etwa fünf Prozent der Allgemeinbevölkerung von der Dermatillomanie betroffen sind. Darunter finden sich etwa achtmal mehr Frauen als Männer. Oft leiden Menschen nicht nur unter dem Skin Picking, sondern unter weiteren psychischen Erkrankungen.

Das Skin Picking kann prinzipiell in jedem Alter beginnen, hat aber meist in der Pubertät oder im jungen Erwachsenenalter seinen Ursprung. Die Krankheit kann auch später im Leben ausbrechen, das ist dann meist zwischen dem 35. und 45. Lebensjahr der Fall.

Skin Picking: Was sind die Ursachen?

Die Ursachen des Skin Pickings sind noch nicht genau bekannt. Ärzte wissen aber, dass es nicht "die eine" Ursache der Dermatillomanie gibt. Vielmehr müssen mehrere Risikofaktoren zusammenkommen, die Skin Picking auslösen. Meist beginnt die Erkrankung schleichend.

  • Makellose Haut als Ideal: Der gesellschaftliche Druck zum perfekten Äußeren ist mutmaßlich ein Grund, warum viele Frauen ihre Haut genau unter die Lupe nehmen. Gerade in der Pubertät sind die Haut und Schönheit für Jugendliche sehr wichtig und oft Zielscheibe abfälliger Bemerkungen.

  • Persönliche Eigenschaften wie ein ausgeprägter Perfektionismus und ein geringes Selbstbewusstsein können Ursache für Skin Picking sein.

  • Stress und innerer Druck: Für manche Menschen scheint das Kratzen, Knibbeln und Drücken wie ein Ventil zu wirken und den inneren Druck zu lindern, unter dem sie leiden. Einige berichten, das Skin Picking bedeute eine kleine Auszeit vom Alltag oder Stress; es wirke beruhigend.

  • Biologische Faktoren zum Beispiel den Nervenbotenstoff Serotonin: Dieser ist für die Regulierung von Angst, Aggression oder Stimmungen zuständig und gilt als "Glücksbotenstoff". Bei manchen Menschen mit Skin Picking scheint der Serotonin-Haushalt aus der Balance geraten zu sein.

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Skin Picking erkennen: So deuten Sie die Symptome richtig

Menschen mit Skin Picking verspüren einen inneren Drang oder Zwang, ihre Haut mit verschiedensten Gegenständen zu bearbeiten. Das Verhalten lässt sich nicht willentlich kontrollieren oder einfach abstellen. Folgende Symptome für Skin Picking haben Ärzte ausgemacht:

  • Es gibt sichtbare Hautschäden, zum Beispiel Wunden, Entzündungen oder Narben.

  • Betroffene können ihr hautschädigendes Verhalten nicht einfach sein lassen, obwohl sie es mehrmals versucht haben. Der innere Drang lässt sie das Verhalten immer wieder ausführen. Kurzfristig verspüren sie ein positive Wirkung (Stressabbau, Entspannung, Ablenkung), dann aber entwickeln sie Schuld- und Schamgefühle. Deshalb pflegen sie ihre Haut anschließend, bis der innere Druck wieder zunimmt und ein neuer Anlass zum Skin Picking entsteht.

  • Manche schädigen ihre Haut gedankenverloren wie in Trance, zum Beispiel bei Langeweile oder Stress, während sie lesen, fernsehen oder am PC arbeiten. Andere überlegen und vollziehen aufwändige, ausgeklügelte Rituale zur Hautschädigung.

  • Die Dauer des Kratzens und Knibbelns ist individuell verschieden. Die einen verbringen mehrere Minuten, andere mehrere Stunden täglich mit der Bearbeitung ihrer Haut.

  • Die Häufigkeit der "Kratz-Episoden" unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. Meist gibt es eine bis mehrere Episoden pro Tag, in denen sich Betroffene ihrer Haut widmen.

  • Der innere Drang zum Kratzen und Reiben ist nicht jeden Tag gleich. Es gibt also "gute" und "schlechte" Phasen.

