Neurologische Erkrankungen

Muskelschwund: Warum geht die Muskelmasse zurück?

Bei Muskelschwund nimmt die Muskelmasse ab. Es gibt eine Reihe erblich bedingter Krankheiten, die zur Muskelatrophie führen. Die Ursachen liegen entweder im Nervensystem oder im Muskel selbst. Auch kann der Muskelschwund nur einzelne Muskelpartien oder die Muskeln im gesamten Körper betreffen. Eine Behandlung, die an der Wurzel des Muskelschwundes ansetzt, gibt es oft nicht. Vielmehr versuchen Ärzte, die Symptome zu lindern und das Fortschreiten der Erkrankung zu bremsen.

Muskelschwund
Muskelschwund ist eine allgemeine Bezeichnung für den Rückgang von Muskelmasse. Dafür kann es zahlreiche Ursachen geben.
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Muskelschwund bedeutet, dass die Muskelmasse eines Menschen abnimmt. Der medizinische Fachbegriff dafür ist Muskelatrophie. In der Folge entsteht eine Muskelschwäche, welche unter anderem die Bewegungen und die Koordination beeinträchtigt. Es gibt eine Reihe von Erbkrankheiten, die mit einem Muskelschwund verbunden sind. Diese fassen Mediziner unter dem Begriff "Muskeldystrophien" zusammen. Die Muskelschwäche kann entweder nur eine bestimmte Gruppe von Muskeln oder die gesamte Muskulatur des Körpers betreffen. Ärzte kennen viele, äußerst unterschiedliche Krankheiten, die zu Muskelschwund führen.

Im Körper gibt es zwei Arten von Muskulatur:

  • Quergestreifte Muskulatur: Dazu zählt die Skelettmuskulatur, beispielsweise die Arm- und Beinmuskeln, sowie die Herzmuskulatur. Unter dem Mikroskop weisen diese Muskeln quer verlaufende Streifen auf – daher kommt die Bezeichnung. Die Skelettmuskulatur lässt sich willkürlich beeinflussen und steuern, sie ist an allen Bewegungen beteiligt. Das gilt aber nicht für den Herzmuskel, der autonom arbeitet. Der Muskelschwund betrifft immer die Skelettmuskulatur.

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    Glatte Muskulatur: Bei diesen Muskeln fehlen die typischen Streifen. Die glatte Muskulatur lässt sich nicht willentlich steuern. Diese Art der Muskulatur findet sich zum Beispiel in Hohlorganen wie dem Darm, den Blutgefäßen, Atemwegen, der Blase oder Gebärmutter. Die glatte Muskulatur ist von der Muskelschwäche nicht betroffen.

Muskelschwund nur teilweise oder am ganzen Körper

Der Muskelschwund kann – je nach Ursache – nur einzelne Muskelpartien oder Muskeln im gesamten Körper betreffen. Die Ursache für den Rückgang der Muskelmasse kann in anderen Organsystemen liegen, die mit der Muskulatur nichts zu tun haben. Finden die krankhaften Gewebeveränderungen dagegen unmittelbar in der Muskulatur statt, sprechen Mediziner von Muskelkrankheiten oder Myopathien.

Symptome: Woran man Muskelschwund erkennt

Die Muskelschwund-Symptome hängen zunächst davon ab, welche Erkrankung der Muskelabnahme und der Muskelschwäche zugrunde liegt. Auch spielt es eine Rolle, ob nur einzelne Muskelgruppen oder die Muskulatur im ganzen Körper vom Muskelschwund betroffen sind. Zudem ist für die Beschwerden der Bereich wichtig, in dem der Muskelschwund stattfindet.

Die häufigsten Symptome bei Muskelschwund sind:

  • Abnahme der Muskeldicke: Sind die Gliedmaßen betroffen, erscheinen sie dünner

  • Muskelschwäche: Betroffene haben Probleme beim Treppensteigen oder Greifen von Dingen, auch Gangstörungen sind häufig

  • Knochenverformungen (Skelettdeformationen) infolge des Muskelschwunds, etwa Wirbelsäulenverkrümmung, Hohlkreuz, Spitzfußhaltung

  • Kau- und Schluckstörungen, wenn die Kaumuskulatur oder Kehlkopfmuskulatur betroffen ist; eventuell Trinkschwäche bei Säuglingen

