Somatoforme Störung

Hypochondrie: Wann ist die Angst vor Krankheiten krankhaft?

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Der Begriff Hypochonder ist oft mit einer negativen Bewertung besetzt: Er wird im allgemeinen Sprachgebrauch verwendet, um besonders wehleidige Menschen zu beschreiben. Bei einer hypochondrischen Störung handelt es sich allerdings um ein ernst zu nehmendes psychisches Problem. Wie zeichnet sich die übertriebene Angst vor Krankheiten aus und wie lässt sie sich behandeln?

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© Getty Images/Henglein and Steets

Der Begriff Hypochondrie stammt aus dem Griechischen und bedeutet übersetzt "unter den Rippenknorpeln". Denn lange wurde angenommen, dass sich hier der Sitz von Gemütskrankheiten befindet. Vor allem die Milz galt als Ursache für die Beschwerden, weshalb früher von "Milzsucht" die Rede war. Heute sprechen Fachleute von einer hypochondrischen Störung oder Krankheitsangst. Die Bezeichnung Hypochondrie gilt als veraltet – sie ist umgangssprachlich aber immer noch gängig.

Hinweis: In diesem Artikel wird aus Gründen der Lesbarkeit der Begriff "Hypochonder" stellvertretend für alle Geschlechter verwendet.

Artikelinhalte im Überblick:

Psychotherapie: Welche Therapieformen gibt es?

Was ist ein Hypochonder?

Die Sorge, dass sich hinter körperlichen Beschwerden eine ernste Krankheit verbergen könnte, kennen fast alle Menschen. Von einer hypochondrischen Störung sprechen Fachleute allerdings dann, wenn die Krankheitsängste den Alltag erheblich beeinträchtigen.

Die Hypochondrie wird der Gruppe der somatoformen Störungen zugeordnet. Darunter fallen körperliche Beschwerden, die nicht auf organische Ursachen zurückgeführt werden können. Anders als bei anderen Vertretern dieser Störungsform stehen aber nicht die Symptome im Vordergrund, sondern die Angst, dass diese Anzeichen einer schweren Erkrankung (zum Beispiel Krebserkrankung) sein könnten. Hypochondrie kann als alleinstehende Krankheit oder in Zusammenhang mit weiteren Erkrankungen auftreten. In vielen Fällen leiden Betroffene zusätzlich an Zwangsstörungen oder Depression.

Wie viele Menschen an einer hypochondrischen Störung leiden, ist nicht bekannt. Es wird vermutet, dass etwa ein Prozent der Bevölkerung betroffen ist und die Erkrankung im jungen und mittleren Erwachsenenalter erstmals auftritt.

Welche Merkmale sind für Hypochondrie typisch?

Das Hauptsymptom bei Hypochondrie ist die Angst oder Überzeugung, an einer schweren Erkrankung zu leiden. Diese Vorstellung kann unspezifisch oder sehr konkret sein. Zu den häufig befürchteten Krankheiten gehören unter anderem Krebs, Aids, Multiple Sklerose, Demenz und Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie ein plötzlicher Herzinfarkt. Die Belastung aufgrund dieser Sorgen bestimmt das ganze Leben.

Darüber hinaus können folgende Merkmale auf eine hypochondrische Störung hinweisen:

  • Kontrollieren des Körpers (Body Checking): Hypochonder beobachten körperliche Veränderungen (zum Beispiel den Puls oder Stuhlgang) permanent und interpretieren normale Körperwahrnehmungen oder alltägliche Missempfindungen als abnormal und belastend.

  • Ständig kreisende Gedanken um die Gesundheit: Die Sorge vor Krankheiten lässt Betroffene nicht los und kann zu schweren Panikattacken führen. Viele Hypochonder schätzen ihre Wahrscheinlichkeit, an einer schweren Krankheit zu erkranken, höher ein als andere Menschen und denken, dass sie jeden Moment sterben könnten.

  • Intensive Selbstrecherche: Menschen mit Krankheitsangst lesen viel medizinische Literatur oder informieren sich im Internet über Krankheitsbilder (Cyberchondrie).

  • Ärztemarathon (Doctor Hopping): Betroffene holen durchschnittlich alle zwei Wochen ärztlichen Rat ein. Allerdings fühlen sie sich von ärztlichen Rückversicherungen nicht beruhigt. Oftmals werden daher mehrere Ärzt*innen nacheinander aufgesucht, weil Diagnosen angezweifelt werden oder sich die Betroffenen nicht ernst genommen fühlen.