  • Betroffene fühlen sich wertlos, hässlich und schämen sich; der Leidensdruck ist hoch und die Lebensqualität deutlich beeinträchtigt.

Wer solche Anzeichen an sich feststellt, sollte sich einem Arzt anvertrauen. Viele scheuen sich davor, weil sie befürchten, der Arzt würde sie nicht ernst nehmen. So bleibt das Skin Picking oft lange Zeit unentdeckt und unbehandelt. Ohne Behandlung steigt aber das Risiko, dass die Störung in einen chronischen Zustand übergeht.

Was macht der Arzt? Diagnose des Skin Picking

Erster Ansprechpartner bei Skin Picking ist der Hausarzt, der Betroffene im Verdachtsfall an einen Spezialisten weiterleiten wird – einen Hautarzt, Psychiater oder Psychotherapeuten. Ein Problem ist, dass vielen Ärzten das Krankheitsbild der Dermatillomanie noch unbekannt ist.

Am Anfang steht das Gespräch zwischen Patient und Arzt, der die Beschwerden und Krankengeschichte erfragt (Anamnese). Der Arzt muss herausfinden, aus welchen Gründen und in welchem Ausmaß der Patient seine Haut bearbeitet. Nicht jede Handlungsweise besitzt Krankheitswert. Im Gegenteil: Die meisten Menschen zupfen oder quetschen ab und zu an ihrer Haut herum.

Wichtig sind beispielsweise folgende Fragen, um das problematische, zwanghafte Verhalten von normalen Gewohnheiten abzugrenzen:

  • Sehen Sie Ihr Verhalten als Bestandteil der alltäglichen Reinigung und Pflege an?

  • Entspannt Sie Ihr Verhalten, baut es Druck ab und lindert Stress?

  • In welchem Ausmaß bearbeiten Sie Ihre Haut? Mehrfach täglich, über Minuten oder sogar Stunden?

  • Verspüren Sie einen unwiderstehlichen Drang, so zu handeln?

  • Gibt es Phasen, in denen Sie Ihre Haut in Ruhe lassen?

  • Haben Sie Gefühle von Schuld oder Scham?

  • Verursacht Ihr Verhalten einen Leidensdruck?

  • Beeinflusst das Skin Picking Ihren Alltag, Beruf und die Lebensqualität?

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Andere Krankheiten ausschließen

Der Arzt muss sicherstellen, dass hinter den Symptomen keine andere körperliche oder seelische Erkrankung steckt. Bei jüngeren Patienten können Ärzte die Eltern oder andere enge Vertraute der Jugendlichen befragen. Zudem ist die Dermatillomanie oft noch mit weiteren psychischen Erkrankungen verbunden, die es ebenfalls herauszufinden gilt.

Behandlung – die wichtigsten Bausteine gegen Skin Picking

Es gibt verschiedene Ansätze, um eine Dermatillomanie zu behandeln. Ärzte setzen Verhaltenstherapie, Medikamente und Behandlungen der Haut ein. Die Patienten können selbst viel tun, um ihr hautschädigendes Verhalten in den Griff zu bekommen.

Verhaltenstherapie – neues Handeln lernen

Die Verhaltenstherapie zielt auf eine Veränderung des Denkens und der Verhaltensweisen ab. Einerseits konzentrieren sich Psychotherapeuten auf das Symptom der Hautbearbeitung. Patienten erlernen bestimmte Techniken, um die Bedingungen zu kontrollieren, unter denen sie ihre Haut aufkratzen. Eingesetzt wird beispielsweise die Strategie der Gewohnheitsumkehr. Die Patienten erlernen Verhaltensweisen, die mit dem Skin Picking unvereinbar sind. Sie setzen sich beispielsweise auf die Hände, ballen sie zur Faust oder falten diese. Auch Ersatzhandlungen wie Stricken oder Kugeln in der Hand zu halten können zunächst hilfreich sein und Stress abbauen.

Andererseits arbeiten Psychotherapeut und Patient am Selbstwertgefühl, Perfektionismus, den Gedanken und Bewertungen, die ein Patient im Laufe seines Lebens erworben hat. Betroffene lernen, ihre innere Anspannung abzubauen. So dient das Kratzen irgendwann nicht mehr als Ventil, um den inneren Dampf abzulassen.