  • Muskelzuckungen

  • verwaschene Sprache, wenn die Zunge betroffen ist

  • heisere Sprache bei Beteiligung der Stimmbänder bzw. Kehlkopfmuskeln

  • schlaffe Gesichtshälfte bei Störungen des Gesichtsnervs (Nervus facialis)

  • Schwierigkeiten, die Augen zu schließen, oder herabhängendes Augenlid

  • Atembeschwerden bis hin zur Atemlähmung

  • paradoxe Atmung: beim Einatmen senken sich die Rippen, während sich der Bauch wölbt – und umgekehrt

Die Grunderkrankungen, die zu einem Muskelschwund führen, sind sehr verschieden und das Beschwerdebild ist entsprechend unterschiedlich. Das heißt, dass nicht alle der genannten Symptome gemeinsam auftreten müssen. Zudem können durch den Muskelschwund weitere Komplikationen entstehen, vor allem, wenn die Grundkrankheit schwerwiegend ist oder weiter fortschreitet.

Ursachen für Muskelschwund sind vielfältig

Muskelschwund kann zahlreiche unterschiedliche Ursachen haben. Im Prinzip lassen sich zwei große Gruppen von Erkrankungen unterscheiden, die dazu führen können, dass sich die Muskulatur zurückbildet.

Muskelschwund: Ursachen im Nervensystem

Die Ursachen für den Muskelschwund können in Erkrankungen des Nervensystems liegen. Mediziner bezeichnen diese als neurogene Ursachen ("neurogen" = vom Nervensystem ausgehend). Zum Nervensystem zählen das Gehirn, Rückenmark und die peripheren Nerven, die sich aus dem Rückenmark abzweigen und die Nervenimpulse direkt an die entsprechenden Muskeln weiterleiten. Das Nervensystem sorgt dafür, dass Bewegungen koordiniert ablaufen. Es überträgt elektrische Impulse vom Gehirn über das Rückenmark und die abgehenden Nerven auf die Muskeln – diese kontrahieren sich. Störungen in einem dieser Bereiche des Nervensystems können Bewegungsstörungen hervorrufen. Bekommt die Muskulatur über einen längeren Zeitraum keine elektrischen Impulse mehr, bildet sie sich zurück – es kommt zum Muskelschwund.

Folgende Krankheiten können die Ursache eines neurogenen Muskelschwunds sein:

  • Verletzungen: Der Muskelschwund kann die Folge einer Verletzung im Bereich des Nervensystems sein, zum Beispiel bei einer Querschnittslähmung.

  • Spinale Muskelatrophie: Bei dieser erblich bedingten Erkrankung liegt die Störung meist im Rückenmark, manchmal auch im Gehirn. Spinale Muskelatrophien sind relativ selten: etwa zehn von 100.000 Neugeborenen sind davon betroffen.

  • Amyotrophe Lateralsklerose (ALS): Die Ursachen von ALS sind nicht vollständig geklärt. Experten vermuten unter anderem erbliche oder infektiöse Faktoren als Ursache.

  • Entzündungen und Infektionen: In manchen Fällen entsteht der Muskelschwund, weil Entzündungen oder Infektionen des Nervensystems die Reizweiterleitung stören.

  • Autoimmunkrankheiten: Hier greift das Immunsystem fälschlicherweise körpereigene Strukturen an. Bei manchen Autoimmunerkrankungen ist das Nervensystem das Angriffsziel – und damit die Ursache des Muskelschwunds.

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Lifeline/Dr. Heart

Muskulatur als Muskelschwund-Ursache

Bei einer anderen großen Gruppe von Erkrankungen, die zu Muskelschwund führen kann, liegt die Ursache nicht im Nervensystem, sondern geht vom Muskelgewebe selbst aus. In der Regel führen Fehler im Erbgut dazu, dass Muskelzellen zugrunde gehen. Diese Erkrankungen fallen unter den Oberbegriff der Muskeldystrophien.

Etwa zehn von 100.000 Einwohnern sind von einer Muskeldystrophie betroffen. Bei Kindern sind die Muskeldystrophie Duchenne sowie die Muskeldystrophie Becker häufige Formen. Bei Erwachsenen kommt die sogenannte myotone Dystrophie Typ1 (oder Morbus Curschmann-Steinert) häufiger vor.