  • Vermeidungsverhalten: Nicht alle Hypochonder nehmen regelmäßig ärztliche Hilfe in Anspruch. Einige vermeiden aufgrund ihrer Ängste Arztbesuche. Sie befürchten, dass ihre Krankheitsvorstellungen zutreffen könnten. Daher schieben sie Termine in Arztpraxen lange vor sich her und fühlen sich unwohler, je näher diese rücken.

Ein Teil der hypochondrischen Patient*innen führt ein sehr gesundheitsbewusstes Leben, treibt viel Sport und ernährt sich gesund. Das trifft allerdings nicht auf alle zu: Im Durchschnitt setzen sich Betroffene ebenso vielen Gesundheitsrisiken (zum Beispiel Rauchen) aus wie andere Menschen.

Welche Ursachen für Hypochondrie gibt es?

Welche Ursachen genau dazu führen, dass jemand eine Hypochondrie entwickelt, ist noch nicht im Detail geklärt. Fachleute gehen davon aus, dass verschiedene Faktoren wie Erlebnisse in der Kindheit oder Jugend eine entscheidende Rolle spielen.

Zu diesen Erfahrungen zählen unter anderem:

  • Eigene schwere Erkrankung in der Kindheit
  • Schwere Krankheit eines Familienangehörigen
  • Angstfördernder Erziehungsstil

Sind Krankheiten in der Kindheit ein zentrales Thema, werden in diesem Zusammenhang Gefühle wie Ängste oder Traurigkeit verinnerlicht. Ebenso angstfördernd wirkt es sich aus, wenn Eltern eigentlich harmlose Körperbeschwerden ständig überdramatisieren.

Darüber hinaus werden auch immer wieder körperliche Ursachen für hypochondrische Störungen diskutiert. Beispielsweise konnten Magnetresonanztomografie-Aufnahmen des Gehirns zeigen, dass das sogenannte limbische System, das Gefühle verarbeitet, bei Hypochondern aktiver als bei anderen Menschen ist. Einige Studien haben sich zudem mit der Frage beschäftigt, ob krankheitsängstliche Menschen körperliche Vorgänge besser wahrnehmen können und daher eine Vielzahl von vermeintlichen Krankheitssymptomen stärker spüren. Bisher konnte darauf allerdings keine eindeutige Antwort gefunden werden.


Wie lässt sich eine Hypochondrie behandeln?

Um die irrationale Krankheitsangst zu überwinden, wird Betroffenen in der Regel zu einer Psychotherapie geraten. Vor allem die kognitive Verhaltenstherapie hat sich bei der Behandlung von Hypochondrie als erfolgversprechend erwiesen. In den Sitzungen geht der*die Therapeut*in mit dem Betroffenen zunächst Vorerfahrungen und Verhaltensweisen auf den Grund. Dann lernen Hypochonder, ihre Krankheit zu verstehen und körperliche Empfindungen neu zu bewerten (Psychoedukation).

Aus diesen Erkenntnissen werden Bewältigungsstrategien abgeleitet, die Patient*innen helfen, besser mit ihren Ängsten zurechtzukommen. So erkennen sie beispielsweise, dass hinter Kopfschmerzen nicht gleich ein Hirntumor stecken muss, sondern dass es viele harmlose Erklärungen dafür geben kann – zum Beispiel Stress oder Verspannungen .

Des Weiteren können sich Entspannungstechniken und körperliche Bewegung positiv auswirken. Bei einer schweren Form der Angststörung werden unter Umständen auch Antidepressiva aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer verschrieben.

Verlauf und Prognose bei Hypochondrie

Je eher eine Behandlung bei Hypochondrie gestellt wird, desto besser sind die Heilungschancen. Da hypochondrische Menschen Ärzt*innen häufig wechseln oder Arztbesuche meiden, kann es allerdings sehr lange dauern, bis die entsprechende Diagnose überhaupt gestellt wird. Zudem müssen Mediziner*innen sicherstellen, dass tatsächlich keine körperlichen Ursachen vorliegen.

Eine hypochondrische Störung verläuft meist chronisch. Es kann immer wieder zu Rückfällen kommen. Mit der richtigen Behandlung sind die Krankheitsängste allerdings gut in den Griff zu bekommen.

Wie können Familie und Freunde Hypochonder unterstützen?

Der Umgang mit Hypochondern ist für Angehörige oftmals nicht einfach: Sie müssen sich deren Gesundsheitsorgen immer wieder anhören. Hypochondrische Menschen benötigen viel Aufmerksamkeit, Zuspruch und müssen ständig beruhigt werden.

Expert*innen raten dazu, Betroffene ernst zu nehmen, ohne die Ängste zu verstärken. Zudem sollten Angehörige hypochondrischen Menschen dabei helfen, ihren Gesundheitszustand immer wieder realistisch einzuschätzen und sie dazu ermuntern, eine Therapie zu beginnen.

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