Medikamente zielen auf Glücksbotenstoff Serotonin

Für die Behandlung der Dermatillomanie gibt es kein spezielles Medikament. Untersuchungen lassen vermuten, dass die Gruppe der Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) Patienten helfen kann. Sie bringen den Haushalt des Glücksbotenstoffs Serotonin wieder ins Gleichgewicht. Diese Medikamente zählen zu den Antidepressiva und werden auch bei Depressionen eingesetzt.

Behandlung der Haut

Da sich Patienten erhebliche Hautverletzungen zufügen, ist eine Behandlung der geschädigten Hautregionen wichtig. Hautärzte und Kosmetikerinnen bieten Rat und Unterstützung, wie man Wunden versorgt, Entzündungen abklingen lässt oder Narben kaschiert.

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Was können Betroffene selbst gegen Skin Picking tun?

Es gibt einige Maßnahmen und Tipps, die bei Skin Picking helfen und die Sie selbst durchführen können.

  • Selbstbeobachtung und Lebensgefühl verbessern: Betroffene sollten herausfinden, wann das Skin Picking schlimmer wird und wann besser. Auch Gegenmaßnahmen können helfen: Zum Beispiel Belastungen im Alltag reduzieren und für einen positiven Ausgleich sorgen.

  • Auslöser für Skin Picking beseitigen: Zum Beispiel die Spiegel abnehmen oder zuhängen, dunkleres Licht einschalten und für Gesellschaft sorgen, damit Betroffene weniger allein sind und weniger Gelegenheit haben, sich mit ihrer Haut zu beschäftigen.

  • Schutzfaktoren fördern: Betroffene können in öffentlichen Räumen lernen (etwa der Schul- oder Unibibliothek), viel Zeit mit anderen verbringen oder Fotos von sich an die Wand hängen, auf denen sie sich hübsch finden.

  • Gewohnheitsumkehr: Betroffene können üben, beispielsweise auf die Hände zu setzen oder diese zu falten, wenn sie den Drang zum Skin Picking verspüren.

Unbehandelt kann Skin Picking gravierende Folgen haben

Viele betroffene Frauen ziehen sich aufgrund ihres optischen Erscheinungsbilds zurück, verstecken sich in den eigenen vier Wänden und pflegen keine Beziehungen mehr, vor allem nicht zu Männern. Sie empfinden es als höchst problematisch, auch nur angesehen zu werden und vermeiden jeden Kontakt, so gut es geht. Viele trauen sich mit den Hautentzündungen und Narben nicht mehr bei Tageslicht vor die Haustür. Orte, an denen die defekte Haut auffallen könnte, meiden sie, zum Beispiel das Fitnessstudio, Schwimmbad oder die Sauna.

Nicht immer können sie anderen Menschen aus dem Weg gehen – dann verspüren sie eine große Belastung. Sie schämen sich für ihre Erscheinung, übertünchen die Haut mit viel Schminke, haben erhebliche Schuldgefühle und werten sich selbst ab. Auch ist das ständige Bearbeiten der Haut mit einem hohen Zeitaufwand verbunden. Manche kratzen sich mehrmals täglich über Stunden, und das viele Tage hintereinander. Einer Umfrage zufolge vermeiden viele Betroffene Herausforderungen im Job, bei denen sie in den Mittelpunkt rücken würden. So haben zwölf Prozent eine Beförderung abgelehnt und 20 Prozent sind schon einmal nicht an ihrem Arbeitsplatz erschienen, weil sie ihre Haut zu heftig verletzt hatten.

Daneben hat das Skin Picking auch Auswirkungen auf die Haut selbst: Das ständige Aufkratzen verursacht Gewebeschäden, Wunden, Entzündungen, Schmerzen und sichtbare Narben. Manchmal schließen sich Wunden über Wochen oder Monate nicht, weil Betroffene sie immer wieder bearbeiten. Offene Wunden können aber zu Infektionen führen.

Weitere Tipps und Hilfe bei Skin Picking

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