Diagnose Muskelschwund – so geht der Arzt vor

Die Muskelschwund-Diagnose ist selbst für Ärzte nicht einfach, weil eine Vielzahl an Krankheiten als Ursache infrage kommt. In der Regel ist ein Neurologe, also ein Spezialist für Nervenheilkunde, der richtige Ansprechpartner für die Diagnose des Muskelschwunds.

Arztgespräch zu Beginn

In einem ausführlichen Gespräch erkundigt sich der Arzt zunächst nach Ihren individuellen Beschwerden. Er fragt außerdem, seit wann diese bestehen und wie ausgeprägt sie sind. Eine wichtige Rolle spielt es auch, ob nahe Verwandte vielleicht unter ähnlichen Symptomen leiden. Dies könnte ein Hinweis auf eine Erbkrankheit sein, die den Muskelschwund verursacht.

Körperliche Untersuchung

Bei der anschließenden körperlichen Untersuchung achtet der Arzt auf sichtbare Veränderungen der Muskulatur, also etwa auf besonders schmal wirkende Muskeln der Extremitäten, offensichtliche Lähmungen oder auffällige Fehlstellungen.

Neurologische Untersuchung

Im Rahmen einer neurologischen Untersuchung prüft der Arzt die Leistungsfähigkeit und den Zustand von Gehirn und Nervensystem. Er testet unter anderem:

  • Gleichgewicht
  • Gangbild und Stand
  • Muskelkraft
  • Empfindlichkeit
  • Haltung
  • Koordination
  • Motorik
  • Reflexe

Elektromyographie (EMG)

Die Elektromyographie (EMG) ist ein sehr wichtiges Verfahren, um die Muskelaktivität zu bestimmen. Sie eignet sich besonders, um Muskel- oder Nervenkrankheiten und damit einhergehenden Muskelschwund zu diagnostizieren. Der Arzt bringt entweder feine, hauchdünne Nadeln (Sonden) im entsprechenden Muskelbereich an oder klebt Elektroden auf die Haut. Sind die Muskeln und ihre versorgenden Nerven aktiv, entstehen elektrische Impulse, die sich per Computer aufzeichnen lassen. Bei Muskelschwund kann der Arzt mithilfe des EMGs typische Veränderungen feststellen.

Nervenleitgeschwindigkeitsmessung (NLG)

Ein weiteres Untersuchungsverfahren zur Diagnose von Muskelschwund ist die Nervenleitgeschwindigkeitsmessung (NLG). Hier misst der Arzt, ob ein Nerv den elektrischen Impuls in normaler Geschwindigkeit auf den Muskel überträgt.

Blutuntersuchung

Eine Blutuntersuchung kann ebenfalls bei der Diagnose "Muskelschwund" helfen. Laborärzte bestimmen die Menge eines speziellen Eiweißes, des Enzyms Creatinkinase, kurz CK. Dieses spielt vor allem im Muskelstoffwechsel eine Rolle. Ein erhöhter CK-Wert kann auf eine Muskelerkrankung hinweisen.

Gewebeprobe aus dem Muskel (Muskelbiopsie)

Eine Gewebeprobe (Biopsie) aus dem betroffenen Muskel kann Hinweise darauf liefern, ob mit den Muskelzellen etwas nicht stimmt. Dabei entnimmt der Arzt im Rahmen eines kleinen chirurgischen Eingriffs ein Gewebestückchen aus dem Muskel, welches anschließend unter dem Mikroskop auf Veränderungen untersucht wird.

Gentest

Bestimmte Erbkrankheiten, die zu Muskelschwund führen, lassen sich durch spezielle Gentests nachweisen. Dazu zählt zum Beispiel die Muskeldystrophie Duchenne.

Muskelschwund: Symptome behandeln

Die Muskelschwund-Therapie richtet sich in erster Linie nach der zugrundeliegenden Krankheit und den jeweiligen Beschwerden. In vielen Fällen ist es nicht möglich, den Muskelschwund ursächlich zu behandeln, etwa wenn ein Gendefekt der Grund ist. Dann geht es darum, die Symptome zu lindern. Auch versuchen Ärzte, das Fortschreiten des Muskelschwundes zu bremsen.

Physiotherapie als Muskelschwund-Behandlung

Die Physiotherapie (früher Krankengymnastik) zielt darauf ab, die Funktion der einzelnen Muskeln zu erhalten und zu verbessern. Physiotherapeuten setzen zum Beispiel folgende Übungen ein:

  • aktive Bewegungsübungen, die der Patient selbst trainiert und damit seine Muskulatur stärkt

  • passive Bewegungsübungen, bei denen der Physiotherapeut zum Beispiel die Arme oder Beine bewegt, etwa um Fehlstellungen vorzubeugen

  • Atemübungen, welche die Atemmuskulatur gezielt kräftigen

Logopädie

Bei Sprach- und Schluckstörungen ist ein Logopäde der richtige Ansprechpartner. Hier können gezielte Übungen die Beschwerden oftmals lindern. Bei sehr ausgeprägten Schluckstörungen besteht die Gefahr, dass Nahrungsbestandteile in die Luftröhre gelangen. In solchen Fällen ist es sinnvoll, Betroffene vorübergehend oder dauerhaft über eine Magensonde zu ernähren.

Ergotherapie gegen Muskelschwund

Viele Erkrankungen, die zu Muskelschwund führen, schreiten mit der Zeit voran. Die Ergotherapie kann Betroffene dabei unterstützen, dass sie ihren Alltag möglichst lange selbstständig bestreiten können. Ergotherapeuten trainieren Übungen, die beispielsweise die Feinmotorik verbessern, oder üben mit den Patienten Ausweich- und Ersatzbewegungen, um die ausgefallenen motorischen Funktionen zu kompensieren.

Psychotherapie als Unterstützung

Manche Krankheiten, die mit Muskelschwund einhergehen, verlaufen sehr schwer. Das Wissen um die Erkrankung und die Herausforderungen, die dadurch im Alltag entstehen, können für Patienten und Angehörige sehr belastend sein. Die Muskelschwund-Behandlung sollte deshalb immer auch das seelische Befinden im Blick haben. Eine psychotherapeutische Begleitung und Angebote von Selbsthilfegruppen unterstützen alle Beteiligten, seelische Tiefs und manche Hürden des Alltags besser zu meistern.

Verlauf und Heilungschancen bei Muskelschwund

Bei Muskelschwund lässt sich keine allgemeine Aussage über den Verlauf machen. Die Prognose ist bei den vielfältigen Grunderkrankungen, die den Muskelschwund auslösen, sehr unterschiedlich. In manchen Fällen schreitet der Muskelschwund immer weiter fort und kann die Lebenserwartung einschränken. Bei anderen Erkrankungen lässt sich über viele Jahre ein Stillstand erreichen und Betroffene haben eine gute Lebensqualität – die Lebenserwartung ist dann nicht zwangsläufig eingeschränkt. Zudem kann der Verlauf bei Muskelschwund individuell verschieden sein, was eine Prognose ebenfalls schwierig macht.

Vorbeugung und Leben mit Muskelschwund

Es gibt keine Maßnahme, mit der Sie bestimmten Krankheiten, die einem Muskelschwund zugrunde liegen können, vorbeugen. Wenn Sie von einer solchen Krankheit betroffen sind, ist es wichtig, sich umfassend über die möglichen Auswirkungen, den Verlauf und mögliche Behandlungsformen zu informieren. Selbsthilfegruppen bieten meist gute Unterstützung. Hier erhalten Sie viele nützliche Informationen und Adressen und können sich zudem mit anderen Betroffenen oder Angehörigen austauschen. Je früher und umfassender Sie über Ihre Erkrankung informiert sind, desto gezielter können Sie dem Fortschreiten des Muskelschwunds entgegenwirken.

Gentests bei Kinderwunsch

Manche Erbkrankheiten, die zu Muskelschwund führen, lassen sich durch Gentests nachweisen. Für Frauen mit Kinderwunsch, die ein erhöhtes Risiko aufweisen, den Gendefekt an ihr Kind weiterzugeben, ist vielleicht eine humangenetische Beratung sinnvoll.

Autor:
Letzte Aktualisierung: 04. Mai 2017
Durch:
Quellen: Gleixner, C., Müller, M., Wirth, S.: Neurologie und Psychiatrie. Medizinische Verlags- und Informationsdienste, 2014 Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN): Diagnostik von Myopathien. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 030/115 (Stand: September 2012) Online-Informationen der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke (DGM):www.dgm.org (Stand: Mai 2014) Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch. De Gruyter Verlag, 2014

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